Der bemerkenswerte Weg des Emmo W.

  • 33. Teil: Rückrundenvorbereitung
    (1. Januar 2013)


    Die ersten Tage des neuen Jahres waren geprägt von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Leitern der ersten und der zweiten Mannschaft, Gaston Deneuve und Marius Mattle. Auch Kristian wurde mit hineingezogen, und alle im Verein bekamen es mit. Es herrschte eine saumäßige Stimmung. Über die wahren Gründe sprach niemand, aber jeder konnte sie sich an seinen zehn Fingern abzählen: Dem großen Zampano ging der Allerwerteste auf Basisgefrorenem, weil er den wie selbstverständlich eingeplanten Aufstieg zu verpassen drohte.


    „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich Kristian, der mich ja stets so aufopferungsvoll unterstützt hatte.


    „Danke.“, winkte er ab. „Da muss ich allein durch.“


    Gastons größtes Problem war seine unnatürliche Mischung aus Selbstherrlichkeit, Ehrgeiz und Neid. Der Neid traf die beiden ungleich erfolgreicheren anderen Trainer des Vereins. Beide wurden von ihm unter den nichtigsten Vorwänden angepöbelt und heruntergemacht. Aber für Kristian gab es auch ein ganz konkretes Thema, um das er schwer zu kämpfen hatte.


    „Stell dir vor, er will mir meine besten Jungs wegnehmen.“, klagte er. „Dabei sind wir doch nur so gerade eben drauf und dran, das Ziel zu erreichen, das er selbst vorgegeben hat: den Aufstieg der A-Jugend in die dritte Liga!“


    Tatsächlich gab es da einige bemerkenswerte Talente in seiner Truppe. Allein in seiner Stammelf befanden sich etliche Juwelen, auf die die beiden Männertrainer begehrliche Blicke warfen.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Dabei war es geradezu lächerlich offensichtlich, was zu passieren drohte, wenn Gaston oder Marius die besten Spieler abzogen. Denn das waren zunächst einmal Christian (LV) und Hans-Jörg (RV), und man konnte drauf wetten, dass die A-Jugend nicht deshalb mit 28:8 Toren das beste Torverhältnis der Liga hatte, weil ihr Torwart etwa die Schwächen der Abwehr ausbügelte. Im Gegenteil: Hany (TW) war vorige Saison bei uns noch ein super Rückhalt gewesen, hatte sich seither aber kaum verbessert. Doch außer ihm und vielleicht noch Marco (DM) und Fabian (IV) weckte praktisch das ganze Team die Begehrlichkeiten der anderen Trainer, und deshalb hatte Kristian ganz zu Recht Sorge, dass er den erreichbar scheinenden Aufstieg vorzeitig in den Wind schreiben konnte, wenn das große Plündern losging.


    Nun, wie es aussah, konnte ich ihm dabei ebenso wenig helfen wie er mir bei meinem Problem mit den fehlenden 90.000 Euro. Wenigstens das Trainingslager, das am 3. Januar begann, konnte ich dank meiner Vorsorge problemlos vom Vereinskonto bezahlen, und es wurde wieder für alle, die dabei waren, eine sehr fröhliche und zugleich lehrreiche Angelegenheit.


    Etwa die Hälfte der Zeit war rum, als in der Mittagspause, die jeder zur freien Verfügung hatte, Emmo zu mir angerannt kam.


    „Hey, was ist los?“


    „Gute Neuigkeiten.“, sagte er und zeigte mir sein Handy. „Hier guck, was Pan auf Facebook gepostet hat: Er ist ab sofort Stammspieler in der A!“


    Ich zögerte. „Hmm, das ist ja schön für Pan. Dann hat Kristian wahrscheinlich doch den Christian Kraetschmer abgeben müssen.“


    „Ja, sieht so aus.“


    Ich rief den Jugendtrainer gleich an, aber schon als er abnahm, merkte ich, dass er durchaus guter Dinge war.


    „Nee, das mit dem Christian war natürlich schon überfällig.“, erklärte Kristian. „Hier bei uns hat er zwar Riesiges geleistet, aber er hat sich den Sprung zu den Männern verdient, keine Frage. Das Gute aber ist: ich habe Marius überreden können, dass er mir die anderen alle noch lässt. Er ist ja eh auf einem guten Weg und kann noch nicht mal sicher sein, ob ihm die Ligameisterschaft was nützt, wenn die Erste nicht auch aufsteigt. Und wir kommen auch so gut hin, glaube ich. Pan wird sich in seine Aufgabe reinknien, und am Ende ist er mindestens ebenso gut, das sage ich dir.“


    „Das freut mich.“, sagte ich.


    „Nur weißt du, was komisch ist? Eigentlich hätte Gaston den Christian gleich in sein Team nehmen müssen, denn er ist allemal stärker als das, was bei ihm auf der linken Abwehrseite spielen kann. Aber nein, er sagt, der soll erst mal in der Reserve Erfahrung sammeln.“


    „Das ist ein Fehler, wenn du mich fragst.“


    „Sehe ich auch so. Du, wart's ab – irgendwann macht der Deneuve seinen letzten Fehler, da kannst du Gift drauf nehmen.“


    „Und dann?“


    Er machte eine kurze dramatische Pause, ehe er sagte: „Dann bist du dran!“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nun, erst einmal absolvierten wir ein rundum gelungenes Trainingslager. Mit dabei gewesen waren natürlich auch unsere beiden Neuen, die sich gleich problemlos in das Team einfügten.



    (Quelle: Screenshots FM12)


    Von den beiden versprach ich mir noch mehr Sicherheit in der Defensive. Letztes Jahr hatten wir in der vierten Liga mit Abstand die wenigsten Gegentore kassiert, und auch jetzt standen wir im Vergleich nicht ganz schlecht da. Dass wir vorn immer noch relativ wenig trafen, fiel dann nicht groß ins Gewicht, wenn in der Regel die Null stand.


    Die Stimmung war jedenfalls bestens. Etwas bekniffen waren nur die Jungs, deren Positionen jetzt von den beiden Neuen okkupiert werden sollten. Schließlich hatten wir jetzt vier Torhüter und drei linke Verteidiger.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Als Ersatzkeeper empfahl sich fraglos Kai, der bislang sämtliche Spiele gemacht hatte und im Trainingslager seinen verletzungsbedingten Rückstand wieder aufgeholt hatte. Für Bude sprach allein sein etwas größeres Talent, sodass er, wenn er dazu bereit war, als dritter Torwart bleiben konnte. Noch klarer war die Situation auf der linken Abwehrseite: Tobias war von Beginn an gesetzt, Florian hatte wie Kai jedes Spiel gespielt und Piotr, einen netten, aber unbegabten Jungen, hatte ich nur zweimal kurz eingewechselt. Bevor ich eine Entscheidung verkündete, ließ ich dem Team aber noch Zeit, sich selbst mit der Situation auseinanderzusetzen.


    Am Wochenende kam es dann zum zweiten Mal zu dem Ereignis, das – wenn es nach Kristian ging – künftig durchaus regelmäßig stattfinden konnte: ein Aufeinandertreffen von Profis und Jugendmannschaft. Selbstredend fanden auch wir uns alle am Trainingsplatz ein.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Diesmal gaben sich die Männer allerdings keine Blöße. Nur Hany (TW) durfte stolz auf sich sein, denn er hielt einen Elfer. Aber auch sonst schlugen sich Pan, Lan, Kevin und Co. achtbar, und am Ende gab es ein standesgemäßes 6:0.

  • 34. Teil: Geldsorgen und eine überraschende Lösung
    (14. Januar 2013)


    In der Halbzeitpause des Spiels A-Team gegen A-Jugend ergab es sich übrigens, dass ich beim Anstehen nach einer Rostbratwurst mit Joe ins Gespräch kam.


    „Sag mal, was ich dich schon immer mal fragen wollte: wie kommt es eigentlich, dass du rumänisch sprichst? Hast du da irgendwelche Verwandten in der Richtung?“


    Aber Joe verfiel nur in schallendes Gelächter. „Ach wo, keine Spur von Rumänisch! Ich kann zwar ein paar Brocken Magyar, also ungarisch, aber das mit dem Rumänischen ist eine völlig andere Geschichte.“


    „Erzähl!“


    „Naja, ich hab' mich ja erst letzten Sommer hier für den Verein angemeldet.“


    „Bei Daniel Celio, nehme ich an.“


    „Richtig. Und der war irgendwie nicht gut drauf, jedenfalls fragt der mich was und ich verstehe da irgendwas falsch, und dann blafft er mich an: Spreche ich vielleicht rumänisch oder was?“


    Ich ahnte schon, was kam. „Und? Was hast du geantwortet?“


    „Also, ich tu auf cool und sage: Nee, natürlich nicht, denn dann hätte ich Sie ja verstanden. Ich spreche nämlich rumänisch. Naja, und da hat er das dann wohl in sein Formular eingetragen.“



    Die restliche Zeit der Winterpause verlief eigentlich ganz unspektakulär und friedlich. Zwar war es ein außergewöhnlich trister Winter, aber der Trainerstreit ruhte zurzeit, die Spieler vertrugen sich und jeder ging seiner Tätigkeit nach. Mit Mateusz Wilk (RV, 15, aus Polen) wurde mir wieder ein angeblich großes Talent angeboten, aber die 25.800 Euro konnte und wollte ich nicht berappen. Wie im Vorjahr beeindruckte ich Sabrina damit, dass ich an unseren Hochzeitstag dachte und ihr sogar ein kleines Geschenk machte (zwei Karten für das Konzert von Gitte Haenning im Niendorfer Haus des Kurgastes; sie ging mit unserer Tochter Silvia hin und war total begeistert). Und es funktionierte sogar völlig reibungslos, dass Paraskevas (TW) und Piotr (LV) den Verein verließen und zum Stadtkonkurrenten Phönix wechselten. Gastons Männer gewannen ihr Auftaktspiel im neuen Jahr mit 1:0 bei Herthas Reserve, und sogar als sie ihr zweites Match gegen Aue II verloren, konnte ich dem Positives abgewinnen, weil ich es Gaston zunehmend gönnte, wenn er den Aufstieg verpasste.


    Tja, wenn da nicht dieses eine große Problem gewesen wäre! Wer konnte mir helfen? Wen konnte ich eventuell anpumpen? Ich ging alle Leute durch, die ich kannte, aber die meisten schieden schon deshalb aus, weil ich die Ursachen nicht erklären konnte und wollte. Zudem durfte wegen meines Insolvenzverfahrens ja auch möglichst niemand davon wissen, dass ich überhaupt an Geld herankam.


    Zunächst einmal kratzte ich alles zusammen, was ich selbst hatte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Dann traf ich zufällig Webmaster Sören and the Kelugis, die in der Lübecker Fußgängerzone Musik machten, aber auch Sören versicherte mir glaubwürdig, dass er absolut nichts entbehren konnte. Es schien gerade mal wieder einer dieser Tage zu sein, an denen man gar nicht zu versuchen braucht, irgendetwas zu erreichen. In der Nähe des Holstentores traf ich dann noch auf Rob Referee, aber der war so blank, dass er – wie er mir im Vertrauen mitteilte – sogar schon erwog, den Manager von 1860 München ein bisschen anzuzapfen.


    „Wie wollen Sie das denn anstellen?“


    „Na, mal sehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Wer viel weiß, dem wird gern auch mal was rübergeschoben…“


    Ich ließ ihn stehen. Der war glatt imstande, unter Verwendung eines falschen Namens Erpressungsversuche zu unternehmen, und damit wollte ich nichts zu tun haben.


    Aber dann schnurrte plötzlich mein Handy. „Jérôme ruft an.“, stand drauf.


    „Hi, Jérôme!“


    „Hallo Malte. Halt' dich fest: wir werden künftig noch viel gediegener Golf spielen!“


    Na, viel anderes als Golf schien der ja nicht im Kopf zu haben.


    „Das ist ja wunderbar!“, heuchelte ich. „Was ist denn vorgefallen?“


    „Na, habe ich dir nicht neulich von Alex Fischer erzählt? Ein begnadeter Ingenieur, sage ich dir! Der wird jetzt die Golfanlage in Travemünde vollkommen neu gestalten, mit dem allermodernsten technischen Schnickschnack und so weiter.“


    Er schwärmte eine Weile davon, was dieses Genie so alles plante. Von fahrbaren Sektspendern bis zu phosphoreszierenden Greens. Das war natürlich genau das Richtige für Jérôme, den Möchtegernweltmann.


    „Du musst ihn unbedingt kennenlernen!“, beharrte er.


    „Warum ich?“


    Ich hörte ihn zufrieden grunzen. „Weil ich mit dir noch einiges vorhabe!“ Aha, dachte ich bei mir, sind Gastons Tage bereits gezählt? „Außerdem hat er etwas vor, das er mit dir besprechen will.“


    „Na, wenn das so ist – wo und wann kann ich ihn denn treffen?“


    „Du wirst es nicht glauben, aber er ist schon zu dir unterwegs!“ Nichts genoss Jérôme so sehr wie derartige Überraschungen.


    Und überrascht war ich in der Tat. Eiligst begab ich mich zu meinem Vereinsbüro in der Hoffnung, vor diesem Wunder-Ingenieur da zu sein, aber er stand schon vor der Tür. Und dann ging alles ganz schnell.


    „Kann ich Ihnen etwas anbieten?“, fragte ich und meinte damit Wasser oder meinetwegen auch Whisky.


    „Nicht nötig.“, sagte er, und zu meiner maßlosen Verwunderung zog er eine Flasche Tobermory hervor.


    „Hey, direkt von der Isle of Mull?“, fragte ich.


    „Worauf Sie sich verlassen können!“


    Und dann erzählte er mir eine nahezu endlose Story über seinen beruflichen Werdegang, wie er eigentlich die väterliche Feinkosthandlung in Flensburg hätte übernehmen sollen, dann aber ein extrem erfolgreicher Ingenieur in Großbritannien und Irland wurde, mit einem speziellen Faible für Fußballstadien.


    „Und du findest das Lohmühle-Stadion interessant?“ Wir waren längst per Du. „Nach all dem, was du schon gesehen hast?“


    „Ja, gerade eben deshalb! Pass auf, du kannst mir da vielleicht helfen. Ich würde die Location gern mal testen, und weil ich enge Kontakte zu einem Eventmanager habe, schwebt mir auch schon was ganz Konkretes vor.“


    „Was wäre dabei denn so drin?“


    „Wie viel brauchst du?“, fragte er.


    „Fünfzigtausend.“, antwortete ich, ohne rot zu werden.


    Nach einigen weiteren Gläsern Tobermory verabschiedeten wir uns mit der Vereinbarung, dass er spätestens in zwei Tagen alles geregelt haben würde. Es vergingen drei Tage. Vier, fünf – nichts geschah. Der VfB spielte 3:0 gegen Torgelow und 1:1 gegen Bremen II, und ich war schon sicher, dass Herr Alex Fischer vielleicht doch eine Luftnummer abgeliefert hatte. Bis dann – nach einem Monat – ganz plötzlich die Fakten standen.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Sofort rief ich Alex an und sprach ihm ein paar geziemende Worte des Dankes auf die Mailbox. Dann buchte ich das Geld so um, dass die zwischenzeitlich entstandene Lücke auf dem Vereinskonto nicht auffiel, und schlug erleichtert drei Kreuze!


    Zwei Tage später ging auch für die B-Jugend der Spielbetrieb wieder los. Mitaufsteiger Heidenheim war bei uns zu Gast.


    „Jungs, das ist unsere Gelegenheit, uns für die Auftaktniederlage zu revanchieren!“, sagte ich vor dem Spiel.


    Aber das war kaum nötig, denn sie waren alle wieder heiß auf Fußball und fest entschlossen, alles auf dem Platz umzusetzen, was sie im Trainingslager gelernt und geübt hatten. Einschließlich des immensen Teamgeistes, der sie verband. Und es wurde eine gelungene Revanche.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Robert (OM) traf in der 39. Minute zum Tor des Tages. Es war ein hektisches Spiel, in dem Schiedsrichter Mirko Heldt insgesamt sieben gelbe Karten zeigte. Aber unser Spiel war erfrischend munter, direkt und sicher. Alle verdienten sich deutlich bessere Noten als noch im letzten Spiel der Hinrunde, und Robin (TW) und Tobias (LV), unsere Neuen, fanden sich von Beginn an gut hinein. Besonders aber freute es mich, dass Emmo so unbekümmert spielte wie lange nicht mehr; er hatte sogar einige ausgesprochen geniale Szenen. Nach dem Spiel hatten wir, obwohl wir immer noch Elfter waren, unseren Vorsprung gegenüber den Abstiegsplätzen auf acht Punkte ausgebaut.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Die Spiele der Männermannschaft verfolgte ich in letzter Zeit intensiver als noch im alten Jahr. Woran das lag? Naja, wohl auch ein bisschen daran, was Kristian und Jérôme angedeutet hatten: Falls Gaston Deneuve seinen Hut nehmen musste, vielleicht würde man dann ja tatsächlich auf die Idee kommen, mich zu fragen? Und wenn sich das Insolvenzthema irgendwie regeln ließ, war ich inzwischen alles andere als sicher, dass ich ablehnen würde. Auf jeden Fall konnte es nicht schaden, wenn ich mich mit der Mannschaft, mit den vereinsspezifischen Gegebenheiten und mit der Atmosphäre des Regionalligafußballs schon mal einigermaßen vertraut machte.


    Das nächste Spiel war schon gleich ein Wegweiser. Unsere Männer empfingen den Tabellenführer, der inzwischen nicht mehr RB Leipzig, sondern VfL Wolfsburg II hieß. Sieben Punkte betrug der Rückstand, und wenn wir noch etwas mit dem Aufstieg zu tun haben wollten, empfahl es sich sehr, den Abstand heute auf vier Punkte zu verkürzen. Ich war jedenfalls im Stadion, zusammen mit Emmo, Kevin und einigen ihrer Freunde.


    Es wurde ein extrem dramatisches und spannendes Spiel. In der 2. Minute kassierte Wolfsburgs LV Schulze die Rote Karte, und dennoch traf Polter (ST) in der 27. zur Führung der Gäste. Aber noch vor der Pause drehten Lemke (RA) per Strafstoß und Steinwarth (LA) die Partie. Das sah so weit gut aus! Wäre da nicht noch einmal Polter (ST) sträflich frei vor Keeper Melzer aufgetaucht; er traf in der 71. Minute zum Ausgleich. Danach ging es hoch her, und mit unserem Torschützen Lemke und dem gegnerischen DM Ziehl fingen sich noch zwei Spieler Platzverweise (gelb-rot) ein. Am Ende sah ich Gaston mit hochrotem Kopf in Richtung Kabinen stapfen; für ihn würden die nächsten Wochen alles andere als leicht werden!

  • 35. Teil: Siege Fehlanzeige
    (25. Februar 2013)


    Zwei Tage später verlor die B-Jugend 2:3 bei Waldhof Mannheim. Dabei war es das beste Spiel, das wir in dieser Saison abgeliefert hatten, und deshalb war die Stimmung auf der Rückfahrt auch sehr gespalten. Und ich persönlich wurde das Gefühl nicht los, dass ich es war, der es verbockt hatte. Denn bis zwölf Minuten vor Schluss führten wir durch Tore unserer beiden OM, Emmo und Robert Schumann, 2:0, aber weil Robert nach einer super Leistung ziemlich fertig war, brachte ich Yusuf Awad für ihn – prompt fiel der Anschlusstreffer. Dennoch blieb ich allzu siegessicher und nahm Reginald Zarb (RV) runter, weil ihm nach einer Diskussion mit dem Schiri Gelb-Rot zu drohen schien, und schickte Anil Arikan aufs Feld. Wiederum war die Quittung ein promptes Gegentor. Und als ich fünf Minuten vor Schluss auch noch André (ST) für Bruno einwechselte, passierte das Gleiche zum dritten Mal. Verdammter Mist!


    Aber diesmal waren es die Jungs, die mich aufrichteten! Das war ein großartiges Gefühl!


    „Hey, mach dir nicht so viel draus! Wir sind immer noch klar vor Platz 13, und nächstes Mal haben halt wir mal wieder das Glück auf unserer Seite.“


    Solche Erlebnisse waren es immer wieder, die mich mehr und mehr dazu brachten, dass ich doch gern wieder voll als Trainer arbeiten wollte. Manchmal sprach ich sogar auch mit Emmo darüber, und der verstand gar nicht, wieso ich denn überhaupt noch zweifelte.


    „Das wär' doch cool.“, sagte er. „Dann kannst du mich und meine Kumpels vielleicht auch gleich mit ins Männerteam holen, sobald das geht.“


    Überhaupt, Emmo: gegen Mannheim hatte er wieder ein brillantes Spiel gemacht. Allein sein Tor war ein Augenschmaus.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Aber auch alle anderen hatten sich heute Bestnoten verdient, allen voran Yusuf (1,5), an dem die Wende im Spiel ganz bestimmt nicht gelegen hatte. 2,7 war der beachtliche Gesamtschnitt. Sogar Robin (TW) verdiente sich trotz der drei Gegentore eine 2,0 und freute sich zudem, dass er für den Abschlag, der zum 1:0 führte, einen Scorerpunkt bekam, genauso wie Joe (DM) für seine Vorlage zum 2:0. Es blieb nur halt eine Tatsache, dass wir auswärts deutlich weniger erfolgreich waren als zu Hause an der Lohmühle, wo wir schon doppelt so viele Punkte geholt hatten wie in der Fremde.



    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    In den folgenden Tagen kam ich kaum einmal von meinem Schreibtisch im Vereinsbüro weg. Glücklicherweise war Sabrina mit dem kleinen Lukas vollkommen ausgelastet und zeigte sich schon dankbar, wenn ich ihn mal einen Vormittag lang zu meinen Füßen rumkrabbeln ließ, während sie shoppen ging. Derweil ging mir ein Problem durch den Kopf. Bruno (ST) hatte neulich nämlich, wenn ich es richtig mitbekommen hatte, eine Bemerkung fallengelassen, dass sein Winterzeugnis ziemlich bescheiden ausgefallen war. Das brachte mich dazu, mal die Klassenlehrer aller B-Junioren durchzutelefonieren. Glücklicherweise waren die meisten gut oder sehr gut in der Schule, nur über Bruno und unseren neuen LV, Tobias, waren die Meinungen nicht so positiv. „Unterdurchschnittlich“ war das allgemeine Urteil. Da mir beide sehr wichtig waren und ich sie auch nicht für dumm hielt, rief ich anschließend mal wieder Paul Klinke, den Privatlehrer, an.


    „Klar, mach' ich.“, sagte Paul. „Zwei weitere Schüler sollten kein Problem sein. Und dein Emmo macht sich übrigens ganz ordentlich, aber ich bin doch sehr dafür, dass wir einstweilen noch weitermachen. Sein Zeugnis war zwar nicht schlecht, aber eben auch immer noch unterdurchschnittlich.“


    Und dann kam auch noch eine Nachricht herein, die mich an ein ganz anderes Thema erinnerte, mit dem ich mich endlich mal auseinandersetzen musste.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    War das tatsächlich schon ein Jahr her, dass Antenne Bayern mir diesen blöden Vertrag angehängt hatte? Von dem Geld hatte ich natürlich nie etwas gesehen, weil ich brav Arnes Rat befolgt und den Vertrag meinem Insolvenztreuhänder vorgelegt hatte. Über 34.176 Euro hatten sich meine Gläubiger seitdem schon freuen dürfen, alles übrigens Typen, denen ich normalerweise nicht einen einzigen Cent gegönnt hätte, geschweige denn 34 Mille. Und was jetzt – sollte ich den Vertrag verlängern? Nun, ich schob die Nachricht erst einmal unter einen Stapel anderer Zettel und kümmerte mich nicht weiter darum.


    Dann meldete sich Kristian. Er hatte mit Julian Ochs ein neues Talent (Torwart, 23, 12 Jahre) entdeckt. Der war etwas für die D-Jugend. Mit der befasste ich mich nun zwar eigentlich überhaupt nicht, aber ich freute mich dennoch, dass Kristian an meiner Meinung interessiert war. Ich sprach dann noch mit Daniel Celio und stimmte einer Aufnahme in den Verein zu.


    Gaston Deneuve – unnötig zu sagen – kümmerte sich um Jugendangelegenheiten absolut nicht mehr. Soweit man hörte, hatte er seinen Spielern nach dem Spitzenspiel gegen die Wölfe mächtig den Kopf gewaschen, und das bewirkte immerhin, dass die beiden folgenden Partien in Halstenbek (5:1) und gegen Hannovers Zweite (4:0) deutlich gewonnen wurden. Mit zwei weiteren Siegen gegen Magdeburg (2:1) und Havelse (3:2) führte er sein Team dann tatsächlich auf Platz 2 und lag nur noch drei Punkte hinter dem Aufstiegsplatz, den nach wie vor Wolfsburg II innehatte. Auf mich wirkte das, obwohl ich mich für die Spieler freute, irgendwie ernüchternd. Ich hatte nämlich gerade kürzlich meine A-Lizenz aus der Mottenkiste geholt, ihr einen Rahmen verpasst und sie an der Wand in meinem Büro aufgehängt.



    „Ach, seh' ich recht?“, fragte Kristian prompt, als er mich dieser Tage besuchte. „Lässt dich die Vergangenheit doch nicht so wirklich ruhen, was?“


    „Nee nee“, winkte ich ab, „ist nur eine kleine sentimentale Erinnerung. Ich müsste das ja eh nochmal mit einer Fortbildung beim BDFL auffrischen, und außerdem scheint Gaston ja jetzt wieder sehr viel fester im Sattel zu sitzen.“


    „Sag das nicht. In der Mannschaft wird wegen seiner letzten Auftritte teilweise schon gemeutert, und Jérôme ist auch nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.“


    „Wieso das denn?“


    „Na, dreimal darfst du raten.“


    „Dann kann es nur ums Geld gehen.“


    „Treffer. Jérôme hat die Überziehung der Budgets bisher stillschweigend geduldet, aber nur in der Erwartung, dass der von Gaston vollmundig versprochene Aufstieg realisiert wird. Dann hat er aber plötzlich – ich glaube das war im Januar oder so – ein zusätzliches Loch von 90.000 Euro entdeckt, und seitdem sagt er, er redet mit Gaston erst wieder, wenn der Aufstieg feststeht.“


    „Oha.“, sagte ich nur, konnte mir aber ein Grinsen nicht verkneifen. Diese 90.000, daran bestand kein Zweifel, hatte in Wahrheit ich zu verantworten, auch wenn sie inzwischen ja wieder ausgeglichen waren.


    Zu unserem nächsten Spiel mit der B-Jugend hatten wir den Tabellenführer, Greuther Fürth, zu Gast. Obwohl wir nicht als Sieger vom Platz gingen, war das 2:2 durch zwei Tore von Bruno (ST) – auf Vorlagen von Tobias (LV) und Emmo (OM) – doch aller Ehren wert. Ebenfalls unentschieden endete die nächste Begegnung in Ingolstadt, deren Schlussphase an Dramatik nicht zu überbieten war. Eine Viertelstunde vor dem Ende lagen wir noch 0:1 zurück, als ich, wie meistens, Bruno auswechselte. Er hatte ordentlich gespielt und war ziemlich fertig. Christopher durfte für ihn aufs Feld, und dann ging es so richtig los!



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nein, dass meine Jungs von schlechter Kondition oder mangelndem Kampfgeist wären, konnte man wahrlich nicht behaupten. Aber da hatte Jack es dann vielleicht doch ein wenig übertrieben. Zuerst sah er nach einem Textiltest (bestanden) die gelbe Karte, dann konnte er mit einer erneuten unfairen Attacke gegen den gegnerischen ST zwar einen Angriff wirkungsvoll unterbinden, zahlte aber den Preis dafür. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – feierten ihn seine Kumpels fast wie einen Helden, denn dass sie diesen Punkt vom gegnerischen Platz entführten, empfanden alle als großen Triumph. Ich hingegen war nicht so wirklich begeistert.


    „Warner hier.“, schallte es mir schon am nächsten Tag aus dem Handy ins Ohr.


    „Ah, guten Tag, Mister Warner.“, tat ich erfreut. „Was kann ich für Sie tun?“


    „Für mich können Sie nichts tun“, erwiderte er, und es war klar, dass die Laune von Jacks Vater heute nicht die beste war, „aber für sich können Sie etwas tun!“


    „Äh, gern, wenn Sie meinen.“, sagte ich verunsichert.


    „Indem Sie die Entscheidung rückgängig machen, meinen Sohn nächste Woche nicht spielen zu lassen.“


    Hatte der Junge es seinem Daddy also erzählt. Dabei fand ich, dass sich auch die 15- und 16-Jährigen durchaus schon mal damit vertraut machen konnten, dass sie später in der Männermannschaft nach einem Platzverweis gesperrt wurden. Nun, mit dem großen Löwen-Investor legte ich mich natürlich besser nicht an.


    „Wie Sie meinen, Mister Warner.“


    Aber im Stillen sah ich mittelfristig nur zwei Möglichkeiten: Entweder musste ich sehen, wie ich Jack jr. elegant loswurde, oder ich musste den Jungen zu einer etwas kritischeren Einstellung seinem Alten gegenüber verhelfen. Letzteres hielt ich durchaus nicht für aussichtslos.


    Die Quittung folgte eine Woche später. Alle, auch Jack, spielten zwar nicht schlecht, aber es setzte zu Hause eine 0:1-Klatsche gegen den 1. FC Saarbrücken. Das brachte uns dichter, als es uns lieb war, wieder an die Abstiegsränge heran.



    (Quelle: Screenshot FM12)



    36. Teil: 1:0 ist auch gewonnen
    (20. März 2013)


    Zu allem Überfluss mussten wir schon gegen Saarbrücken und nun auch noch längere Zeit auf Robert Schumann verzichten.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Für ihn hatte ich Yusuf als zweiten OM neben Emmo gebracht, aber ein gleichwertiger Ersatz war er nicht. Deshalb erwog ich beim nächsten Spiel das System mal wieder massiv umzustellen, zum Beispiel erneut mit zwei Stürmern anzutreten. Immerhin drohte nun möglicherweise doch wieder der Abstieg in die vierte Klasse. Ich sprach sogar mit Sabrina darüber, als ich sie am Samstag zum Essen einlud, was mich 113 Euro kostete. Sie freute sich zwar über die Einladung, aber mein ständiges Reden über Fußball empfand sie am Ende dann vielleicht doch als etwas störend.


    Das Hinspiel in Braunschweig war 0:0 ausgegangen. Sie hatten keine starke Offensive, aber die hatten wir zurzeit auch nicht so wirklich. Trotzdem entschloss ich mich dazu, das System unverändert zu lassen.


    „Yusuf, für dich habe ich heute mal eine besondere Rolle.“, erklärte ich vor dem Spiel. „Du bist doch schnell, du bist auch geschickt, und dich kennen sie auch nicht aus dem Hinspiel. Deshalb wirst du zusehen, dass du die Abwehr des Gegners verunsicherst.“


    Alle, wie sie da saßen, sahen mich verständnislos an. Ich musste lachen, und wenig später lachten sie mit mir.


    „Ganz einfach: du stiftest Unruhe. Lauf, was du kannst, zwischen den Flügeln hin und her und dann vor allem auch in ihren Strafraum. Dazu kannst du gern immer wieder lautstark den Ball fordern.“


    „Aber er kriegt ihn nicht!“, amüsierte sich Emmo, der als Erster begriffen hatte, worauf ich hinauswollte.


