Beiträge von siika04

    Ob es mit dem Testspiel gegen den SV Bad Rothenfeld und dem ganzen Drumherum zusammenhing? Vermutlich würde ich es nie erfahren. Was ich heute erfuhr, weil Martin mich anrief und informierte, war, dass Bojan einen Trainerlehrgang aufgenommen hatte, um den nationalen A-Trainerschein zu erhalten. Sollte er erfolgreich sein (und davon war auszugehen), würde er in etwa vier Monaten den Trainerschein erwerben. Wie Martin lobend erwähnte, bezahlte Bojan die Teilnahmegebühr, immerhin fast 700 EUR, aus eigener Tasche. Ich freute mich für Bojan und den Verein und hielt das Ganze für eine gute Sache.


    Das Gespräch mir Martin war noch aus anderen Gründen interessant: So wusste er davon zu berichten, dass für Maximilian Bremser ein Angebot eingegangen war. Ich brauchte ein wenig, um zu begreifen, was Martin meinte: Ein anderer Verein, konkret der FC Iserlohn 46/49, von dem ich noch nie gehört hatte, wollte Bremser verpflichten. Der Westfalenligist hatte sogar eine Ablöse angeboten, 200 EUR wollten sie zahlen. Martin hatte das Angebot aber rundheraus abgelehnt, finanzielle Sorgen hin oder her. „Geld ist ja schön und gut, aber wir können nicht einfach einen Spieler abgeben, mit dem wir fest planen“, sagte er. Und ergänzte: „Außerdem helfen uns zwei Hunderter auch nicht weiter.“


    Außerdem hatten Sven und er mit Halstenberg und Hobbins gesprochen und ihnen mitgeteilt, dass Vorwärts Nordhorn nicht mehr mit ihnen plane. Das gab mir aus zweierlei Gründen einen leichten Stich: Zum einen wäre ich gerne bei den Gesprächen dabei gewesen. Zum anderen verließen wir bei Vorwärts so langsam den familiären Weg. Unsere Maxime, jeden mitzunehmen und im Verein zu halten, der das wollte, galt nicht mehr uneingeschränkt und das bereitete mir Kummer. Ich wusste, dass der Verein wachsen wollte, erfolgsorientierter werden wollte und vermutlich auch musste. Und dennoch ...


    Zwei Tage später stand die Auslosung für den Niedersachsenpokal auf dem Programm. Wir hatten absolutes Glück und erhielten mit dem SC Hemmingen-Westerfeld einen Klub aus der Bezirksliga Hannover zugelost. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf der Oberliga und dem Kampf um den Klassenerhalt lag, war die zweite Runde damit eigentlich Pflicht. Und wer weiß, vielleicht würden wir da ein großes Los ziehen, das uns Zuschauer- und Werbeeinnahmen brachte? Aber natürlich lag vor der zweiten Runde erst einmal die erste ...


    Und vor der ersten Pokalrunde lagen noch drei weitere Testspiele. Das nächste brachte uns eine Mannschaft aus der Landesliga Westfalen als Gegner - SUS Stadtlohn war in der vergangenen Saison als 17. (und damit Vorletzter) aus der Oberliga Westfalen abgestiegen und hatte den sofortigen Wiederaufstieg als Ziel ausgegeben.

    Ich erwartete also einen Gegner mindestens auf Augenhöhe und ein forderndes Spiel. Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass ich Recht behalten sollte. Mit ihrer ersten Chance gingen die Gäste aus Stadtlohn in Führung: Im Anschluss an eine Ecke waren zwei von ihnen in unserem Fünfmeterraum völlig frei, einer davon, Jerry Okoro, köpfte unbedrängt zur Führung ein. Wenn ich sagte „unbedrängt“, dann meinte ich das auch so: In einem Radius drei Metern war niemand in einem Vorwärts-Trikot, alle hielten sich vornehm zurück ...


    Okoro war auch in der Folgezeit der auffälligste Spieler auf dem Platz. Er hatte zwei gute Gelegenheiten und setzte einmal seinen Mitspieler gekonnt ein - zu unserem Glück wurden alle diese Chance aber vergeben, sodass wir nur mit einem 0:1-Rückstand in die Kabine gingen.

    Dort war erst einmal „Wunden lecken“ angesagt: Eisfeld hatte eine Wadenverhärtung, Neziri hatte einen Schlag auf das Handgelenk bekommen - beide kamen runter, ebenso wie Piesche, Wallenborn, Altendorf und Amaefule. Es war also die große Wechselei angesagt, aber wir befanden uns ja auch in der Vorbereitung. Ebenso sah es auch der Gästetrainer, der ebenfalls munter durchwechselte und unter anderem seinen Besten, Okoro, unten ließ. Nachher bekam ich mit, dass der Bursche erst 16 Jahre alt war ...


    Ein paar Minuten nach der Pause konnten wir mal über einen etwas längeren Zeitraum Druck aufbauen und die Stadtlohner in Bedrängnis bringen. Der eingewechselte Baackmann prüfte mit seinem Abschluss den Gästetorwart. Danach plätscherte das Spiel vor sich hin. Die Gäste waren nicht weiter gefährlich, wir wühlten uns in das Spiel, kamen aber auch nicht zu echten Chancen.

    Bojan und ich drehten daher an ein paar Stellschrauben. So sollten unsere beiden Mittelfeldspieler „angreifen“ statt nur „unterstützen“ und Kuleszka wurde zur „hängenden Spitze“ verdonnert. So wollten wir das Loch zwischen der Mittelfeldreihe und den Stürmern etwas verkleinern.

    Wenn wir ehrlich waren, lag es aber nicht daran, dass wir zum Ausgleich kamen. Grund dafür war vielmehr das gute Auge von Bremser, der einen langen Ball auf Nikolaev spielte und dessen Kaltschnäuzigkeit im Abschluss.

    Im Anschluss daran versuchten wir dafür zu sorgen, dass unser Offensivspiel breiter wurde und etwas mehr über die Flügel ging. Das sah von außen ganz gut aus ... letztlich hatten wir die zweite Hälfte gut im Griff, ohne wirklich zwingend zu sein.

    Am Ende des Spiels stand es 1:1 und wir hatten ein paar Ansatzpunkte, um in den kommenden Spielen noch weiter an der Ausrichtung zu feilen.


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    Ich wusste nicht so richtig, was das sollte - aber es gingen Angebote für ein paar von unseren Spielern ein. Drei Klubs hatten Interesse an Joel Baackmann, sogar vier waren an Matthias Heinrich dran. Die konkreten Angebote, die es für die beiden 17-jährigen gab, lehnten wir natürlich ab.


    Und es wurde noch unangenehmer: Der Heider SV aus der Oberliga Schleswig-Holstein machte ein Angebot für Dieter Döll. Das abzulehnen, war schon schwieriger, weil Didi aus irgendwelchen für mich nicht nachvollziehbaren Gründen Interesse zeigte. Als ihm von Vereinsseite aus der Wechsel verwehrt wurde, war er frustriert. Ich suchte daraufhin das Gespräch mit ihm.

    Meine Freundin gab mir den Rat mit auf den Weg, ihn ein bisschen „zu pampern“ und ihm ein wenig Honig um den Bart zu schmieren. Da meine Freundin eine ausgezeichnete Menschenkenntnis hatte, beschloss ich, ihrem Ratschlag zu folgen.

    Als ich mich mit Döll traf, ließ ich erst einmal ihn sprechen, damit er Dampf ablassen konnte. Er zeigte sich enttäuscht, dass wir seinen Wechsel verhindert hatten. Er meinte, es wäre eine großartige Chance dorthin zu wechseln und ein wichtiger Teil des Kaders zu sein. Abschließend forderte er, dass wir ihm die Verhandlungen erlauben, wenn der Heider SV noch einmal anfragen sollte.

    Oh, da hätte ich unserem Kapitän ja gerne was erzählt ... zum Beispiel hätte ich ihn gerne gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hätte? Oberliga konnte er auch hier bei uns spielen. Für mich war überhaupt kein Vorteil in einem Wechsel erkennbar. Aber ehe ich mich aufregte, dachte ich an meine Freundin.

    Und holte den Honig raus.

    Ich versicherte ihm meine Wertschätzung, betonte seine Wichtigkeit für den Kader, seine Wichtigkeit als Führungsperson, betonte, wie wichtig er auch und gerade für die jungen Spieler sei - der Honig tropfte nur so auf den Boden ... Als ich dann auch noch sagte, dass ich nicht auf jemanden verzichten könnte, der so viel Einfluss habe wie er, war es um ihn geschehen. Döll strahlte mich an und sagte: „Ich habe mich selbst nicht so gesehen, aber es fühlt sich gut an, als Führungsspieler betrachtet zu werden. Ich würde gerne hierbleiben, danke.“

    Bitte.


    Der nächste war Wolfgang Knystock ... dieselbe Leier:

    Drei Angebote (zwei von Oberligisten, eins von einem Landesligisten).

    Alle abgelehnt.

    Spieler beleidigt.

    Gespräch gehabt.

    Honigtopf rausgeholt.

    Alles in Ordnung.


    Bei Eder Castillo war die Sache dann etwas einfacher - er hatte gar kein Interesse daran, den Verein zu verlassen, sodass er kein Problem damit hatte, dass wir die Angebote für ihn ablehnten.


    Bei all dem Transferhickhack durfte man nicht vergessen, dass wir auch noch Fußball spielten. Das dritte Vorbereitungsspiel bescherte uns einen Gegner aus der Derde Divisie Sonntag - das war die zweite Amateurliga in den Niederlanden, also die fünfte Liga. Der Gegner hieß KVV Quick'20 Oldenzaal.

    Wir wiesen die Jungs an, über die Flügel zu spielen, und bei eigenem Ballbesitz sehr breit zu stehen. Bereits nach fünf Minuten hatte sich diese Taktik erstmals ausgezahlt - über die linke Seite schlug Bähre eine richtig gute Flanke in den Sechszehner, die von Kuleszka per Kopf veredelt wurde.


    Auch danach behielten wir unsere Linie bei und das sah wirklich gut aus. Wir verlagerten immer wieder das Spiel von einer auf die andere Seite und spielten wirklich sehr gefällig. Gefährlich waren wir dabei auch und so konnte Nikolaev nach schöner Vorlage des honigbeschmierten Döll zum 2:0 treffen. Dieses Mal lief der Spielzug durch die Mitte.

    Nach 35 Minuten erhöhte Kuleszka auf 3:0 - Bähre hatte den Eckball geschlagen, den unser Goalgetter der letzten Saison per Kopf verwerten konnte.

    Das war die Vorentscheidung und endgültig war das Spiel dann kurz vor der Pause durch, als ein Gästespieler nach einer beidseitigen eingesprungenen Grätsche die rote Karte sah.


    Die zweite Hälfte verlief weitgehend unspektakulär. 20 Minuten vor dem Ende folgte nach einer erneuten Seitenverlagerung durch Wallenborn die Flanke von rechts. In der Mitte war Nikolaev zur Stelle, konnte den Ball annehmen und dann zu seinem zweiten Treffer an diesem Tag verwandeln.

    Den endgültigen Schlusspunkt setzte erneut Nikolaev, vorausgegangen war dieses Mal die Flanke von Starke nach einem Seitenwechsel durch Piesche.


    5:0 hieß es also am Ende und wir hatten ein richtig gutes Spiel abgeliefert, auch spielerisch.

    Bei meinem Saisonvorbereitungstreffen mit Bojan wurde mir wieder bewusst, was er doch für ein taktisches Mastermind war. Das hatte ich in der vergangenen Erfolgsphase beinahe schon wieder vergessen, aber es wurde mir schnell wieder klar, als wir uns unterhielten. Ausgangspunkt war die Taktik für die kommende Saison. Ich wollte - kurz gesagt - uns flexibler aufstellen und eine Taktik spielen lassen, in denen die Stärken der Spieler stärker zur Geltung kamen. Das war jedenfalls meine Hoffnung. Wir hatten viele Flügelspieler - warum also kein 4-2-3-1?


    Nun, Bojan konnte es mir erklären: „Ich fürchte, wir kommen von unserem 4-4-2 nicht weg. Für eine Dreier- oder Fünferkette fehlen uns (gute) Alternativen in der Defensive und im Mittelfeld haben wir keinen defensiven Mittelfeldspieler, den wir aufbieten könntest. Außerdem ist doch der Sturm unser stärkster Mannschaftsteil - warum also darauf verzichten?“

    Nun, da war etwas dran ...

    „Ich würde allenfalls verletzungsbedingt mal auf ein 4-4-1-1 umstellen“, fuhr mein Co-Trainer, der so viel mehr war als ein bloßer Co, fort.

    Wir sprachen noch ein bisschen weiter, aber im Grunde hatte Bojan schon mit seinen ersten Worten die Marschrichtung vorgegeben - 4-4-2 auch in der Oberliga.


    Im Anschluss gingen wir den vorhandenen Kader durch, der zurzeit 26 Spieler umfasste, darunter acht 17jährige.

    Bei den Keepern war es einfach: Knystock und Erdil würden beide immer im Kader sein. In der Vorbereitung würden wir sie gleichermaßen testen und dann mal sehen ... Knystock hatte zwar Vorteile, aber Erdil war ein guter Herausforderer und würde zumindest auf ein paar Einsätze kommen.

    Als ich das Thema „mitspielender Torwart“ aufbrachte, hielt Bojan wieder voll dagegen: „Ganz ehrlich - es wäre besser, wenn sie nicht den Spielaufbau mit übernehmen müssten. Auch Erdil - schau Dir mal seine Nervenstärke und Antizipation an“, argumentierte er nicht zu Unrecht.


    „Gies, Addai und Wallenborn könnten Rechtsverteidiger spielen“, leitete ich zur nächsten Position über.

    Bojan wiegte den Kopf hin und her. „Addai sehe ich aufgrund seiner fehlenden Schnelligkeit eher in der Innenverteidigung. Wallenborn eigentlich auch, der Junge ist 1,93 groß und hat eine Riesensprungkraft. Aber in der Innenverteidigung haben wir noch andere Gute. Da wir zwei Leute hinten rechts brauchen, würde ich Gies und Wallenborn nehmen, aber in etwas unterschiedlichen Rollen.“

    Das klang - natürlich - vernünftig.

    „Aber vielleicht probieren wir Wallenborn ruhig mal in der Innenverteidigung aus.“

    „Auf jeden Fall, wenn einer von den beiden anderen da schwächelt“, stimmte mir Bojan zu.

    „Schultz, Piesche und wieder Wallenborn könnten Linksverteidiger spielen. Der ist ja aber auf rechts bzw. innen gesetzt.“

    „Sehe ich auch so, Schultz und Piesche reichen ja aber auch aus“, entgegnete mein Co.

    Bei den Innenverteidigern waren wir uns ebenso schnell einig: „Castillo darf sich wohl als gesetzt bezeichnen. Daneben überzeugt am ehesten Bremser, gerade weil Wallenborn woanders gebraucht wird“, fasste Bojan es zusammen. Das hieß aber auch, dass Buddenberg und Addai erst einmal wieder in der U-Mannschaft spielen würden.


    Dann kamen wir zum Mittelfeld. Spieler im Überfluss - insgesamt 13, aber nur vier Positionen. Bojan brachte es auf den Punkt: „13 Spieler sind natürlich viel zu viel. Rausfallen würde da bei mir Halstenberg sowie Hobbins, die ja auch in der letzten Saison keine (besonders) große Rolle spielten und deren Lieblingspositionen es in unseren Systemen nicht gibt.“

    Puh ... da war es raus. Aber auch wenn ich immer gesagt habe, dass wir keinen der Jungs gehen bzw. fallen lassen - sowohl Halstenberg als auch Hobbins hatten in der letzten Saison wirklich nicht viel gespielt. Und wenn, dann hatten sie nicht wirklich überzeugt. Im Grunde war es also nur konsequent, ihnen reinen Wein einzuschenken und in die U-Mannschaft zu verfrachten bzw. ihnen freizustellen, den Verein zu verlassen. Diese nicht ganz so angenehme Aufgabe würde in erster Linie mir zufallen, aber da wollte ich Martin und Sven auf meiner Seite bzw. sogar an meiner Seite haben.

    Nachdem das geklärt war, ging es weiter: „In der Mitte führt Döll Regie, neben ihm streiten sich Berkenbaum und Altendorf um den zweiten Platz. Karaqus und Heinrich wären bei Umschulungen ebenfalls Optionen. Bis sie das sind, plädiere ich für Altendorf als Partner für Döll.“ Bojan schaute mich an und wartete auf eine Reaktion.

    Ich war etwas überrascht vom Gedanken an das, was er als „Umschulung“ bezeichnete. Aber warum nicht? Die beiden waren 17 Jahre alt, hatten grundsätzlich die Voraussetzungen, gute zentrale Mittelfeldspieler zu werden - also warum nicht? Das sagte ich Bojan auch so.

    Blieben noch die Außen. „Bähre ist für mich gesetzt“, verkündete Bojan. „Je nachdem wer in der Vorbereitung welche Leistungen bringt, würde ich entscheiden, wo er aufläuft und wer auf der anderen Seite spielt.“

    Amaefule, Eisfeld, Baackmann, Starke und Schäfer waren da die Kandidaten. Einer würde es werden, zwei weitere als Ersatz - blieben zwei, die überwiegend nicht in der Ersten eingesetzt würden ... ein Überangebot an Spielern brachte ebenso Probleme mit sich, wie das ein Mangel tat ...


    Geradezu wohltuend und entspannend war es dann wieder, sich mit dem Sturm zu beschäftigen. Wir hatten drei Spieler relativ auf Augenhöhe. Kuleszka hatte sich aufgrund der phantastischen Vorsaison vermutlich einen Bonus verdient, aber ansonsten würden wir bei der Frage, wer spielt, die Form entscheiden lassen.


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    Wie ich schon sagte: Bojan hatte mich wieder mit seinen enormen taktischen Kenntnissen beeindruckt. Die Frage, warum nicht er der Cheftrainer war, beantwortete sich aber ein paar Tage später von selbst.

    Ich hatte die Gelegenheit genutzt und noch einmal mit meiner Freundin und „unseren“ Kindern ein Wochenende an der Ostsee verbracht, quasi als Entschädigung für die kommenden anstrengenden Fußballwochen mit längeren Fahrzeiten und Abwesenheiten. Bojan sollte im Testspiel gegen den SV Bad Rothenfeld die Mannschaft von vorne bis hinten betreuen, also einschließlich Taktikvorgabe, Festlegung der Mannschaft, Vornahme von Wechseln und nun mal allem, was so rund um ein Spiel herum dazu gehörte.