    „Naja, wenn es passt, spielt ihr ihn natürlich auch mal an. Aber mir geht es vor allem darum, dass die anderen Raum bekommen – Jack, Emmo, Bruno – und dass der Gegner abgelenkt ist.“


    Ich glaube, die Jungs waren noch nie mit so viel Spaß auf das Feld gegangen wie zu diesem Spiel. Und siehe da: der Plan ging auf! Yusuf machte seine Sache hervorragend und verdiente sich eine Note von 2,5. Unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff, als die Braunschweiger sich schon nach ihren Wasserflaschen sehnten, gelang Bruno (ST) der Siegtreffer zum 1:0. Und nach dem Spiel freuten wir uns alle zusammen wie die Schneekönige, dass die Taktik funktioniert hatte.


    In der Tabelle brachte uns dieser Sieg zwar zwei Plätze voran, der Abstand auf Platz 13 betrug aber nur einen Punkt mehr als bisher, nämlich vier. Wir waren da noch lange nicht durch.


    Und dann schallte es mir mal wieder aus dem Telefon entgegen:


    „Warner hier.“


    Ich hatte es schon kommen sehen.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Ich erwarte von Ihnen, dass mein Sohn nicht länger mit diesem, diesem…“


    „Denis Wolf.“, half ich aus.


    „Richtig! Dieser Typ ist für meinen Sohn als Mentor vollkommen ungeeignet! Machen Sie da was!“


    Und damit war das Gespräch auch schon wieder beendet. Man konnte Jacks Vater wirklich nicht vorwerfen, dass er sich lange mit einer Angelegenheit aufgehalten hätte. Am nächsten Tag sprach ich unseren LM, also Jack, an und erklärte ihm, dass sich, wenn er einverstanden war, künftig Kevin Samide um ihn kümmern würde. Samide spielte LM und RM in der zweiten Mannschaft und schien mir für diese Aufgabe gut geeignet.


    Das nächste Spiel verlor die erste Mannschaft des VfB Lübeck beim Drittplatzierten, RB Leipzig, mit 2:3 und rutschte selbst auf Platz 3 ab. Beide Tore für die Lübecker erzielte übrigens Denis Wolf (ST).


    Auch Kristians A-Jugend tat sich zurzeit schwer. Nach zwei Unentschieden lagen sie nur noch auf Platz 4 und mussten um den Aufstieg bangen. Die von Gaston Deneuve zu Saisonbeginn vollmundig ausgegebene Parole „Dritte Liga“ schien zur inhaltslosen Phrase zu verkommen. Ich sah allerdings auch immer deutlicher, wo Gastons Versäumnisse lagen. Zum Beispiel hatte er mit seinem Team noch nicht einen Tag im Trainingslager zugebracht; das war etwas, was ich mit Sicherheit anders machen würde.


    Viel besser lief es für die B-Jugend. Auch in Cottbus gewannen wir 1:0, und zwar mit derselben Taktik wie gegen Braunschweig. Emmo (OM) erzielte das Tor, bester Spieler war Reginald (RV). Wir blieben Zehnter und hatten nun fünf Punkte mehr als der 13. Und auch den FSV Frankfurt schlugen wir eine Woche später mit 1:0, was uns gar auf Platz 7 beförderte und einen beruhigenden 8-Punkte-Abstand zwischen uns und die Heidenheimer, die jetzt Vorletzte waren, brachte. Allerdings war der Sieg, den Jack (LM) mit seinem Tor in der 85. Minute sicherstellte, durch eine ärgerliche erste Halbzeit teuer erkauft.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Martin (IV) fiel mit einem Außenbandriss fünf Wochen aus, bei Emmo war es glücklicherweise nur ein Muskelfaserriss, der ihn für 12 Tage außer Gefecht setzte.


    Dreimal 1:0 gewonnen – das nannte ich effizientes Spiel! Viel weniger Kontinuität gab es bei der Mannschaft von Gaston Deneuve. Wir alle waren total begeistert von dem fulminanten 5:0-Sieg über Meppen, mit dem der VfB wieder bis auf drei Punkte an die Tabellenspitze herankam.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Sollte es dem Cheftrainer trotz allem dennoch gelingen, am Ende die Aufstiegsträume wahr werden zu lassen?


    Um es gleich vorweg zu sagen: seine Erfolgsserie setzte sich in den nächsten beiden Spielen fort. Bei der Reserve des HSV gab es ein 1:0 und die Woche drauf gegen Halberstadt gar ein 3:0. Da beide Konkurrenten patzten, lagen die Wölfe plötzlich nur noch einen Punkt (67) vor dem VfB und Leipzig (je 66), wobei wir mit Abstand das beste Torverhältnis hatten. Ich warf einen wehmütigen Blick auf die A-Lizenz-Urkunde an meiner Wand und wandte mich anderen Dingen zu.

  • 37. Teil: Taktische Varianten
    (14. April 2013)


    Drei Verletzte! Und diesmal nicht mit kleineren Angelegenheiten wie Zerrungen oder Prellungen, die immer mal wieder vorkamen. Kein Zweifel, das Fußballspielen wurde für die Jungs mit jetzt im Schnitt 16 Jahren und der spürbar ruppigeren Gangart in der dritten Spielklasse eine deutlich größere Belastung. Da wir einen Kader von 21 Spielern hatten, durften im nächsten Spiel sogar beide Ersatzkeeper, Kai und Bude, auf der Ersatzbank Platz nehmen. Und ohne unsere beiden Stamm-OM, Robert und Emmo, würde ich natürlich wieder taktische Umstellungen vornehmen müssen.


    Aber mehr als das beschäftigte mich die Gesundheit der Jungs. Der Verein hatte weder einen Arzt noch einen Masseur – das waren halt so die Stellen, an denen Gaston Deneuve sparte. Zwei Bänderrisse und ein Muskelfaserriss hätten nach einer akuten Behandlung auch eine sorgfältige Folgetherapie erfordert, für die nun die jeweiligen Eltern die Initiative ergreifen mussten, wenn sie es sich leisten konnte. Emmos Eltern konnten es nicht.



    „Pass bloß auf“, riet mir Kristian, der derlei Erfahrungen natürlich auch schon gemacht hatte, „dass da nichts zurückbleibt! Das meine ich physisch wie psychisch. Besuch' die Jungs, sprich mit ihnen und ihren Eltern und sorge auch dafür, dass sie ihre Verletzungen komplett ausheilen lassen. Sie sollen ja vor allem Spaß am Sport haben und die Schule ordentlich weitermachen können. Die Zähne zusammenbeißen und Helden spielen können sie, wenn sie mal Profis sind, und das werden die wenigsten.“


    Mein guter Arne sagte im Prinzip das Gleiche, Marius Mattle ebenso. Alles gut gemeinte Ratschläge, aber einen Psychologen beschäftigte der Verein natürlich erst recht nicht, und ich bekam ja nicht mal meine eigene psychische Situation richtig in den Griff. Sabrina war mal wieder wegen irgendwas sauer, was ich angeblich gesagt hatte (dabei hatte ich doch nur gemeint, dass es nicht schaden kann, wenn der kleine Lukas schon mal erfährt, wie es ist, wenn man einen Lederball gegen den Kopf kriegt). Und in Bezug auf mein Insolvenzverfahren redete mir der Treuhänder seit Wochen zu, ich sollte mal auf meine Gläubiger zugehen. Als wenn das Leute wären, auf die man so eben mal zugeht!



    Aber ich besuchte sie natürlich alle (die verletzten Jungs, nicht die Gläubiger!). Nur Robert hatte länger im Krankenhaus liegen müssen, war aber wie Martin und Emmo inzwischen wieder zu Hause. Am Sonntagnachmittag machten wir sogar eine kleine Party im Vereinshaus, zu der auch die drei angehumpelt kamen. Inzwischen trank man selbstredend keine Limettenbrause mehr, aber auch Alkohol war zum Glück für die wenigsten ein Thema.


    „Na, was für eine Taktik hast du dir diesmal für das nächste Spiel ausgedacht?“, wurde ich gefragt.


    „Naja, ich denke, in Aachen sichern wir uns mal vor allem hinten ab. Joe und Bekir spielen DM, andererseits könnte ich mir vorstellen, dass wir dafür ruhig mal wieder mit zwei Spitzen auflaufen.“


    „Zu blöd, dass ich ausgerechnet jetzt ausfalle.“, schimpfte Emmo vor sich hin. „Zuletzt lief es gerade so gut!“


    Das stimmte. War er in der Hinrunde ständig mit Noten um die 4 herumgekrebst, so kam er in der Rückrunde auf einen Schnitt von 3,4 und wirkte viel unbekümmerter. Eine Grafik, die ich mir erstellt hatte, machte auf den ersten Blick deutlich, wann der Unterschied eingetreten war: als Effie, Emmos Freundin, auf den Plan trat.



    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Effie gehörte inzwischen fest zu der Clique um Emmo und seine Freunde, auch einige andere aus der Mädchenmannschaft waren dabei. Das ging sogar so weit, dass sie sich manchmal gemeinsam die Spiele der Frauenmannschaft des VfB Lübeck ansahen. Insgesamt ließ sich feststellen, dass die Stimmung unter den Jugendlichen außerordentlich gut war – weit besser, als zurzeit unter Gastons Männern, die unter dem Druck und den Launen ihres Trainers zu leiden hatten.


    Bundesliga war langweilig, da waren wir uns alle einig. Gerade hatten die Bayern am 30. Spieltag schon wieder die nächste Meisterschaft eingesackt. Auch Lübeck II war so gut wie Ligameister, was ihnen aber herzlich wenig nützte, wenn Gaston mit seiner Mannschaft den Aufstieg verpasste.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    In Aachen, erinnerte ich mich, war ich voriges Jahr schon einmal gewesen. Als Jérôme und ich unsere „Bergtour“ antraten, waren wir mit dem Zug dort angekommen. Dabei fiel mir auf, dass unser Präsident in letzter Zeit auffallend wenig von sich hatte hören lassen. Beschäftigte ihn das Golfspielen auf seiner neu hergerichteten Anlage so sehr oder schmiedete er mal wieder irgendwelche unergründlichen Pläne? Nun, mir sollte es gleichgültig sein, wir hatten jetzt erst einmal dieses schwere Spiel gegen die Alemannia-Jugend zu bestehen.


    Und um ein Haar hätten wir es sogar gewonnen. Unsere Doppelspitze hatte nach einer guten Viertelstunde die Führung erzielt (Bruno auf Vorlage von Christopher), und alle kämpften aufopferungsvoll, aber am Ende versagten dann doch sehr die Kräfte. In der 88. Minute gelang dem eingewechselten ST der Gastgeber noch der Ausgleich. Aber letztlich waren wir damit und mit der guten Mannschaftsleistung doch auch zufrieden und hatten auf Platz 8 weiterhin acht Punkte zwischen uns und dem Abstieg, was vier Spiele vor Saisonende dem Klassenerhalt schon sehr nahe kam.



    (Quelle: Screenshot FM12)



    38. Teil: Vor dem Saisonfinale
    (21. April 2013)


    Das 23. Saisonspiel gegen Paderborn wurde das beste, das die B-Jugend in dieser Saison bestritt. Emmo war wieder dabei, und dennoch entschloss ich mich zu einer offensiven Variante mit zwei Stürmern.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Fast die komplette erste Halbzeit rannten wir erfolglos auf das Tor der Gäste, und dann, in der 45. Spielminute, klingelte es gleich zweimal: Erst war André (ST) mit einem Weitschuss erfolgreich, dann grätschte Joe (DM) dem Gegner praktisch den Anstoßball vom Fuß, Jack (LM) lief durch die konsternierten Paderborner hindurch und versenkte die Kugel flach im Eck. In der Pause war die Stimmung entsprechend gelöst. Dass nach einer Stunde der Anschlusstreffer fiel, kam vermutlich gerade richtig, denn das weckte die Jungs noch einmal so richtig auf. Emmo (OM) per Kopf und Bruno (ST) auf Vorlage von Emmo besorgten das 4:1 und damit den höchsten Saisonsieg gegen völlig überforderte Ostwestfalen. In der Tabelle bedeutete das nicht nur mit Rang 7 die beste Platzierung der Spielzeit, sondern wir hatten durch einen 11-Punkte-Vorsprung auch den Klassenerhalt geschafft!


    Kristian war der Erste, der gratulierte.


    „Alle Achtung!“, sagte er, indem er abends im Finnegan mit ausgestreckten Armen auf mich zukam. „Da hast du echt was Großes geleistet!“


    „Naja“, versuchte ich mich in Bescheidenheit, „erkämpft haben sich die Jungs das.“


    „Nee nee, Malte. Ich sag' dir: du hast das Zeug dazu, hier noch mehr zu reißen. Wart's nur ab!“


    Wir stießen mit einem Guinness bzw. Pils auf den Erfolg an. Dazu ließ ich uns zwei Connemara kommen.


    „Und wie geht's mit Emmo voran?“, wollte er dann wissen.


    „Gut. Er ist einfach ein braver Junge, der ein großes Talent hat, ohne sich viel darauf einzubilden.“


    Aber da blickte er mich zweifelnd an. „Glaubst du das wirklich? Ich meine, er ist sechzehn – in dem Alter fangen normalerweise spätestens die Probleme an. Alkohol, Mädchen und so weiter. Und sind nicht seine Eltern ziemlich knapp? Da kommt dann meistens noch Neid auf das Handy des anderen dazu und dergleichen.“


    „Oh nö, nicht bei Emmo.“, sagte ich leichthin, und er insistierte nicht weiter.


    „Ach übrigens“, wechselte er dann das Thema, „seid ihr irgendwie knapp mit Trikots?“


    „Nee. Wie kommst du darauf?“


    Er lachte. „Ist es dir gar nicht aufgefallen? Robin und Tobias laufen beide mit der Nummer 96 rum, und Anil und Bruno haben jeweils die 92.“


    „Oha! Das habe ich tatsächlich nicht bemerkt. Ich werde Daniel Celio gleich morgen mal deswegen anhauen.“


    Und am darauffolgenden Samstag sprach Kristian mich noch einmal an. Ich war gerade auf dem Weg ins Vereinsheim, um mir mit den anderen das Spiel der Männer in Halle anzusehen, das ein regionaler Pay-TV-Sender live übertrug.


    „Hey, ich wollte dir nur eben sagen, dass auch meine Jungs über deine Entscheidung sehr froh sind.“


    „Äh, welche Entscheidung jetzt?“


    „Na, dass du dir das Angebot von Altona 93 noch nicht einmal angehört hast.“


    Ich grinste. „Hm, Kristian, mal ehrlich: wo oder was ist Altona?“


    Das Spiel gegen den Halleschen FC geriet für Gaston zum Debakel. Sein Team lief ständig einem Rückstand hinterher, glich zweimal aus und verlor am Ende doch mit 2:3. Da auch Wolfsburg verloren hatte, war noch nicht alles verloren, nur lag jetzt wieder RB Leipzig an der Spitze, und zwar mit drei Punkten vor dem VfB.


    Es gab in letzter Zeit übrigens noch ein Thema, das Gaston Deneuve zu schaffen machte, auch wenn er es ums Verrecken nicht zugegeben hätte. Seit er die Aufstiegsparole ausgegeben hatte, war plötzlich auch die Damenmannschaft des VfB Lübeck äußerst erfolgreich. Und damit nicht genug, Emmos Freundin Effie und die Clique um die beiden zogen jetzt auch immer häufiger ins Stadion, um sich die Spiele der Frauen anzusehen. Der Erfolg für den Verein blieb nicht aus.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nun, den Hals retten würde dieses Geld Gaston auch nicht. Für ihn musste der Aufstieg her. Gegen Osnabrück II gewannen seine Männer 5:2, Wolfsburg II verlor erneut, und am 33. Spieltag hätte das Team beim ZFC Meuselwitz seine Aussichten erheblich verbessern können, denn die Rostbüchsen spielten in Meppen nur 0:0. Aber auch unsere thüringischen Gastgeber trafen in der letzten Minute noch zum 1:1-Ausgleich, sodass es am letzten Spieltag drei Punkte gutzumachen galt.


    Knifflig war die Situation auch für Kristian und seine A-Junioren. Zuletzt hatte es Siege gegen Trier, Fortuna Köln und Essen gegeben, letzterer dank eines begeisternden Auftritts von Wolfgang, worüber ich auch prompt gleich wieder per SMS informiert wurde.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Dennoch war der Aufstieg alles andere als sicher, denn im letzten Saisonspiel musste die Mannschaft in Unterhaching antreten, bei dem punktgleichen Aufstiegskonkurrenten. Und meine Jungs leisteten sich nach dem feststehenden Klassenerhalt je eine 0:1-Niederlage in Offenbach und gegen Union Berlin, was aber keinem wirklich wehtat.


    Um mit uns zu beginnen: Wir schafften es tatsächlich zum zweiten Mal, die B-Jugend von RB Leipzig zu ärgern und ihnen auch im Rückspiel ein 1:1 abzutrotzen. Statt mit zwei ST ließ ich jetzt wieder mit zwei DM spielen, und das gab der Abwehr zusätzliche Sicherheit. Mit Anil war es sogar ein IV, der unser Tor zum Ausgleich in der 57. Minute erzielte, allerdings muss man dazu sagen, dass es ein Elfer war. Die Leipziger hatten die Ligameisterschaft und den Aufstieg in die zweite Spielklasse zwar schon vor dem Match sicher, aber sie waren dennoch verbissen entschlossen, es besser zu machen als beim Remis im Hinspiel. Drei gelbe Karten kassierten sie für ihren am Ende erfolglosen Versuch, während es für uns nicht einen einzigen Karton gab. Ich fand das nach den zwei vorangegangenen Niederlagen einen gelungenen Saisonabschluss. Wir beendeten das erste Drittligajahr auf einem ordentlichen 9. Platz, während Mitaufsteiger Heidenheim am Ende doch noch schwer untergegangen war und mit dem FSV Frankfurt absteigen musste.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Und nun zur A-Jugend: Am Vortag hatten wir mit großer Spannung deren entscheidendes Spiel verfolgt, indem wir alle zusammen im Vereinshaus saßen und auf mein laut gestelltes Handy lauschten, über das uns Daniel Celio am anderen Ende der Verbindung auf dem Laufenden hielt. Unterhaching (3.) gegen Lübeck (2.) hieß die eine Partie, Wuppertal (8.) gegen Heidenheim (1.) die andere. Uns reichte in jedem Fall ein Unentschieden, während Haching in diesem Fall nur aufstieg, wenn Heidenheim mit mehr als einem Tor Unterschied verlor. Hier die Ausgangssituation:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Die ganze Zeit saßen wir nahezu schweigsam beisammen, nur gelegentlich aufstöhnend, wenn wieder mal eine der Mannschaften eine Torchance verpasste. Tore blieben aus, das Spiel endete 0:0. Doch als endlich der Abpfiff kam, brach hier (im Vereinshaus) wie dort (bei Daniel) der große Jubel los. Wer hingegen nicht jubelte, waren die Hachinger, denn Heidenheim hatte zwar verloren, aber nur mit 0:1, was ihnen den zweiten Aufstiegsplatz sicherte. Doch unsere A-Jugend hatte es zum guten Schluss tatsächlich noch an die Tabellenspitze geschafft!


    Ob auch Gaston Deneuve und seine erste Mannschaft Grund zum Jubeln hatten, ist dem nächsten Kapitel zu entnehmen.

  • 39. Teil: Aufstieg oder kein Aufstieg?
    (11. Mai 2013)



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Für den VfB Lübeck sprach allein das exzellente Torverhältnis. Nur wenn sie siegten und Leipzig verlor, kamen sie in die Dritte Liga. Kontrahent im Stadion An der Lohmühle war der VFC Plauen, der als Tabellen-17. bereits feststehender Absteiger war. RB Leipzig hatte es dagegen mit einem mutmaßlich schwereren Gegner zu tun, denn zu Gast war die zweite Mannschaft des HSV, immerhin Tabellenfünfter nach zuletzt vier Siegen in Folge. Geringe Chancen hatte auch noch Wolfsburg II; sie empfingen den SV Meppen.


    In der Meisterprognose, die der Kicker jeweils drei Spieltage vor Schluss veröffentlicht, war dem VfB Lübeck übrigens ein zweiter Platz vorhergesagt worden, und zwar mit einem Rückstand von fünf Punkten auf Leipzig. Da waren wir auf jeden Fall schon mal besser! Wir begannen das Spiel mit einer Mannschaftsstärke von 639 gegenüber 560 für Plauen – eigentlich also eine klare Sache. Und es ging auch gleich so richtig nach Wunsch los.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Aber nur zwei Minuten später – was war das denn? Der Plauener RV dribbelt Gebers (IV) aus, passt nach innen, ein OM lässt den Ball durch seine Beine laufen und Tony Schmidt (RM) muss den Ball für Plauen nur noch ins Tor schieben. Hey, hallo? Wer ist denn hier eigentlich der mögliche Aufsteiger und wer der sichere Absteiger? Das Gegentor schien Gastons Männer völlig überrascht zu haben, und jetzt fehlte es dem Spiel an Ordnung. Nur eine gute Nachricht gab es vor der Halbzeitpause noch: Hamburg II hatte in der 40. Minute zum 1:0 in Leipzig getroffen.


    Unnötig zu sagen, dass wir alle, aber auch alle im total ausverkauften Stadion waren. Emmo und seine Freunde hatten durch das 1:1 der Plauener zwar auch einen mächtigen Schrecken bekommen, aber es bestand ungetrübte Einigkeit, dass es noch zwei, drei Tore für Lübeck geben würde. Gaston musste in der Kabine nur die richtigen Worte finden. Allein ich fragte mich, ob er dazu wirklich der richtige Mann war.


    Um es kurz zu machen: in zwei unterirdischen Spielen der beiden Tabellenersten passierte in Halbzeit zwei überhaupt nichts mehr. Die Roten in Leipzig verloren 0:1, und die Grünen in Lübeck murksten ideenlos irgendetwas zusammen, was meist nicht einmal bis vor das Plauener Tor führte. Nur zwei gute Aktionen kurz vor Schluss machten noch einmal Hoffnung, aber die Stürmer verbockten heute wirklich alles. Die Leipziger Niederlage und dass auch Wolfsburg II die Punkte an Meppen abgeben musste, war da überhaupt kein Trost.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    An der anschließenden Pressekonferenz nahm Gaston Deneuve nicht teil. Co-Trainer Daniel Lippmann vertrat ihn. Und natürlich kamen die unvermeidlichen, unbequemen Fragen von Journalisten wie Ulrich Leitenberg und Rob Referee.


    „Wieso hat Ihr Team heute nicht den Aufstieg geschafft, da RB Leipzig doch verloren hat? Ist die Mannschaft nicht reif für die Dritte Liga?“


    „Nun, ich gebe zu, wir haben schlecht gespielt. Das 1:1 kam im falschen Moment. Dennoch hätten wir diesen Gegner heute natürlich schlagen müssen.“, antwortete Daniel.


    „Und was meinen Sie: steht jetzt ein Trainerwechsel an?“


    „Davon kann überhaupt keine Rede sein. Unser Saisonziel war ein Platz unter den ersten drei, und das haben wir erreicht. Ich gehe davon aus, dass Gaston Deneuve seine erfolgreiche Arbeit in Lübeck fortsetzen wird.“


    „Man hörte aber eigentlich etwas von einem Saisonziel ‚Aufstieg'?“, hakte Ulrich Leitenberg hartnäckig nach.


    Daniel wurde kurz rot, dann blass. „Äh, ich denke, damit sind jetzt alle Fragen beantwortet.“ Und weg war er.


    Tja, und weg war auch Gaston Deneuve. Man sah ihn in den nächsten Tagen überhaupt nicht, das Training, soweit es überhaupt noch stattfand, leitete Daniel Lippmann, und Jérôme, dem ich jetzt gern ein paar Fragen gestellt hätte, war ebenfalls nicht zu erreichen.


    „Was meinst du“, fragte ich Arne am Dienstagabend im Finnegan, „schmeißt Jérôme ihn raus? Oder geht er freiwillig?“


    „Wenn du mich fragst: Der macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen.“, mutmaßte Arne. Doch damit sollte er gründlich danebenliegen.


    Ich hatte da aber noch ein anderes Thema, über das ich gern mit ihm sprechen wollte. In knapp zwei Wochen war ja mal wieder Sabrinas Geburtstag, und diesmal wollte ich mich nicht wieder blamieren.


    „Ich hab' gedacht, ich nehme diesmal was nicht so Teures. Und da habe ich mir schon mal eine Liste gemacht. Was meinst du dazu?“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Arne schmunzelte unzweideutig, als er das sah. „Pokertisch? Schlagzeug? Das scheint mir doch Dummtüüch zu sein. Da rate ich dir schon eher zu dem Klavier.“


    „Hmm, ehrlich gesagt – 6.000 Euro, die habe ich gerade nicht. Meinst du nicht, ein Fahrrad wäre okay? Ist ja schließlich auch nicht so ganz billig, ob nun Mountainbike oder Rennrad.“


    „Und wie stellst du dir das vor? Mit Babysitz?“


    „Naja, warum nicht?“


    „Nee nee, mien Jong. Dann nimm man lieber den Ring oder einen Armreif!“


    Doch ich beschloss, noch mal darüber nachzudenken. Es war ja noch ein bisschen Zeit.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Dass die erste Mannschaft eine gute Saison gespielt hatte, fanden sogar die Medien in diesen Tagen. Nur den verpassten Sieg im letzten Spiel wollte keiner verzeihen. Vom Präsidenten und vom Cheftrainer war hingegen weiterhin nirgends etwas zu sehen oder zu hören. Unter Angestellten und Spielern sorgte das zunehmend für Gesprächsstoff, weil natürlich allmählich ein Statement der Vereinsführung dazu zu erwarten gewesen wäre, wie für die neue Saison weiter geplant werden sollte.


    Aber dann, am übernächsten Sonntag, konnte man alles druckfrisch aus dem neuen lokalen Klatschblatt erfahren.



    (Bildquelle: Screenshot FM12)

  • 40. Teil: Offene Tür ins Management
    (22. Mai 2013)


    „Warner hier.“ Oh Gott, der hatte mir jetzt gerade noch gefehlt!


    „Ah, hallo, Mister Master!“ Wie redete man einen Master of Science eigentlich korrekt an? „Was verschafft mir die Ehre?“


    „Hello, my dear Mister Wome! How are you these days?“ Du meine Güte, der war ja richtig gut aufgelegt. War das wirklich Jacks alter Herr oder träumte ich das nur?


    „Alles bestens, danke. Es ist nur, Sie werden davon gehört haben…“


    „Genau deshalb rufe ich an. Sehr bedauerlich, dass der Verein meines Sohnes jetzt ein weiteres Jahr viertklassig ist.“


    „Das stimmt, leider.“ Zum Glück fiel mir gerade rechtzeitig ein, dass man ihm ja gratulieren musste. „Ganz im Gegensatz zu Ihrem Verein, Mister Warner! Herzlichen Glückwunsch zur souveränen Zweitligameisterschaft!“


    „Lassen wir das. Ich will von Ihnen wissen, ob Sie meine Hilfe brauchen.“


    Ich stutzte. „Hilfe? Wobei?“


    „Nun, ich gehe natürlich davon aus, dass Sie in Lübeck – wie sagt man: das Ruder übernehmen werden.“


    „Aber – es ist keineswegs…“


    „Da soll es natürlich auch nicht Ihr Schade sein, dass Sie sich so prächtig um meinen Jungen gekümmert haben. Der Trainer hat mir berichtet, dass Jack Junior zuletzt sogar zwei Tore geschossen hat und in jedem Spiel der beste Mann auf dem Platz war.“


    „Wer hat…?“


    „Deswegen bin ich bereit, meine Zustimmung dazu zu geben, dass er schon in der nächsten Saison in der ersten Mannschaft spielt und diesem damned team endlich zum Aufstieg verhilft.“


    „Aber Herr Warner, Jack ist erst…, ich meine, das wird nicht ganz einfach sein!“


    „Sie machen das schon! You're a good man!“


    Und damit hatte er schon wieder aufgelegt. Was sollte ich jetzt damit anfangen? Und von was für einem Trainer hatte er da gesprochen? Okay, wenn ich mehr darüber in Erfahrung bringen wollte, gab es dafür natürlich nur einen geeigneten Ort: das Finnegan.



    Als Erstes steuerte ich geradewegs auf Kristian zu. Immerhin war er der offiziell für die B-Jugend zuständige Jugendtrainer.


    „Sag mal, hast du dem Vater von Jack erzählt, sein Sohn sei der Beste und könnte nächste Saison bei den Männern spielen?“


    „I wo, keine Spur!“, versicherte er. „Wie kommst du denn darauf?“


    Ich erzählte ihm von dem Telefonat. Und währenddessen kamen auch die anderen an den Tisch, die ungläubig mit zuhörten: Daniel Lippmann, Marius Mattle und die beiden Stefans aus dem Trainerstab, Arne, der alte Scout, und sogar Nachhilfelehrer Paul Klinke war da. Nur einer fehlte: Daniel Celio, unser Ehrenamtlicher, der gern etwas mehr als das Mädchen für alles gewesen wäre.


    „Aber ihr stimmt mir doch zu“, fragte ich schließlich, „dass Jack noch keinen Vertrag bekommen kann?“


    „Wann hat er denn Geburtstag?“


    „Am 9. Oktober wird er 16.“


    „Dann wird wohl auch sein Daddy noch so lange warten müssen.“


    „Aber was ich ja viel spannender finde“, schaltete sich Marius, der Amateurtrainer ein, „ist seine Bemerkung darüber, dass du das Ruder übernehmen sollst. Kann da etwas dran sein?“


    „Also nee, Leute. Vielleicht würde ich ja gern, aber da gibt es noch ein gewaltiges finanzielles Problem…“


    „Na, für Probleme dieser Art ist Jack Warner, die Dollarmaschine, doch genau der Richtige, oder?“


    „Meinst du?“, fragte ich nachdenklich. Aber ich war mir im Grunde ganz sicher, dass ich mich nicht in die Abhängigkeit von so einem begeben wollte. Oder ihm auch nur Dankbarkeit würde schulden müssen.


    „Also, ich finde“, sagte Kristian, „wir sollten so allmählich mal überlegen, was wir dem Präsidenten vorschlagen wollen. Denn dass der von selbst eine gute Lösung für die Cheftrainer- und Managerposition findet, glauben wir doch wohl alle nicht!“


    Allgemeines Nicken. Insofern bestand zweifellos Einigkeit. Aber je später der Abend wurde, je mehr Bier und Whisky den Weg von den Hähnen und Flaschen hinter der Bar in die Hälse vor der Bar gefunden hatte, desto unbrauchbarer wurden die Vorschläge. Am Ende gingen wir mit dem Beschluss auseinander, dass jeder mal selbst über mögliche Lösungen nachdenken sollte.


    Inzwischen fand ich auch etwas, das ich als geeignetes Geburtstagsgeschenk für Sabrina ansah. Etwas ganz Persönliches, und nicht einmal teuer.



    Sabrina sah mich zwar etwas scheel an, schien sich aber dennoch zu freuen, und wir verbrachten einen netten Tag zusammen mit Lukas auf dem Spielplatz und abends vor dem Fernseher. In einer Werbepause kam sie sogar von selbst einmal auf das Thema Fußball zu sprechen.