    Als ich nach einem schönen Strandtag, an dem ich den Fußball vergessen und mich stattdessen mit Sonnencreme und Planschereien vergnügt hatte, auf fussball.de schaute, wie denn das Testspiel verlaufen war, traute ich meinen Augen nicht. Bojan hatte kaum etwas von dem, was wir besprochen hatte, umgesetzt!

    Statt eines 4-4-2 ließ er plötzlich in einem 4-2-3-1 spielen ...

    Schultz spielte in der Innenverteidigung statt Bremser, Gies statt Wallenborn als VR ...

    Als Flügelspieler liefen Karaqus und - ich traute meinen Augen nicht - Masanet auf. Masanet, ein 16jähriger Jungspund, dessen Einsatz in der Ersten nie auch nur im Ansatz zur Debatte gestanden hatte.

    Und als es zum geballten Wechsel kam, setzte Bojan Spieler ein wie Diallo, Yilmaz, Wulf und Kasongo sowie Addai - und dafür saßen Neziri und Eisfeld die ganze Zeit auf der Bank.


    Ich musste an mich halten, dass ich Bojan nicht direkt aus dem Hotel anrief und durch den Hörer zog. Aber das wäre für den weiteren Verlauf des Kurzurlaubs und für meine Beziehung zu Bojan nicht förderlich gewesen, daher hielt ich mich zurück.

    Als ich ihn am Tag unserer Rückkehr von der Ostsee anrufen wollte, kam er mir schon zuvor: Beinahe unter Tränen schilderte er mir, wie es ihm unmöglich gewesen war, den Anforderungen der Jungs Herr zu werden, die auf ihn einstürmten, als er aus seinem Wagen stieg. Alle hätten wild durcheinander geredet, ihn um Einsatzzeit gebeten und Taktikvorschläge gemacht ... letztlich habe er sich nicht anders zu helfen gewusst, als dem allem nachzugeben und die Mannschaft sich quasi selbst aufstellen und coachen zu lassen.


    Woraus wir gelernt hatten, dass ein Taktikfuchs eben doch nicht automatisch ein guter Cheftrainer war.


    Wie das Spiel ausging? Nun ...

    WOW! :thumbup:

    Einfach nur "WOW!" und "DANKE!", TMU, für dieses ausführliche Statement. Ich werde es sicher zu einem Großteil in das nächste Update einbauen und Dich mit der Stimme von Bojan sprechen lassen.

    Meine freie Zeit nutzte ich, um den vorhandenen Kader zu durchforsten und so die bestmögliche Taktik für die vorhandenen Spieler zu finden.


    Nach dem Triumph gab es eine Aufstiegsfeier im Vereinsheim, an dem die Spieler nebst Anhang teilnahmen. Natürlich waren auch die Fans eingeladen und der Vorstand ließ sich auch blicken. Die Stimmung war ausgelassen, alle freuten sich über den tollen Erfolg des Teams.


    Zwei Tage später verabschiedeten sich alles in den Urlaub, um Kraft für die neue Saison zu sammeln. Mit Bojan hatte ich zuvor noch eine kurze Übersicht als Saisonfazit erstellt:


    Kuleszka und Döll waren als bester Torschütze bzw. bester Vorlagegeber nicht nur des SV Vorwärts Nordhorn, sondern der gesamten Landesliga Weser-Ems die Topspieler der ganzen Saison. Aber auch Piesche, Nikolaev, Castillo, Bähre und Wallenborn waren herausragende Spieler der Saison gewesen.

    Die Spieler mit recht wenig Einsatzzeit hingen etwas hintendran, wie man bei Neziri, Halstenberg, Hobbins und Amaefule sah. Schwache Leistungen führten zu weniger Einsatzzeiten führten zu schwachen Leistungen ... diesen Kreislauf galt es in der neuen Saison zu durchbrechen. Der Kader würde dann noch durch den einen oder anderen Jugendspieler aufgefüllt werden, was hoffentlich nicht nur zu mehr Quantität, sondern durch mehr Konkurrenz auch zu mehr Qualität führen würde - so jedenfalls die Theorie.


    Bis zum Praxistest würde es aber erst einmal in den Urlaub gehen. Es standen auch die Ferien an, die ich mir kindertechnisch mit meiner Frau aufteilte: Drei Wochen waren die Jungs bei mir und drei bei ihr. Die Zeit mit den Kindern war schön, aber durchaus auch anstrengend, weil die Jungs im Grunde immer irgendwie beschäftigt werden wollten/mussten. Ohne Impulse wurde die Zeit im wahrsten Sinne verdaddelt bzw. mit Zocken oder am Smartphone verbracht. Mich regte so etwas tierisch auf, aber ich hatte oftmals auch nicht die Kraft oder Lust, mich energisch dagegen aufzulehnen. Die Dinge, die wir gemeinsam machten, waren aber immer schön!

    Eine Woche waren wir auch mit meiner Freundin und zwei von ihren drei Kindern unterwegs. Urlaub an der Ostsee war vielleicht nicht das Originellste - aber es war eine richtig schöne und auch lustige Zeit zu siebt.


    Noch vor dem Urlaub hatte ich mich mit Martin und Sven zusammengesetzt und wir hatten meinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Dabei hatte ich auf einen Teil meines Gehalts verzichtet - finanziell stand der Verein immer noch auf wackeligen Füßen.


    Nach dem Urlaub, also nach meinem - die Spieler durften sich noch etwas länger ausruhen - kamen wir erneut in dieser Dreierkonstellation zusammen. Es ging um die Planung der Saison, um Vereinsphilosophie, Saisonziele und -budgets.

    Um mit Letzterem anzufangen: Das Gehaltsbudget bewegte sich im Rahmen der Vorsaison. Was nichts anderes bedeutete, als dass wir es weiterhin gnadenlos überzogen hatten und kein Geld für irgendetwas hatten. Kein Geld für Trainerlehrgänge, kein Geld für neue Spieler. Das lag auch daran, dass Martin und Sven während meines Urlaubs noch am Mitarbeiterstab gefeilt und einen Torwarttrainer für die Erste sowie noch einen Trainer für die U 19 rekrutiert hatten. Die kamen auch nicht für einen warmen Händedruck, sondern wollten von einem Oberligisten (!) schon ein wenig Bargeld sehen. Nun gut ...

    Der Torwarttrainer hieß Matthias, war Mitte 30, bärtig, mit Brille und Tattoos - und von einem Selbstbewusstsein, dass mir angst und bange wurde. Sein Ego war so groß, dass es(r) kaum durch die Tür passte. Aber am Ende würde es mir egal sein, solange er unsere Torhüter nach vorne brachte. Immerhin musste ich mich damit nicht mehr beschäftigen, sondern jemand Qualifizierteres.


    Da wir kein Geld für neue Spieler hatten, war der künftige Weg vorgezeichnet: Wir mussten (und wollten) auf Spielern aus der eigenen Jugend setzen. Und warum dann nicht aus der Not eine Tugend machen und das Ganze als „Vereinsphilosophie“ propagieren und aktiv vermarkten? Damit werben, dass man - wenn man die Jugendmannschaften des SV Vorwärts Nordhorn durchlief - eines schönen Tages vielleicht in der Oberliga spielen kann? Mir persönlich war das alles zu „luftschlösser“artig, aber wenn es Martin und Sven glücklich machte (und das tat es), dann vereinbarten wir das halt und hielten es schriftlich fest.


    Ich hatte auch deshalb keinen Schmerz mit der Vereinbarung, weil der (vorläufige) Kader für die Saisonvorbereitung einige ehemalige U 19-Spieler enthielt:


    Nicht weniger als acht 17-jährige waren also mit an Bord, darunter ein paar, denen wir durchaus schon in der kommenden Saison einige Einsätze in der Oberliga zutrauten. Vorausgesetzt natürlich, dass wir dieses Mal das Regelwerk richtig studiert und verstanden hatten und auch wirklich alle 17-jährigen registrierbar und einsetzbar waren ...

    Insgesamt hatten wir 26 (!) Mann und damit quantitativ deutlich mehr Auswahl als in der vergangenen Spielzeit. Bojan und ich würden auch überlegen müssen, ob wir von unserem alt(backenen)bewährten 4-4-2 weg und vielleicht andere Taktiken einstudieren wollten. Das wäre ja vielleicht nicht das Schlechteste, um in der Oberliga nicht unterzugehen.


    Damit waren wir auch bei den Zielen für die neue Saison und dem Ausblick auf die kommenden Gegner angelangt.

    „Tapfer gegen den Abstieg kämpfen“ - das war die einzige Vorgabe des Vorstands. Der SV Vorwärts Nordhorn war ein Underdog in der Oberliga Niedersachsen und würde es schwer haben, sich zu behaupten, zumal nicht weniger als vier der insgesamt 17 Mannschaften absteigen würden. Wir sollten uns also nicht lächerlich machen - angesichts der folgenden Mitbewerber war das schon eine kleine Herausforderung:


    Die Woche vor dem Saisonfinale verlief unspektakulär. Im Training zogen alle mit, auf dem Vereinsgelände herrschte eine gelöste Atmosphäre, die Stimmung in der Mannschaft war gut. Alle waren davon überzeugt, dass wir den einen Punkt, der uns zum Aufstieg noch fehlte, im Spiel beim BSV Kickers Emden holen würden.

    Dieses Mal würde auch meine Freundin mitkommen, die Kinder waren ohnehin dabei, weil es mein Kinderwochenende war.


    Wir kamen besser in das Spiel, Döll hatte nach sechs Minuten die erste Möglichkeit, als er den Ball quasi aus dem Stand in Richtung Winkel schlenzte - aber er verfehlte das Ziel doch recht deutlich.

    Nach sechs Minuten holten sich die Kickers die erste Gelbe ab, nach zehn Minuten wechselten sie bereits zum ersten Mal, offenbar hatte sich einer ihrer Spieler verletzt .

    Eine Viertelstunde war vorüber, als ein langer Ball der Kickers im Nirgendwo unserer Spielhälfte landete. Knystock erlief ihn und spielte ihn zu Castillo. Der war jedoch schon Richtung Außenlinie weiter gelaufen, sodass Knystocks Pass in seinen Rücken kam. Eren lief dazwischen und schob locker in das leere Tor ein, Knystock und Castillo schauten sich verdutzt an und wir lagen hinten.

    Der Gegentreffer gab der Mannschaft schon zu denken. Die Beine schienen schwer, der Kopf zu voll, vernünftige Angriffe bekamen wir kaum zustande. In der 28. Minute kam uns dann der Unparteiische zu Hilfe, als er Yannik Bley wegen wiederholten Foulspiels mit gelb-rot zum Duschen schickte. Mehr als eine Stunde Überzahl - da sollten wir doch etwas draus machen können ...

    Mit dem nachfolgenden Freistoß gelang das aber nicht, den setzte Kuleszka über das Tor.


    Immerhin übernahmen wir jetzt so langsam das Kommando in Emden. Das war aber auch bitter nötig ...

    Dinklage führte in Bad Rothenfelde mittlerweile klar und war damit Tabellenführer. Wir brauchten ein Tor.


    In der Kabine ermunterten wir die Jungs und sagten ihnen, dass nicht alles schlecht gewesen war und dass sie weiter Zutrauen haben sollten. Wir wollten in den zweiten 45 Minuten das Spiel breiter machen, um die Überzahl besser zu nutzen.

    Tatsächlich kamen wir auch gut aus der Kabine, aber Döll brachte bei seinem Schussversuch mit dem schwachen rechten Fuß keinen Druck auf den Ball (46.).

    Die nächste Chance hatte Schäfer, der im Strafraum an zwei Gegnern vorbeiging und dann auf die kurze Ecke zog, wo Kickers-Keeper John aber zur Stelle war (47.).

    Zwei Minuten später die nächste Chance: Kuleszka-Kopfball nach Schäfer-Flanke - vorbei (49.).

    Drei Minuten danach: John fischte einen guten Kuleszka-Freistoß aus dem Eck (52.).

    Wir hatten Emden jetzt komplett im Griff und schnürten die Kickers hinten ein. Aber ein Tor fehlte uns noch immer.

    Berkenbaum mit einem Schuss aus 18 Metern - der Ball rasierte die Latte (54.).

    Berkenbaum mit dem Seitenwechsel nach links zu Bähre. Der brachte die Flanke direkt in den Strafraum, aber Döll war nun mal nicht unser Kopfballungeheuer, das er hier hätte sein müssen (56.).

    Mittlerweile hatten wir 20:2 Schüsse und waren drückend überlegen.

    Im Anschluss an eine Emden-Ecke kamen wir zum Konter, aber auch dieser Versuch ging daneben, Kuleszka scheiterte knapp aus spitzem Winkel.


    Nach und nach schienen die Jungs selber nicht mehr dran zu glauben. Der Frust und die Angst übernahmen so langsam die Kontrolle, wir waren nicht mehr so druckvoll und zwingend.

    Emden hatte nach 70 Minuten sogar die Chance hier alles klar zu machen, der Stürmer verzog den Ball alleine vor Knystock aber völlig.

    Mit einem Doppelwechsel versuchten wir noch einmal neuen Schwung reinzubringen. Berkenbaum verzog erneut nur knapp (74.).

    Wir zogen die letzte Wechseloption, die Zeit verrann, wir liefen dem Rückstand hinterher.


    Fünf Minuten plus Nachspielzeit waren noch auf der Uhr, als Schäfer sich ein Herz fasste und von rechts in den Strafraum zog. Er ging wie ein Berserker da rein und wollte das Foul, er wollte es - und er bekam es. Menzel stellte ihm ein Bein, Schäfer fiel, der Schiedsrichter pfiff, es gab in der 85. Minute einen Foulelfmeter für uns und gelb für Menzel obendrauf.


    Ich konnte und wollte nicht mehr hinschauen. Ich stand mit dem Rücken zum Spielfeld, schaute nicht hin, hörte den Pfiff, hörte den Schuss - und hörte den Jubel meiner Spieler und sah, wie alle die vor der Ersatzbank standen, die Arme hochrissen und jubelten. Vor Erleichterung schossen mir die Tränen in die Augen und ich bekam eine Gänsehaut wie bei Schüttelfrost. Endlich der Ausgleich! Ylli Neziri war es gewesen, der die Verantwortung übernommen hatte und cool geblieben war. Dass er dabei die Hilfe des Innenpfostens brauchte? Geschenkt!

    Dann lief die Nachspielzeit, Emden versuchte noch einmal etwas nach vorne zu bewegen, aber mit einem Mann weniger war das doch zu viel verlangt. Nach 94 Minuten pfiff der Schiedsrichter ab und es gab für die Jungs und das Team kein Halten mehr. Wir hatten es geschafft, wir hatten den einen notwendigen Punkt geholt - wir waren Meister der Landesliga Weser-Ems geworden!




    Was für eine gelungene Zusammenfassung:



    Bis zum hochspannenden und interessanten Aufeinandertreffen vergingen aber noch zwei Wochen ... Zwei Wochen, vierzehn lange Tage. Tage, die gefühlt unendlich langsam vergingen. Tage, von denen nicht ein einziger verging, an dem ich nicht an dieses Spiel dachte. Kein Tag, an dem ich nicht darüber nachgrübelte, warum wir gegen Grün-Weiß Mühlen verloren hatten und darüber, wie wir das Spiel gegen Blau-Weiß Lohne erfolgreich absolvieren könnten. Je näher der Tag kam, desto schweigsamer und auch gereizter wurde ich. Mit jedem Tag wurde die Nervosität auch im Vereinsumfeld größer, die Gesichter angespannter, die Sprüche platter.


    Im Verlaufe der zweiten Woche versuchte ich dann, die Sache ganz anders zu betrachten: Wir hatten mit dem kommenden Spiel, einem Heimspiel (!) die Möglichkeit, nicht nur den Ausrutscher gegen Mühlen vergessen zu machen. Nein, wir konnten uns im Idealfall sogar den Aufstieg sichern und das vor heimischer Kulisse!

    Dazu mussten wir unser Spiel gegen Lohne gewinnen und die Verfolger Schüttorf und Dinklage, die als Dritter und Vierter im unmittelbaren Duell gegeneinander antraten, unentschieden spielen.


    Entsprechend schwor ich am Tag vor dem Spiel auch unsere Mannschaft ein: Wir hatten es in der eigenen Hand, wir spielten im eigenen Stadion - wir würden es schaffen!


    Am Sonntag war es dann endlich soweit: Wir empfingen den TuS Blau-Weiß Lohne im heimischen Waldstadion.

    Das Spiel begann und in den ersten Minuten wurde deutlich, dass es a) um viel ging und b) beide Teams Respekt voreinander hatten. Die erste Offensivaktion konnten wir setzen, aber der Freistoß von Kuleszka verfehlte das Ziel. Schade ... er war nicht mehr so treffsicher wie in weiten Teilen der Saison, die Leichtigkeit war ihm irgendwie verloren gegangen ...

    Der Abstoß unmittelbar nach Kuleszkas Fehlversuch ging bis weit in unsere Spielhälfte. Piesche war mit dem Kopf zur Stelle und sicherte den Ball. Schultz schob ihn quer zu Castillo - und der ließ ihn weit abprallen und rutschte dann auch noch weg. Tim Wernke, der Kuleszka von Blau-Weiß Lohne, ging dazwischen, lief ein paar Schritte und zog kurz vor der Strafraumkante ab - Tor, Knystock war machtlos.

    Wie würden wir uns von diesem Rückschlag erholen? Wichtig war zunächst einmal, nicht den Kopf zu verlieren. Es war genügend Zeit, das Blatt noch zu wenden. Bojan und ich munterten deshalb die Jungs auf, feuerten sie von der Seitenlinie an, kein Wort der Kritik war zu hören.

    Die Jungs sollten weiter mutig sein und nach vorne spielen. Rund 20 Minuten waren vorüber, wir erhielten einen Freistoß tief in der eigenen Hälfte zugesprochen. Döll bekam den Ball zugespielt und mit einem langen Schlag (und einem Gebet hinterher) versuchte er Nikolaev in Szene zu setzen. Sangaré war deutlich vor ihm am Ball und wollte zu seinem Keeper zurück spielen. Doch auch hier unterlief dem Verteidiger ein Aussetzer. Der Pass war viel zu kurz, Nikolaev erlief ihn und vollendete locker zum 1:1.

    Nach dem Ausgleich begann alles wieder von vorne. Wieder ein gegenseitiges Belauern und Warten auf den Fehler des Gegners. Die Teams neutralisierten sich. Zehn Minuten vor der Pause spielte dann Schultz einen langen Ball in Richtung Kuleszka. Der zog nicht nach innen, sondern blieb auf der linken Außenbahn und zog so den verbliebenen Innenverteidiger aus dem Zentrum raus. Dann kam der kluge Querpass auf den nun freistehenden Nikolaev und der traf erneut! Wir hatten das Spiel gedreht! Und war für eine tolle Vorlage von Kuleszka!