    „Ist da eigentlich etwas dran, dass du einen Trainerjob beim VfB übernehmen willst?“


    Anscheinend beschäftigte diese Frage inzwischen ja wohl jeden in meiner Umgebung. Aber ich reagierte ausweichend. Sie hielt mir ja schon seit Langem vor, ich sollte endlich mal meine finanziellen Probleme regeln, um einer halbwegs einträglichen Arbeit nachgehen zu können. Vier Jahre musste ich noch auf meine Restschuldbefreiung warten, wenn ich das Insolvenzverfahren komplett und erfolgreich bis zum Ende durchlaufen wollte. Eine andere Lösung wäre es natürlich gewesen, wenn man die Gläubiger irgendwie abfinden konnte. Aber angesichts der immensen Schulden, die ich hatte, fiel mir dazu überhaupt nichts ein. So machte ich einstweilen das weiter, was ich zurzeit am besten konnte: das Training mit den Jungs und die Arbeit in meinem Büro.


    „Hi, Marius.“ Eine Durchsicht unserer Spielerverträge veranlasste mich, unseren Amateurtrainer anzurufen. „Ich sehe gerade, dass die Reservisten Dober (LV), Klingler (RM) und Unverdorben (ST) ab Juli ohne Vertrag sind. Gaston wird sich einen cavolo darum gekümmert haben; machst du diese Dinge jetzt oder Daniel?“


    „Daniel Lippmann? Du meinst, weil er vorübergehend die Erste trainiert? Nee, das sieht er nicht als seine Aufgabe an. Eigentlich müsste Jérôme selbst sich darum kümmern, aber wahrscheinlich steht der nur den ganzen Tag auf dem Golfplatz oder bei irgendwelchen Dinnerpartys rum.“


    „Und du? Meinst du, wir sollten mit den dreien verlängern?“


    Marius überlegte. Dann sagte er: „Nein, ich glaube nicht. Aber ich finde es gut, wenn du dich dieser Sachen annimmst. Ich gehe sowieso davon aus, dass Jérôme dir gern Aufgaben wie Buchhaltung, Organisation und Teile des Managements übertragen wird.“


    „Okay“, sagte ich und war wenig später selbst über mich überrascht, „dann mache ich das ab jetzt einfach mal!“


    Und die drei Verträge wurden nicht verlängert, weil ich die Spieler (Stärke 41 bis 45) für entbehrlich hielt. Da ich aber meinte, es wäre guter Stil, ihnen das persönlich zu sagen, tauchte ich am folgenden Tag beim Männertraining auf und informierte die drei Betroffenen.



    Was ich nicht bedacht hatte: zurzeit wurden Spieler und Trainer permanent von Journalisten umringt, die wissen wollten, wie es mit dem VfB weiterging. Und als die mich erblickten, rannten sie auch gleich auf mich los.


    „Hey Malte, alter Knabe, stimmt es denn, dass du hier jetzt zum Manager des Vereins aufsteigst?“, schallte es mir schon entgegen, ehe ich mich irgendwo hätte verdrücken können.


    „Für Sie immer noch Herr Womerde, Rob Referee!“, entgegnete ich. „Aber wenn Sie etwas Genaues wissen wollen, dann werden Sie wohl den Präsidenten fragen müssen. Und ich vermute mal, der sagt es Ihnen schon von ganz alleine, sobald er eine Lösung des Problems gefunden hat. Hier wird nämlich nichts überstürzt.“


    Erwartungsgemäß wollte er sich damit nicht zufrieden geben, aber just in diesem Augenblick erspähte ich jemand anderen am Spielfeldrand, den ich hier nicht erwartet hatte. Kurzentschlossen ließ ich die Journalisten stehen und ging zu ihm hinüber.


    „Moin Alex.“, begrüßte ich ihn.


    „Moin Malte. Schön dich zu sehen.“


    Ich war Alex Fischer nicht mehr begegnet, nachdem er mir mit der Organisation des Boxkampfes aus der finanziellen Bredouille geholfen hatte. Umso mehr freute es mich, ihn hier heute wieder zu treffen. Um der Meute zu entgehen, zogen wir uns in einen Raum neben dem Spielertunnel zurück.


    „Was verschafft mir die seltene Ehre? Leider habe ich hier jetzt keinen Single Malt griffbereit!“


    „Nee, lass mal, den gönnen wir uns schon noch bei passender Gelegenheit.“ Dann kam er direkt zum Thema. „Malte, du brauchst mir nichts vorzumachen: du steckst in der Klemme!“


    „Woher… was meinst…?“


    „Bemüh' dich nicht, ich weiß Bescheid. Du hast Schulden in sechsstelliger Höhe. Und solange du die hast, bist du auf die Almosen des VfB-Präsidenten angewiesen.“ Er hielt inne, aber ich sah ihn nur stumm an, bis er weitersprach. „So, und jetzt komme ich und werde dir helfen!“


    Da war ich denn doch platt.


    „Wie willst du das machen?“


    „Nun, das ist nicht schwer. In meiner Branche sind Insider-Informationen das A und O. Ich kenne deine Gläubiger, und ich kenne übrigens auch deinen Treuhänder. Sagt dir vielleicht dieses Papier etwas?“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Wo hast du das denn her?“


    „Das spielt jetzt keine Rolle. Entscheidend ist doch, dass da – wenn auch etwas schlecht zu lesen – eine Zahl steht: 45.561 Euro. Das ist der Betrag, den du von Antenne Bayern jährlich erhältst.“


    Ich kam aus dem Staunen gar nicht heraus. Es stimmte ja, dass mir eine Verlängerung des Sponsorenvertrages angeboten worden war, aber das Angebot hatte ich irgendwo verkramt und vollkommen vergessen.


    „Tja, wenn du deine Finanzen nicht im Griff hast – deinem Treuhänder entgeht nichts. Zufällig ein guter Kumpel von mir. Er hat den Vertrag für dich verlängert.“


    Jetzt begann ich mich doch ein bisschen zu ärgern. „Was willst du?“


    „Oh, nichts Anstößiges!“ Er hob abwehrend die Hände. „Im Gegenteil: ich schlage dir einen Deal vor. Einen Deal, von dem wir beide profitieren.“


    „Und der wäre?“


    Er schmunzelte verschlagen. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich ihn mochte. Was auch immer jetzt kam, ich würde aller Voraussicht nach zuschlagen müssen. Und wollen.


    „Pass auf: du übernimmst das Management des VfB Lübeck, und ich kümmere mich um diese lästige Angelegenheit mit deinen Schulden. Als Gegenleistung wirst du mir einen Gefallen tun, sobald du die Gelegenheit dazu hast.“


    „Jetzt mach es nicht so spannend!“


    „Du lässt das Lohmühle-Stadion zu einer Arena mit 80.000 Sitzen ausbauen. Und wem du den Auftrag dazu erteilst, das brauche ich dir jetzt sicher nicht mehr zu verraten.“

  • 41. Teil: Saisonstatistiken
    (1. Juni 2013)


    Einstweilen sprach ich mit niemandem über dieses Angebot von Alex Fischer. Einerseits fürchtete ich nichts so sehr wie gutgemeinte Ratschläge, außerdem war ich mir noch keineswegs sicher, dass Alex das wahrmachen würde. Ich befasste mich inzwischen lieber mit allen Informationen, die mir der Computer hergab, sei es über Vereinsinterna oder über alles, was am Ende der abgelaufenen Spielzeit interessant war.


    In der Bundesliga war Leverkusen hinter den Bayern Zweiter geworden. Werder fand sich nur noch auf Platz 5 wieder, Hertha und Nürnberg mussten absteigen. Dafür wechselten Jack Warners Sechziger zusammen mit Augsburg ins Oberhaus. Begleitet wurden sie von Eintracht Frankfurt, die in der Relegation über Cottbus triumphierten. In der Dritten Liga war Holstein Kiel schlussendlich auf dem vorletzten Platz gelandet, sodass wir in der nächsten Saison wieder mit zwei heißen Derbys rechnen durften. Dabei fiel mir ein: hatte Alex Fischer nicht irgendwas darüber angedeutet, dass er ein Holstein-Fan war?


    Marius Mattle und seine VfB-Reserve hatten ihre Liga zwar souverän gewonnen, durften aber wegen Ganstons verpasstem Aufstieg nicht an den Aufstiegsspielen teilnehmen. Die bestritten stattdessen St. Pauli II, Wilhelmshaven aus der Bremen-Liga und Paloma Hamburg als Hamburger Vertreter. Letztere entschieden das Rennen mit zwei Siegen für sich.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Unsere C-Jugend war nach einem Jahr Fünftklassigkeit als Vorletzter gleich wieder abgestiegen, während die Knirpse der „D“ mit einem 11. Platz die Klasse halten konnten. Die A-Jugend, zu der nun auch Emmo gehören würde, musste sich in der kommenden Saison in Liga drei zu behaupten versuchen. Soweit sich das jetzt schon beurteilen ließ, würde es nicht ganz leicht werden, aber auch nicht hoffnungslos sein. Einige talentierte Jungs – darunter auch Pan, Lan und Kevin – blieben dem Team erhalten, während acht Spieler altersbedingt ausschieden:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Von ihnen bekamen Nagel, Köppel, Strauss und Heidel Verträge für die Männer-Reserve, außerdem der 18-jährige Hans-Jörg Mohr (RV). Es versteht sich wohl von selbst, dass der A-Jugend jetzt mein Hauptinteresse galt – schon allein Emmos wegen. Aber im Detail würde ich mich erst nach Saisonende darum kümmern. Immerhin war der VfB Lübeck im Ranking der nationalen Jugendarbeit auf einem achtbaren 42. Platz gelandet; die Besten im Lande waren auch hier die Münchner Bayern, international ging die Auszeichnung an den F.C. Barcelona. Wie im Vorjahr errangen die Bayern auch drei deutsche Jugendmeisterschaften, nur bei der C-Jugend sicherte sich der VfB Stuttgart den Titel.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Die erste Mannschaft des VfB Lübeck konnte in der Abschlusstabelle der Regionalliga Nord immerhin mit ihrem gewaltigen Torverhältnis beeindrucken. Topscorer der Liga war Denis Wolf mit 23 Toren, sein Stürmerkollege Martin Willmann landete mit 16 Toren auf Platz 4. Auch Holger Lemke (RA) und Kevin Kluk (ZM) kamen mit je 12 Treffern auf beachtliche Plätze 13 und 14; Letzterer war zudem häufigster „Spieler des Spiels“ mit neun Nominierungen. Bei den Spielerauszeichnungen wurde ebenfalls deutlich, dass man sich für die neue Saison vor allem zwei Namen merken musste: Kluk wurde mit einem Notenschnitt von 2,31 als bester Spieler ausgezeichnet, Wolf mit 113 Trikots als Liebling der Fans. Notenbester Torhüter der Liga wurde unser René Melzer. In der Fairplay-Wertung gab es diesmal eine leichte Verbesserung auf Platz 14, und die Finanzen nahmen sich dann am Ende doch noch einigermaßen akzeptabel aus. Am 30. Juni informierte Jérôme mich sogar darüber, dass der Verein die Saison mit einem Gewinn von 129.000 Euro abgeschlossen hatte; das war ein Nettogewinn von 45.300 Euro nach Abzug der Steuern. Zugleich bedeutete es auch eine Lizenzerteilung ohne Auflagen.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Im Mittelpunkt stand im Monat Juni aber der Confed-Cup, an dem diesmal Deutschland als Vertreter Europas teilnahm. In der Gruppenphase gewannen wir gegen Brasilien, Neuseeland und Gambia, aber im Halbfinale war dann mal wieder gegen Spanien (0:2) Schluss. Die Spanier schlugen Brasilien 3:0 im Finale, wir wurden mit einem 2:0 gegen Uruguay Dritter und führten danach – oh Wunder – die FIFA/Coca-Cola Weltrangliste vor England, Italien und Spanien an.


    Ebenfalls noch vor dem Saisonende ließ ich zwei Reservespieler wechseln (Vallianos, LM, nach Georgien und Ulaga, ST, nach Italien). Von Gottfried Ehrenreich (RM), Emmos Mentor, der ein Angebot aus Ferrara erhielt, mochte ich mich hingegen nicht trennen. Und ganz zum Schluss erstellte ich dann auch wieder die Leistungsliste „meiner“ B-Jungs.



    (Quelle: eigene Tabellengrafik)



    42. Teil: Bestandsaufnahme
    (1. Juli 2013)



    Das war ja mal nicht schlecht! Gut, ich tauchte erst im zweiten Absatz auf, bis zu dem nur die wirklich Interessierten weiterlasen, aber es war doch besser als nichts. Und das Beste von allem war, dass ich tatsächlich einen echten Anstellungsvertrag beim VfB Lübeck hatte! Keine Ahnung, wie Alex Fischer das hingekriegt hatte, ich wollte es auch nicht wirklich wissen. Nur einmal lief mir ein eigenartiger Schauer über den Rücken, als mich zu später Stunde jemand anrief, ohne seinen Namen zu nennen.


    „Das war sehr schlau von dir!“, sagte eine gepresste Stimme, die mir entfernt bekannt vorkam. „Wir sind dir stets zu Diensten, wenn du uns brauchen solltest. Aber wie es aussieht, bist du ja jetzt erst mal wieder obenauf. Här här här.“ Die letzten Töne hörten sich an wie das Lachen eines Menschen, der schon länger nicht mehr wusste, was Lachen ist.


    Auf dem Vereinsgelände des VfB Lübeck herrschte ferienbedingt allgemein eine ziemliche Ruhe. Die Junioren trainierten noch nicht wieder, mit Ausnahme derer, deren Eltern sich einen Urlaub nicht leisten konnten. Zu ihnen gehörten auch Kevin und Emmo. Die beiden konnte man täglich mit ein paar anderen auf dem Jugendtrainingsplatz treffen. Sie freuten sich immer, wenn ich bei ihnen vorbeischaute, und ich freute mich, dass die Brüder nun wieder zusammen in einem Team spielen würden.


    In der ersten Juliwoche traf ich mich auch erstmals nach langer Zeit wieder mit Jérôme auf dem Travemünder Golfplatz. Mein Handicap verbesserte ich dabei zwar auf 24, aber der Präsident schlug mich diesmal mühelos. Das war allerdings kein Wunder, denn ich war die ganze Zeit nur am Staunen, was Alex Fischer aus dieser Golfanlage gemacht hatte! Den Sekt gab es zwar nur am 19-ten Loch, das dafür aber über eine sich dem Sonnenstand anpassende Terrasse verfügte. Ferner phosphoreszierten nicht nur die Greens, sondern das gesamte Fairway, was durch Einsparungen beim Flutlicht im Winter die Ökobilanz verbesserte. Am besten gefiel mir aber, dass überall im Rough kleine Brunnen zum Finger- und Ballwaschen versteckt waren, die mit dem gereinigten Wasser aus der rundumlaufenden Drainage betrieben wurden.



    Danach traf ich mich nacheinander mit allen drei Trainern, um jeweils ihre Ziele, ihre Wünsche und ihre sportliche Situation mit ihnen durchzusprechen. Als neuer, mit allen erforderlichen Vollmachten ausgestatteter Manager machte ich mich an die Planungen für die neue Saison. Natürlich fand das erste Gespräch mit Daniel, dem neuen Cheftrainer, statt.


    „Wie siehst du eure Situation?“, fragte ich ihn. „Wo willst du hin und was brauchst du dafür?“


    „Naja, du weißt ja, was Jérôme gesagt hat: Das Saisonziel ist ganz eindeutig die obere Tabellenhälfte. Aber es ist auch kein Geheimnis, dass er und die Fans in Wahrheit erheblich mehr erwarten, nämlich den Aufstieg.“


    „Und? Glaubst du, das ist mit diesem Kader zu schaffen?“



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Wir waren uns einig, dass Briant Alberti im Ernstfall kein geeigneter Ersatz für René Melzer im Tor war, aber andererseits wollte ich Marius' Reservemannschaft nicht den Rückhalt in Gestalt ihres Keepers Felix Lopar (Stärke 50) wegnehmen. Im Mittelfeld kam es natürlich sehr auf Kluk und Winkelmann an, da wäre eine Verstärkung schon ganz empfehlenswert gewesen. Andererseits kam eine Neuverpflichtung gegen Ablösung bei dem bestehenden Budget praktisch nicht infrage.


    „Weißt du, wenn Marius mir wenigstens den Christian abgeben könnte, das wäre schon eine wichtige Verstärkung für die Abwehr.“ Er meinte Christian Kraetschmer (LV, Stärke 60), der noch bis vor einem halben Jahr in der A-Jugend gespielt hatte.


    „Okay“, sagte ich, „das ist eindeutig überfällig, dass Christian bei dir in der Ersten spielt. Ansonsten, Daniel, bitte ich dich: erstell' doch mal eine detaillierte Kaderanalyse! Dann können wir im Einzelnen sehen, wer Potenzial besitzt und wer eher keine Perspektive im Team hat.“


    Das anschließende Gespräch mit Marius über seine zweite Mannschaft verlief ähnlich fruchtbar. Dass er mit Christian seinen besten Verteidiger abgeben musste, sah er vollauf ein.


    „Wenn ich mir etwas wünschen könnte“, sagte er, „dann wäre das ein guter Stürmer und eine Verstärkung für die Innenverteidigung.“


    „Tja“, war meine Antwort, „mit dem Wünschen ist das zurzeit leider so eine Sache. Bei den Saisonzielen hat der Aufstieg der Ersten absolute Priorität. Ich freue mich, wenn ihr wieder oben mitspielen könnt, aber der erneute Ligagewinn steht diesmal eindeutig nicht im Fokus. Um ehrlich zu sein: ich spiele sogar mit dem Gedanken, den einen oder anderen aus deinem Team ziehen zu lassen, wenn angemessene Angebote kommen. Wir müssen Personalkosten sparen, und du hast mit 20 Mann mehr, als du unbedingt brauchst. Notfalls geben wir dir noch Verstärkung aus der Jugend; da sind jetzt nämlich einige sehr hoffnungsvolle Talente dabei.“ Tatsächlich wies das Gesamtbudget einen Minusbetrag von 514.000 Euro auf.


    Und schließlich kam ich natürlich auch noch mit Kristian zusammen. Der Kader der A-Junioren sah tatsächlich sehr stark aus, sodass ich fest mit dem Klassenerhalt in der dritten Jugendliga rechnete. Reginald (RV) und Andrea (ZM), die ich vor gut einem Jahr geholt hatte, waren im Grunde sogar schon Anwärter auf einen Platz bei den Männern, aber auch einigen anderen stand eine verheißungsvolle Zukunft bevor. Wieder andere würden wohl kaum oder gar nicht zum Zuge kommen, aber mit diesen Entscheidungen wollten Kristian und ich zunächst das obligatorische Trainingslager abwarten.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)

  • 43. Teil: Erste Mannschaft contra A-Jugend
    (4. Juli 2013)


    „Sag mal ehrlich“, setzte Kristian an, nachdem wir noch so einiges Organisatorische besprochen hatten, „bist du damit zufrieden, wenn du jetzt hier nur das Management machst? Hättest du nicht auch diese Saison Lust, ein Team zu leiten?“


    Oh ja, er kannte mich da wirklich bereits ganz gut. Natürlich tat es mir schon leid, dass sowohl die A- wie die B-Jugend ihren Kampf um den Verbleib in der dritten Liga ohne mein aktives Zutun würden bestreiten müssen.


    „Offen gesagt“, fügte er hinzu, „würde ich mich aus privaten Gründen in dieser Saison gern etwas zurücknehmen, nachdem das mit Gaston zuletzt ein ziemlicher Schlauch war. Könntest du dir vorstellen, diesmal die A-Jugend zu übernehmen?“


    Natürlich konnte ich! Ich freute mich riesig! Jérôme ebenfalls dafür zu gewinnen, war eine Kleinigkeit, aber ich sprach auch mit Daniel und Marius, den anderen beiden Trainern, darüber.


    „Wenn ich das mache“, erläuterte ich ihnen, „und zugleich die Geschäftsführung innehabe, dann will ich für mein Team natürlich auch den Bewegungsspielraum haben, der für eine brauchbare Nachwuchsarbeit erforderlich ist. Sprich: Geld für Trainingslager und erforderlichenfalls Verstärkung, außerdem zumindest einen Mannschaftsarzt.“


    Nachdem ich versprochen hatte, dass es auch für die Erste diesmal ein Trainingslager geben würde – und zwar eines, das ihnen vor allem fitnessmäßig wirklich etwas brachte – , hatten sie keinerlei Einwände. Überhaupt vereinbarten wir eine ausgesprochen kooperative sportliche Führung. Und ich ging meine neue Aufgabe mit vollem Eifer an.


    Nach einem Laktattest der Männer, dessen Ergebnisse nicht sonderlich begeistern konnten, und einem Sponsorentag voller gegenseitigem Wohlwollen ging die erste Woche der neuen Saison zu Ende, ehe wir auf dem Trainingsplatz erneut die erste Mannschaft gegen die A-Jugend antreten ließen.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Schon auf dem Papier kam man nicht an der Erkenntnis vorbei, dass der Stärkeunterschied zwischen diesen beiden Teams durchaus nicht so groß war, wie dies normalerweise der Fall ist. Dementsprechend sahen wir dann ein Spiel, in dem es munter hin und her ging, wobei Daniels Männer technisch und spielerisch eindeutig besser waren. Sie hatten 58% Ballbesitz und wirkten in der ersten Halbzeit, abgesehen von einem Schnitzer des Torwarts, sicher und abgeklärt. Aber als Daniel nach der Pause fast die komplette Mannschaft austauschte, verlor ihr Spiel an Ruhe und Gradlinigkeit, und offenbar nahmen sie den Trainingskick da auch nicht mehr sonderlich ernst. Allerdings mussten die eingewechselten Spieler, allen voran Alberti (TW), Duspara (LA), Steinfeldt (LV) und Okada (ZM), davon ausgehen, dass sie ihre Chance auf einen Platz in der Startelf zunächst einmal grob fahrlässig verspielt hatten.


    Die Presse tat dann das Ihre dazu, der Mannschaft eine bittere Quittung zu präsentieren.



    (Bildquelle: Screenshots FM12)


    Emmo war natürlich besonders stolz darauf, dass das Klatschblatt ein Foto von ihm gebracht hatte.


    „Und eigentlich haben wir ja sogar gewonnen!“, sagte er.


    In der Tat war mir schleierhaft, wie Schiedsrichter Stefan Ningel, der die Partie angeblich ganz hervorragend leitete, dieses Tor zum 1:1 anerkennen konnte. Aber keiner der Spieler auf beiden Seiten nahm die Angelegenheit so ernst, dass die Fehlentscheidung für mehr als erheiternden Gesprächsstoff gesorgt hätte. Nur Daniel war insgesamt mit dem ganzen Spiel nicht zufrieden, aber ich ermunterte ihn: Sein Kommentar gegenüber der Presse war genau richtig gewesen, denn wir standen ja noch ganz am Anfang der Saisonvorbereitung.


    Und dann ging es ins Trainingslager. Zwei Wochen buchte ich für die erste Mannschaft in Walchsee in Österreich, wo vor allem Fitness erreicht werden sollte. Mit Daniel vereinbarte ich, dass drei meiner Jugendspieler mitfahren, also für zwei Wochen in seine Mannschaft befördert werden sollten.


    „Gute Idee“, fand er, „dann haben meine Leute stets die Erinnerung an das schwache Auftreten vom Samstag vor Augen.“


    „Ja, und ich möchte auch, dass die Bindung zwischen Etablierten und Nachwuchs noch enger wird. Wer weiß, in nicht allzu langer Zeit stehen einige von ihnen ja bestimmt schon in einem Team auf dem Platz.“


    Als ich den Jungs die Entscheidung verkündete, gab es ein lautstarkes Hallo, und natürlich wollte jeder sich vordrängen, um dabei zu sein. Aber ich hatte mich längst entschieden, wer diese Chance erhalten sollte.


    „Eins ist mal klar – mitfahren werden drei von euch, die nächstes Jahr aus dem Jugendteam herausfallen. Apropos, habt ihr eigentlich schon eure Passfotos machen lassen?“


    Für die zweite Saison in der A-Jugend musste es nämlich Bilder für die Spielerakte geben. Alle nickten. Hier sind zum Beispiel die von Lan C. Lott, Kevin Winter und Pan Thera (von links nach rechts) zu sehen:



    (Quelle: Screenshots FM12)


    Es gab dann auch nur sehr vereinzeltes Murren zu hören, als ich verkündete, wer dabei sein durfte: Wolfgang Zurawsky (ST) hatte es sich schon aufgrund seiner drei Tore vom Samstag verdient, von Andrea Foggia (ZM) erwartete ich dieses Jahr die größten Fortschritte und schließlich gönnte ich auch Pan (LV) die wertvolle Erfahrung. Alle drei waren begeistert.


    Eine Woche später ging es dann auch für die anderen ins Trainingslager, wenngleich wie immer nur sieben Tage in das lokale Lübecker Quartier. Erstmals fuhren dabei A- und B-Jugend gemeinsam, was Emmo besonders freute, weil dadurch auch Jack und Joe mit von der Partie waren. Indessen schnappte ich irgendwo zufällig eine Liste auf, die die aktuellen Stärken der A-Junioren in der dritten Spielklasse darstellte.



    (Quelle: Screenshot FM12)



    44. Teil: Saisonvorbereitung
    (13. Juli 2013)


    „Herr Womerde, haben Sie einen Augenblick Zeit?“ Das war mal wieder typisch Rob Referee. Ich sammle nichtsahnend die Bälle ein, die die Jungs über den Zaun und ins Unterholz jenseits des Trainingsplatzes geschossen haben, da taucht zwischen den Sträuchern plötzlich dieser Klatschblattpinseler auf.


    „Hm, eigentlich nicht, was gibt es denn?“ Man sollte es sich mit der Journaille ja auch nicht ohne Not verderben.


    „Na, wenn man die Geschichte des VfB so in den letzten zwei Jahren verfolgt hat, dann fragt man sich schon mal: Warum muss der Trainer gehen?, Wie ist Malte zum Manager befördert worden?, etc. Können Sie dazu etwas sagen?“


    Etwas in der Art hatte ich befürchtet. Bis dahin war die örtliche Presse einfach damit zufrieden gewesen, dass Gaston gegangen war, weil es mit dem Aufstieg nicht geklappt hatte, und dass seine Aufgaben nun eben auf Daniel und mich verteilt waren. Mussten sie wirklich mehr wissen? Ich fand: nein.


    „Nun, mein lieber Robbie – sagen wir es mal so: der Präsident, Jérôme Vollborn, schätzt Menschen, die Initiative entwickeln, die etwas bewegen. Das Formale ist dagegen nicht so sehr seine Sache.“ Natürlich erwähnte ich an dieser Stelle nicht, dass sogar Jérômes Unterschrift unter meinem Arbeitsvertrag nicht von ihm, sondern von mir stammte. „Da ist jemand wie ich genau der Richtige für ihn und seinen Verein. Ich habe seine uneingeschränkte Rückendeckung. Genügt Ihnen das als Antwort?“


    Er brummelte etwas, setzte dazu an, sich auf seinem kleinen Block Notizen zu machen, ließ es dann aber doch bleiben. Ich hoffte zuversichtlich, dass meine Offenbarung für eine Notiz im Sport- oder Lokalteil nichts hergeben würde, weil Rob Referee nicht wirklich verstanden hatte, was sie eigentlich beinhaltete. Er drehte denn auch brav ab, als in diesem Moment mein Handy klingelte.


    „8:1 finde ich ein ganz ordentliches Ergebnis.“, berichtete Daniel. „Für den ersten echten Test gegen einen unterklassigen österreichischen Verein kann man zufrieden sein.“


    Die Kicker aus Stegersbach hatten sich alle Mühe gegeben, sich gegen die Lübecker Überlegenheit zu stemmen, aber bis auf einen Moment der Unaufmerksamkeit in unserer Abwehr konnten sie unsere Männer nicht in Verlegenheit bringen. Marcus Steinwarth (LA) war der Mann des Spiels und erzielte drei Tore. Wie besprochen schickte Daniel auch meine drei Jungs - Wolfgang, Andrea und Pan - für die letzten zehn Minuten auf den Platz.



    „Danke“, sagte ich, „ich denke, das war für alle eine lohnende Sache. Hast du für die Zeit dort noch weitere Testspiele geplant?“


    „Ja, eins machen wir wahrscheinlich noch. Aber da will ich dann ausschließlich meinen Kader testen, denn die Saison geht in der Regionalliga Nord ja schon ziemlich bald los.“


    Das stimmte. Am 3. August begann das Abenteuer unter der Überschrift „Nie mehr vierte Liga!“, während die A-Jugend erst am 20. August dran war, und zwar – eigentümliche Parallele zur Vorsaison in der B-Jugend – gegen den Mitaufsteiger 1. FC Heidenheim. Die Woche im Trainingslager machte allen zwar auch diesmal wieder Spaß, aber sie wurden doch deutlich mehr gefordert, als sie das bisher kannten. Allein Lan war wohl noch ein bisschen sauer, dass sein Freund Pan mit den Profis hatte fahren dürfen und er nicht. Abends fielen alle meistens todmüde ins Bett, wenn ich mich noch an mein Notebook setzte und ein paar Entscheidungen zu treffen hatte. Am meisten war mir an einer Verbesserung der finanziellen Situation des Clubs gelegen. So kamen tatsächlich Angebote für zwei junge Talente, Bremser (OM) und Frangen (RM), jeweils zum Marktwert von 5.000 bzw. 21.000 Euro. Beide waren für die Reservemannschaft nicht unverzichtbar, aber dennoch hatte ich einige Mühe, Marius Mattle von der Notwendigkeit des Verkaufs zu überzeugen. An Gehalt konnten wir insgesamt 35.000 Euro einsparen, wenn sie uns verließen, und das erwies sich letztlich als das schlagende Argument. Frangen wechselte zu Wehen Wiesbaden, Bremser nach Campobasso in Italien.


    Sodann gelang es mir, einen Sponsorenvertrag mit Jack Wolfskin für ein Jahr abzuschließen, der beachtliche 50.700 Euro einbrachte. Und um das Geld auch gleich wieder nutzbringend einzusetzen, engagierte ich kurzentschlossen einen Mannschaftsarzt.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ebenfalls in diesen Tagen erreichte mich die Kaderanalyse, die Daniel Lippmann in meinem Auftrag erstellt hatte. Die Ergebnisse waren durchaus interessant: Mit Kluk (ZM) und Herrmann (RV) empfahl er zwei Spieler, die noch zwei Jahre Vertrag hatten, für eine Vertragsverlängerung. Am meisten überraschten mich aber seine Einschätzungen für die Zukunft.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    „Ist das dein Ernst?“ Ich rief Daniel sofort an, obwohl es schon fast Mitternacht war. „Wolfgang soll keine Perspektive haben?“


    „Ja, sorry, Malte. So sehe ich das. Viele Tore kann auch ein schwacher Stürmer schießen, wenn das Team hinter ihm gut ist. Aber guck' dir dagegen mal den Pan an: Aus dem Jungen wird nochmal was, das sage ich dir!“


    Ich sagte ihm, dass ich da doch etwas anderer Meinung war. Das mit Pan freute mich zwar, aber auf Wolfgang würde ich in der Zukunft noch bauen, da war ich mir recht sicher.