    Wie würde nun Lohne reagieren? Die Gäste verstärkten ihre Bemühungen und hatten kurz vor der Pause eine dicke Gelegenheit. Der Schuss aus 18 Metern klatschte zu unserem Glück aber auf die Latte, sodass wir mit der knappen Führung in die Kabine gehen konnten.


    Wir munterten die Jungs noch mal auf und motivierten sie für die nächsten 45 Minuten, an deren Ende wir einen großen Schritt in Richtung Oberliga gehen konnten.

    Unmittelbar nach dem Wiederanpfiff schlug Schäfer eine schöne Flanke von rechts, aber Kuleszka konnte den Kopfball nicht mehr drücken, sodass diese gute Gelegenheit ungenutzt blieb.

    Die Zeit verging, wieder einmal viel zu langsam. Mehr als eine Stunde war vorüber, als Kuleszka nach einem Foul zum ersten Mal in dieser Saison die gelbe Karte sah. Der anschließende Freistoß wurde aufs kurze Eck gezogen, ging aber am Tor vorbei, ohne dass Knystock eingreifen musste.

    Auf der anderen Seite verfehlte Schultz bei einem seiner seltenen Vorstöße in die gegnerische Hälfte und einem noch selteneren Schussversuch mit links das Tor doch deutlich.

    Lohne versuchte jetzt mehr, ließ die Ordnung immer mehr fallen, riskierte mehr - was blieb ihnen auch anderes übrig. Das bot uns natürlich etwas mehr Platz, den Kuleszka eine Viertelstunde vor Schluss zu nutzen versuchte. Sangaré, der schon den Ausgleich verbockt hatte, setzte hinter seinen rabenschwarzen Tag noch ein Ausrufezeichen, als er Kuleszka mehr als unsanft in seinem Vorwärtsdrang stoppte - rote Karte für den Lohner Verteidiger.

    Damit war bei Blau-Weiß Lohne erkennbar die Luft raus. Nach vorne ging bei den Gästen nichts mehr und wir konnten routiniert und ziemlich unbehelligt die Zeit runterspielen und den Gegner von unserem Tor weghalten. Drei Wechsel taten ihr übriges, um das Spiel zu beruhigen.

    Die Nachspielzeit lief schon, als wir dann sogar zum dritten Treffer kamen, den der eingewechselte Neziri erzielen konnte. Drei Stürmertore und keines davon hatte Kuleszka erzielt - das war so auch noch nicht vorgekommen.

    Mit diesem Sieg hatten wir unsere Tabellenführung behaupten und ausbauen können. Am letzten Spieltag würde uns damit sogar ein Unentschieden zur Meisterschaft und zum Aufstieg in die Oberliga reichen.



    Der Vorstand von Vorwärts Nordhorn war aktuell so begeistert, dass er sich kaum wieder einkriegen konnte. Tatsächlich luden mich Martin und Sven zu einem Gespräch ein, in dem mal vorgefühlt werden sollte, wie denn eine gemeinsame Zukunft aussehen könnte.

    Eine wirkliche Verbesserung der Rahmenbedingungen konnten die beiden aber nicht anbieten. Wir würden weiter extrem sparsam haushalten müssen, mehr als in der jüngsten Vergangenheit. Das Geld war einfach knapp und würde das voraussichtlich auch im Falle eines Oberligaaufstiegs bleiben.

    Die eigene Jugendarbeit war unser höchstes Gut und wir würden in naher Zukunft vermutlich nur aus diesem Kreis neue Spieler für die erste Mannschaft rekrutieren können. Neue Spieler, die von außen kamen, würde die absolute Ausnahme bleiben.

    Aber letztlich war ich mir dessen ja bewusst, dazu war ich auch schon zu lange hier und im Amt, um mich Illusionen hinzugeben.


    Wir vertagten uns, das nächste Mal wollten wir uns wieder treffen, wenn klar war, in welcher Liga wir in der kommenden Saison spielen würden.


    Die nächste Partie führte uns mit einem Abstiegskandidaten zusammen: Wir mussten auswärts bei Grün-Weiß Mühlen antreten. Die Gastgeber standen mit dem Rücken zur Wand, sie brauchten jeden Punkt für den Klassenerhalt und am besten drei davon schon gegen uns.


    Das Spiel war von der ersten Minute an eine zähe Angelegenheit - aber eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet.

    Wir waren feldüberlegen, wir hatten mehr Spielanteile, wir hatten mehr Schussversuche. Aber alle aus der Distanz, spielerisch kamen wir nicht durch. Die beste Chance der ersten halben Stunde hatte Nikolaev, aber sein Schuss - auch wieder aus 23, 24 Metern abgegeben - ging einen Meter links vorbei.

    Grün-Weiß machte das im Rahmen seiner Möglichkeiten gut. „Hinten eng stehen, vorne hilft der liebe Gott.“, das schien das Motto zu sein. Und nach 31 Minuten hatten sie auf diese Art und Weise tatsächlich die bis dahin beste Gelegenheit im Spiel. Nach einer guten Ballstafette kam Verykokkos aus elf Metern zum Schuss und Knystock musste schon sein ganzes Können zeigen, um den Flachschuss noch um den Pfosten lenken zu können.

    Die Gastgeber wurden nun doch tatsächlich forscher. Nur wenige Sekunden später zappelte der Ball am Außennetz, nachdem ein Freistoß aus 19 Metern direkt auf unser Tor gezogen wurde.

    Fünf Minuten vor der Pause hatten wir dann richtig Glück, als ein Kopfball von Kahric an das Lattenkreuz klatschte. Grün-Weiß Mühlen brachte uns nun fortgesetzt in Bedrängnis und uns in Schwierigkeiten.


    In der Pause versuchte ich die Mannschaft aufzurütteln. Die Leistung war bislang bescheiden gewesen, das musste sich ändern.

    Nur nach der Pause ging es zunächst unverändert weiter. Knystock musste wieder einen Flachschuss parieren, was ihm auf Kosten einer Ecke gelang. Und nach dieser Ecke stand Mustafa Mutlu an unserem Fünfmeterraum komplett unbedrängt und frei und hatte keine Mühe, den Ball ins Tor zu schießen. Grün-Weiß Mühlen führte (und das verdient) und wir waren die Deppen der Liga.


    Bojan und ich reagierten mit einem Doppelwechsel - und es brachte nichts.

    Wir stellten das Team offensiver auf - und es brachte nichts.

    Wir wechselten ein drittes Mal - und es brachte nichts.

    Wir befahlen die totale Offensive - und es brachte nichts.

    Im Gegenteil, Grün-Weiß Mühlen hatte die besseren Gelegenheiten und hätte zwei Mal die Entscheidung erzielen können, wenn sie den Konter besser ausgespielt hätten.


    Aber auch ohne das reichte es für den Abstiegskandidaten. Am 28. April 2019, nach sechs Monaten und 21 Tagen, nach 16 ungeschlagenen Spielen, verloren wir als Tabellenführer zum ersten Mal wieder.


    Die Reaktionen der Fans waren natürlich dem entsprechend, und das völlig zurecht:


    Aber wir hatten noch Glück, weil auf den anderen Plätzen für uns gespielt wurde:



    „Mannschaft der Stunde“ war aktuell der TuS Blau-Weiß Lohne, der sich mit vier Siegen hintereinander auf Platz 2 vorgeschoben hatte - das würde am nächsten Spieltag ein hochspannendes und interessantes Aufeinandertreffen geben ...

    Auch wenn derzeit noch ungewiss war, in welcher Liga wir in der kommenden Saison spielen würden, blieb der Vorstand von Vorwärts Nordhorn nicht untätig, was die Zukunftsplanung anging. Trotz aller finanziellen Sorgen wurden für die U 19-Mannschaft mit Sadat Diallo ein Trainer und mit Sebastian Fuchsbauer ein Co-Trainer eingestellt und mit einem Vertrag zunächst bis zum Saisonende ausgestattet. Das war natürlich etwas putzig, aber wohl dem Umstand geschuldet, dass die finanzielle Ausstattung für die kommende Spielzeit noch komplett offen war.

    Diallo und Fuchsbauer waren mit 33 bzw. 32 Jahren junge Leute, die mit ihrer offenen und unkomplizierten Art gut bei den Jungs ankamen. Gleichzeitig wiesen sie genug Disziplin auf, um aus dem manchmal doch etwas wilden Haufen eine Einheit zu bauen. Es war nur zu hoffen, dass in zehn Wochen nicht schon wieder Schluss sein würde ...


    Auch darüber hinaus stellte der Verein Weichen für die Zukunft: Die auslaufenden Verträge unseres Jugendleiters Sven und von Christopher Langer, unserem Physio, wurden um ein Jahr verlängert. Auch Bojan und Tim Arntz würden uns (mindestens) noch eine Saison erhalten bleiben - gut so!

    Es herrschte also an der Mitarbeiterfront erstmal Ruhe.


    Unruhe kam beim Dienstagstraining auf: Maciej Kuleszka zog sich bei einem ungeschickten Richtungswechsel eine Knieverdrehung zu ... Sechs bis neun Tage Ausfall bedeuteten das „Aus“ für das nächste Ligaspiel. Unser bester Torschütze würde uns also im ersten Showdown des Saisonfinales fehlen.


    Wir hatten beim SV Bad Rothenfelde anzutreten. Auswärts hatten wir die letzten drei Spiele in der Landesliga Weser-Ems jeweils Remis gespielt - das würde heute nicht reichen, wenn wir wirklich mit dem Aufstieg etwas zu tun haben wollten.