    „Wie dem auch sei, Daniel, das sollte auf jeden Fall unter uns bleiben. Auch meinen Jungs hier im Trainingslager erzähle ich erst einmal nichts davon.“ Und dann konnte ich mir nicht verkneifen hinzuzufügen: „Und wir beide, wir sprechen uns noch. Wollen doch mal sehen, ob aus dem Wolfgang nicht noch ein echter Goalgetter wird, wenn er erst Profi ist!“


    Er amüsierte sich, nahm mich aber anscheinend nicht ernst. Na, wir würden ja sehen…


    Meine Jungs gingen indessen außerordentlich vergnügt zu Werke, auch was die kräfteraubendsten Trainingsübungen anbelangte, waren allerdings auch ungewöhnlich schnell platt. Manche von ihnen wirkten sogar einigermaßen unausgeschlafen. Ich wunderte mich zwar ein bisschen darüber, dachte mir aber nichts dabei. Erst am allerletzten Tag des Trainingslagers flog die Geschichte dann doch noch auf, die sie sorgfältig vor Kristian, mir und Daniel Celio geheim gehalten hatten.



    Schuld war, wenn man das so nennen wollte, die Mädchenmannschaft um Emmos Freundin Effie. Natürlich wussten die Mädchen, wie sie zu dem nicht weit außerhalb Lübecks gelegenen Quartier gelangen konnten, einige hatten auch schon Autos – und seien es nur die der Eltern – und so hatten sie sich buchstäblich jeden Abend in das Jugendheim geschlichen, um mit den Jungs zu feiern. Da die Räume der Trainer in einem separaten Gebäude lagen, bekamen wir nichts davon mit.


    Wie sollte man jetzt reagieren? Mit disziplinarischen Maßnahmen, Spielverboten, Geldstrafen in die Mannschaftskasse? Oder mit Verständnis, Kumpelei und dem Verteilen von Lümmeltüten? Ich musste feststellen, dass ich damit echt überfordert war, und verabredete mit Kristian und Daniel, am Abend im Finnegan bei einem gepflegten Drink darüber zu reden.

  • 45. Teil: Eine Familienszene und ein Kneipengespräch
    (21. Juli 2013)


    Am Sonntag war Familientag. Mein Enkelsohn Patrick war vor zwei Tagen zwei Jahre alt geworden, und das wurde bei Kaffee und Kuchen im Hause der Familie unseres Sohnes Simon gefeiert. Auch unsere Tochter Silvia war mit ihrem neuen Freund bereits da, als Sabrina und ich eintrafen. Und der kleine Patrick kam uns schon gleich hinter der Tür entgegengestürmt und fiel Sabrina um den Hals.


    „Alles Gute zum Geburtstag, mein Kleiner!“, sagte sie und wollte ihn gar nicht wieder loslassen.


    Ich stand ein bisschen dumm daneben und sagte deshalb: „Na, du willst die Oma wohl überhaupt nicht mehr hergeben!“ Oh je, das war natürlich schon gleich wieder ein Riesen-Fauxpas!


    „Wenn du noch einmal Oma sagst…“, zischte sie mir zu, während der Kleine dann auch mir ein Küsschen gab.


    „Opa Gedenk?“, fragte er mich unverblümt. Meine Frau meint ja, er käme in zweierlei Hinsicht ganz nach seinem Großvater: indem er immer alles haben will und indem er sich nicht richtig artikulieren kann. „Mittebracht?“, kam noch hinterher.


    „Aber natürlich haben wir dir ein Geschenk mitgebracht. Schau mal, es steht hier draußen!“


    Wir gingen ein paar Schritte vor die Tür, und da stand der große Karton.


    „Vielleicht kannst du ja den Papa bitten, dass er es für dich auspackt.“


    Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie Sabrina sich abwandte. Mir war klar, dass sie an dem Geschenk, das ich für Patrick ausgesucht hatte, mal wieder was auszusetzen hatte. Aber im Gegensatz zu ihr war Simon davon durchaus angetan.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nachdem wir dem Apfelkuchen, der Simons Frau Corinna ein wenig angebrannt war, und einer gekauften Sahnetorte die gebührende Aufmerksamkeit hatten zukommen lassen, gab es ein heißes Turnier an dem neuen Kicker. Während die Mütter mit den Kindern Erziehungserfahrungen austauschten, traten Silvia und ihr Freund, Simon und ich jeder gegen jeden an. Am Ende war es erstaunlicherweise meine Tochter, die alle Spiele gewonnen hatte und die spontan als Prämie ausgesetzte Champagnerflasche bekam, die als Geschenk von irgendeinem Patenonkel auf dem Geburtstagstisch stand.


    „Hey, so kenne ich meine Tochter ja gar nicht!“, sagte ich anerkennend. „Du hast doch für Fußball nie was übrig gehabt.“


    „Hast du eine Ahnung!“, erwiderte ihr Freund. „Sie kickt jetzt neuerdings sogar im Verein!“


    „Ist das wahr?“ Ich konnte es gar nicht glauben. „Das ist ja mal eine echt sensationelle Nachricht. Hier bei uns, beim VfB?“


    „Und nicht nur das.“, schaltete sich da auch Simon ein. „Ich überlege jetzt auch, ob ich von Volleyball auf Fußball umsteige. Jedenfalls bin ich, seit du da beim VfB rummachst, ein echter Fan!“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    So hatte meine neue Tätigkeit doch auch eine positive Auswirkung auf mein Privatleben. Sabrina stand dem Ganzen zwar noch etwas skeptisch gegenüber, weil sie argwöhnte, ich könnte mich auf ein zweifelhaftes Geschäft eingelassen haben (womit sie ja, ohne es zu wissen, auch gar nicht so ganz Unrecht hatte), aber auch sie griff mit uns zum Champagnerglas, als wir Silvias Gewinn köpften und auf die gesamte Familie anstießen.


    „Stimmt es denn, dass du jetzt alle deine Schulden auf einen Schlag los bist?“, wollte Silvia wissen.


    „Ja, das stimmt.“, antwortete ich nicht ohne Stolz. „Ich habe jetzt einen festen Job beim Verein, der auch nicht schlecht bezahlt wird, und nebenbei mache ich noch den Fußballlehrerschein.“ Und auch darauf stießen wir noch einmal an.


    Am folgenden Tag hatte ich einen heftigen Kater. Es war nicht beim Champagner geblieben, wir vier waren am Abend noch im Finnegan versackt, wo wir partout herausfinden wollten, welcher irische Whisky welchem schottischen Whisky am ähnlichsten ist. Daran, wie ich nach Hause kam, würde ich mich vermutlich nicht erinnern, wenn mich nicht ein gemeinsames Erlebnis mit meinem jüngsten Sohn Lukas sehr nachhaltig beeindruckt hätte: Er kotzte die ganze Nacht, weil er zu viel von der Sahnetorte gegessen hatte, und ich – naja…


    Dennoch fand ich mich am nächsten Abend schon wieder im Finnegan ein. Der Montag war hier inzwischen zu so etwas wie einem Stammtischtag geworden, und die meisten Vereinsmitarbeiter und sogar einige der Spieler schauten im Laufe des Abends mal rein. Natürlich wurde vor allem über Fußball gesprochen. Ein aktuelles Thema war die U20-WM in China, bei der die Deutschen gerade einen achtbaren zweiten Platz belegt hatten.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Also, ich muss sagen, die Jugendarbeit scheint mir in Deutschland zurzeit mächtig auf dem Vormarsch zu sein.“, äußerte Kristian, und die anderen stimmten ihm zu. Dann wandte er sich an mich: „Malte, die Region Ostholstein setzt große Hoffnungen in dich!“ Alle lachten.


    Auch über das diesjährige Jugendturnier wurde gesprochen. Ich hatte uns diesmal dafür angemeldet, um zu sehen, wie konkurrenzfähig wir sind. Und siehe da, wir brauchten uns nicht zu verstecken.


    „Gegen Wolfsburg kann man schon mal verlieren“, räumte Kristian ein, „die haben ja schlussendlich auch das Turnier gewonnen. Und die beiden Unentschieden gegen den 1. FC Köln und FSV Frankfurt haben gezeigt, dass die Jungens durchaus Fußball spielen können.“


    „Ja, Mensch, vor allem dieser – wie heißt er: Emmo Winter?“ Der Einwurf kam von Thomas Ehrentraut, unserem frischgebackenen Mannschaftsarzt.


    „Emmo, ja“, sagte ich, „der zieht jetzt durchaus schon die Aufmerksamkeit einiger Vereine auf sich, zumal wir ihm noch keinen Vertrag angeboten haben.“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Na, da solltet ihr aber sehr aufpassen, dass euch den niemand wegschnappt!“


    „Finde ich ja auch. Aber bisher haben Kristian und Jérôme noch Bedenken, weil es sonst zu Problemen mit ein paar anderen kommen könnte. Wir haben da ja tatsächlich so einige Talente im Kader.“


    „Und du meinst, Emmo und seine Eltern halten da einfach still?“


    „Och, ich denke schon. Emmo ist ein ganz lieber Junge, der will gar nicht von hier weg.“


    Aber da unterbrach mich Kristian ziemlich harsch. „Weißt du, Malte, etwas in der Art hast du neulich schon mal gesagt, aber ich glaube, du täuschst dich ein bisschen in dem Knaben. Der hat es nämlich manchmal auch faustdick hinter den Ohren.“


    „Meinst du wegen der Pyjamapartys im Trainingslager? Aber das war doch harmlos!“


    „Sag das nicht. Das haben er und seine Effie ausgeheckt, und einige Eltern haben mich ganz schön angegangen deswegen. Und dann soll da einem ein Rucksack weggekommen sein – vielleicht wäre es ganz gut, wenn du nicht immer nur den guten Kumpel der Jungs spielst, sondern ihnen auch mal etwas genauer auf die Finger schaust.“


    Ich versprach darüber nachzudenken. Eigentlich nahm ich mir vor, Emmo gleich am nächsten Tag darauf anzusprechen, aber dazu kam es dann doch nicht.

  • 46. Teil: Saisoneröffnung
    (25. Juli 2013)


    Die Saisoneröffnung litt unter schlechtem Wetter. Anders ausgedrückt: es goss wie aus Kübeln. Trotzdem war große Spannung bei den Fans zu spüren, und natürlich auch bei den Spielern, die diesmal unbedingt den Aufstieg schaffen wollten. Und wenn man sich die Mannschaftsstärken der Regionalliga Nord so ansah, dann schien das auch nicht unmöglich. Unsere ärgsten Konkurrenten waren die zweiten Mannschaften einiger Bundesligisten, und wie man weiß, müssen die ja zumeist mit stark und häufig wechselnden Besetzungen antreten.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    In der Schleswig-Holstein-Liga sah es für Marius' Reservemannschaft übrigens ganz ähnlich aus. Seine Männer belegten dort den zweiten Stärke-Rang hinter St. Pauli II. Und dann versuchte ich mal etwas, das Gaston Deneuve immer verächtlich abgetan hatte, nämlich ein Probetraining mit Möchtegernfußballern aus der Umgebung. Darin sah ich gleich mehrere Vorteile: Wir machten auf uns aufmerksam, ein paar Fans konnten ihre Leidenschaft für den Verein zeigen und vielleicht gab es ja sogar das eine oder andere Talent zu entdecken. Außerdem kamen etliche unserer Jugend- und sogar Lizenzspieler und amüsierten sich königlich am Spielfeldrand, vor allem wenn einige hoffnungslos Talentlose versuchten, geniale Kunststückchen vorzuführen. Ich ließ es mir nicht nehmen, die Veranstaltung selbst zu leiten, und bekam so nebenbei ein wenig Erfahrung im Umgang mit dem Männertraining. Ich ließ die Kandidaten passen, sprinten und aufs Tor schießen, auch zwei Arten von Trainingsspielchen standen auf dem Programm, aber am Ende konnte man allenfalls von einem der Teilnehmer hoffen, dass er mehr als völlig unbrauchbar war für einen Verein wie den VfB Lübeck. Daniel Lippmann war jedenfalls sehr angetan von ihm.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ich bot ihm einen Vertrag für das Reserveteam für 16.000 Euro an. Die Art, wie er sogleich grinsend einschlug, gab mir dann allerdings doch zu denken und ich hoffte, das Geld hier nicht zum Fenster hinausgeworfen zu haben.


    „Werdet danach jetzt bloß nicht überheblich“, warnte ich die A-Junioren beim ersten Training am nächsten Tag, „keiner von euch kann sich sicher sein, dass er mal bei den Männern spielen darf!“


    Aber ich sah ihnen an, dass einige anders darüber dachten. An Emmo fiel mir auf, dass er jetzt weniger den Kontakt mit Pan, Lan und Ingo suchte, wie das früher der Fall gewesen war. Er und sein Bruder Kevin bildeten vielmehr eine Clique mit Bude und Bekir, den beiden türkischen Jungs; auch Andrea, Hany und Yero waren dabei, und es schien fast, als führten die Winter-Brüder da so eine Art südländische Gang an. Ob Kristian vielleicht doch recht hatte mit den von ihm angedeuteten Bedenken?



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Im Training waren sie dann aber alle mit ungebrochenem Eifer dabei, und Emmo hatte sich dank des Trainingslagers noch einmal deutlich verbessert. Ähnliches galt übrigens auch für Reginald (RV), Bekir (DM) und Kai (TW). Letzterer verdiente sich damit besonders meine Anerkennung, denn wir hatten ja jetzt vier Torhüter und es war klar, dass mindestens einer von ihnen noch würde gehen müssen. 25 Spieler waren ohnehin deutlich zu viele, und wie schon mehrmals in der Vergangenheit war allen auch diesmal klar, dass es wieder eine Kaderreduzierung geben würde.


    „Ich möchte“, hob ich zur Erklärung an, „dass hier ein Konkurrenzkampf stattfindet, der fair ist, der aber auch jedem die Möglichkeit gibt, sein Können unter Beweis zu stellen. Mit 25 Mann geht das definitiv nicht. Ich denke, dass drei oder vier von euch überlegen sollten, ob sie bei einem anderen Verein nicht besser aufgehoben sind.“


    Doch zu meinem Erstaunen reagierten sie diesmal nicht mit Verständnis und folgsamem Kopfnicken, sondern es war ein deutliches Murren zu hören.


    „Hey, Jungs, was ist?“, fragte ich mit Nachdruck. „Brauchen wir vier Torhüter, wenn doch nur einer oder zwei spielen? Will jemand von euch die ganze Saison da, dort hinten am Rand stehen neben seiner Mutti oder der kleinen Schwester und ihnen erklären, warum immer nur die anderen spielen?“


    Einige nickten. Aber irgendwie traf ich nicht bei allen damit den richtigen Ton.


    „Nun lass schon stecken.“, sagte einer, ich glaube, es war Bekir. „Ist ja klar, dass du jetzt aussiebst. Mach's kurz und laber' nicht!“


    Für einen Moment glaubte ich tatsächlich, nicht richtig zu hören. Ich brach ab und schickte sie noch einmal für fünf Runden um den Platz. Am Ende des Trainings rief ich Wolfgang Zurawski (ST) zu mir, der der Älteste war und von dem ich annahm, dass er von allen respektiert wurde.


    „Was gibt es? Ist es wegen der Meckerköppe?“


    Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Habt ihr da eine Gruppenbildung im Team? Gibt es Feindschaften?“


    „Nee, nicht direkt Feindschaften. Aber einige motzen ziemlich viel, das ist nicht so gut.“


    „Pass auf, Wolfgang: Ich möchte, dass ihr einen Mannschaftssprecher wählt. Das ist nicht gleichbedeutend mit dem Kapitän, sondern ihr sollt euch abstimmen und dann zu mir und Kristian und auch anderen im Verein mit einer Stimme sprechen. Hältst du das für machbar?“


    Wolfgang bejahte. Er versprach, mit allen zu reden, und sie würden einen aus ihrem Kreis bestimmen, der sie vertreten konnte. Wolfgang war sogar bereit, das selbst zu übernehmen, wenn es sich ergab. Am nächsten Tag verletzte sich Stephan (RA) beim 5 gegen 2, was alle ein wenig schockte und nach meinem Eindruck den entstandenen Druck herausnahm. Es stellte sich heraus, dass er einen Muskelriss hatte und acht Wochen ausfallen würde. Ich nahm das zum Anlass, den Kader um nicht mehr als zwei Spieler zu reduzieren, und verkündete das auch sogleich. Torge Minkwitz (RV) zeigte sich sehr einsichtig, zumal er bei der Konkurrenz auf seiner Position ohnehin keine großen Erwartungen gehabt hatte. Als ich dann aber auch den Namen Buära Hacioglu (TW) nannte, machten ein paar Jungs auf dem Absatz kehrt und verschwanden schweigend in den Kabinen. Nun, es war abzusehen, dass diese Saison nicht so leicht werden würde, wie ich erwartet hatte.



    Es wurde aber auch noch Fußball gespielt. Daniels Männer gewannen ihr erstes Freundschaftsspiel nach dem Trainingslager gegen den Süd-Regionalligisten TuS Koblenz beeindruckend deutlich mit 5:0. Immerhin 451 Fans sahen sich den Kick an, und das brachte mich darauf, mal nachzurechnen, was für einen Zuschauerschnitt wir in dieser Saison erwarten konnten.



    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Ich fand diese Kalkulation realistisch, aber sie ließ auch noch Spielraum nach oben. Im Vorjahr war das Stadion zu 18% ausgelastet gewesen, sodass ein Umbau noch längst nicht erforderlich wurde. Nun, Alex Fischer musste mit seinen hochtrabenden Wünschen sowieso noch warten. Zugleich wurde mir dabei aber bewusst, dass ich mich wirklich nicht um alles allein kümmern konnte und wollte. Von Jérôme war schon lange nichts mehr zu sehen und zu hören, und wenn ich die A-Jugend trainieren, die Männer-Trainer unterstützen und zugleich die Geschäftsführung und Buchhaltung übernehmen sollte, dann brauchte ich Unterstützung. Sonst konnte ich mir den Fußballlehrerschein in die Haare schmieren, von meinem Familienleben ganz zu schweigen. Ich griff also – nach gründlicher Recherche – noch einmal in die Kasse und stellte für die dringlichsten Aufgaben einen Sportdirektor ein.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Tim war schon 67 und damit jetzt ältester Mitarbeiter im Verein, aber er machte einen äußerst abgeklärten und souveränen Eindruck. Ich übertrug ihm gleich als Erstes die Aufgabe, Strafen für Spieler und Jugendliche nach dem vereinsintern festgelegten Strafenkatalog zu bestimmen, außerdem sollte er künftig Spielervorschläge machen und Ablöseforderungen festsetzen. Er kostete das Budget allerdings auch stolze 29.600 Euro. Und auf einen Gedanken wäre ich in diesem Moment nicht im Entferntesten gekommen: dass ausgerechnet er mir einmal den Job streitig machen würde.



    47. Teil: Pokaldramatik
    (1. August 2013)


    Das erste Pflichtspiel der Saison war zugleich der größte Hammer, den wir uns nur vorstellen konnten. Okay, den einen oder anderen hätte ein Zusammentreffen mit den Bayern vielleicht noch mehr aufgeregt, aber zumindest die meisten aus der A-Jugend – mich selbst eingeschlossen – hätten sich keine spannendere Begegnung vorstellen können als die mit dem TSV 1860 München, den Jack Warner gerade nach neun Jahren erstmals wieder in die Bundesliga geführt hatte.


    Zuvor gab es aber noch eine andere Pflichtübung, nämlich die Hauptversammlung des VfB Lübeck. Zuvor hatte ich in Jérômes Büro angefragt, ob er denn überhaupt Wert auf meine Anwesenheit legte, aber das bewegte ihn sogar dazu, mich mal wieder persönlich anzurufen.


    „Nimm's mir nicht krumm, wenn ich mich so selten bei dir melde, aber ich habe zurzeit einfach höllisch viel zu tun. Verpflichtungen, du verstehst…“ Ich verstand nicht, dachte mir aber meinen Teil. „Ja, und was die HV angeht, da bist du natürlich dabei! Und du sitzt selbstverständlich unmittelbar neben mir, dass das klar ist! Daniel Lippmann als Cheftrainer rechts, du links. Da kannst du dich schon mal an das Rampenlicht gewöhnen!“ Und mit einem zweideutigen Lachen legte er auf.


    Um ein Haar wäre ich zu spät gekommen. Der Saal war voll, die Stimmung blendend, auch Jérôme war schon da, die anderen Trainer sowieso. Dann fand ich in meiner Aufregung zuerst gar nicht die richtige Tür, öffnete auf Verdacht eine, hinter der aber gerade irgend so ein Typ aus der Geschäftsstelle mit einer Vereinsangestellten knutschte. Wer war die eigentlich? Ich hatte sie schon mal gesehen und beschloss, das gelegentlich zu klären. Und dann fand ich doch noch die Tür zum Veranstaltungssaal, trat hindurch – und erlebte etwas schier Unglaubliches!



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Meine erste Reaktion war die, mich umzublicken, ob der donnernde Applaus vielleicht jemand anderem galt, der hinter mir hereingekommen war. Aber nein, die meinten anscheinend tatsächlich mich! Verlegen setzte ich mich zu Jérôme, der mir gönnerhaft auf die Schulter klopfte, während der Beifall abebbte. Der weitere Verlauf des Abends war dann aber glücklicherweise unspektakulär.


    Weitaus spektakulärer war hingegen die Begegnung des VfB Lübeck und des TSV 1860 München im DFB-Pokal. Das Lohmühle-Stadion war mit 17.823 Zuschauern praktisch ausverkauft, und Daniel hatte mich sogar gebeten, bei ihm auf der Trainerbank Platz zu nehmen. Die Löwen waren knapp hundert Punkte stärker als wir (656:754), und wir hatten auf dem Papier natürlich eigentlich keine Chance. Aber die wollten wir nutzen! Hier unsere Startaufstellung:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Daniel und ich waren uns einig gewesen, dass das 4-2-4-System aus der Vorsaison auch dieses Jahr für den Kader zunächst einmal das vielversprechendste war. Es kam den Stärken unserer besten Elf am ehesten entgegen und zudem hatten wir so für alle Positionen jeweils guten Ersatz auf der Bank. Verstärkungen hatte es im Sommer nicht gegeben, der vormalige Stürmerstar Deniz Kadah war wegen nachlassender Spielstärke in die Reserve gewechselt. So kannten sich alle gut, waren bestens eingespielt und konnten sich in einem gesunden, aber für niemanden aussichtslosen Konkurrenzkampf beweisen. Was wir sahen, war denn auch ein Pokalfight auf hohem Niveau, in dem unser Team dem drei Klassen höher spielenden Gegner in eindrucksvoller Weise Paroli bot.



    (Bildquelle: Screenshots FM12)


    Okay, wir hätten damit auch zufrieden sein können. Die Mannschaft hatte Moral, Kampfgeist und viele spielerische Qualitäten gezeigt, und am Ende war es natürlich keine Schande, gegen diesen Gegner zu verlieren. Aber da war halt diese ominöse Entscheidung in der Nachspielzeit der regulären 90 Minuten gewesen, und die empfanden wir alle einfach nur als skandalös.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Daniel hatte Sven (IV) gerade erst in der 80. Minute für den nachlassenden Marcel Gebers gebracht, und wenn man unserem Verteidiger glauben durfte, dann hatte er Sascha Rösler bei dem Laufduell nicht einmal berührt. Was der übereifrige Linienrichter da gesehen haben wollte, wusste er wahrscheinlich selbst nicht, aber das erlebt man ja immer wieder, dass die Großen gern mal von den Herrschaften in Schwarz bevorzugt behandelt werden! Rösler selbst äußerte sich gegenüber den Medien übrigens überhaupt nicht. Ich überlegte kurz, ob ich Jack Warner senior anrufen sollte, ließ es dann aber bleiben und beschloss lediglich, ihn eine Weile mit Nichtachtung zu strafen.


    Immerhin hatten wir unsere Fans begeistert und gezeigt, dass wir gut auf die Saison vorbereitet waren. Besonders gut gefiel mir Holger Lemke (RA), der mit einer Ecke und einer Flanke an beiden Toren als Vorbereiter beteiligt gewesen war. Weniger Gefahr kam diesmal über links, wo Marcus Steinwarth (LA) nach einer guten Stunde für Domogoj Duspara weichen musste. Schließlich brachte Daniel kurz vor Schluss auch noch unseren chronisch unzufriedenen Japaner Masami Okada, der diese Einwechslung aber nicht rechtfertigte. Im zentralen Mittelfeld sah ich am ehesten noch Verbesserungsbedarf vor dem Schließen der Transferliste in vier Wochen.



    Schade war natürlich, dass das Spektakel DFB-Pokal damit für uns zu Ende war. Einschließlich der damit verbundenen Einnahmen. Nur Jack freute sich verständlicherweise, dass die Erfolgsgeschichte seines Daddys weiterging, während vier andere Bundesligisten gleich in Runde eins ausgeschieden waren:



    (Quelle: Screenshot FM12)

  • 48. Teil: Ligastart
    (7. August 2013)


    Bevor es auch mit dem Ligabetrieb bei Männern und Jugend wieder losging, gab es noch einiges zu erledigen. So meldete sich Peter Pacult bei mir und wollte Christian Kraetschmer (LV) gern für 200 Teuronen nach Leipzig holen. Donnerwetter, unser Youngster schien da ja einen steilen Aufstieg hinzulegen, wenn jetzt sogar Angebote zu fast doppeltem Marktwert für ihn hereingeflattert kamen! Aber ich sprach kurz mit ihm und legte Pacult dann ein Gegenangebot vor, das er wohl nicht schlucken würde: eine halbe Million, dann wäre Christian sein Mann! Die Absage kam umgehend.


    Am Mittwoch meldete sich dann auch Jérôme mal wieder, diesmal sogar persönlich.


    „Guten Tag, Malte.“, sagte er, als er ohne anzuklopfen mein Büro betrat. Dann sah er sich um. „Wo ist denn dein Sofa geblieben?“


    Ich musste lachen. „Da staunst du, was? Tja, die Sofaritze brauche ich ja jetzt nicht mehr, in die du mir immer so freundliche Nachrichten hast zukommen lassen. Stimmt, ich habe es rausgeschmissen, weil ich hier Platz brauche.“


    „Wofür brauchst du Platz? Für einen Trophäenschrank ist es ja vielleicht doch noch ein bisschen zu früh.“


    „Trophäenschrank – stimmt, das wäre natürlich auch eine Idee. Aber Tatsache ist, dass ich einen zweiten Arbeitsplatz einrichten will. Manche Dinge machen sich einfach am besten, wenn man sich unmittelbar austauschen kann. Die Möbel kommen nächste Woche.“


    „Aha“, machte er vielsagend, „und da hast du vermutlich an Minnie Mangold gedacht, unsere Allround-Bürokraft?“


    Daraufhin schwieg ich. Aber immerhin wusste ich jetzt den Namen dieser Zuckerschnute, die ich vor der Hauptversammlung mit einem Angestellten im Nebenraum erwischt hatte. Minnie Mangold – was für ein Name!


    „Aber du bist bestimmt nicht gekommen, um zu gucken, ob das Sofa noch da ist.“


    „Nein, Malte, pass auf, ich habe eine Entscheidung getroffen und möchte nicht, dass du das falsch verstehst. Daniel Lippmann mag ja durchaus ein fähiger Trainer sein, und wie du ihn unterstützt, gefällt mir gut. Aber wenn wir weiter nach oben wollen, müssen wir professioneller arbeiten. Lange Rede, kurzer Sinn: du konzentrierst dich ab sofort auf das Management, leitest meinetwegen noch die A-Jugend und machst deinen Trainerschein, aber aus dem Männertraining hältst du dich raus. Das teilt sich Daniel jetzt mit einem neuen Mann, auf den ich große Stücke halte.“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Sebastian war 48 und vorrangig Torwarttrainer. Mit der Jugend konnte er ebenfalls gut umgehen, und so war ich mit Jérômes Entscheidung durchaus einverstanden. Ich sprach noch am selben Tag kurz ein paar Sätze mit ihm und kümmerte mich dann am Abend mal wieder um das Thema familiäre Harmonie.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Der Spaß kostete mich zwar 145 Euro, aber Sabrina war begeistert und kaufte sich ein paar Tage später sogar extra ein paar Tanzschuhe (für weitere 329 Euro – das Teuerste daran war vermutlich die gepanzerte Oberfläche gegen meine „Fehltritte“). Am Samstag war dann endgültig der Dauerkartenverkauf abgeschlossen, und Daniel Celio meldete mir Einnahmen in Höhe von 34.500 Euro, nachdem wir immerhin 596 Jahrestickets abgesetzt hatten. Und dann geschah noch etwas Eigenartiges: Ulrich Leitenberg platzte in mein Büro.


    „Ja, kommt denn hier jetzt jeder einfach rein, wie er will?“, fragte ich den Journalisten etwas genervt.


    „Ja – äh, nein, sorry“, haspelte er, „es ist nur, weil doch heute der Ligabetrieb beginnt. Und vorher befragen wir im Auftrag des Kicker alle Manager nach ihrem Tipp für die Saison.“


    Ich schmunzelte. „Ach, die Nummer. Na okay, dann geben Sie mal her!“ Und ich bastelte ihm eine Schlusstabelle, wie ich sie mir in etwa vorstellen konnte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Dass ich die meisten Reserveteams ans Ende setzte, entsprang eher meinem Wunschdenken, aber wen interessierte das schon. Doch dann ging es endlich los. Unser erster Gegner war der TSV Havelse, eigentlich kein Riese in der Ligakonkurrenz, aber sie hatten vor Saisonbeginn ziemlich zu beeindrucken verstanden.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nun, uns beeindruckten sie nicht. Daniels Team gewann mit 3:1 und belegte fürs Erste den dritten Tabellenplatz. Auch Marius' Reserveteam gewann das erste Spiel, und zwar 1:0 gegen den NTSV Strand. Da wollte die A-Jugend natürlich um nichts nachstehen, als es zum Saisonstart gegen den 1. FC Heidenheim ging. Ich erhoffte mir von dem Spiel, dass die Jungs sich wieder auf das besannen, was sie miteinander verband, nämlich auf den Willen, guten Fußball zu spielen und nach Möglichkeit zu gewinnen.


    „Okay, worum es geht, brauche ich euch nicht zu sagen. Saisonauftakt – das ist immer auch schon mal ein Richtungsanzeiger, und wir wollen jedenfalls eins nicht: nach unten. Das können die Heidenheimer heute ruhig spüren! Deshalb spielen wir offensiv, also mit Wolfgang und Bruno als Stürmern, und auch Raphael und Lan sollen über Außen so viel Druck wie möglich machen. Emmo in der Mitte sowieso, aber du verteilst mehr die Bälle und gehst nur ausnahmsweise mal steil. Und die Abwehr: ich verlasse mich auf euch! Alles klar soweit?“


    Es war alles klar. Von der angespannten Stimmung neulich war heute nichts zu spüren. Sie hatten Wolfgang tatsächlich zu ihrem Teamsprecher ernannt, aber der war dann nur zu mir gekommen um zu sagen, dass alles okay sei. Naja, ich ließ das einstweilen mal so im Raum stehen.