    Mit Ausnahme von Kuleszka hatten wir alle Spieler mit an Bord. Wobei ... Kuleszka war auch mit dabei, aber nur als Joker, den wir für den Notfall in der Hinterhand haben wollten.


    Wir kamen durchaus gut in diese Partie. Zwei Abschlüsse in den ersten zehn Minuten standen auf unseren Zetteln, beide waren aber nur so mittelprächtig und stellten Kingsley Adebayo im Tor von Bad Rothenfelde vor keine größeren Probleme.

    Bis kurz vor der Pause war von den Gastgebern nach vorne nicht viel zu sehen. Dann gab es einen Freistoß, den wir im Strafraum nicht richtig klären konnten. Genau genommen köpfte Castillo einen Mitspieler an, dann bekam Schultz den Ball nur ans Schienbein und von dort prallte er Hadzic vor die Füße, der nicht lang überlegte, sondern ihn ins Netz schoss. Knystock blieb ohne jede Abwehrchance, 0:1 aus unserer Sicht ... Na, das konnte ja was werden ...


    Wie würden wir damit umgehen? Nach dem Wiederanstoß verloren wir zunächst den Ball. Dann gewann Wallenborn ein Kopfballduell und brachte das Leder an der Mittellinie zu Altendorf. Der spielte einen Doppelpass mit Döll und brachte den Ball dann hoch in den Strafraum. Nikolaev war einen Schritt schneller als der herausstürzende Adebayo und bugsierte den Ball ins Tor - Ausgleich! 1:1! Nur 90 Sekunden nach dem Rückstand!


    In der Pause wurden wir mit den Halbzeitständen auf den anderen Plätzen versorgt:

    TSV Wallenhorst - FC Schüttorf 09 0:0

    SC Melle 03 - SV Hansa Firesoythe 3:0

    TV Dinklage - SC Blau-Weiß Papenburg 1:0

    SV Holthausen-Biene - TuS Blau-Weiß Lohne 0:2


    Alles rückte weiter zusammen ...

    Letztlich war das aber egal. Wir mussten unser Spiel machen und hier in Rothenfelde punkten.


    Die zweite Hälfte gestaltete sich ebenso ausgeglichen wie die erste. Beide Mannschaften waren noch nicht bereit, hier volles Risiko zu gehen, Chancen blieben Mangelware. Nach 65 Minuten zogen wir dann den Joker: Kuleszka kam rein für den ziemlich schwachen Neziri. Vielleicht reichte ja alleine schon seine reine Präsenz auf dem Platz, um Platz für die Mitspieler zu schaffen.

    75 Minuten waren rum, als Nikolaev den Ball zugespielt bekam und alleine aufs Tor zustrebte. Leider war der Winkel etwas spitz und am Ende fehlte Nikolaev fehlte die letzte Entschlossenheit. Ich vermutete, er wartete die ganze Zeit auf den Abseitspfiff, der aber nicht kam. Letztlich egal, sein Abschluss konnte von Adebayo pariert werden.

    Zwei Minuten später spielten wir uns mit Piesche, Döll, Altendorf und Bähre am gegnerischen Strafraum fest. Altendorf bekam wieder den Ball, 20 Meter Torentfernung. Er versuchte es einfach mal - und der Jubel war grenzenlos, als der Ball neben dem rechten Pfosten zur 2:1-Führung einschlug!


    Die restlichen 13 Minuten plus vier Minuten Nachspielzeit ... verwalteten wir den Vorsprung souverän. Wir ließen uns nicht hinten rein drängen, waren aber auch nicht zu offensiv. Wir brachten das im Stile einer richtig guten Mannschaft zuende und konnten nach dem Schlusspfiff doppelt jubeln: Zum einen hatten wir in Bad Rothenfelde mit 2:1 gewonnen. Zum anderen hatten der TSV Wallenhorst mit einem Tor in der 90. Minute den FC Schüttorf bezwungen und uns auf Platz 1 gebracht!



    So spannend das Rennen an der Tabellenspitze vier Spieltage vor dem Ende der Saison war, so eindeutig war das Bild am anderen Ende des Tableaus: Neben Grün-Weiß Firrel war auch Blau-Weiß Papenburg bereits aus der Landesliga Weser-Ems abgestiegen. 14 bzw. 16 Punkte aus 26 Spielen waren deutlich zu wenig, um die Klasse halten zu können - Bevern auf Rang 12 hatte schon 30 Punkte.


    Vier Spieltage waren es also noch und die Spannung stieg so langsam immer weiter an. Die Zeitungen begannen damit, sich Gedanken zu machen, wie die Saison wohl ausgehen könnte. Dass zwischen den Spieltagen zum Teil zwei Wochen Pause lagen, feuerte die Spannung noch mal an und befeuerte zum Teil abwegige, zum Teil spannende Prognosen.


    Echte Chancen auf Platz 1 und den damit verbundenen Oberligaaufstieg hatten noch sechs Teams, die lediglich fünf Zähler auseinander lagen: Schüttorf, Nordhorn, Hansa Friesoythe, Dinklage, Lohne und Bad Rothenfelde. Dass einige davon auch noch gegeneinander spielen mussten, sorgte für das Salz in der Suppe. Das Restprogramm der führenden Teams sah folgendermaßen aus:


    FC Schüttorf 09 (1.Platz | 47 Punkte | Tordiff. + 9):

    - TSV Wallenhorst (10.) - Hinrunde: 1:1

    - SC Melle 03 (7.) 1:0

    - TV Dinklage (4.) 0:3

    - BV Essen (13.) 2:3


    SV Vorwärts Nordhorn (2. | 46 | + 19)

    - SV Bad Rothenfelde (6.) - Hinrunde: 1:0

    - SV Grün-Weiß Mühlen (14.) 3:1

    - TuS Blau-Weiß Lohne (5.) 1:1

    - BSV Kickers Emden (9.) 3:2


    SV Hansa Friesoythe (3. | 44 | + 18)

    - SC Melle 03 (7.) - Hinrunde: 0:0

    - SV Bevern (12.) 3:0

    - BV Essen (13.) 3:4

    - SV Holthausen/Biene (11.) 2:2


    TV Dinklage (4. | 44 | + 6)

    - SC Blau-Weiß Papenburg (15.) - Hinrunde: 1:1

    - SV Brake (8.) 3:1

    - FC Schüttorf 09 (1.) 3:0

    - SV Bad Rothenfelde (6.) 2:1


    TuS Blau-Weiß Lohne (5. | 43 | + 5)

    - SV Holthausen/Biene (11.) - Hinrunde: 1:0

    - BSV Kickers Emden (9.) 1:2

    - SV Vorwärts Nordhorn (2.) 1:1

    - SV Grün-Weiß Firrel (16.) 2:0


    SV Bad Rothenfelde (6. | 42 | +7)

    - SV Vorwärts Nordhorn (2.) - Hinrunde: 0:1

    - TSV Wallenhorst (10.) 1:2

    - SV Grün-Weiß Mühlen (14.) 3:0

    - TV Dinklage (4.) 1:2


    Von der Gegnerplatzierung her hatte also Dinklage das schwierigste und Hansa Friesoythe das einfachste Programm.

    Nahm man die Hinrundenergebnisse zum Maßstab, war unser Aufstieg reine Formsache.


    „Formsache“ war ein gutes Stichwort:

    Die Rückrundentabelle sah uns mit gutem Abstand vorne, aber Emden, Lohne und Bad Rothenfeld waren da auch ziemlich gut platziert ...


    Und die aktuelle Formtabelle, die die letzten fünf Spiele berücksichtigte, war noch enger, aber auch da waren Emden und Lohne weit vorne:


    Unser größter Nachteil war aber vermutlich, dass wir drei von vier Partien auswärts bestreiten mussten. Und während wir die Heimtabelle überragend anführten ...


    ... las sich unsere bisherige Auswärtsbilanz eher trostlos.


    Aber alles Spekulieren brachte nichts: Die Wahrheit lag auf dem Platz!

    Die Trainingswoche nach meinem Kurzurlaub hielt keinerlei Besonderheiten bereit.

    Die Spieler machten annehmbar mit, was mir aber keine Sorgen bereitete - vor dem Bevern-Spiel hatte mich das noch belastet, aber die Unruhe war ja unbegründet gewesen. Und für das Spiel am Sonntag sollten die Jungs besonders motiviert sein: Gegner war der SV Holthausen-Biene, genau die Mannschaft, gegen die wir am 07.10 des letzten Jahres (also vor etwas mehr als fünf Monaten) die letzte Niederlage hinnehmen mussten. 2:5 hieß es damals und ich war sicher, dass die Jungs das vergessen machen wollten.

    Einfach würde dieses Unterfangen aber nicht werden, denn auch die Gäste waren in starker Form und hatten die letzten vier Ligaspiele ungeschlagen (bei drei Siegen) überstanden.


    Das Spiel begann mit Anstoß für uns. Döll schlug den Ball nach rechts auf die Außenbahn zu Schäfer, der ihn an- und mitnahm und in den Strafraum flankte. Dort stand an der langen Ecke des Fünfmeterraums Kuleszka komplett frei und köpfte den Ball ins Netz. 1:0 für uns nach handgestoppten 18 Sekunden, ein unglaublicher Start ins Match!


    Dann passierte fast 25 Minuten nichts weiter. Holthausen-Biene schien noch geschockt und wir taten nichts, um diesen Schock noch zu vertiefen. In der 24. Minuten taten wir das dann aber doch, denn unser zweiter Torschuss war gleichbedeutend mit unserem zweiten Tor: Bähre bekam den Ball von Döll vorgelegt, lief von der linken Bahn ein und schoss aus 17 Metern mit rechts in die lange Ecke. Danach erwachten die Gäste ein wenig aus ihrer Lethargie und kamen nach einer knappen halben Stunde zu ihrer ersten Torchance, der Schuss ging aber doch einen guten Meter am Tor vorbei.

    Wie man es besser machte, zeigte nur wenige Sekunden nach diesem Angriff Nikolaev. Einen schönen Pass in die Spitze von Schäfer konnte er mit einem Schuss ins kurze Eck zum 3:0 veredeln, es war Antons zehnter Saisontreffer. Holthausen-Bienes Torwart, Jovanovic, sah dabei nicht wirklich gut aus.

    Und für den Keeper sollte es noch schlimmer kommen: Kuleszka konnte unbedrängt Richtung Tor laufen und aus 30 Metern abziehen. Jovanovic war zwar mit der Hand noch dran, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.


    Zur Pause stand es also 4:0 für uns und niemand im Stadion zweifelte daran, dass wir erfolgreich Revanche für die Hinrundenpleite nehmen würden.

    Unmittelbar nach der Pause ging es zunächst mit offenem Visier weiter. Die Gäste steckten nicht auf und hatten Pech mit einem Lattenkopfball. Jovanovic konnte zeigen, dass er von dem Torwarthandwerk doch eine Menge versteht und parierte einen Kuleszka-Freistoß sehr sicher. Danach verflachte das Spiel dann aber und bis zum Schlusspfiff passierte nicht mehr viel. Zwei Mal scheiterten wir noch in aussichtsreicher Position an Jovanovic, kurze Zeit später war Feierabend und wir hatten den nächsten Sieg eingefahren.



    Durch unseren Erfolg, die gleichzeitige überraschende Niederlage von Schüttorf gegen den Abstiegskandidaten Grün-Weiß Mühlen und das torlose Remis im Spitzenspiel zwischen Hansa Friesoythe und Dinklage ... waren wir plötzlich Tabellenführer der Landesliga Weser-Ems!



    Eigentlich schade, dass unser nächstes Ligaspiel erst in zwei Wochen sein würde ...


    [-----]


    Die Jungs schienen das ähnlich zu sehen, zumindest war die Trainingswoche richtig gut. Es gab niemanden, der leistungsmäßig abfiel und am anderen Ende der Leistungsskala war Volker Schultz besonders hervorzuheben, für ihn gab es auch ein Extralob (Trainingsnote 8,75).


    Das Testspiel gegen die dritte Mannschaft des SV Werder Bremen ließ ich wieder Bojan coachen. Ich hatte mir quasi frei genommen und stand mit meiner Freundin am Rande des Platzes und schaute zu. Wir hatten noch nie gemeinsam ein Fußballspiel besucht und die Premiere verlief ziemlich interessant ...


    Es begann damit, dass nur knapp 50, 60 Zuschauern anwesend waren. Mehr kamen leider nicht, was ich persönlich sehr enttäuschend fand. Immerhin gab es mit dem großen Claudio Pizarro und dem nicht ganz so großen Sebastian Langkamp zwei Spieler zu sehen, die Bundesligaluft und mehr geatmet hatten. Und was Pizarro mit seinen 40 Lenzen hier ablieferte, war eine Schau, die mehr Zuschauer verdient gehabt hätte. Zwei Torvorlagen und ein weiterer entscheidender Pass standen auf seinem Konto, als er nach 84 Minuten den Platz verließ und sich von jedem einzelnen Zuschauer persönlich mit Handschlag verabschiedete. Meine Freundin war ganz begeistert vom peruanischen Charmeur - wenn mehr solcher Leute hier spielen würden, wäre sie auch öfter mit auf dem Platz vermutete ich.


    Meine Mannschaft hielt gegen die Bremer 85 Minuten lang gut dagegen - nur in den fünf Minuten vor der Pause war sie überhaupt nicht auf der Höhe. Bis dahin stand es nur 0:1 durch einen Treffer von Aaron Jóhannsson (nach schönem Pass von Pizarro). Doch zwischen der 43. Minute und der zweiten Minute der Nachspielzeit ging überhaupt nichts mehr und den Bremern gelangen drei weitere Tore, zwei Mal traf Jóhannsson und dazwischen noch Mikail Cevik.

    Nach der Pause passierte nicht mehr furchtbar viel. Am Ende standen 59 % Ballbesitz für Nordhorn und die Torschussbilanz las sich mit 9:11 beinahe ausgeglichen. Was uns aber fehlte, war die Treffsicherheit, denn von unseren Schüssen kamen nur zwei aufs Tor - bei den Bremern waren es 10. Und von diesen zehn waren auf noch vier drin, das war Effektivität in Reinkultur.


    Die Klatsche hinterließ bei meinen Spielern Spuren, zumindest die nachfolgende Trainingswoche war deutlich schwächer als die vorherige. Schultz war wieder der Beste, Knystock, Piesche (wieder einmal) und Altendorf zeigten sich von ihrer schwachen Seite. Lange würde ich mir das bei Marcel Piesche nicht mehr ansehen. Im Moment brachte er gute Leistungen auf dem Platz, aber seine Trainingsleistungen ließen zum wiederholten Male zu wünschen übrig. In den knapp sechs Monaten, die ich hier am Ruder war, hatte ich ihn schon sieben Mal zu mehr Ernsthaftigkeit ermahnen müssen ... ich spielte mit dem Gedanken, ihn beim nächsten Spiel auf der Bank sitzen zu lassen.


    Das nächste Spiel führte uns zum SV Brake. Gegen den Tabellen-8. hatten wir in der Hinrunde zuhause mit 1:2 verloren - es war bis heute die letzte Heimniederlage gewesen, danach folgten neun Siege zuhause. Nun mussten wir auswärts ran, aber Angst verspürte ich keine, dafür war Brakes Form in den letzten Wochen zu inkonstant gewesen.


    Als Linksverteidiger ließ ich dann tatsächlich nicht Piesche beginnen, sondern verschob Schultz aus der Innenverteidigung nach links und brachte Bremser fürs Zentrum.

    Brake kam besser ins Spiel. Nach nicht einmal vier Minuten bekam Schäfer die gelbe Karte, als er ein paar Meter vor der eigenen Außenlinie übermotiviert zu Werke ging. Der nachfolgende Freistoß wurde per Kopf auf unser Tor gebracht, aber Knystock war auf dem Posten und konnte abwehren. Wir bekamen den Ball aber nicht unter Kontrolle und hatten Glück, dass der Nachschuss am Pfosten landete ...

    In den nächsten zehn, 15 Minuten ging nicht viel in Richtung Tor, weder bei Brake noch bei uns. Dafür zeigte der Unparteiische, dass bei ihm die Karten ziemlich locker saßen - bis zu Minute 20 sahen von jeder Mannschaft zwei Spieler die gelbe Karte. Und das für Kleinigkeiten. Es war klar, wenn der Schiri diesen Schnitt halten würde, würden am Ende keine 22 Mann mehr auf dem Platz stehen. Nur fünf Minuten später war es soweit: Henrik Degner vom SV Brake erwischte es, er durfte nach einem echt harmlosen Trikotzupfer die Dusche aufsuchen. Nach 45 Minuten standen bei uns drei Verwarnungen zubuche und bei Brake fünf, von denen zwei in dem Platzverweis kumulierten.

    Bei der ganzen Kartenorgie kam das Spielerische komplett zu kurz und wurde zur Nebensache. Wir hatten erst kurz vor der Pause eine richtig gute Gelegenheit, doch der Kopfball von Schäfer im Anschluss an einen Eckball ging an die Latte.


    0:0 stand es also zur Pause, das war für einen Tabellenführer zu wenig.

    In den zweiten 45 Minuten kamen nur noch zwei weitere gelbe Karten hinzu, besser wurde das Spiel aber nicht. Mit drei Wechseln und taktischen Umstellungen versuchte ich hier noch irgendetwas zu reißen, aber es brachte kaum etwas ein.

    Bähre mit einem Schuss aus 18 Metern nach einem energischen Solo, das war in der 85. Minute. Und zwei Minuten später traf Kuleszka ins Netz, aber aus einer derart offensichtlichen Abseitsposition, dass noch nicht mal jemand jubelte.


    Am Ende stand ein wirklich wirklich enttäuschendes torloses Unentschieden, das die Braker feierten (O-Ton des Trainers: „Wir sind die einzige Mannschaft der Liga, gegen die ihr nicht gewonnen habt!“) und mich ratlos und enttäuscht zurück ließ.

    Natürlich hatten wir den Platz an der Sonne eingebüßt - Schüttorf lag einen Zähler vor uns und war der große Gewinner des Spieltags, da die übrigen Teams an der Spitze allesamt unentschieden gespielt hatten.


    Nach seiner guten Leistung war Tim Wallenborn natürlich ein Kandidat für die Startelf im nächsten Ligaspiel. Leider verletzte er sich beim Mittwochstraining: Ein Muskelfaserriss an der Rückseite des linken Oberschenkels bedeuteten zwei bis drei Woche Aufall. Das war natürlich bitter für Tim und ärgerlich für’s Team.

    Auch unser zweiter Tim, Tim Starke, verletzte sich. Allerdings wog seine Oberschenkelverhärtung nicht so schwer, mit etwas Glück würde er am Sonntag sogar spielen können.