    Und sie spielten engagiert, mit viel Einsatz, aber ließen auch klug den Ball laufen, sodass der Gegner eigentlich ständig irgendwie in Unterzahl war. Nach einer halben Stunde brachte die deutliche Überlegenheit auch schon zählbare Ergebnisse: zweimal bereitete Wolfgang vor – einmal nach einer Ecke von Emmo – und zweimal hielt Bruno im richtigen Moment den Fuß hin, Folge: zur Pause stand es 2:0. In der zweiten Hälfte war es dann die reine Freude, wie unbeschwert sie da durch die Reihen des Gegners gingen, es gelang auch so ziemlich jedes Kunststück, und kurz vor Schluss nagelte Stephan (IV) auch noch einen Abpraller unter die Heidenheimer Querlatte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ich war mit jedem von ihnen zufrieden und sagte ihnen das auch. Nur Andrea hatte sich auf der DM-Position irgendwie nicht recht wohl gefühlt. Mit diesem klaren 3:0 belegten wir erst einmal Platz 2 in der Tabelle, und das sah doch gar nicht schlecht aus! Ärgerlich war nur, dass sich am nächsten Tag der vermutliche Grund für Andreas schwache Leistung herausstellte; da wurde bei ihm eine Achillessehnenentzündung diagnostiziert, die sich in dem Spiel vielleicht schon angekündigt hatte. Er fiel für drei Wochen aus.


    Apropos Verletzung: Auch die B-Jugend hatte ihr erstes Opfer, sogar noch vor dem Ligastart. Diesmal hatte es Joe (DM) getroffen. Ohne ihn verlor sein Team 0:1 gegen Energie Cottbus.



    (Quelle: Screenshot FM12)



    49. Teil: Wir müssen reden
    (24. August 2013)



    (Bildquelle: shz.de)


    „Hey, Malte, was sagst du dazu?“, sagte Daniel Lippmann triumphierend, als er mir die Sonntagszeitung ins Büro brachte. „Sind wir gut oder sind wir nicht gut?“


    Nach diesem beeindruckenden Erfolg unserer Männer war die Aufstiegseuphorie praktisch nicht mehr unter dem Deckel zu halten. Aber mir war auch bewusst, dass nur der Erstplatzierte aufsteigen würde, und die Wölfe-Reserve machte gerade nicht den Eindruck, als wollten sie uns freiwillig vorbeiziehen lassen. Außerdem hatte die Saison ja gerade erst begonnen, und am Ende der vorigen konnte man wunderbar sehen, wie knapp und wechselhaft es so zugehen kann.


    „Ja, Glückwunsch!“, antwortete ich deshalb verhalten. Andererseits glaubte ich auch aufpassen zu müssen, dass ich nicht für missgünstig gehalten wurde. Immerhin war nicht auszuschließen, dass Daniel nach einer erfolgreichen Saison den Cheftrainerposten endgültig angeboten bekommen würde. „Weiter so!“, setzte ich deshalb hinzu und rang mir ein freundliches Lächeln ab.


    Mir selbst war derweil nicht so wirklich zum Lächeln zumute. Nach dem gestrigen Spiel war Wolfgang zu mir gekommen und hatte von Querelen innerhalb der A-Jugendlichen berichtet.


    „Da wird unheimlich gepöbelt.“, sagte er. „Stephan haben sie jetzt schon wieder den Rucksack geklaut, und von Raphael behaupten sie, dass er schwul wäre.“ Natürlich wollte ich wissen, wer denn da die treibenden Kräfte waren, aber Wolfgang wollte niemanden anschwärzen. „Wenn sie mich zum Teamsprecher gemacht haben, dann bestimmt nicht, damit ich einzelnen von ihnen Stress mache.“ Und irgendwie hatte er damit ja wohl auch recht.


    Aber die Sache beschäftigte mich doch sehr. Zumal ich vermutete, dass Emmo da nicht ganz unbeteiligt war. Ihn und seine Clique sah ich jetzt häufiger mit vereinsfremden Freunden auf dem Basketballplatz, und das nicht mal immer mit einem Ball. Ob sie allerdings rauchten, tranken oder kifften, konnte ich nicht feststellen; in dem Fall wäre es der konsequente nächste Schritt gewesen, wenigstens einen von ihnen ohne Vorwarnung aus dem Club zu schmeißen.



    So bereitete es mir tagelang Kopfzerbrechen, wen ich am nächsten Dienstag aufstellen sollte. Bekir (DM), der letztes Mal nicht zum Zuge gekommen war, würde ich schon wegen Andreas Ausfall bringen müssen, aber sollte ich Kevin erneut zunächst auf der Bank lassen? Außerdem wollte ich für Hany (TW) diesmal eigentlich Robin Parmander eine Chance geben, und Yero (RM) bot sich auch nicht für die Startelf an, aber damit wären schon – neben Andrea – drei aus Emmos Gruppe nicht von Beginn an dabei. Andererseits fragte ich mich, ob es überhaupt gut war, ihnen eine Sonderbehandlung zu gewähren.


    Am Montagabend sprach ich im Finnegan mit den anderen Trainern darüber, auch Arne und Thomas, der Mannschaftsarzt, waren dabei. Aber es war wie so häufig: jeder hatte eine Meinung, alles, was sie sagten, war gut gemeint, doch letztlich musste ich allein entscheiden, was richtig war. Schließlich entschloss ich mich zu einer Lösung, die ich schon deswegen für die richtige hielt, weil wir so für die Begegnung in Sandhausen reelle Chancen auf ein ordentliches Ergebnis hatten: Ich ließ Wolfgang fürs Erste draußen und trat mit zwei DM an.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Was das Spiel anbetrifft, so ging der Plan einigermaßen auf. Das Führungstor der Gastgeber Mitte der ersten Hälfte glich Bruno (ST) auf Vorlage von Emmo kurz nach Wiederanpfiff aus, dann blieb es beim 1:1. Robin (TW) verdiente sich die Bestnote 1,5 und auch Yero (DM), Wolfgang (ST) und den zuletzt arg gemobbten Stephan (IV) wechselte ich noch ein. In der Tabelle lagen wir nun unmittelbar hinter vier Teams, die beide Auftaktspiele gewonnen hatten, auf Platz 5. So weit, so gut. Aber was war das denn, was sich da kurz nach dem Ausgleich abspielte?



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ich muss sagen, ich war stinksauer auf Bekir, und das sagte ich ihm auch. Schon seit Spielbeginn schob er Frust, das war deutlich zu sehen, und dann kam aus dem Nichts diese Situation, wo er seinem Gegenspieler ohne jeden Grund in die Knöchel trat. Und zwei Minuten später markierte er dann auch noch eine Verletzung, die man wohl kaum als solche bezeichnen konnte. Nach dem Spiel knöpfte ich ihn mir vor und versuchte ihm klar zu machen, dass so ein Verhalten in unserem Team nicht infrage kam. Aber er guckte nur in die Luft und ich wusste nicht einmal, ob er mir überhaupt zuhörte.


    Als ich abends im Finnegan mein Problem ansprach, erfuhr ich, dass auch Daniel gerade so ein Sorgenkind im Team hatte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Als ich ihn damit konfrontieren wollte“, erzählte Daniel, „zuckte er nur kurz mit den Schultern und ging wortlos an mir vorbei auf den Platz. Ich sage dir, dem merkt man an, dass ihm sein Job momentan keinen wirklichen Spaß macht.“


    „Aber das kann ja jetzt echt zum Problem werden!“, sagte ich entsetzt.


    „Exakt.“, erwiderte er. „Ausgerechnet jetzt ist auch Marius Winkelmann (ZM) mit einer Adduktorenzerrung für anderthalb Wochen außer Gefecht, da haben wir ein echtes Manko im Mittelfeld.“


    „Und was schlägst du vor?“


    „Na, wenn es dir recht ist, setzen wir Masami auf die Transferliste, denn so ist er nicht mehr tragbar. Vielleicht findet sich in den paar Tagen bis zum Schließen des Transferfensters ja noch ein Abnehmer für ihn.“


    „Dann sollten wir aber auch unbedingt sehen, dass wir noch rechtzeitig Ersatz bekommen.“


    „Darum wollte ich dich bitten!“


    Tja, was sollte ich tun? Ich sprach als Erstes natürlich Arne an, ob er für den 31. August etwas arrangieren konnte.


    „Aber sicher, mien Jong. Das wird mir ein Fest sein!“ Er hatte richtig Vergnügen daran, etwas hinter den Kulissen zu lancieren, was mir auf den letzten Drücker vielleicht noch ein paar Optionen verschaffte.


    Da wir praktisch keinen Spielraum für Ablösebeträge hatten, gab ich dann noch den Reservespieler Henrik Sirmais (OM) für 2.500 Euro an den OSC Vellmar ab; der 22-jährige Deutsch-Däne war in der Zweiten ohnehin nur Ersatz. Masami Okada aber ließ ich in meinem Büro antreten und erklärte ihm unumwunden:


    „Soso, dein Job macht dir zurzeit keinen Spaß? Ich werde dir Grund geben, keinen Spaß zu haben! Morgen früh meldest du dich bei Marius Mattle zum Training mit der zweiten Mannschaft!“


    Das saß. Falls es Arne noch gelang, einen Interessenten für ihn zu finden, dann würde er gehen, das war mal sicher.

  • 50. Teil: Das Ende der Transferperiode
    (31. August 2013)


    Am 31. August wurde ich morgens von lautem Geplärre geweckt. Es kam – in sehr unterschiedlicher Art und Weise – aus zwei verschiedenen Kehlen: die eine gehörte meinem Sohn Lukas, der Blähungen, eine volle Windel und eine schlecht gelaunte Mutter hatte; die andere gehörte eben dieser Mutter, die sich fürchterlich aufregte. Nun, ich bin mir nicht ganz sicher, ob es mir noch gelang, es so aussehen zu lassen, als hätte ich den ersten Geburtstag unseres Jüngsten nicht vergessen. Zwar dauerte es fast eine halbe Stunde, aber dann fand ich doch noch, was ich suchte: einen Stofftier-Storch, den ich eigentlich hatte wegwerfen wollen, der nun aber als eigens dafür angeschafftes Geburtstagsgeschenk deklariert wurde. Leider trug er ein fest angenähtes Trikot des Kieler S.V. Holstein (weshalb ich ihn ursprünglich entsorgen wollte), aber Klein-Lukas schloss ihn begeistert in die Arme und brachte sogar einen Laut hervor, den man entfernt für „Papa“ halten konnte, was Sabrinas Laune nicht eben verbesserte.



    Aber dann erklärte ich ihr, dass ich unbedingt ins Büro musste und wohl auch kaum vor Mitternacht wiederkommen würde. Es waren die letzten 24 Stunden der Transferperiode! Kaum saß ich am Schreibtisch, hatte ich auch schon den PC angestellt, das Handy auf Empfang und den Festnetzhörer in der Hand. Und ich brauchte auch gar nicht lange zu warten; Arne hatte offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Nach und nach trafen Infos über Mittelfeldspieler ein, die günstig zu haben waren und mehr oder weniger in Betracht kamen. Der interessanteste, Stefan Grummel aus Essen, war mir allerdings zu teuer, aber ein 31-jähriger DM, der ebenso gut ZM spielen konnte, kostete fast nichts, und bei einem weiteren, der schwächer, aber auch deutlich jünger war, bot ich ebenfalls mit. Andererseits kam gegen Mittag auch ein Angebot für Masami Okada knapp unter seinem Marktwert, und da zögerte ich nicht und schlug zu.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Als es dann Mitternacht schlug, hatte ich Tim Jerat von Arminia Bielefeld und Michael Wolters aus Brandenburg unter Vertrag, während Okada für 16.000 Euro zu Fortuna Chemnitz wechselte. Holger Lemke ließ ich hingegen selbstverständlich nicht ziehen – was sollte er auch beim BSC Brandenburg, den wir gerade mit 8:1 abgefertigt hatten? Ziemlich erschöpft, aber durchaus zufrieden sah ich mir anschließend noch die übrigen Transfer-Nachrichten durch, von denen ich allerdings nur eine einigermaßen interessant fand:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Am nächsten Tag ließ ich es mir nicht nehmen, die Neuen persönlich zu begrüßen, und stellte fest, dass die anderen über die Verstärkung sehr froh waren. Masami hingegen schien niemand zu vermissen. Zugleich konnte ich Kevin Kluk gratulieren, denn er war zum Fußballer des Monats August gewählt worden. Anschließend brach die Mannschaft nach Meppen auf, wo sie mit einer glanzlosen, aber soliden Leistung 2:1 gewannen; Tim Jerat (ZM) spielte von Beginn an.


    Für den folgenden Montag hatte ich einen Jugendtag angesetzt in der Hoffnung, dass das ein wenig Unterhaltung für meine Junioren brachte. Aber es erschien überhaupt nur die Hälfte von ihnen, und Stimmung kam auch nicht auf. Mir wurde allmählich klar, dass ich entweder auf die Zeit setzen oder mir etwas Besonderes einfallen lassen musste. Immerhin war ein auffälliger junger Spieler dabei, Roman Stocker, ein 14-jähriger DM mit der erstaunlichen Stärke von 42 und einem Talent von immerhin fünf Sternen. Ich nahm ihn für die B-Jugend in den Kader auf, und Jack und Joe, die die Veranstaltung beide sehr aufmerksam verfolgt hatten, nahmen sich seiner gleich kameradschaftlich an. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass es zwischen den Jungs der B- und der A-Jugend doch deutliche altersbedingte Unterschiede gab.


    Derweil stand auch bei mir zu Hause nicht alles so ganz zum Besten. Sabrina wich mir immer häufiger aus, wir hatten eine leichte Krise.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Aber darum konnte ich mich jetzt nicht auch noch kümmern. Ich hatte genug eigene Sorgen. Was die A-Jugend im Training sportlich leistete, war zwar durchaus beachtlich, aber es war zu spüren, dass die Jungs immer mehr getrennter Wege gingen. Emmo hatte seine neue Clique, die ihm nach meinem Empfinden nicht gut tat. Aber auch seine alten Freunde veränderten sich. Lan wurde jetzt von allen nur noch Lance genannt, und auch Pan legte Wert darauf, ab sofort mit seinem vollen Vornamen, Panaiotis, angeredet zu werden.


    Hätten Sie wenigstens schlecht Fußball gespielt, wäre mir die Chance geblieben, über disziplinarische Maßnahmen vielleicht etwas zu erreichen, aber davon konnte wahrlich keine Rede sein. Gegen den FSV Frankfurt, der immerhin punktgleich nur einen Platz hinter uns lag, gab es den höchsten Sieg, seit ich bei den Jugendspielen dabei war. Dabei hatte ich Bekir (DM) eine Denkpause verordnet; stattdessen spielte ich heute mit zwei OM. Und unsere beiden zuverlässigen Außenverteidiger Tobias (LV) und Reginald (RV) waren eigenartigerweise gar nicht erschienen; für sie ließ ich Pan, pardon: Panaiotis und Stephan auf ihren angestammten Positionen spielen, während Angelo neben Ingo ein glänzendes Debüt in der Innenverteidigung zeigte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Gunnar (OM) war es, der gleich in der zweiten Minute den Torreigen eröffnete, und zwar mit einem gekonnten Lupfer über den herausstürzenden Keeper der Frankfurter. Tor Nummer zwei nach einer Viertelstunde wurde zwar dem unglücklichen Torwart angeschrieben, aber bei Panaiotis' (LV) Freistoß-Hammer durch die Mauer der Gäste wäre auch dann nichts zu halten gewesen, wenn der Ball ihm nicht noch vom Innenpfosten gegen den Kopf gesprungen wäre. Zwanzig Minuten später stellte Emmo (OM) auf Vorarbeit von Lance (RM) und Wolfgang (ST) den Halbzeitstand von 3:0 her. Gut zehn Minuten vor Schluss gelang dann Wolfgang nach einer Ecke von Lance auch noch das 4:0, und im Gefühl des sicheren Sieges ließ ich Florian Bosch (LV) und Andreas Möder (IV) zu ihren ersten Einsätzen kommen.


    Eine Woche später gab es auswärts – diesmal beim FC Ingolstadt – erneut ein 1:1, und so lagen wir nach vier Spielen ungeschlagen auf einem achtbaren dritten Tabellenplatz.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Dennoch wurden gerade in diesem Spiel wieder die Aggressionen spürbar, die die Jungs mit sich herumtrugen und auf dem Platz herausließen – nicht immer zum Besten des Teams. Bekir stand wieder im defensiven Mittelfeld neben Kevin, und gleich in der ersten Minute ließen sie Angelo (IV) sehr schön steil laufen, sodass der auf Vorarbeit von Emmo das 1:0 markieren konnte. Aber irgendwie blockierten sie das Spiel über die Außenbahnen, und ich hatte sogar den Eindruck, dass es da Stress mit Raphael (LM) gab. Jedenfalls ließ der sich unvermittelt zu einem Kopfstoß gegen einen Gegner hinreißen und sah dafür völlig zu Recht die Rote Karte.


    So konnte das nicht weitergehen; es musste etwas passieren!



    51. Teil: Seitensprünge
    (14. September 2013)


    Die B-Jugend hatte übrigens mit dem neuen DM, Roman Stocker, im vierten Spiel den ersten Punkt geholt, fasste in der Liga aber nach wie vor nicht Tritt. Doch darum konnte ich mich nicht auch noch kümmern, so leid es mir für Jack und Joe und ihre Freunde tat. Ich wusste mitunter sowieso nicht mehr, wo mir der Kopf stand, und dann wurde mir auch noch Schwarz auf Weiß klar gemacht, dass ich manche Dinge einfach nicht mehr richtig im Blick hatte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ich stürmte sofort hinaus und suchte nach Marius Mattle, bis ich ihn schließlich auf dem Trainingsplatz fand.


    „He, Marius!“, rief ich schon von fern. „Was soll das? Nimmst du mir jetzt ungefragt meine Jugendspieler weg?“


    Er guckte zuerst nur irritiert, als wüsste er nicht, was ich meinte.


    „Du hast tatsächlich in deinen letzten beiden Spielen meine Außenverteidiger, Tobias und Reginald, eingesetzt, ohne vorher mit mir zu sprechen?“


    „Hey, hey, Moment mal.“, sagte er und wirkte sogar ganz ruhig dabei. „Du selbst hast gesagt, du würdest mir Verstärkung aus der Jugend geben, wenn du Reservespieler gegen Ablöse ziehen lässt. Und so sieht es nun mal aus: Frangen und Bremser sind weg, Sirmais ist weg, Vallianos und Ulaga hast du schon im Juni gehen lassen und die Verträge von Dober, Klingler und Unverdorben wurden gar nicht erst verlängert. Was denkst du denn, wie wir in der Liga bestehen sollen? An Aufstieg wie in der vorigen Saison denkt hier sowieso schon niemand mehr.“


    „Na, nun halt mal die Luft an! Immerhin hast du fünf talentierte Spieler aus der vorigen A-Jugend bekommen, und außerdem sind die Positionen LV und RV bei dir ja wohl nicht gerade unterrepräsentiert. Okay, ich gebe dir noch Dominic Hartmann aus der Ersten für die linke Abwehrseite, aber dann muss es gut sein! Dein Kader ist ausreichend, und vor allem sind das lauter junge Spieler, und es liegt in deiner Verantwortung, etwas aus ihnen zu machen und sie nicht für ein paar Jugendspieler auf der Tribüne sitzen zu lassen.“


    Wütend stapfte ich davon. Das wollte und konnte ich mir dann doch nicht gefallen lassen! Aber als ich dann am Nachmittag Mitte der ersten Halbzeit beim Spiel der Reserve gegen den FC Bremerhaven vorbeischaute, erblickte ich da doch tatsächlich wieder meine beiden Jungs auf dem Platz!



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Okay, ich musste zugeben, dass sie sehr gut mitspielten, und Reginald erzielte in der 39. Minute sogar das 2:0, aber dennoch ärgerte mich die Art und Weise maßlos. Noch bevor das Tor zum 2:1-Endstand gefallen war, war ich schon wieder auf dem Weg zurück in mein Büro.


    „Ach, Malti, nun reg' dich doch nicht so darüber auf.“, sagte Minnie Mangold dazu nur.


    „Du sollst nicht immer Malti zu mir sagen!“ Ich ließ mich in meinen ledernen Schreibtischsessel fallen und fluchte vor mich hin.


    „Na komm, du bist ja ganz verspannt…“


    Tja, was soll ich sagen? Ich weiß gar nicht mehr, wie es angefangen hat, aber um ehrlich zu sein: meine Zeit im Büro ging nicht immer nur für die Arbeit drauf. Minnie Mangold hatte gern, sehr gern, äußerst gern zugesagt, als ich ihr den Arbeitsplatz in meinem Büro anbot, und da kamen wir einander halt so langsam näher…



    Minnie war vielleicht nicht die Hellste, und es kam schon mal vor, dass sie kreischend auf ihren Stuhl kletterte, wenn ihr die Maus runtergefallen war. Aber alles in allem war sie herzensgut und konnte einen auch mal ein bisschen von den unerfreulichen Dingen des Lebens ablenken.


    „Ich kann mir nicht helfen“, fluchte ich weiter, während sie mir den Nacken massierte, „ich empfinde das als Betrug, als Untreue! Als Seitensprünge meiner Spieler und als Nebenbuhlertum meines Amateurtrainers! Das lasse ich mir nicht bieten!“


    Selbstredend fanden Tobias und Reginald am darauffolgenden Dienstag in meiner Aufstellung für das A-Jugendspiel gegen Tabellenführer Greuther Fürth keine Berücksichtigung. Aber sie erschienen auch gar nicht. Stattdessen fand ich eine E-Mail von Marius vor, in der er mir erklärte, ich sollte die Jungs nicht für die Situation verantwortlich machen, er hätte ihnen gesagt, sie sollten Training und Spielen der Jugend fernbleiben. Im Match selbst fehlten sie mir, und erstmals in dieser Saison holten wir in einem Heimspiel keine drei Punkte. In einem zerfahrenen Spiel erzielte Bruno (ST) nach einem schwachen Freistoß von Angelo (IV) wenigstens ein Tor, das uns ein 1:1 sicherte, aber es gab vier gelbe Karten (Panaiotis, Lance, Bekir, Emmo) und kaum Ordnung und Sicherheit im Team. In der Tabelle waren wir nun Vierter.


    Als ich am Abend ins Finnegan kam, traf ich dort zu meiner Verwunderung niemanden aus dem Verein an. Hatten sich denn alle abgesprochen, mich mit meiner A-Jugend auflaufen zu lassen? Nein, ganz hinten erspähte ich dann doch wenigstens meinen alten Freund Arne Rolff, und der hatte wie immer ein offenes Ohr für meine Sorgen.


    „Nee, nee“, ließ er sich vernehmen und wiegte bedenklich sein Haupt, „schön ist das nicht. Das ist nicht schön.“ Leider war er, wie häufiger in letzter Zeit, wenn ich ihn hier antraf, nicht mehr ganz nüchtern. „Aber ich sage dir, im Moment kannst du das nicht an die große Glocke hängen. Kannst du nicht.“


    „Warum nicht? Was meinst du?“


    „Nu, am Sonnabend ist doch das Spitzenspiel. Da kann der Verein keine Unruhe gebrauchen, denn der Vorstand erwartet nichts weniger als einen Sieg gegen die Wölfe. Warte ab bis danach, dann wirst du schon sehen.“


    Er hatte recht. Wolfsburg II lag zwei Punkte vor uns an der Tabellenspitze, und am Wochenende waren sie an der Lohmühle zu Gast. Mir war zwar klar, dass Marius die Gelegenheit nutzen würde, am selben Tag weiter auf meine beiden Außenverteidiger zurückzugreifen, aber für einen Aufstand – auch wenn die erste Mannschaft nicht direkt davon betroffen war – war es komplett der falsche Zeitüpunkt. Gerade auch ich konnte kein Interesse daran haben, dass wir die Aufstiegschancen der Ersten jetzt schon schmälerten, indem wir den Konkurrenten auf fünf Punkte davonziehen ließen.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Und siehe da – wir holten uns die Tabellenführung. Zwar sah es zur Pause noch gar nicht recht danach aus, aber durch späte Tore von Wolf und Willmann wurde das Ding noch gedreht. Zum ersten Mal in dieser Spielzeit standen wir ganz oben, mit einem Punkt Vorsprung auf die zweiten Mannschaften aus Wolfsburg und Bremen. Vor einem Jahr waren wir noch mit 10 Punkten Sechster gewesen, fünf Plätze schlechter. Aber wenn ich mir diese Tabelle so anschaute, dann fieberte ich vor allem dem Derby gegen Holstein am 10. Spieltag entgegen.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Marius Mattles Team gewann die beiden nächsten Spiele gegen Wulsdorf und Heide ebenfalls. Tobias (LV) und Reginald (RV) wechselte er nicht einmal aus, obwohl er Alternativen gehabt hätte. Meine Ratlosigkeit wuchs, zumal ich so wertvolle Talente den Männermannschaften nicht vorenthalten konnte. Das sagte übrigens auch Kristian, der fand, ich sollte doch froh darüber sein. Ich lief hingegen dieser Tage nur missgelaunt und mürrisch herum, einmal rannte ich sogar einen Mitarbeiter der Geschäftsstelle um, der sich dabei einen Knöchel verstauchte. Ich entschuldigte mich sehr bei ihm und fragte mich, wo er mir schon einmal aufgefallen war. Ein gutaussehender Typ, der noch von Gaston Deneuve eingestellt worden war – keine Ahnung, wofür.


    Aber dann begegnete er mir wieder, und das unter weniger erfreulichen Umständen. Weniger erfreulich für mich, dann aber auch für ihn. Das war während des Spiels des VfB gegen Cottbus II. Da fiel mir plötzlich Jack Warner ein und dass sein Sohn ja demnächst auch bei den Männern spielen sollte, wenn es nach ihm ging. Wann wurde der noch gleich 16? Mitte der zweiten Halbzeit verließ ich die Tribüne und stürmte in mein Büro – und auf wen traf ich da? In, sagen wir diskret: unzweideutiger Situation? Mit Minnie, ausgerechnet meiner Zuckerschnute, und ausgerechnet in meinem teuren Chefsessel aus Semianilinleder? Nach einem kurzen Moment beidseitiger Verblüffung schritt ich wutentbrannt durch den Raum, während die beiden sich und ihre Anziehsachen furchtsam gegen die Bürowand drückten. Dann riss ich das Fenster auf, packte den Ledersessel und warf ihn mit Schwung hinaus. So, da war mir schon mal besser. Und dann warf ich den Mitarbeiter raus. Wenngleich nicht aus dem Fenster.



    (Quelle: Screenshot FM12)

  • 52. Teil: Der Ton wird rauer
    (29. September 2013)



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Inzwischen las ich das Klatschblatt – oh, pardon: Kleeblatt – ja immer mal ganz gerne. Einen gewaltigen Schrecken bekam ich aber heute, als ich auf der letzten Seite eine Nachricht unter dieser Überschrift las: „Obdachloser beinahe von fliegendem Stuhl erschlagen“. Dem Text war zu entnehmen, dass ein Betrunkener mit Kopfverletzungen ins städtische Krankenhaus eingeliefert worden war und behauptete, ihm sei ein Schreibtischstuhl auf den Kopf gefallen. Glücklicherweise konnte er sich nicht daran erinnern, wo ihm das Missgeschick passiert war.


    Ob es damit zu tun hatte oder mit der kleinen Geschichte um Minnie Mangold, meinem Streit mit Marius Mattle oder den internen Querelen der A-Jugend, ich hatte zunehmend den Eindruck, von den anderen Vereinsangestellten isoliert zu werden. Im Finnegan traf ich schon seit Tagen niemanden mehr an, Marius stellte weiterhin ungeniert meine beiden Außenverteidiger auf und dann fand ich noch diesen süffisanten Hinweis in meiner Mailbox:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Als wenn mir das nicht bereits mehr als klar gewesen wäre! Natürlich war es eine Überlegung wert, die Besten schon mal vorsorglich unter Vertrag zu nehmen, ehe andere Vereine sie mir wegschnappten. Schon gerade jetzt, wo die Stimmung in der Jugendmannschaft nicht die beste war. In Betracht kamen da vor allem Reginald (RV), Andrea (DM) und Bruno (ST). Auch Lance (RM) und Kevin (DM) waren schon recht weit, und bei Emmo war – obwohl er ein Jahr jünger war – gleichfalls zu überlegen, ob sich nicht eine frühzeitige Verpflichtung empfahl, etwa für die nächste Saison.


    Die A-Jugendspiele Nummer 6 bis 8 bestärkten mich durchaus in der Meinung, dass im Interesse des Vereins gehandelt werden musste. Da gab es in Burghausen, gegen Braunschweig und in Düsseldorf drei Zu-Null-Siege, und was die Jungs da auf dem Rasen zuwege brachten, war durchaus beachtlich. Auswärts hieß es am Ende jeweils 1:0, an der Lohmühle gab es sogar bereits das zweite 4:0 in dieser Saison zu bestaunen. Die Hälfte der Tore schoss Bruno, die anderen gingen auf die Konten von Kevin, Lance und Andrea. Im Tor ließ ich Hany und Robin regelmäßig abwechseln, da sie beide durchgängig gute Leistungen zeigten, aber auch sonst war die Abwehr so stark und sicher, dass ich immer auch mal die Reservisten einwechseln konnte, ohne dass die Siege dadurch gefährdet wurden. Kurz und gut: die Situation war sportlich in dieser Klasse optimal. So war es denn auch kein Wunder, dass wir ab dem 7. Spieltag die Ligatabelle anführten.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Angesichts dieser Lage meinte ich das Richtige zu tun, wenn ich nicht länger zögerte. Natürlich ging das nicht ohne Jérômes Zustimmung, und da er in letzter Zeit weder telefonisch noch persönlich zu erreichen war, schrieb ich ihm eine Mail.



    Vergnügt und guter Dinge verließ ich mein Büro. Dabei ahnte ich nicht, dass ich mich ab sofort für längere Zeit nicht wieder einer so guten Laune würde erfreuen können. Ich muss gestehen, dass ich die Dinge, wie sie sich von da ab entwickelten, in keiner Weise vorausgesehen hatte. Vielleicht war das ja auch gar nicht möglich, ich weiß es nicht. Das Unheil begann schon seinen Lauf zu nehmen, als ich nach Hause kam und mit einer Tatsache konfrontiert wurde, für die ich nun wirklich nicht den geringsten Sinn hatte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Ähm, Schatz“, begann ich zunächst noch vorsichtig, „was ist denn das für ein Gaul da draußen auf dem Rasen?“ Okay, vielleicht hätte ich nicht Gaul sagen sollen.


    „Das ist ein Pferd!“, brandete es zurück. „Und es ist mein Pferd. Weil du ja wegen deiner wichtigen Arbeit keine Zeit mehr für mich hast, habe ich mir eben mal ein Pferd gekauft.“


    Ich glaubte es noch nicht. „Wo, bitte, bekommt man denn mal so eben ein Pferd her?“


    „Von Amazon, wenn du es genau wissen willst. Von Amazon bekommt man praktisch alles.“ Und dann setzte sie noch spitz hinzu: „Vielleicht ja sogar Fußballspieler.“


    „Aber… ich meine, wo willst du diesen…, dieses Tier denn unterstellen?“


    „Dieses Tier, wie du es jetzt immerhin zu nennen beliebst, stellt man nicht unter, sondern man reitet darauf. Und wenn ich gerade nicht darauf reite, dann steht es bei einer Bekannten von Silvia, die in Stockelsdorf ein Gestüt hat.“


    Soso, in Stockelsdorf. Minnie stammte aus Stockelsdorf, aber da bestand ja hoffentlich kein Zusammenhang. Und dass man bei Amazon ein Pferd bestellen konnte, glaubte ich einstweilen auch nicht. Ich wollte gerade mit einer passenden Bemerkung erwidern, als mir mein Smartphone den Eingang einer Mail meldete.



    Das war deutlich. Deutlich war auch, dass Jérôme jetzt wieder zum Sie überging. Das Ärgerlichste aber war, dass er vollkommen recht hatte. Schon seit Wochen schickte mir meine Budget-App immer dieselbe Nachricht:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Dann, dann…“ Ich war jetzt gerade so sauer, dass ich einfach nur hier wegwollte. Sabrina schob ihren Kopf um die Ecke und sah mich herausfordernd an.


    „Dann was?“


    „Dann geh doch einfach mit deinem Gaul nach Stockelsdorf!“


    Ich knallte die Haustür zu, warf dem Pferd im Vorbeigehen einen verächtlichen Blick zu und setzte mich in meinen Ford Capri, um im nächsten Moment mit quietschenden Reifen um die Ecke verschwunden zu sein.



    53. Teil: Fast ein Rausschmiss
    (12. Oktober 2013)


    Wenigstens Minnie blieb mir noch, die freundlich zu mir war. In Situationen wie diesen war sie eine ausgesprochene Wohltat, ohne dass ich das hier näher vertiefen möchte. Sie opferte mir sogar den eigens für sie eingerichteten Arbeitsplatz in meinem Büro und half mir dabei, das Sofa aus dem Nebenraum wieder hereinzuschleppen, damit ich die folgende Nacht darauf verbringen konnte. Dass es bedeutend mehr als eine Nacht werden würde, ahnte ich da noch nicht.


    Am Sonnabend hatten die Männer spielfrei. Tobias und Reginald, meine beiden Abtrünnigen, erschienen wieder beim Jugendtraining, und da sie von den anderen sehr freundschaftlich aufgenommen wurden, sagte ich auch nichts weiter. Stattdessen überlegte ich mir einen, wie ich fand, cleveren Schachzug. Denn mir war bekannt, dass immer maximal drei Jugendspieler in den Männerkader berufen werden konnten, und so sprach ich nach dem Training mal mit Andrea (DM, 50), Lance (RM, 50) und Emmo (OM, 49).


    „Findest du das richtig?“, fragte Emmo, als ich ihm meine Absicht verkündete. „Ich meine, Tobias und Reginald sind echt gut, und wenn du denen das jetzt verbaust, ist das sicher auch nicht in Marius' Sinn.“


    „Aber ihr seid auch gut“, erwiderte ich, „und ihr müsst auch mal eure Chance bekommen. Gerade wo es jetzt mit eurem Team so gut läuft, finde ich es richtig, wenn ihr es mal mit Älteren zu tun bekommt, die völlig anders draufgehen als eure jetzigen Gegner.“


    Am Ende war er, ebenso wie die beiden anderen, natürlich einverstanden und freute sich sogar sehr, für zwei Wochen zur Männermannschaft zu gehören.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Schon am nächsten Tag wurde aber deutlich, dass die Aktion keine so gute Idee gewesen war. Marius weigerte sich nämlich, die drei an sein Team auch nur heranzulassen. So durften sie zwar für zwei Wochen bei Daniels Männern mittrainieren, aber an Spielpraxis war natürlich überhaupt nicht zu denken. Und die Kluft zwischen mir und den anderen Vereinsverantwortlichen hatte ich dadurch noch erweitert. Verdammter Mist.


    „Wenn du mich fragst, hast du es überzogen.“, sagte Daniel Lippmann, als ich ihn direkt auf das Problem ansprach. „Hier hat jeder seinen Aufgabenbereich, und jeder macht einen guten Job. Okay, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen. Besser, du mischst dich nicht bei den anderen ein und siehst zu, wie du die Budgets wieder geradegebogen bekommst.“


    „Aber Marius war es doch, der sich zuerst in meine Arbeit eingemischt hat.“, versuchte ich einzuwenden.


    „Er zuerst, du zuerst – Malte, das hier ist kein Kindergarten! Und ein Spiel ist es schon gar nicht. Wenn du das willst, kauf dir den FM 14 von EA Sports, da kannst du dich mit Problemen auseinandersetzen, die für dich vielleicht die richtigen sind. Das hier ist das real life, und da ticken die Menschen schon mal ein bisschen speziell.“


    „Du meinst…“


    „Pass auf: ich lass die drei bei mir mittrainieren, und ich nehme sie auch immer mal zur Seite und erkläre ihnen, woran sie gezielt üben sollen. Dann haben sie auch was von den zwei Wochen bei den Männern. Aber auf die Bank oder gar auf den Platz kommen sie natürlich nicht.“


    Daniel war schon okay. Er hatte ja recht, und wie sehr er recht hatte, erfuhr ich dann von einem, den ich weit weniger okay fand.


    „Sie dürfen Ihr Büro behalten.“, erklärte Sportdirektor Tim Krause, als er ohne jeden Gruß hereinspaziert kam und sich vor meinem Schreibtisch aufstellte. „Nur der PC wird vom Netz des Clubs genommen.“ Dazu reichte er mir ohne weitere Worte den Ausdruck einer an ihn gerichteten E-Mail.



    Eins musste man Jérôme lassen: An Klarheit ließ er nichts zu wünschen übrig. Auch dass er sich nicht direkt an mich wendete, war durchaus eine Botschaft. Und Tim Krause, der 67-jährige Grufti, dem ich Idiot auch noch selbst diesen Job beim VfB verschafft hatte, war drauf und dran, mich aus der Bahn zu kippen. Nachdem er meinen vermutlich ziemlich blöden Gesichtsausdruck hinreichend genossen hatte, verließ er schweigend das Zimmer und ließ mir das Blatt mit der Mail da.


    Am Abend blieb ich zum ersten Mal einem Spiel der A-Jugend fern. Die Jungs gewannen gegen TuS Koblenz, den Elften der Tabelle, durch Tore von Bruno und Wolfgang sowie einen Elfmeter von Bekir mit 3:0. Tobias und Reginald waren wieder dabei, Emmo zum ersten Mal nicht, ebenso wie Andrea und Lance.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    In der Nacht schlief ich schlecht. Irgendwie träumte ich ständig von Leuten wie Alex Fischer, Jérôme Vollborn, Marius Mattle und Tim Krause, die mich abwechselnd beschimpften oder sich über mein Versagen lustig machten. Zwischendrin erschien wiederholt Minnie im Mini, aber selbst sie entzog sich meinen Wünschen. Als ich endgültig erwachte, war es halb fünf und ich wie gerädert. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, alle Namen von Leuten, mit denen ich reden wollte, auf einen Zettel zu kritzeln. Gegen halb zehn warf ich den Zettel in den Papierkorb und rief unseren Hauptsponsor Universal an. Wäre doch gelacht, dachte ich mir, wenn ich nicht wenigstens einmal noch die Finanzen des Vereins schmälern konnte – und das natürlich nur zu seinem Allerbesten!



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ja, tatsächlich: am nächsten Sonnabend fand das Derby statt! Ich hielt es für eminent wichtig, dass unsere Förderer dabei waren, und der greise Tim Krause, auf den ich jetzt nur noch einen üblen Rochus hatte, dachte natürlich nicht im Entferntesten daran, dem Sponsor Freikarten anzubieten. Nachdem es am vorigen Wochenende beim Aufsteiger Paloma Hamburg erneut nur ein Unentschieden (2:2) gegeben hatte, waren die Wölfe uns wieder einen Punkt voraus, und selbstverständlich musste gegen Holstein Kiel unbedingt gewonnen werden. Aber es war sicher, dass ich diesmal weder neben Daniel auf der Bank noch bei Jérôme auf der Tribüne sitzen würde.

  • 54. Teil: Derby-Tag
    (19. Oktober 2013)


    Die Kieler lagen drei Plätze hinter uns auf Rang fünf und hatten zuletzt durch zwei Unentschieden ihre Chancen auf einen Wiederaufstieg beträchtlich geschmälert. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, ins Stadion zu gehen, aber um ganz sicher zu sein, dass ich niemanden aus dem Verein traf, mischte ich mich klammheimlich unter die Gästefans und landete ungesehen im Fanblock des KSV Holstein Kiel. Hoffte ich zumindest. Wenn mich irgendjemand hier erspähte, konnte spätestens das als Kündigungsgrund herhalten.


    Daniel brachte – wie schon vor einer Woche – den neuen ZM, Tim Jerat, in der Startelf. Kevin Kluk fehlte der Mannschaft mit einem Außenbandriss noch für drei Wochen. Den anderen Neuen, Michael Wolters (DM), sah ich auf der Ersatzbank Platz nehmen. Marcel Gebers (IV) hingegen, der zuletzt formschwach war und sich gerne mal gelbe Karten einhandelte, hätte ich draußen gelassen, aber er lief ebenfalls von Beginn an auf. Dem Programmheft, das ich zum ersten Mal seit zwei Jahren am Eingang käuflich erworben hatte, war übrigens nicht das Geringste über die internen Veränderungen der letzten Tage zu entnehmen.


    „Ey, ich fass' es ja nicht! Jetzt auch Holstein-Fan?“ Ehe ich mich umsehen konnte, wer da so pöbelte, flog mir schon eine flache Hand hart und schmerzhaft auf die Schulter. „Wie kommt es zu dem plötzlichen Sinneswandel – hat Jérôme dich rausgeschmissen?“ Und dann folgte ein Heiterkeitsanfall, der schier kein Ende nehmen wollte.


    „Ach, hallo, Alex, du bist's.“, sagte ich kleinlaut und verfluchte meine Idee, mich hierher zu setzen. Ich hätte wissen müssen, dass Alex Fischer als Holstein-Fan hier auftauchen würde, und der Zeitpunkt war denkbar ungünstig, um an den Deal wegen meiner bereinigten Schulden erinnert zu werden.


    „Oder betreibst zu Fanstudien, weil die Kieler mehr Fans zu ihren Spielen auf die Beine bringen als der VfB?“


    „Äh, ja, genau.“ Für einen Moment erwog ich, mir tatsächlich eine Geschichte dieser Art zurechtzulegen. Aber dann überlegte ich es mir doch anders. „Oder vielmehr, um ehrlich zu sein: die Zuschauerzahlen sind nur ein Problem.“


    „Lass mich raten: du hast mindestens zwei Budgets überzogen und das kann dich den Job kosten?“ Dazu schwieg ich. „Und auf dem Weg von 17.869 zu 80.000 Plätzen bist du auch noch keinen Schritt weitergekommen?“


    „Du, Alex, ich muss dir…“


    „Komm, macht nichts!“ Wieder schlug er mir viel zu kräftig auf den Rücken. „Jetzt bist du erst mal mein Gast im Holstein-Block, und wenn du brav bei jedem unserer Tore aufspringst und jubelst, dann will ich dir nochmal Aufschub gewähren.“ Und wieder lachte er fröhlich.


    Als dann die Aufstellung der Gästemannschaft verlesen wurde, konnte ich vorübergehend vor lauter geschwenkten Fahnen überhaupt nichts sehen.



    Glücklicherweise war Alex Fischer von dem jetzt beginnenden Spiel so eingenommen, dass unser Gespräch zunächst keine Fortsetzung fand. Auf dem Feld ging es munter hin und her, und die Fangruppen provozierten oder veralberten einander gegenseitig mit Sprüchen und Gesängen. Nur Tore fielen nicht, was ich in meiner speziellen Situation durchaus begrüßte. In der 13. Minute unterlief Gebers (IV) ein herber Patzer, aber er hatte Glück, dass der Kieler Sykora (ST) nach seinem Fehlpass überhastet abschloss. Bis zur Pause blieb es beim 0:0.


    „Ehm, Alex, soll ich dir eine Bratwurst mitbringen?“, fragte ich schnell, aber so leicht war ihm natürlich nicht zu entkommen.


    „Nix da, mein Freund. Ich lade dich ein!“


    Also kam es, wie es kommen musste. Bei Wurst und Bier ließ er sich detailliert erklären, wie ich in meine Misere hineingeschlittert war. Angenehmerweise hielt er sich mit schlauen Ratschlägen zurück, und als das Spiel wieder angepfiffen wurde, hatte ich den Eindruck, dass er keineswegs ärgerlich, ja eigentlich nicht einmal wirklich überrascht war.


    „Find ich gut, dass du jetzt auf deine Lizenz hinarbeitest.“, sagte er nur noch. „Durch die Krise musst du wohl durch; hoffentlich kommt es nicht noch allzu dicke.“


    Dicke kam es dann aber für die Kieler Fans. Innerhalb von zwölf Minuten ereignete sich alles, was am Ende zählbar war. Als Wolf (ST) nach einem Freistoß von Kraetschmer per Kopf zum 1:0 für Lübeck traf, konnte ich mich dank mühsamer Beherrschung noch auf dem Platz halten, und beim Kieler Ausgleichstreffer erhob ich mich neben Alex von meinem Sitz und klatschte brav Beifall.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Als dann aber Lemke (RA) nur eine Minute später per Elfmeter die erneute Führung erzielte und die anderen Blöcke des Stadions vor Begeisterung tobten, hielt es mich auch nicht mehr. Immerhin konnte ich mich zurückhalten, in die Fangesänge der Lübecker Fans mit einzustimmen, was mir nicht leicht fiel, als in der 63. Minute Wolf auch noch per Heber über den verdutzten Holstein-Keeper das 3:1 erzielte. Denis Wolf baute damit seine Führung in der Torschützenliste der Liga aus, und bei den notenbesten Spielern belegten wir jetzt sogar drei der ersten vier Plätze. Nur die Tabellenspitze hatte leider immer noch Wolfsburg inne.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Alex verabschiedete sich nach dem Spiel auffallend freundlich von mir.


    „Wird schon werden.“, sagte er und zwinkerte mir zu, was ich nicht so ganz zu deuten wusste. „Wir sehen uns wieder. Und nicht vergessen: 80.000 Plätze!“ Dazu brach er wieder in sein heiteres Lachen aus, dem ich mich nicht so wirklich anzuschließen vermochte.


    Aber als ich angesichts des schönen Sieges im Derby dennoch bestens gelaunt zu Hause ankam, verging mir das Lachen ein weiteres Mal. Denn vor unserer Haustür standen drei Koffer, die mir auffallend bekannt vorkamen, dazu mein Golfbag mit allen Schlägern, meine alte Gitarre und mein großer brauner Fernsehsessel. Was war hier los?



    Auf eine Antwort auf diese Frage brauchte ich nicht zu warten, und ich erhielt sie auch nicht einmal von Sabrina. Denn im nächsten Moment öffnete sich die Haustür, und wer spazierte da heraus? Mit einem grinsenden Seitenblick, als er auf dem Gartenweg an mir vorbeikam? Das war niemand anderer als dieser – ich wusste noch nicht einmal seinen Namen! Das erste Mal war er mir vor der Jahreshauptversammlung begegnet, als ich ihn mit Minnie Mangold in einem Nebenraum erwischte, das zweite Mal hatte er sich bedauerlicherweise durch meine Schuld den Knöchel verstaucht und beim dritten Mal war er seinen Job als Angestellter der Geschäftsstelle des VfB losgeworden. Das also war seine Rache: er hatte mich bei meiner Frau verpfiffen, weil er bei Minnie nicht mehr zum Zuge kam!


    Okay, ich hatte verstanden. Ich räumte meine Sachen in den Capri und verschwand, ohne mich auch nur noch einmal bei Sabrina zu zeigen. Den Sessel, der nicht ins Auto passte, und ein paar andere Sachen würde ich in den nächsten Tagen noch holen lassen.



    55. Teil: Abmarsch
    (20. Oktober 2013)


    Die nächsten Tage verbrachte ich hauptsächlich in meinem Vereinsbüro. Von hier aus beobachtete ich die weiteren Entwicklungen, zu irgendwelchen Spielen ging ich einstweilen nicht mehr. Marius' Zweite verlor ihr Match auf Sylt, bei dem Tobias und Reginald jetzt nicht mehr mitwirken konnten, klar mit 0:3. Dafür holte die B-Jugend, bei der Joe nach überstandener Verletzung wieder dabei war, gegen Düsseldorf im zehnten Spiel den zweiten Sieg und hielt sich auf Platz 11. Mit dem gleichen Ergebnis – 1:0 – schlug die A-Jugend Paderborn, noch einmal ohne Emmo, Lance und Andrea.


    Mitte der Woche klingelte das Telefon, als Minnie gerade auf dem Regal Staub wischte und ich sie versonnen von hinten betrachtete. Ich erkannte die Nummer, die mit 08 begann. Seit ein paar Tagen hatte ich sie regelmäßig auf dem Display, war aber ebenso regelmäßig nicht rangegangen.



    „Ach Minnie“, sagte ich jetzt, einer spontanen Eingebung folgend, „geh du doch da bitte mal ran!“


    „Ans Telefon?“


    „Ja, bitte.“


    „Okay.“ Sie klemmte sich das Staubtuch unter die Achsel und griff nach dem Hörer. „VfB Lübeck, Büro Malte Womerde, Sie sprechen mit…“ Pause. „Ach, Herr Warner, wie nett, dass Sie…“ Pause. „Ja, der ist hier.“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Äh, nein, der ist doch nicht hier. Was? Ach so, na dann herzlichen Glückwunsch. Wie? Bei den Männern? Moment, da muss ich mal … nachdenken.“ Sie hielt die Hand über die Sprechmuschel.


    „Was will er?“


    „Er sagt, sein Sohn hatte Geburtstag. Den Rest habe ich nicht verstanden.“


    „Hm, sag ihm, er soll sich an Kristian Gentner wenden, der macht das jetzt.“


    „Okay. Hallo, Herr Warner? Sie sollen sich an… ach, das haben Sie gehört? Ja, na dann wissen Sie ja jetzt…“ Unsicheres Lächeln. „Aufgelegt!“, sagte sie dann zu mir gewandt.


    Schöner Mist. Jetzt war Jack Warner senior mit Sicherheit ebenfalls nicht mehr sehr gut auf mich zu sprechen. Garantiert hatte er vorgehabt, seinen Filius in die Männermannschaft zu hieven, nachdem der 16 geworden war. Dieses Ereignis gab mir nun endgültig den Rest, und ich entschloss mich, genau das zu tun, was Jérôme mir geraten hatte: mich auf den Erwerb meiner Trainerlizenz zu konzentrieren. Ein Freund aus früheren Tagen verhalf mir zu einer kleinen Wohnung in Bonn, wo ich bis auf weiteres unterkommen konnte. Bonn war zwar nicht gerade meine Lieblingsstadt, aber von ihr war es nicht weit nach Hennef, und an der Sportschule Hennef fanden die Kurse für die Fußballlehrerlizenz statt.



    An dem Wochenende, bevor ich Lübeck in Richtung Bonn verließ, gewann der VfB 2:0 bei Werder II, aber auch die Wölfe waren wieder siegreich und behaupteten die Tabellenführung. Marius verlor erneut, diesmal 0:2 gegen Breitenfelde, was ich nicht ohne ein bisschen Genugtuung registrierte. Und der Kicker veröffentlichte seine Bewertung der Neuzugänge der Liga, wobei ich einräumen musste, dass Michael Wolters (DM) bei lediglich vier Einwechslungen in sieben Spielen noch nicht viel Gelegenheit bekommen hatte, sich auszuzeichnen.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Und noch etwas ganz Erstaunliches geschah, das mir allerdings – wie ich zugeben musste – jetzt gerade sehr gelegen kam. Ich wollte eigentlich schon wieder Minnie ans Telefon gehen lassen, denn im Abwimmeln von Anrufern hatte sie ihre Qualitäten mittlerweile ganz beachtlich gesteigert. Aber dann ging ich zum Glück selbst ran, und um ein Haar wäre ich vor Überraschung rückwärts von meinem Schreibtischstuhl gekippt.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Die schriftliche Bestätigung folgte umgehend. Ob das etwas mit Sabrinas Pferd zu tun haben konnte? Nun, ich fragte nicht, sondern ich schlug zu. Weitere 8.125 Kröten pro Monat konnte ich jetzt ganz gut gebrauchen, zumal die Bonner Wohnung auch nicht eben umsonst war. Am letzten Abend – es war Sonntag, der 27. Oktober – ging ich noch ein letztes Mal ins Finnegan, und wie erwartet, traf ich auch heute dort keinen der anderen Vereinsangestellten an. Doch wie ich da so vor meinem Pils saß (an Guinness konnte ich mich nach wie vor einfach nicht gewöhnen) und wehmütig in die holzverzierte Runde blickte, sah ich plötzlich jemanden durch die Tür kommen, mit dem ich hier am allerwenigsten gerechnet hatte.


    „Hi Malte, ganz allein hier?“


    „Emmo, du? Das nenne ich jetzt aber wirklich mal eine Überraschung.“


    Nicht nur die Tatsache, dass er abends ins Finnegan kam, war ungewohnt. Ich stellte auch fest, dass Emmo sich körperlich verändert hatte. Er war jetzt einsachtundachtzig groß und hatte etwas Schlaksiges an sich, wirkte aber doch sicher im Auftreten und gut durchtrainiert. Komisch, dass ich darauf zuletzt so wenig geachtet hatte.


    „Limettenbrause?“, fragte ich, obwohl ich sicher war, dass es das hier nicht gab.


    Er lachte. „Nee, nee. Ein Bier kann es schon sein.“ Und dann setzte er hinzu: „Aber damit du nicht in Konflikte kommst, nehme ich mal ein alkoholfreies.“


    Wir quatschten eine Weile über meinen Trainerschein, seine Schule und die Aufstiegschancen des VfB, ehe er direkt zum Thema kam.


    „Hat der Präsi dich eigentlich rausgeschmissen oder so was?“, wollte er wissen.


    „Nein, das nicht. Aber es lief gerade manches etwas blöd, und deshalb gehe ich morgen für einige Zeit nach Bonn.“


    „Hat das auch mit uns zu tun.“


    Ich zögerte zuerst. Die Gründe waren ja eigentlich andere. Aber dann sagte ich: „Ein bisschen schon. Das Geld ist das eigentliche Problem. Ich hätte halt gern einigen von euch Verträge angeboten, aber da hat Jérôme mich ziemlich grob gestoppt.“


    „Du hast Angst, dass das Team zerfällt, stimmt's?“


    Ich nickte. „Sag mal ehrlich: was ist da los?“


    Und dann erzählte er mir vielerlei über Jungs mit Migrationshintergrund, über Eltern ohne Sinn für Fußball und darüber, was Handys, Rucksäcke und dergleichen für manche kosten und für andere nicht.


  • 56. Teil: Diplomatie in Bonn
    (28. Oktober 2013)


    Bonn ist die größte deutsche Stadt, die niemals eine Bundesligamannschaft hatte. Aber sie war bis 1991 Sitz der Bundesregierung, und das merkt man bis heute noch. Als ich in Bonn eintraf, hatte ich jedenfalls an allen Ecken und Enden den Eindruck, man fühlte sich hier als etwas Besonderes. Nun, ich war entschlossen, die Zeit hier für mich ganz persönlich tatsächlich zu etwas Besonderem zu machen.


    Fußball gibt es in Bonn allerdings auch. Nur dass der Bonner SC gegenwärtig sechstklassig war, unter schlechten Finanzen und schwachem Prestige litt und in seiner ersten Mannschaft gerade mal 13 Spieler vorweisen konnte. Dass ich hier spannende Matches der Niederrheinliga erwarten durfte, sah ich daher nicht.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Um meine Ausbildung in Hennef erfolgreich abschließen zu können, hängte ich mich in diesen Tagen mächtig rein. Ich lernte ungeahnte Dinge über Taktik, Training, Motivation und vieles mehr. Bis zur Prüfung im April musste ich das alles draufhaben Und tatsächlich ist für jemanden, der dem Fußball verbunden ist, nichts spannender als die ungeahnte Vielfalt von Möglichkeiten, ein Team zu formen, zu trainieren und zu Erfolgen zu führen.



    Es gab praktische, aber auch vielerlei theoretische Lerneinheiten, und in der zweiten Woche stand mir plötzlich, unmittelbar vor dem Beginn eines Workshops über Managementfragen, ein Mann gegenüber, von dem ich bis dahin nur die Stimme gekannt hatte.


    „Also, wenn das nicht mein alter Freund Malt Wommedee ist!“ Doch diese Stimme, die erkannte ich sofort.


    „Mister Warner, wenn ich nicht irre?“, sagte ich artig und reichte dem Ami die Hand. „How do you do?“


    „Oh, alles bestens, mein Freund. Wenn man mal davon absieht, dass meine blauen Löwen nicht so brüllen, wie sie sollten.“ Dazu lachte er laut, ohne dass es fröhlich geklungen hätte.


    „Aber … Sie sind doch bestimmt nicht hier, weil Sie auch eine Profitrainerlizenz machen wollen.“


    „Nein, nein, keineswegs.“ Wieder lachte er. „Im Gegenteil: ich vermittle hier mein Wissen darüber, wie man es im Fußball-Business zu etwas bringt.“


    Tatsächlich, jetzt erkannte ich es auf meinen Unterlagen: der Dozent des gleich beginnenden Workshops war kein Geringerer als er selbst, Jack Warner senior.



    In den nächsten Tagen entwickelte sich zwischen Jack und mir – nun, ich will nicht sagen, eine Freundschaft, aber doch eine starke Verbundenheit. Sein Club, 1860 München, war nach einem eher schwachen Start in die Bundesligasaison zuletzt dank eines 1:0 gegen Eintracht Frankfurt ein wenig von den Abstiegsplätzen weggekommen und stand seit dem 30. Oktober auch unter den 16 Teams, die das Achtelfinale erreicht hatten.



    (Quelle: , bearbeitet)


    Natürlich blieb es auch nicht aus, dass wir auf seinen Sohn Jack zu sprechen kamen. Dazu kam es, als wir uns – wie meistens – in der Bar des Hotels Königshof trafen, wo er regelmäßig bei seinen Aufenthalten in Bonn abstieg. Abgesehen davon, dass er statt ordentlichem Whisky ständig Bourbon trank, waren es zumeist ganz gute Gespräche.


    „Er hat ja nicht unrecht, dieser Jugendtrainer.“, räumte er ein.


    „Kristian Gentner.“


    „Right. Mein Junge soll erst einmal mit seiner Schule klarkommen, dann wird das auch was mit dem Fußball. Vermutlich ist er sowieso besser fürs Management geeignet als für das Kicken auf dem Platz.“ Dazu sagte ich nichts. „Aber was ist eigentlich mit Ihnen? Sind Sie nicht mehr the management vom VfB Lübeck?“


    Als ich ihm erklärte, dass sich durch mein Zutun die finanzielle Lage des Clubs eher verschlechtert als verbessert hatte, war er ehrlich entsetzt.


    „Aber – das müssen wir ändern!“


    Und weil das Gespräch gerade so gut lief, erzählte ich ihm auch noch von meinem Deal mit Alex Fischer und dass er das Lohmühle-Stadion auf 80.000 Plätze ausbauen wollte.


    „Das müssen wir selbstverständlich auch ändern.“, sagte er, und ich war mir nicht sicher, ob er damit die Stadionkapazität oder meine fatale Schuld meinte. „Als Erstes werde ich mal ein wenig dafür sorgen, dass man beim Club meines Sohnes wieder Vertrauen in Sie gewinnt.“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Erst später sollte ich erfahren, dass Jack Warner diese Überweisung mit einem Vermerk versehen hatte, der auf mich als Vermittler der Spende hindeutete. Umso mehr tat es mir für ihn leid, dass seine Münchner Löwen ihre nächsten Spiele sämtlich verloren und damit wieder auf den Relegationsplatz (16.) zurückfielen. Aber wie es schien, hatte ich in ihm immerhin einen wohlmeinenden Unterstützer gefunden, möglicherweise gerade zur rechten Zeit.


    Natürlich verfolgte ich während meines Aufenthalts in Bonn auch die Ergebnisse aller Mannschaften des VfB Lübeck, und überwiegend erwies sich das als sehr erfreulich. Die erste Mannschaft gewann ein Spiel nach dem anderen und übernahm ab dem 12. Spieltag erneut die Tabellenführung. Auch Marius' Reserve fing sich nach drei Niederlagen wieder und die B-Jugend festigte mit drei 1:0-Heimsiegen ihren 11. Tabellenplatz. Die A-Jugend verlor lediglich ein Spiel (0:1) gegen die einzige Mannschaft, die ihr in dieser Liga das Wasser reichen konnte, und zwar gegen den VfL Bochum.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Es läuft super!“, schwärmte Emmo, mit dem ich jetzt regelmäßig telefonierte. „Auch untereinander. Das hat sich echt sehr gebessert.“


    Kristian Gentner hatte offenbar den richtigen Ton gefunden, aber wie ich von Emmo erfuhr, waren die Jungs auch ziemlich erschrocken darüber gewesen, wie plötzlich ich von der Bildfläche verschwunden war. Gegen mich hatten sie nämlich im Grunde überhaupt nichts, wie er mir versicherte. Es gab da halt nur ein paar kleine Streitereien, die nicht zuletzt damit zu tun hatten, dass einige sich Handys und Tablets und dergleichen nach freiem Belieben leisten konnten und andere nicht. Auch Stress in der Schule und mit den Eltern spielte in diesem Alter natürlich eine Rolle. Aber Kristian war es gelungen, sie alle wieder zum Teamdenken zurückzuführen, und die erstaunlichen Erfolge in der dritten Jugendliga taten das Ihre dazu, dass letztlich wieder Ruhe und Harmonie eingekehrt waren. Den Lieblingsfeind der Liga, RB Leipzig, schlugen sie mit einer grandiosen Leistung 4:2 (Tore: Wolfgang, Bruno, Andrea, Emmo), und dann war nach einem 0:0 in Cottbus Winterpause bis Ende Februar. Aus den Infos, die ich von Emmo, Kristian und Daniel Celio bekam, bastelte ich mir wieder meine Statistik über die Hinrunde zusammen. Stephan (RA) war verletzungsbedingt zu keinem Einsatz gekommen und Kai (TW) wegen der allzu starken Konkurrenz im Tor ebenfalls nicht.



    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Dann aber erhielt ich eine Nachricht, die ich zunächst überhaupt nicht verstand. Doch als ich darüber nachgrübelte und mir so meine Gedanken über die Netzwerke eines Jack Warner machte, begann ich zu begreifen, dass mein Comeback in Lübeck vermutlich kurz bevorstand.



    (Quelle: Screenshot FM12)



    57. Teil: Visite daheim
    (3. Dezember 2013)


    Meine erste Heimfahrt seit dem Aufbruch nach Bonn hatte dann aber einen völlig anderen Anlass.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Dass ich bei unserem Tischfußballturnier an Patricks Geburtstag nichts von Silvias Schwangerschaft bemerkt hatte, wurde natürlich allgemein als „mal wieder typisch“ bezeichnet, aber dennoch sorgte das freudige Ereignis schlagartig für eine zuletzt nicht eben selbstverständliche familiäre Harmonie. Sabrina bat mich sogar mit annähernd liebevollen Worten, im Interesse unseres zweiten Enkelkindes nach Lübeck zurückzukehren. Ich versprach es ihr, wenngleich noch nicht für die unmittelbar nächste Zeit. Erst einmal brauchte ich doch noch etwas Abstand. Meinen Besuch in Lübeck nutzte ich aber zugleich auch für ein paar Gespräche, die mir wichtig waren.


    „Ich finde auch, du solltest wieder zurückkommen.“, sagte Emmo, der jetzt im Finnegan sogar in meiner Gegenwart echtes Guinness trank. „Kannst du nicht auch von hier aus für deine Prüfung lernen?“


    „Ja, doch, ich denke, das geht schon. Ich muss nur hin und wieder nach Hennef zu ein paar Veranstaltungen. Wie läuft's hier bei euch?“


    „Na, jetzt ist ja Winterpause, aber wir trainieren trotzdem mindestens dreimal die Woche. Und was auch ganz spannend ist: wir nehmen jetzt da an so einem Deeskalationstraining teil. Das soll vor allem zur Integration von Migranten, aber auch von anderen Außenseitergruppen dienen. Ist echt gut gemacht und bringt auch Spaß.“


    Wir, damit meinte er in diesem Fall die Clique, die vor zwei Monaten noch ordentlich Ärger gemacht hatte. Außer ihm und Kevin waren das insbesondere Bekir, Hany und Andrea, die zugleich für türkische, arabische bzw. italienische Jugendliche als Vertrauenspartner an ihrer Schule fungierten.


    „Ach, Emmo, da ist noch was, was ich mit dir mal besprechen wollte. Seit etwa vier Wochen bekomme ich nämlich wieder dauernd irgendwelche Angebote von anderen Vereinen.“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Ey, du denkst doch nicht ernsthaft daran, auf eins davon einzugehen?“


    „Nein, nicht wirklich. Aber ich mache mir trotzdem so meine Gedanken, weil der VfB ja finanziell nicht ausgesprochen rosig dasteht. Und worauf es mir speziell ankommt, ist, dass wir das Potenzial nicht verschenken, was wir da in Gestalt einiger sehr talentierter Jugendspieler haben.“


    „Du meinst, du würdest weggehen, wenn ein paar von uns mitkommen?“


    Nun wollte ich ihm nicht direkt auf die Nase binden, dass es mir vor allem um ihn ging. Aber tatsächlich erschien es mir in letzter Zeit vorstellbar, als Manager bei einem anderen Club anzuheuern und Emmo und den einen oder anderen seiner Freunde dort zu verpflichten.


    „Wärst du denn sehr auf Lübeck fixiert?“, fragte ich ihn deshalb.


    „Nö, eigentlich gar nicht. Allerdings – Oldenburg wäre nicht so gerade der Hit. Hast du denn sonst noch was im Angebot?“


    Ich versprach, ihm Bescheid zu sagen, wenn mir etwas Konkretes interessant schien. Was ich nicht erwähnte, waren die schon vorliegenden Anfragen von SC Hauenstein, BSV Rehden und SV Breitenfelde, später auch von Göttingen 05, Tükiyemspor und dem SV Todesfelde. Mitte Dezember fragte sogar ein anderer Viertligist an: Darmstadt 98 war zurzeit 13. in der Regionalliga Süd. Doch wenig später beschlich mich das bestimmte Gefühl, dass es jemanden gab, der etwas dagegen hatte, wenn ich den VfB Lübeck verließ: Das war vermutlich Jack Warner, der da noch einmal ein bisschen tiefer in die Tasche gelangt hatte.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Allzu gern hätte ich gewusst, welchen Eindruck das nun wieder auf Jérôme machte. Vor dem vorletzten Spiel der Hinrunde traf ich mich auch noch einmal mit Daniel Lippmann. Seit dem erfolgreichen Derby hatte sein Team eine äußerst beachtliche Serie hingelegt, und da Wolfsburg II ein wenig schwächelte, war uns die Halbzeitmeisterschaft schon praktisch nicht mehr zu nehmen.



    (Quelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    „Dass du Tim Jerat geholt hast, war wirklich ein Glücksgriff.“, sagte er, als wir uns seit langer Zeit mal wieder im Finnegan gegenübersaßen. „Oder ein Geniestreich, ganz wie man will. Überhaupt kann ich nicht leugnen, dass das Team und die Taktik immer noch auch deine Handschrift tragen.“


    Das schmeichelte mir natürlich, obwohl ich so meine leichten Zweifel hatte, ob das ehrlich gemeint war.


    „Was sagt denn Jérôme dazu?“, wollte ich wissen.


    „Du, mit dem geht irgendwas vor. Hast du davon gehört, dass er privates Geld in den Club gepumpt hat?“


    „Ja, habe ich. Gibt es dafür irgendeine plausible Erklärung?“


    „Das weiß keiner wirklich. Aber man kann sich vorstellen, dass er angesichts der sportlichen Erfolge ziemliche Erwartungen an die Zukunft hat. Vermutlich will er sich einfach seinen Sessel sichern.“


    Da mochte er recht haben. Ich war gespannt, ob ich bei Jérômes Plänen eine Rolle spielte, verspürte aber nicht die geringste Lust, von mir aus den ersten Schritt auf ihn zuzugehen. Deshalb kaufte ich mir auch eine ganz normale Karte für den Hinter-Tor-Block, als ich am nächsten Sonnabend zum Spiel gegen Germania Halberstadt ins Lohmühle-Stadion ging. Mit 2.529 Zuschauern war die Partie unterdurchschnittlich besucht, aber gut, es war Winter und mit 8 Grad ziemlich kühl. Dennoch war die Stimmung ausgezeichnet, was angesichts der letzten Erfolge nicht verwundern konnte. Großen Jubel auf den Rängen löste auch die Durchsage aus, dass Marcus Steinwarth und aus der Reserve Kai Köppel jeweils zum Fußballer des Monats November gewählt worden waren.


    Bei dem Spiel, das die Mannschaft da unten auf dem Rasen dann bot, konnte einem allerdings so richtig warm werden. Nach nicht mal einer halben Stunde hatten Winkelmann, Steinwarth und Wolf bereits eine 3:0-Führung herausgeschossen, ehe man es etwas ruhiger angehen ließ. Den Schönheitsfehler zum 3:1 machte Denis Wolf praktisch mit dem Pausenpfiff durch sein 4:1 wett, und in der zweiten Hälfte legte derselbe Spieler noch einen zum 5:1-Endstand drauf. Danach gab Daniel gerade so, wie ich es auch gemacht hätte, Ersatzkeeper Alberti Gelegenheit, auch einmal das Gefühl zu genießen, aktiver Teil eines erfolgreichen Teams zu sein.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Weil die Wölfe erneut nur Remis gespielt hatten (0:0 gegen Paloma Hamburg), lagen sie jetzt zusammen mit Hannover II sage und schreibe sieben Punkte hinter uns! Ich war schwer beeindruckt. Allerdings argwöhnte ich auch, dass man mich in Lübeck wohl nicht sonderlich vermissen würde, wenn Daniel und der neue Co-Trainer Sebastian Adler derart erfolgreich waren. Als ich tags darauf nach Bonn zurückfuhr, begleitete mich daher ein äußerst zwiespältiges Gefühl: Einerseits war mit Sabrina und allen anderen Familienmitgliedern inzwischen alles wieder in beste Ordnung gekommen, andererseits war es durchaus denkbar, dass Jérôme mir nicht gerade eine Vertragsverlängerung anbieten würde.



    (Quelle: Screenshot FM12)

  • 58. Teil: Rückkehr
    (15. Dezember 2013)


    Doch genau eine Woche später erstrahlte meine Zukunft dann wieder in den rosigsten Farben, und verantwortlich dafür war ausgerechnet ein sonst eher unbedarfter Klatschblattjournalist. Irgendjemand hatte die neueste Ausgabe des OH-Kleeblatts wie zufällig so in der Sportschule Hennef ausgelegt, dass ich sie partout nicht übersehen konnte.



    (Bildquelle: Screenshot FM12)


    Naja, für meinen Geschmack hatte Rob Referee das mehr als ein bisschen überzogen, aber gut, es sollte mir recht sein. Keine Zweifel hatte ich auch, dass da jemand dahintersteckte, vermutlich sogar Mr. Jack Warner persönlich. Ich nahm mir vor, gelegentlich mal ein nettes kleines Gespräch mit seinem Sohnemann zu führen, etwa in der Art: Was willst du denn mal werden? Könntest du dir vorstellen, in vielen, vielen Jahren mal mein Nachfolger beim VfB zu werden? Sein Daddy würde das mit Sicherheit goutieren.


    Pünktlich zur Vereinsweihnachtsfeier am 23. Dezember ließ ich mich wieder in Lübeck blicken, und die wurde in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Die Spieler hatten viel Spaß – auch wenn ihre Frische beträchtlich litt – und ich hatte meine mit Spannung erwartete Begegnung mit Jérôme Vollborn, dem Präsidenten.


    „Hallo, Malte. Gut dass ich dich hier treffe.“ Aha, wir waren also wieder beim Du. „Wie geht es denn so voran mit deiner Fortbildung in Hennef?“


    „Bestens, danke der Nachfrage.“


    Wir plauderten eine ganze Weile über dies und das, und mir entging keineswegs, dass einige Kollegen wie Arne Rolff, Daniel Lippmann und andere sich allmählich zu uns gesellten und mit steigender Spannung darauf warteten, was Jérôme mir für ein Angebot machen würde. Minnie Mangold war übrigens ebenfalls auf der Weihnachtsfeier, aber ich sah sie nur anfangs mit ein paar Reservespielern in einer Ecke sitzen und hörte sie wiederholt übertrieben laut lachen, später war sie dann verschwunden.


    „Was sagst du denn zu unseren Erfolgen?“, wollte Jérôme wissen. „Das erste Spiel der Rückrunde haben wir ja nun auch schon wieder sehr klar gewonnen.“



    Ich grinste ihn zufrieden an. „Da wird die Presse mich ja wieder über den grünen Klee gelobt haben was?“ Einige der Umstehenden lachten.


    „Offen gestanden, Malte, ich weiß nicht, wie du das machst, aber man kann dir schlechterdings nicht absprechen, dass du irgendwie immer wieder auf die Fußsohlen fällst.“


    „Soll das schon die Einleitung für ein Vertragsgespräch werden?“, fragte ich ganz direkt.


    „Yeah!“, rief einer der anderen dazwischen, es könnte Kristian Gentner gewesen sein. Und dann ging es los – keine Ahnung, inwiefern da schon der Alkohol dran schuld war oder einfach nur die gute Stimmung wegen der anhaltenden Erfolge, jedenfalls stimmten alle nach und nach mit ein, bis das Vereinshaus im Rhythmus nur dieses einen Wortes bebte: „Yeah! Yeah! Yeah! Yeah! Yeah! Yeah!“


    Jérôme ließ zuerst erstaunt den Blick in der Runde kreisen, dann grinste auch er, nickte vor sich hin, erhob sich – und verließ ohne ein weiteres Wort die Veranstaltung.


    „Was war denn das jetzt?“, fragte ich einigermaßen ratlos, als der Lärm langsam abebbte.


    „Na, ist doch klar.“, sagte Kristian. „Du hast gewonnen!“


    Und tatsächlich fand ich am nächsten Morgen eine SMS auf meinem Handy vor.



    Ich schrieb ihm sofort und ganz knapp zurück: „Völlig freie Hand, Verträge für die besten Jugendspieler, ausgeglichene Budgets.“ Bevor ich auf Senden drückte, ließ ich meinen Blick noch eine ganze Weile auf dem Text ruhen, den ich da verfasst hatte. War das klug? Oder war das mein Ende? Egal, mein Daumen schuf vollendete Tatsachen, und ich ging jetzt erst einmal Weihnachtseinkäufe erledigen.


    Es wurde ein sehr gemütliches und harmonisches Weihnachtsfest. Heiligabend verbrachten Sabrina, Lukas und ich allein unter unserem Baum, am ersten Feiertag waren alle bei Silvia und ihrem dreiwöchigen Töchterchen Leonie zu Besuch: wir zwei Großeltern, unsere drei Kinder, zwei Enkelkinder und eine Schwiegertochter; Silvia selbst hatte sich schon vor Wochen von ihrem Freund getrennt.



    Und am zweiten Feiertag hatte ich zwei Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Die erste:


    „Warner hier. Frohes Fest. Ich bin über den Jahreswechsel in den Staaten, aber wenn Sie etwas brauchen, wissen Sie ja, wie Sie mich erreichen können.“


    Was sollte mir das sagen? Und wie ich ihn erreichen konnte, wusste ich keineswegs. Die zweite Nachricht dagegen war klar und verständlich:


    „Okay, Malte, ich bin einverstanden. Wir machen im Januar den neuen Vertrag. Leg schon mal los!“


    Yesss!, entfuhr es mir, und ich rieb mir die Hände. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Und als ich am Sonnabend Emmo zum Geburtstag gratulierte – er war im Vereinshaus gerade dabei, eine Party mit seinen Freunden vorzubereiten – verkündete ich ihm gleich vollmundig, was die Neuigkeit für ihn bedeutete:


    „Pass auf, in einer Woche bekommst du von mir dein erstes Vertragsangebot. Und ich sage dir: du kannst es gar nicht ablehnen!“

  • Abschnitt 2: Emmo startet durch


    Zwischenteil
    (1. Juli 2015 / Dezember 2013)


    „Ja, daran erinnere ich mich gut.“, sagte Emmo. „Das erste Vertragsangebot – schon irre, wie lange das her ist!“


    An diesem warmen Sommertag im Jahr 2015 war es inzwischen später Nachmittag geworden, Emmo und ich saßen wieder auf den Küchenstühlen, vor uns die abgegessenen Teller mit den Resten zweier Pizzen, die wir uns hatten liefern lassen. Effie hatte gegen Mittag mal vorbeigeschaut, Lance brachte ein paar CDs vorbei, die er sich gestern zum Rippen von Emmo geliehen hatte, Joe und Jack hatten jeweils kurz angerufen und Pan Thera, der beim Umzug nicht hatte mithelfen können, schickte eine endlose E-Mail mit tiefgründigen Ansichten über das Umziehen im Allgemeinen – eigentlich nur, um Emmo zur neuen Wohnung zu gratulieren. Ansonsten wurde Emmo nicht müde, sich von mir den bisherigen Hergang der Geschehnisse rund um den VfB Lübeck erzählen zu lassen.


    „Wir können ja auch mal eine Biege zum Holstentor machen, hast du Lust?“ Mir war nach dem vielen Reden sehr danach, ein bisschen an die frische Luft zu kommen.


    „Okay, machen wir.“, stimmte er zu. „Aber ich finde, jetzt wird es erst richtig spannend. Lass also bloß nichts aus!“


    „Ich muss ja zugeben, dass ich ziemlich aufgeregt war, als Jérôme Vollborn mir eine Managerposition ganz nach meinen Wünschen in Aussicht gestellt hatte. Und er hat sich tatsächlich daran gehalten!“


    „Erzähl‘ doch erst noch mal: was hattest du denn da im Einzelnen für einen Kader zur Verfügung?“


    „Meinst du jetzt nur die Männermannschaft oder alle Teams?“


    „Ey, alle natürlich. Das heißt, C- und D-Jugend kannst du weglassen.“


    „Na gut.“, sagte ich, während wir auf das Wahrzeichen Lübecks zusteuerten, und holte tief Luft. Dann setzte ich meine Erzählung fort.




    Exkurs: Kadervorstellung


    Wenn ich meine neue Aufgabe nun in Angriff nahm, musste ich mich natürlich zwangsläufig vor allem auf die erste Mannschaft des VfB Lübeck konzentrieren. Ich will aber nicht verheimlichen, dass mein Interesse auch drei weiteren Teams galt: der Reserve von Marius Mattle, den A-Junioren um Emmo Winter und der B-Jugend mit den Jungs, die vorige Saison noch mit Emmo zusammen gespielt hatten.


    Um mit den Letztgenannten zu beginnen: da hatte ich am meisten Kontakt mit Emmos Freunden Jack (LM) und Joe (DM). Beide zählten zur Stammmannschaft, waren von einer großen Fußballerkarriere aber doch noch weit entfernt. In der Winterpause belegten sie in der dritten Liga einen achtbaren elften Platz und wehrten sich tapfer gegen den immer noch möglichen Abstieg.


    (Bildquelle: Screenshot FM12, bearbeitet)


    Ganz anders die A-Jugend. Vorige Saison waren sie gerade erst in die dritte Liga aufgestiegen, jetzt peilten sie schon deutlich den nächsten Aufstieg an. Zwei Punkte hinter Bochum und fünf vor ihren Verfolgern waren sie Tabellenzweiter, und ein Blick auf die Spielerliste erklärte auch ohne weiteres, wie das möglich war. Die von mir zum Verein geholten Reginald (RV), Tobias (LV), Andrea (DM), Bruno (ST) und Robin (TW) sprengten eindeutig den Rahmen dessen, was in dieser Altersstufe normal war. Dazu kamen Emmos sensationelles Talent und ein paar weitere Stützen des Teams wie seine Freunde Lance (RM), Panaiotis (LV), sein Bruder Kevin (DM) und der von allen so geachtete Wolfgang (ST).


    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Die Reserve des VfB Lübeck hatte durchaus ebenfalls noch ein paar vielversprechende Spieler in ihren Reihen, und das bei einem Durchschnittsalter von 22¼ Jahren. Allerdings lagen sie zurzeit nur auf Platz drei, mit einem deutlichen Rückstand von neun Punkten auf St. Pauli II, und hier berechtigte der Gewinn der Liga auch nur zur Teilnahme an der Aufstiegsrelegation dreier Clubs. Dennoch konnte gerade das den jungen Talenten die Möglichkeit bieten, sich zu empfehlen und zu verbessern.


    Aber der ganze Stolz der Fans war gegenwärtig natürlich die erste Mannschaft, die auf dem besten Wege war, endlich in die Dritte Liga aufzusteigen. Die Spieler, die da jede Woche auf dem Platz standen, hatten in der Regel eine Spielstärke von über 60 und lagen damit vor den meisten ihrer Ligakollegen. Bei einem Blick auf die beiden Keeper fiel allerdings schon mal auf, dass dies nominell nicht unsere stärkste Position war. Dennoch war René Melzer uns ein großer Rückhalt und ließ in 17 Spielen nur 12 Gegentreffer zu.


    Dagegen wurde nirgends so deutlich wie in der Abwehr, dass wir auf den meisten Positionen praktisch nur einfach besetzt waren und die jeweiligen Reservisten gegen die Stammspieler deutlich abfielen. Der gerade erst aus der eigenen Jugend geholte Kraetschmer und die beiden 25-Jährigen Kalus und Herrmann waren die Stützen, dazu kam der innen wie rechts einsetzbare Gebers – aber es war ein Glück, dass wir in dieser Saison nur wenig mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatten.


    Im Mittelfeld hatten wir uns im August mit Jerat verstärkt, wodurch dieser Mannschaftsteil für unser System mit lediglich zwei-ZM relativ solide dastand. Die Spalte rechts, die die für den VfB erzielten Tore angibt, zeigt auch, dass unsere jungen, aber doch bereits gestandenen Kräfte Kluk und Winkelmann gut zu unserer Torausbeute beitrugen.


    Und schließlich unser zu recht von den Fans gefeierter Angriff! Suveren und Zekiri mögen da ein wenig abfallen, aber ansonsten war gerade die Ausgeglichenheit unsere Stärke. Und natürlich die Wucht, die wir mit einem Vier-Mann-Sturm auf die gegnerischen Verteidigungen losließen, was so in der Dritten Liga mit Sicherheit nicht länger möglich sein würde.

    (Quelle: Screenshots FM12, bearbeitet)


    Insgesamt wurde bei dieser Gesamtbetrachtung sehr deutlich, was die elementaren Versäumnisse des Gaston Deneuve gewesen waren, unter denen der Kader immer noch litt: Die Personaldecke war allzu dünn, um einen Taktikwechsel zu erlauben oder Ausfälle kompensieren zu können. Aber für die Regionalliga Nord reichte es ganz offenbar, schon weil dieses Team sehr gut aufeinander eingespielt war.


    59. Teil: Jahreswechsel
    (28. Dezember 2013)


    World Player of the Year wurde diesmal Lionel Messi, Vorjahressieger David Villa landete auf Platz 2 – der F.C. Barcelona dominierte die Fußballwelt mal wieder nach Kräften. Dritter wurde Édinson Cavani vom SSC Neapel. Der VfB Lübeck führte zur Halbzeit nicht nur die Tabelle der Regionalliga Nord an, Denis Wolf war mit 14 Treffern auch Spitzenreiter in der Torschützenliste und in der Liste der notenbesten Spieler fanden sich gar fünf Lübecker unter den ersten zehn.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Auch in der Fairplaytabelle standen wir diesmal besser da als voriges Jahr, und zwar mit einer roten und 22 gelben Karten auf dem zehnten von 18 Plätzen. Die Bundesliga war langweilig wie eh und je (Bayern vorn, 1860 hinten), in der zweiten Liga lagen die Absteiger auf den Aufstiegsplätzen (Cottbus, Nürnberg, Hertha) und auch die Dritte Liga enthielt nichts Besonderes, wenn man nicht gerade den siebten Platz von Aufsteiger RB Leipzig bestaunen mochte.


    Noch vor dem Jahreswechsel traf ich zwei Entscheidungen: Reserve-Reservist Franz Schröck (RM, 20), der immerhin 10.000 Euro monatlich verdiente, wechselte ablösefrei zum Bahlinger FC. Und ein aufstrebender Sponsor, nach dem anderswo angeblich schon ganze Stadien benannt waren, wollte die Namensrechte für eine unserer Fankurven kaufen, aber ich ließ ihn abblitzen, denn auf mehr als 17.700 Euro für die allzu lange Laufzeit von vier Jahren war er nicht zu erhöhen bereit.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Und dann veröffentlichte irgendeine Sportzeitung noch die „Tabelle des Jahres 2013“, eine Statistik von fragwürdigem Informationsgehalt, aber immerhin erfreute sie Auge und Herz eines Lübecker Fußballfans.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Ich verbrachte einige Zeit davor bei dem Versuch zu begreifen, was eigentlich die roten und grünen Streifen besagen sollten, und gab es dann auf. Denn am heutigen Silvesterabend wollte ich nicht grübeln, sondern den erfreulichen Abschluss eines schwierigen Jahres einfach unbeschwert genießen. Was mir dann allerdings doch nicht so ganz einfach gemacht wurde.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Naja, ich machte gute Miene zu allem, immerhin war Sabrina bereit, über einige Geschehnisse des ausgehenden Jahres geflissentlich hinwegzusehen, im Gegenzug versprach ich wohlwollende Duldung der Stute Ashram, die in Stockelsdorf hoffentlich nicht vom Feuerwerk hysterisch wurde, und gelobte als guten Vorsatz für 2014, die Sonntage wenigstens stundenweise für unseren Sohn Lukas und für Besuche bei unseren Enkelkindern Patrick und Leonie freizuhalten. Die SchwieMu schlief dann auch schon um kurz nach zehn vor einer Volksmusiksendung im Fernsehsessel ein, und anschließend hatten Sabrina und ich bei Bowle und Berlinern seit langer Zeit mal wieder richtig Spaß miteinander.


    Das neue Jahr begann mit einem veritablen Kater. Vielleicht hätte man doch nicht noch die Flasche Weinbrand in die Bowle kippen sollen. Wie dem auch sei, ich blieb 24 Stunden im Bett, während Sabrina ihrer Mutter unermüdlich zu erklären versuchte, dass ich zwar wahrlich meine Macken und Laster hatte, dass Alkoholismus aber nicht dazuzählte.


    Als ich am folgenden Tag ausgeruht und bester Dinge in mein Büro kam und den PC anschaltete, stieß ich sogleich auf eine völlig neue Ansicht der Vereinsfinanzen. Jérôme hatte tatsächlich Wort gehalten und meine Forderung nach einer Bereinigung der Budgets erfüllt. Der heftige Ausschlag rechts unten ließ erkennen, dass er das mit einer kurzfristigen Finanzspritze bewerkstelligt hatte, die natürlich nicht ganz billig war, aber mir sollte es recht sein.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Theoretisch blieb damit sogar noch etwas Luft für ein paar notwendige Maßnahmen, aber diese Option hob ich mir vorsichtshalber noch auf. Trainingslager und Kaderverstärkungen würden in der Winterpause ausbleiben, so viel war klar. Angesichts der soliden sportlichen Leistungen schien beides auch durchaus nicht nötig. Immerhin gönnte ich den Fans erstmals eine Autogrammstunde, zu der alle Spieler umgehend anzutreten hatten. Und auch das schon beinahe zur Tradition gewordene Spiel der ersten Mannschaft gegen die A-Jugend wurde wieder angesetzt. Vorher legte ich Kraetschmer (LV) und Duspara (ST), deren Verträge zum Saisonende ausliefen, Verlängerungsangebote vor, zog bei ein paar Stammspielern die Optionen, beschloss bei den Reservespielern aber noch abzuwarten. Und dann ließ ich die A-Junioren beim Training nach ein paar lockeren Runden in die Kabine kommen, um die Pläne zu verkünden, die ich mit ihnen hatte.

    „Leute, diese Saison läuft super, und das ist euer ganz großes Verdienst!“ Alle quittierten das mit lautstarker Zustimmung. „Wenn es so weitergeht, wird die A-Jugend in der nächsten Saison zum ersten Mal zweitklassig spielen!“ Wieder allgemeiner Jubel. „Aber wie es halt so geht, die Hälfte von euch wird nicht mehr dabei sein, und der Klassenerhalt wird dann wohl eher eine recht aussichtlose Aufgabe.“

    Dann stellte ich die guten Leistungen aller Mannschaftsteile heraus, versäumte es aber auch nicht, den tollen Teamgeist – vor allem nach den zwischenzeitlich aufgetretenen Schwierigkeiten – zu loben und mich für die Unterstützung und das Vertrauen zu bedanken, das ich zuletzt dann doch sehr zu spüren bekommen hatte.

    „So, und jetzt verlese ich hier eine Liste mit Namen. Das sind diejenigen von euch, die nachher von mir einen Umschlag in die Hand gedrückt bekommen werden. Darin befindet sich jeweils ein Vertragsangebot für die zweite Mannschaft, beginnend mit dem 1. Juli 2014.“

    Die Reaktion, die darauf kam, war eigenartig: Totenstill war es in der Kabine. Dann las ich die Namen vor, und anschließend gingen sie langsam hinaus auf den Platz, allenfalls in Zweiergruppen leise miteinander redend.

    „Lance Lott. Andrea Foggia. Panaiotis Thera. Wolfgang Zurawsky. Hany Sahli. Stephan Henn. Kevin Winter. Emmo Winter.“

  • 60. Teil: Männer gegen Jugend
    (2. Januar 2014)


    Abends machte ich mich dann mal wieder an meine Statistiken. Nicht jedem Trainer sind Zahlenkolonnen sonderlich wichtig, aber ich finde sie je nachdem, wie man sie liest, aufschluss- und hilfreich, und nebenbei macht mir die Beschäftigung mit ihnen Spaß. So mache ich zum Jahreswechsel immer etwas, das ich persönlich „Auf- und Abwertungsrunde“ nenne. Eigentlich ist das natürlich Blödsinn, denn die Spieler, werden nicht von einem Tag auf den anderen besser oder schlechter, aber ich versuche darin die Veränderungen zu berücksichtigen, die ich im Laufe der Zeit bei den Einzelnen beobachten konnte.


    Diesmal war das Ergebnis, wie ich feststellte, besonders erfreulich. Bei zwei Stammspielern ließ sich eine Steigerung um zwei Spielstärkepunkte konstatieren und noch sechs weitere hatten sich verbessert. Darunter war übrigens auch Bülent Karaosmanglu, den ich nach dem Probetrainingstag verpflichtet hatte. Er hatte seitdem elf Spiele für die Reserve absolviert und war sogar recht vielseitig einsetzbar.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Aber auch meine Jugendspieler machten sich gut. Sie profitierten vom Training mit der ersten Mannschaft, und mit Stephan, Wolfgang und Andrea tauchten drei von denen, die gerade ein Vertragsangebot erhalten hatten, in meiner Liste auf.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nur einen Tag später lag mir dann mein eigenes Vertragsangebot vor. Es war leistungsbezogener als mein alter, noch von mir selbst ausgefertigter Vertrag. Beim Grundgehalt konnte ich noch eine kleine Verbesserung herausholen, und eine Freigabeklausel für Vereine aus höheren Ligen war mir wichtig, falls es mit dem Aufstieg nichts wurde, aber ansonsten gab es nichts daran auszusetzen.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Was die jeweiligen Saisonziele anlangte, fand ich Jérômes Vorgaben ausgesprochen zurückhaltend. Ich hätte auch unterschrieben, wenn er für diese Saison die Meisterschaft gefordert hätte und für die nächste einen Platz im unteren Mittelfeld. Denn nach meiner Überzeugung war das das Mindeste, was wir erreichen würden. Okay, nun war ich also – ganz offiziell – für die nächsten zweieinhalb Jahre sozusagen der Magath des VfB Lübeck. Ich freute mich.


    Am nächsten Tag stand das Spiel „Große gegen Kleine“ auf dem Programm. Unmittelbar davor kam Emmo auf mich zu und nahm mich beiseite.

    „Gibt es ein Problem?“, fragte ich.

    „Naja, nicht wirklich. Ich meine: kein großes. Aber mein Alter, naja, irgendwie hat der sich in den Kopf gesetzt, dass da noch mehr rauszuschlagen sein müsste.“

    „Du meinst, er lehnt das Angebot ab?“


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Nun, so ganz überraschend konnte man das wohl nicht finden. Ich erinnerte mich daran, wie ich im Sommer 2011 Emmos Eltern besucht hatte und ihnen erklärte, was ihr Sohn für ein Talent besaß. Damals mochte ich ihnen wie von einem anderen Stern vorgekommen sein, inzwischen hatten sie zweifellos festgestellt, dass da etwas dran war. Und dass sie das vielleicht auch zu ihrem eigenen Vorteil nutzen konnten.

    „Und du? Findest du auch, dass 11.000 Euro im Monat zu wenig sind?“

    Emmo grinste verlegen und schüttelte den Kopf.

    „Im Gegenteil, das ist der Wahnsinn! Ich würde ja auch sofort zuschlagen, aber mein alter Herr meint wohl, pokern zu müssen.“

    „Okay.“, sagte ich. „Bestell deinem Vater einen Gruß von mir, ich werde darüber nachdenken. Aber im Gegensatz zu den sieben anderen haben wir bei dir ja noch Zeit, denn du kannst durchaus noch ein weiteres Jahr in der Jugend spielen. Und unter uns, Emmo: auch wenn das nicht klappen sollte, ich halte sehr viel von dir. Ich würde dir sogar sehr gern noch ein Jahr mehr Zeit geben, dich zu entwickeln, ohne dass der Druck auf dir lastet, der in einem Männerteam herrscht. Nur um eins bitte ich dich sehr: Falls dein Vater vorhat, mit anderen Vereinen zu verhandeln, lass es mich bitte wissen!“

    „Ist versprochen!“

    Und dann versammelten Daniel, Kristian und ich alle Spieler, die heute im Kader standen, um uns und gaben die jeweiligen Taktiken und Aufstellungen bekannt.


    (Quelle: Screenshots FM12)


    Stärkemäßig hatten die Männer einen Vorteil von 667 zu 523. Das war nicht wenig, aber auch kein Grund, das Spiel auf die leichte Schulter zu nehmen. Und wie sich dann zeigte, waren beide Mannschaften einander fast ebenbürtig. Am Ende holten sich die Männer mit 2:1 den standesgemäßen Sieg, aber zufrieden konnten beide Seiten sein – und alle drei Trainer.


    Der Beginn war allerdings von großer Zurückhaltung geprägt. Die Jungs hatten offensichtlich Respekt und die Männer wollten sich um keinen Preis erneut blamieren. Nach zwanzig Minuten hörte ich Rob Referee, während er sich gelangweilt im ziemlich leeren Rund umsah, eine reichlich unqualifizierte Bemerkung in sein Diktaphon sprechen.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Das 1:0 durch Martin Willmann (ST) glich Bruno Gregoritsch (ST) auf Vorlage von Andrea Foggia (DM) kurz nach der Pause aus. Erst in der zweiten Minute der Nachspielzeit sorgte Marcus Steinwarth (LA) für den Endstand. Beste Spieler waren Marius Winkelmann (ZM) und Hany Sahli (TW), aber auch Kevin Kluk (ZM) und Ingo Thered (IV) verdienten sich die Note 1,0.



    61. Teil: Geordnete Aufgabenverteilung
    (6. Januar 2014)


    Am darauffolgenden Montag stattete ich dem Finnegan mal wieder einen Besuch ab, und siehe da: diesmal fand sich eine ganze Reihe der VfB-Mitarbeiter hier ein. Vielleicht lag der Grund darin, dass es hier heute Live-Musik gab, aber als man dann miteinander ins Quatschen kam, galt unsere Aufmerksamkeit weniger dem irischen Gitarren-Duo als den Themen rund um den Fußball.


    „Find' ich gut, dass du jetzt hier endlich richtig im Sattel sitzt!“ Der das sagte, war kein anderer als Marius Mattle, der Amateur-Trainer, mit dem ich mich vor ein paar Wochen noch heftig entzweit hatte. „Du nimmst mir das doch nicht mehr übel, dass ich dir gelegentlich zwei deiner Jungs abgeluchst habe?“

    Ich war im Gegenteil erstaunt, dass er sich auf diese Art quasi bei mir entschuldigte. Immerhin war seine Haltung zu diesem Thema nicht ganz unbegründet gewesen. Aber wir begruben allseits die früheren Differenzen; nur der Sportdirektor Tim Krause war, wie ich mit einem ausholenden Rundblick feststellte, nicht hier.

    „Ja, ich bin auch sehr froh.“, sagte ich dann. „Und ihr werdet sehen, dass wir es gemeinsam ganz schön weit bringen können.“

    Darüber bestand vollständige Einigkeit. Es bedurfte gar keiner weiteren Klärung, dass ich jetzt auch die Verantwortung für die erste Mannschaft übernahm und damit für das Erreichen des Saisonziels: den Aufstieg. Daniel Lippmann war sogar einigermaßen erleichtert, sich ab nun auf das Zusammenstellen der Trainingseinheiten konzentrieren zu können. Kristian leitete weiter verantwortlich die Jugendteams, unterstützt von Daniel Celio, aber wir kamen auch überein, dass wir die Aufstellungen jeweils miteinander abstimmten.

    „Wenn du die Hälfte derer, die das letzte Jahr dabei sind, demnächst bei den Männern spielen lassen willst, dann ist es wichtig, dass sie auch von dir hören, was du von ihren Leistungen und Fortschritten hältst.“, sagte Kristian, und damit sprach er mir vollkommen aus der Seele.

    „Ich habe ja gestaunt, wie sie sich in den letzten zwei Monaten nochmal weiterentwickelt haben. Und sie sind ja auch alle ganz scharf darauf, nächste Saison in der Schleswig-Holstein-Liga mitzumischen.“

    „Aber ich habe gehört, ein paar Eltern haben was dagegen?“

    „Naja, das glaube ich nicht wirklich. Emmos Vater verspricht sich wohl noch eine finanzielle Verbesserung, und bei Hany (TW) und Wolfgang (ST) sieht es ähnlich aus. Aber die fünf anderen haben die Angebote schon akzeptiert.“

    Darüber freute sich nun Marius wiederum sehr. Vor allem Reginald (RV) reichte schon jetzt mühelos an das Niveau seiner Mannschaft heran, und ich hatte keinerlei Einwände mehr, wenn er ihn regelmäßig spielen ließ. Dafür erklärte er sich einverstanden, Thomas Leidl (RV, 24) ziehen zu lassen, ebenso wie Ersatzkeeper Marko Taten (20). Die Sportfreunde Siegen und Lokomotive Leipzig überwiesen für sie 3.200 bzw. 1.500 Euro auf das Vereinskonto.


    Indessen sah ich mir ein paar Spieler an, deren Verträge zum Saisonende ausliefen.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Alle, die mir interessant erschienen, stammten aus den B-Mannschaften von Bundesligisten. Ich setzte Arne auf den einen oder anderen an und fand es zum ersten Mal misslich, dass wir mit ihm nur einen einzigen Scout hatten. Nun, nächste Saison würde ich das wahrscheinlich ändern. Außer Krome nahm ich sie alle in das Blickfeld. Die beiden Spieler, die schwerpunktmäßig die Positionen RM und LM abdeckten, interessierten mich schon deshalb, weil wir in der nächsten Saison vermutlich weniger offensiv spielen würden und daher das, was man früher „Außenläufer“ nannte, gut gebrauchen konnten, aber bisher praktisch überhaupt nicht hatten. Leider erhielt ich schon ziemlich bald die Nachrichten, dass Aycicek nach Offenbach wechselte und Krassnitzer nach Japan. Klich hingegen hatte kein Interesse und bei Knoll fand Arne heraus, dass er ziemlich verletzungsanfällig war.


    Nach intensivem Wintertraining einschließlich häufiger Testspiele (1:0 gegen Lengerich, 6:0 gegen SV Arpsdorf, 1:1 gegen Siegen) beschlossen wir, auch einmal die erste Mannschaft gegen die Reserve spielen zu lassen. Vorher erinnerte mich meine Smartphone-App aber glücklicherweise noch rechtzeitig daran, dass ja wieder ein Hochzeitstag zu begehen war. Als Sabrina mein Geschenk sah, war sie diesmal buchstäblich glücklich wie am ersten Tag.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Okay, das Bild stammt aus dem Katalog; bei uns im Getränkekeller sah es ein bisschen anders aus, aber wir fanden es dennoch sehr gemütlich und sahen uns den ganzen Abend DVDs mit Folgen der US-Serie „Grimm“ an.


    Ende des Monats hörte ich dann auch mal wieder etwas von meinem zweifelhaften Spezi Tim Krause.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Das war nun allerdings in mehrfacher Hinsicht eine ziemliche Dämlichkeit. Erstens war Tim Krause Sportdirektor und hätte gut daran getan, sich hier nicht zum Co-Trainer aufzuschwingen. Und zweitens handelte es sich bei Sascha Klein um einen 19-jährigen DM, für den wir mit Sicherheit nicht in zehn Jahren irgendeine Verwendung haben würden. Ich griff sofort zum Telefon.

    „Sportdirektion VfB Lübeck, Krause, guten Tag.“

    Ich hätte schon gleich kotzen können. „Sportdirektion“, pah!

    „Herr Krause!“, begann ich und holte tief Luft. Zu seinem großen Glück war er schneller.

    „Herr Womerde, gut, dass Sie anrufen. Mir ist da gerade eine Kleinigkeit durchgerutscht. Dieser Sascha Klein…“

    Nun, ich ließ noch einmal Nachsicht walten. Krause redete und redete, und ich hatte schon gar keine Lust mehr, Zorn und Emotionen an ihn zu verschwenden. Der Heidenheimer Klein verschwand aus dem Blickfeld, ich entband den Sportdirektor ausdrücklich davon, mir noch irgendwelche Spielervorschläge zu machen, und damit war erst einmal Ruhe zwischen uns. Und was mich besonders freute: Marius Mattle kam wenige Tage später auf mich zu und wir einigten uns ganz unkompliziert auf eine Verlängerung seines Vertrages als Amateurtrainer.


    In dem Spiel „Erste gegen Zweite“ ließ er dann Reginald Zarb tatsächlich über die vollen 90 Minuten spielen, und ich konnte bestaunen, wie vortrefflich sich der Junge machte. Er lieferte eine Torvorlage und beherrschte seine Abwehrseite so gut, wie ihm das gegen Marcus Steinwarth (LA), den wieder einmal besten Mann des Spiels, möglich war.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Der Vergleich endete 4:2, und ich war mit der Leistung meiner ersten Mannschaft insgesamt durchaus zufrieden. Nur einen speziellen Härtetest wollte ich ihnen vor Beginn der Rückrunde noch zumuten.


    (Quelle: Screenshot FM12)

  • 62. Teil: Torwart gesucht
    (8. Februar 2014)


    Am Tag nach dem Spiel ging ich auf dem Trainingsplatz auf Daniel Lippmann und unseren Torwarttrainer, Stefan Knaller, zu und sprach sie ganz unverblümt auf ein Thema an, das mir zuletzt ein wenig Kopfzerbrechen bereitete.

    „Wie seht ihr eigentlich unsere Situation im Tor? Ich meine aktuell, aber auch für die kommende Saison.“

    Beide wiegten nur ihre Häupter. Ihnen war zweifellos auch schon länger bewusst, dass wir zwischen den Pfosten nicht optimal besetzt waren.

    „Naja, René hat ohne Frage seinen Anteil daran, dass wir momentan ganz oben stehen.“, sagte Daniel. „Aber wenn ich ehrlich bin: viel besser als Ligadurchschnitt ist er nicht.“

    Auch Stefan nickte. „Dazu kommt, dass Briant alles andere als ein vollwertiger Ersatz wäre, falls René mal ausfällt. Mit Felix aus der zweiten Mannschaft sieht es nicht viel besser aus, und dessen Ersatz, Marko, hast du ja gerade nach Leipzig abwandern lassen. Übrigens völlig zu Recht, wie ich finde. Was mir nur Hoffnung macht, sind die Talente, die da aus der Jugend nachkommen. Hany und vor allem Robin könnten beide mal eine gute Option werden. Aber das braucht noch seine Zeit.“


    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    „Okay“, beschloss ich, „dann werden wir uns mal gezielt nach einer Verstärkung für die neue Saison umsehen.“

    Arne Rolff war auch sogleich bereit, ja, er freute sich geradezu über die neue Sonderaufgabe. Ich wies ihn an, sich nach Torhütern bis zu einem Alter von 29 Jahren und ab einer Stärke von 61 umzusehen, die eine realistische Aussicht auf einen Transfer versprachen.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Und dann gab es mal wieder ein Novum für Spieler und Fans des VfB Lübeck: ein Einladungsturnier mit drei Gästeteams. Sonderlich starke Gegner hatte ich uns nicht ausgesucht, denn es sollte eher ein lockeres Auslaufen vor dem Beginn der Rückrunde werden.


    Unser erster Gegner war Altona 93, ein zurzeit unterklassiger Verein.

    „Alle, die heute auf der Bank sitzen, kommen auch zum Einsatz“, versprach ich den Spielern, „und wer diesmal auf der Tribüne Platz nehmen muss, der ist auf jeden Fall morgen beim Finale dabei. Und ja: selbstverständlich gehe ich davon aus, dass wir morgen das Finale spielen! Ihr habt also die Möglichkeit, euch für die Rückrunde zu empfehlen.“

    Es wurde ein munteres Spielchen, das wir mühelos 6:0 gewannen. Nur eine Kleinigkeit fiel mir unangenehm auf, sozusagen buchstäblich am Rande des Spiels.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Kurz vor dem Abpfiff ging ich dann mal dort hinüber, wo zwei ältere Herren lebhaft mit ihren Stöcken fuchtelten und den Altonaern Unflätigkeiten zuriefen. Schon als ich näherkam, erkannte ich, dass die beiden möglicherweise nicht ganz richtig im Kopf waren. Außerdem kamen sie mir von irgendwo bekannt vor…


    „Meine Herren“, sprach ich sie an, „das geht so aber nicht?“

    „Meint der uns?“, fragte der eine und lachte asthmatisch.

    „Kann ich mir nicht vorstellen!“, erwiderte der andere und stieß genau das gleiche Lachen aus.

    „Ich möchte Sie doch sehr darum bitten, sich hier gastfreundlich zu benehmen. Sonst muss ich Ihnen ein Stadionverbot erteilen.“

    Die beiden lamentierten noch eine Weile herum, aber dann kam auch der Schlusspfiff, und sie verließen grantelnd das Stadion. Ich blickte ihnen nach und fragte mich, ob wir mit den beiden wohl noch Schwierigkeiten bekommen würden.


    Das Spiel im Anschluss gewann Optik Rathenow mit 2:0 gegen den FC Heilbronn, sodass wir tags darauf auf den Fünftligisten trafen. Auch das Finale wurde dann eine lockere Angelegenheit, und eigentlich hätten wir noch deutlicher als 3:0 gewinnen müssen. Aber ich war es auch so zufrieden, niemand hatte sich verletzt und wir hatten den Fans – im letzten Spiel kamen ganze 34 zahlende Zuschauer – mal etwas Abwechslung geboten.


    Kurz bevor es mit dem Spielbetrieb wieder losging, musste ich einsehen, dass auch andere Clubs die Winterpause nicht tatenlos verstreichen ließen. Mit Kevin Samide (LM, 24) besiegelte einer unserer besseren Reservespieler seinen ablösefreien Abgang zur nächsten Saison; er unterschrieb beim FK Sarajewo. Als Backup für das linke Mittelfeld schied er damit aus. Aber gut, ich hatte den Spielern der zweiten Mannschaft ja ganz bewusst keine Hoffnungen gemacht, und so entlastete er immerhin unser Gehaltsbudget. Doch da für die linke Angriffsseite aus der Jugend gegenwärtig auch nichts nachkam, würde ich mich dieses Themas ebenfalls noch annehmen müssen.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Vordringlich erschien mir aber zunächst einmal das Torwartproblem. Von meinem guten alten Arne war ich da zum ersten Mal ein wenig enttäuscht.

    „Hast du wirklich gar nichts erreichen können? Das Feld ist völlig abgegrast?“, fragte ich ihn ungläubig.

    „Jau jau.“, gab er zurück. „So ist das man wohl.“

    Ich sah ihn nachdenklich an und überlegte, ob er seinen Aufgaben wohl noch so wirklich gewachsen war. Nun, im Sommer wollte ich mich ohnehin nach einem zweiten Scout umsehen; von dem lieben Arne mochte ich mich aber gar nicht gern trennen. Wie dem auch sei, dachte ich mir, siehst du dich halt selbst ein wenig um, mit dem Fokus auf Spieler mit auslaufenden Verträgen. Das Ergebnis war gar nicht so völlig uninteressant.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Arne“, bat ich ihn anschließend am Telefon, „sieh dir doch bitte mal einen gewissen Andrea Paroni an. Ja, Andrea, genau wie unser junger DM. Er steht bei Entella Chiavari zwischen den Pfosten und könnte etwas für uns sein. Ist erst mal nur ein Schuss ins Blaue, aber du wirst ihn schon richtig einschätzen. Ich zähle auf dich!“

    Naja, wenn es nichts war, dann eben nicht. Ich wollte nur vermeiden, dass wir uns mit einer großen Ablösesumme belasten mussten, um uns in der Dritten Liga halten zu können.



    63. Teil: Engagierter Rückrundenbeginn
    (15. Februar 2014)


    Unser Gegner im ersten Pflichtspiel des Jahres war Hannover 96 II. Während sich gerade ein unermüdlicher Manager namens T. Hegame oder so ähnlich (Japaner?) um die Profis der Niedersachsen verdient machte, lag deren Reserve in der Regionalliga Nord auf Platz 3, punktgleich mit den Wölfen. Sie mussten also durchaus als einer unserer ärgsten Konkurrenten gelten. Allerdings hatten wir sieben Punkte Vorsprung und ich setzte mich mit dem Gefühl auf die Trainerbank, dass wir dieses Heimspiel gewinnen würden. Zudem konnten wir in unserer Bestbesetzung antreten, die folgendermaßen aussah:


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Eine durchweg gute Leistung aller Akteure bescherte uns dann auch einen nie gefährdeten 4:0-Sieg. Da Wolfsburg II gegen Hertha II ebenfalls verlor, bauten wir unseren Vorsprung auf beachtliche zehn Punkte aus. Bei sechzehn noch ausstehenden Spielen durfte das zwar noch nicht zur Sorglosigkeit verleiten, aber am Ende bestand allgemeine Einigkeit, dass wir auf dem besten Weg waren, endlich in die Dritte Liga aufzusteigen – zum ersten Mal, seit es diese Liga gab und der VfB sich 2008 nicht für sie qualifizieren konnte.

    „Glückwunsch, Malte!“, sagte Daniel unmittelbar nach dem Spiel, als ich mit den beiden Co-Trainern das Stadion verließ. „Jetzt bin ich auch überzeugt davon, dass das was wird.“

    „Ja, dito“, stimmte Sebastian mir zu, „ebenfalls Glückwunsch zum deinem ersten Sieg als Trainer!“

    „Das kann ich nur zurückgeben! Ich bin mit unserer Teamarbeit außerordentlich zufrieden. Und ich denke, spätestens jetzt besteht Grund genug, sich mit den Planungen für die nächste Saison zu befassen.“

    „In der Dritten Liga!“, sagte Daniel.

    „In der Dritten Liga!“, wiederholten Sebastian und ich gleichzeitig.

    Als ich anschließend wieder in meinem Büro saß, beschloss ich, ab sofort für jedes Ligaspiel eine Karteikarte anzulegen. Natürlich benutzte ich dafür nicht einen dieser hölzernen Schuber, wie ich sie noch in meiner Zeit als Unternehmensberater verwendet hatte, sondern eine nette kleine Software.


    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Sehr ärgerlich war allerdings die Verletzung von Marcus Steinwarth (LA), der mit einem Oberschenkelbruch für ganze 25 Wochen ausfiel. Die Saison war für ihn beendet. Domogoj Duspara, von Hause aus eigentlich zentraler Stürmer, würde ihn nach Kräften ersetzen müssen.
    In der nächsten Woche kam Arne in meinem Büro vorbei.

    „Ich bring' dir da denn mal den Scoutbericht, den du haben wolltest.“, sagte er und legte mir ein knappes Dossier auf den Tisch.

    „Andrea Paroni, 24 Jahre“, las ich laut, „Stärke 59, fünf Sterne. Nee, Arne. Schade, aber das ist nichts.“ Er zuckte nur mit den Schultern. „Du scheinst recht gehabt zu haben: einen ordentlichen Keeper für die nächste Saison zu finden, wird nicht einfach. Danke aber trotzdem.“

    „Da nich' für.“

    „Aber weißt du, du könntest mir vielleicht gleich mal einen anderen Gefallen tun. Nachdem unsere linke Offensivseite jetzt gerade schwächelt, sieh dich doch mal nach einem LM um. Alter bis 29, ruhig aus Deutschland. Wenn wir ab Sommer mit weiter zurückgezogenen Außen spielen wollen, müssen wir jetzt schon die richtigen ausgucken.“

    „Jau, denn guck ich mal.“, sagte er, und noch ehe er aus dem Raum ging, klingelte mein Telefon.

    „Ja?“

    „Spreche ich mit Herrn Womerde vom VfB Lübeck?“

    „So ist es, Was gibt es?“

    Tja, Sachen gibt's… Das war tatsächlich schon wieder einer, der mir ein Angebot machen wollte, das er und nur er für attraktiv hielt.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    „Monopoly World“ – wer sollte uns da denn noch ernst nehmen? Und dann gleich das ganze Stadion so benennen? Ausgeschlossen. Außerdem bestand er auf vier Jahren Laufzeit, wo wir doch schon in einem halben Jahr eine Liga höher zu spielen gedachten. Nein, das wollte ich dem Verein, den Fans und mir durchaus nicht antun. Ich dankte ihm und lehnte ab.


    Arne war diesmal schnell und gründlich. Er nannte mir fünf geeignete linke Mittelfeldspieler, zwischen 19 und 28 Jahre alt.


    (Quelle: Screenshot FM12)


    Czichos war der interessanteste von ihnen, weil er im Sommer ablösefrei zu haben war. Ich machte ihm ein Angebot, das er gerade so eben akzeptieren mochte, dabei lag es mit 70.000 Euro schon um 10.000 über dem derzeitigen Maximalverdienst. Er konnte allerdings nichts anderes als LM spielen, sodass ich die Augen in jedem Fall weiter würde offenhalten müssen. Am folgenden Samstag machten wir jedenfalls erst einmal keine sehr glückliche Figur, wenn man bedachte, dass wir diesen Gegner im Hinspiel noch mit 8:1 geschlagen hatten. Auslöser dafür war natürlich die frühe Rote Karte. Dennoch hätten wir es klar gewinnen müssen.


    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Und dann begann auch für die A-Jugend wieder der Ligaalltag. Ich sprach Emmo vor dem Spiel noch kurz und wünschte ihm und seinen Kumpels Glück. Mit Kristian, dem Jugendtrainer, hatte ich zuvor abgesprochen, dass er doch ruhig mal Emmos Bruder Kevin auf LM spielen lassen sollte. Denn Raphael, der Einzige für diese Position, hing deutlich hinter den anderen hinterher, weshalb ich ihm auch kein Vertragsangebot zum Saisonende gemacht hatte. Und siehe da, Kevin machte seine Sache sehr ordentlich, es gab trotz allgemein mittelmäßiger Leistungen einen deutlichen 3:0-Sieg beim Mitaufsteiger Heidenheim. Da Bochum verlor, eroberte Emmos Team sich damit die Tabellenführung.

  • 64. Teil: Vor dem Spitzenspiel
    (25. Februar 2014)


    Am Abend nach der Rückkehr aus Brandenburg gingen Kevin, Emmo und ich ein Stück gemeinsam nach Hause, weil die Winters jenseits der Wohnsiedlung lebten, in der Sabrina, Lukas und ich wohnten. Wir sprachen gerade darüber, wie sehr die Zahl der gelben Karten zurückgegangen war, die es in letzter Zeit für unsere A-Jugend gegeben hatte, als Emmo abrupt stehenblieb.


    „Sag mal, hat deine Frau nicht so einen roten Kleinwagen?“, fragte er, und ich sagte darauf noch so ganz leichthin:


    „Ja, genau. Meinen scharfen Ford Capri wollte sie damals ja nicht haben, als ich ihn ihr zum Geburtstag geschenkt habe. Wieso fragst du?“


    „Äh, ich fürchte…“, kam es etwas zögerlich, und gleichzeitig begann Kevin hinter vor den Mund gehaltener Hand zu kichern, „ich fürchte, du bräuchtest da mal eine etwas größere Garage!“


    „Ach nee, nicht schon wieder!“



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Es war ihr sehr peinlich, aber vor den Jungs mochte ich jetzt auch kein Fass aufmachen. Zumal das Ganze mittlerweile auch schon wieder etwas Komisches hatte, und so sagte ich als Erstes nur:


    „Hauptsache, dir ist nichts passiert, Schatz!“


    Sabrina sah mich zweifelnd an und verschwand im Haus. Nachdem Emmo und Kevin weitergegangen waren, folgte ich ihr und konnte mir nicht verkneifen, nun noch eine Bemerkung hinterherzuschicken:


    „Weißt du, ich hab da so einen Bekannten, der Golfplatzdrainagen und Phosphorparks konzipiert, manchmal auch Fußballstadien. Den werde ich bitten, unsere Garage mal rundherum mit 60 cm starken Gummiplatten zu tapezieren.“


    Sie stand zunächst nur mit offenem Mund da, schüttelte dann fassungslos den Kopf und verschwand heulend im Schlafzimmer. Na super, Womerde, das hast du ja mal wieder spitze hingekriegt!


    Am nächsten Tag ging aber das ganz normale Business weiter. Zuerst trudelte eine erfreuliche Nachricht ein:



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Czichos war LM und konnte notfalls auch LV spielen. Er war ein brillanter Techniker, der seine Stärken in der Sicherung des Spiels hatte. Eine gute Verstärkung, wie ich fand. Das erinnerte mich daran, dass ich die drei aus unserer eigenen Jugend unbedingt noch zu ihrem Glück überreden musste: Sahli, den ich auch auf längere Sicht nur in der zweiten Mannschaft sah, bot ich 8.000 Euro, Zurawsky wollte ich unbedingt im Verein halten – schon um Daniel Lippmann zu zeigen, wer sich hier mit Talenten auskannte – und ging hoch bis auf 20.000, für Emmo schließlich fand ich 15.000 fürs Erste angemessen.


    Dann stand das nächste Ligawochenende an. Wir empfingen den SV Meppen, der immerhin auf Platz 6 lag und also nicht unterschätzt werden durfte. Aber alle im Team waren nicht nur heiß auf den Aufstieg, sie wollten sich zugleich partout für die nächste Saison in der höheren Spielklasse empfehlen. So kompensierten wir den Ausfall des gesperrten Kraetschmer locker gegen einen Gegner, bei dem allein der Torwart besser als katastrophal spielte.



    (Quelle: eigene Tabellengrafik)


    Doch trotz des klaren Sieges verließ mein Co-Trainer den Platz unter lautem und vernehmlichem Fluchen, wobei er ein Wort mit Sch… ständig wiederholte. Ich verstand seinen Ärger, auch wenn ich vielleicht etwas lockerer mit der Misere umging.


    „Hast ja recht, Daniel. Duspara 13 Tage verletzt, Kalus 12 Tage, das ist halt mal Pech.“


    „Pech nennst du das? Ich sage dir, wenn die Meppener nicht Fußball spielen können, dann sollen sie’s bleiben lassen und nicht unsere Spieler zusammentreten. Und der Schiri zeigt denen nicht eine einzige Gelbe dafür!“


    Blöd war vor allem, dass nach Steinwarth nun auch noch unser zweiter linker Offensivspieler ausfiel. Und das, wo wir am nächsten Wochenende auf unseren schärfsten Konkurrenten trafen, die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg. Aber von dem erfolgreichen 4-2-4 wollte ich jetzt keinesfalls abrücken. Das schnelle Überbrücken des Mittelfeldes, gerade auch über die Flügel, war zurzeit so prägend für unseren Spielstil und für unsere Erfolge, dass ich in diesem Bereich keine Verunsicherung entstehen lassen wollte.


    Unmittelbar vor dem nächsten Spiel der A-Jugend kam dann, was beinahe zu erwarten gewesen war.



    (Quelle: Screenshot FM12)


    Emmo und Wolfgang kamen gemeinsam auf mich zu und erklärten, dass ihre Väter andere Vorstellungen davon hatten, wie die ersten Verträge ihrer Söhne aussehen sollten. Auf meine Frage, was das denn für Vorstellungen seien, konnten sie mir aber auch keine Antwort geben. Nun, mir schien, so richtig wohl war ihnen selbst nicht dabei, und ich ließ sie erst einmal ihr A-Jugendspiel gegen den SV Sandhausen machen. Beide spielten unter ihren Möglichkeiten; die Matchwinner waren zwei andere: zweimal bediente Andrea (DM) Bruno (ST) mustergültig, zweimal versenkte der den Ball unhaltbar im Netz der Gäste. Kevin, der erneut LM spielte, tat sich heute mit seiner neuen Rolle auch deutlich schwerer, und so wurde es am Ende mit einem 2:1 noch reichlich knapp. An der Tabellensituation änderte sich dadurch nichts.


    Wenigstens Hany Sahli (TW) ließ mich wissen, dass er das Vertragsangebot zur neuen Saison gerne annahm. Das war ja immerhin etwas. Aber da kam mir gerade eine Idee, wie man aus der Not vielleicht eine Tugend machen konnte, und am Abend im Finnegan fragte ich gleich mal meine Co- und Jugendtrainer nach ihrer Meinung dazu.



    „Ich meine, wir haben ja am Samstag sonst nur fünf Männer auf der Bank. Vier Spieler sind verletzt und Christian Kraetschmer ist immer noch gesperrt.“


    „Also, ich finde es gut.“, sagte Kristian Gentner, der normalerweise großen Wert darauf legte, dass keiner seiner Jugendspieler einen Extra-Storch gebraten bekam. „Wolfgang und Emmo werden deshalb nicht gleich abheben, und es gibt einen guten Grund für die Maßnahme, den die anderen auch nachvollziehen können.“


    Daniel Lippmann hingegen wiegte nachdenklich sein Haupt und musste erst einmal einen großen Zug von dem frisch gezapften Guinness nehmen. „Es geht immerhin gegen unsere ärgsten Verfolger.“, meinte er. „Muss das denn gerade jetzt sein?“ Auch Sebastian Adler blickte skeptisch.


    „Müssen muss es gar nicht“, sagte ich, „und ich werde sie beide selbstverständlich auch nicht bringen, falls es eng wird. Aber wenn ich sie schon nicht temporär in die Reserve beordern kann, dann ist dies doch mal eine perfekte Gelegenheit, sie ein bisschen die volle Härte schnuppern zu lassen.“


    Daniel zierte sich noch etwas, aber dann bat ich den Wirt, für uns seine Flasche 18-jährigen Bunnahabhain hervorzuholen, die er ausschließlich für besondere Gelegenheiten unter der Theke verwahrte.


    „Bunna-was?“


    „Bunnahabhain. Einer der besten Single Malts, die du finden kannst. Arne?“


    Mein alter Lieblingsscout saß natürlich auch mit in der Runde. „Jau?“, fragte er zurück.


    „Wie sagt der norddeutsche Torwart, wenn er den Ball gefangen hat?“


    „Nu, der secht: Hebb ejn!“


    „Genau. Und dann setz‘ mal noch ein Bunna davor, und du hast…?“


    „Bunnahabhain!“, riefen alle wie aus einem Munde.



    „Na, denn man prost!“


    „Auf Emmo und Wolfgang!“


    Am Freitag sprach ich die beiden an. Ich tat das bewusst im gesamten Kreis der A-Jugendspieler, damit es nicht irgendwie geheimnisvoll aussah. Die anderen mochten ein wenig neidisch sein, aber falls der eine oder andere ein Problem mit der Maßnahme hatte, dann behielt er es für sich.


    „Ich biete euch an, morgen mal bei der Ersten auf der Bank zu sitzen. Da sind nämlich zufällig zwei Plätze frei.“


    „Wow!“ sagten Emmo und Wolfgang nur.


    „Damit ist keineswegs gesagt, dass ihr zum Einsatz kommt. Sicher ist nur, dass ihr das A-Spiel am Dienstag beim FSV Frankfurt versäumt. Wärt ihr dazu bereit?“


    „Aber morgen geht es doch gegen die Wölfe, also, da kommt es richtig drauf an!“


    „Das stimmt. Deswegen solltet ihr euch auch nichts ausrechnen. Allenfalls dann, wenn wir deutlich in Führung liegen, könnte es sein, dass ich einen von euch für die letzten Minuten noch aufs Feld lasse.“


    Trotzdem waren sie begeistert. Und ich hatte die Hoffnung, dass sie danach ihren Vätern beibiegen würden, wie dringend sie nächste Saison noch beim VfB Lübeck spielen wollten.