    Die Trainingsleistung waren in dieser Woche eher so lala. Insbesondere Piesche, den ich mir danach auch noch kurz zur Brust nahm, und Castillo fielen mit recht schwachen Leistungen auf.


    Das nächste Ligaspiel brachte und den SV Bevern als Gast. Bevern war derzeit Tabellen-13., drei Zähler vom letzten Nichtabstiegsplatz entfernt. Für die Gäste ging es also schon um eine ganze Menge. Mein Team schien dagegen so ein wenig die letzte Spannung vermissen zu lassen. In den letzten sechs Partien hatte es drei Unentschieden gegeben. Zwar waren wir seit einem Dutzend Spiele ungeschlagen, aber der Trend zeigte so ein wenig nach unten. Aus diesem Grund hatte ich schon ein wenig Respekt vor der Partie. In der Kabine erinnerte ich die Jungs daran, dass WIR es waren, die in der Formtabelle (trotz allem) ganz oben standen und das WIR dieser Partie unseren Stempel aufdrücken würden.

    Maciej Kuleszka bekam noch extra aufmunternde Worte mit auf den Weg, denn er war gegen Schüttorf und Eintracht Nordhorn jeweils erfolglos geblieben.


    Das Spiel, verregnet wie die letzten Spiele eigentlich immer, begann mit einem Paukenschlag: Piesche, der im letzten Training Gescholtene, erhielt den Ball und spielte einen famosen langen Pass tief in die Hälfte des SV Bevern. Nikolaev war schneller als sein Gegenspieler, und ließ mit einem platzierten Schuss ins lange Eck dem Gästekeeper keine Chance. 1:0 nach vier Minuten - das war natürlich genau nach meinem Geschmack.


    Drei Minuten später war es Dieter Döll, der einen Schuss aus 18 Metern auf die Oberkante der Latte setzte.

    Nur zwei Minuten später hatte Castillo einen Blackout und ließ den Ball meterweit vom Fuß springen. Eilers ging dazwischen und mit dem Ball auf und davon Richtung unseres Tores. Im Ein-gegen-Eins mit Knystock zog er aber den Kürzeren, denn Wolfgang blieb lange stehen und verkürzte den Winkel geschickt und konnte so den Ball am Ende abwehren und den Ausgleich verhindern.


    Eine Viertelstunde lang passierte danach gar nichts. Dann eröffnete Castillo den Spielzug, Schäfer auf rechts lief ein paar Schritte, passte zu Nikolaev, der seinerseits gleich weitergab auf Kuleszka. Und der schoss trocken von der Strafraumgrenze auf das Tor und konnte gleich darauf jubelnd abdrehen. 2:0 in der 24. Minute.

    Wir blieben weiter am Drücker. Schäfer verzog einen Schussversuch und setzte den Ball links am Tor vorbei.

    Und kurz danach konterten wir die Beverner in unserem Stadion nach allen regeln der Kunst aus. Ein Schussversuch wurde geblockt, der Ball sprang zu Altendorf. Eine Drehung, ein Blick, ein Pass in den Lauf des startenden Kuleszka und am Ende stand das erwartbare Ergebnis, nämlich der 21. Saisontreffer unsere Maciej - 3:0!

    In der Nachspielzeit der ersten Hälfte dann das zweite offensive Lebenszeichen des SV Bevern, aber der Kopfball im Anschluss an eine Ecke flog knapp über das Tor.


    Nach der Pause geschah eine Viertelstunde lang nichts, dann verzog ein Beverner Spieler den Ball nur knapp und setzte ihn an unserem linken Pfosten vorbei. Aus dem Abstoß resultierte dann die nächste Chance für uns, aber Nikolaev verzog ebenso knapp wie der Beverner kurz zuvor.

    Ein paar Minuten später hatten wir eine Doppelchance: Kuleszkas scharfer Schuss wurde vom Torwart gut pariert und zur Seite abgewehrt, Schäfer knallte den Abpraller an den Pfosten. Danach passierte dann aber nichts mehr. Bevern konnte nicht mehr, wir mussten nicht mehr und am Ende stand ein verdienter 3:0-Erfolg für uns.


    Damit waren wir auf Platz 3 der Tabelle angelangt, vorne lag Schüttorf mit 44 Punkten, danach tummelten sich drei Teams (Hansa Friesoythe, wir und Dinklage) mit je 42 Punkten. Bad Rothenfelde lag mit 39 Punkten noch in Schlagweite.


    [-----]


    Am Dienstag der nächsten Woche stand ein Spiel unserer U 19 gegen potentielle Jugendspieler an. Sven hatte für dieses Spiel und die Jungs, die sich dort präsentieren sollten und wollten, richtig Werbung gemacht. Ich persönlich war ja eher skeptisch, weil die „Anwärter“ 14 bzw. 15 Jahre alt und damit zwei Jahre jünger waren, als diejenigen, die derzeit in der U 19 spielten. Zwei Jahre waren in dem Alter eine Menge, körperliche Nachteile vorprogrammiert.

    Das, was den potentiellen Neuzugängen an Körperlichkeit fehlte, machten sie aber spielerisch mehr als wett. Es war tatsächlich ein interessantes und gut anschaubares Spiel, das und da geboten wurde. Am Ende behielten die potentiellen Nachwuchsspieler tatsächlich mit 2:1 die Oberhand und auch wenn die U 19 nach Spielende behauptete, sie habe sich ja zurückgenommen, um die anderen glänzen zu lassen, wussten alle, die das Spiel gesehen hatten, dass diese Jungs eine Menge drauf hatten.

    So kam es im Verlauf der Woche dann auch dazu, dass 16 neue Spieler in der Jugendabteilung des SV Vorwärts Nordhorn willkommen geheißen wurden.


    Das Freitagstraining ließ ich ebenso sausen, wie das Testspiel am Sonntag. Wie verabredet verbrachte ich mit meiner Freundin ein schönes langes Wochenende. Wir hatten eine schöne Zeit, lachten viel zusammen und waren uns nahe. Die Stimmung war so gut, dass wir uns gemeinsam die Nachrichten von Bojan zum Testspiel gegen die Reserve des Niendorfer TSV durchlasen und auch den Spielbericht bei fussball.de studierten.



    Bojan hatte den Testcharakter des Spiels durchaus ernst genommen und einige Spieler der U 19 eingesetzt und noch mehr mitgenommen. Vielleicht hätte er sogar noch mehr Jugendspieler eingesetzt, doch zum einen hatte die U 19 erst einen Tag zuvor ein Spiel gehabt und zum anderen wollte Bojan das Spiel sicher nicht verlieren und ließ deswegen doch die Jungs aus der Ersten länger auf den Feld, als vielleicht geplant. Am Ende stand ein spät herausgeschossener 3:2-Erfolg.

    Zugute kam mir dabei auch, dass wir das kommende Wochenende frei hatten, und zwar so richtig frei. Spielfrei zum einen, kinderfrei zum anderen. Die Arbeits- und Trainingswoche bis dahin verlief absolut ereignislos. Dafür ging es gleich am Montag nach dem freien Wochenende, das wir in einem Hotel nahe Lübeck verbrachten, los:


    Zunächst einmal musste sich Jorge Hobbins abmelden, da er sich einen Virus eingefangen hatte. Ich schickte ihn komplett nach Hause, denn aus der Mannschaft sollte sich niemand anstecken vor dem nächsten Spiel. Das war nämlich das Spitzenspiel: Schüttorf, der aktuelle Tabellenführer empfing uns zum Gipfeltreffen. Ein Sieg von uns und wir würden Schüttorf hinter uns lassen und mit etwas Glück an die Tabellenspitze springen. Eine Aussicht, die einige im Verein ziemlich nervös machte. Zwar im gut gemeinten Sinne, aber ein wenig gingen mir die Bernds und Phillips und wie die wohlmeinenden Fans alle hießen, schon auf den Senkel. Ich hoffte, dass sie keine Unruhe in die Mannschaft tragen würden, der ich vermittelte, dass es sich um eine ganz normale Partie handelte. Aber auch unser Vorstand war etwas nervös. Martin und Sven begutachteten sogar beide Trainingseinheiten der Woche, was sie sonst nie taten.


    In der letzten Einheit passierte es dann: Castillo versuchte übermotiviert, noch einen Ball mit dem langen Bein wegzugrätschen - danach humpelte er vom Platz. Christopher Langer wurde herbeigerufen und diagnostizierte einen Muskelfaserriss an der Leiste.

    „Ein paar Tage wird er schon fehlen“, meinte Christopher.

    „Ein Paar Tage? Also zwei? Oder mehr?“ fragte ich nach.

    Christopher zuckte mit den Schultern und entgegnete: „Ich werde sehen, was ich tun kann, aber gegen Schüttorf wird es knapp.“


    Sonntag, am frühen Nachmittag, kam dann doch die Entwarnung: Castillo würde spielen können, wenn auch ein gewisses Restrisiko blieb.

    Der FC Schüttorf 09 hatte am letzten Spieltag erstmals in dieser Saison den „Platz an der Sonne“ übernommen. Nach Spieltag 2 noch auf dem letzten Platz gelegen, starteten die Schüttorfer eine muntere Aufholjagd, deren Opfer wir auch wurden - 1:2 hieß es im Hinspiel. Die Schüttorfer würden uns alles abverlangen, das war klar.

    Neben dem erkrankten Hobbins fehlte uns der Kapitän wegen der fünften gelben Karte. Didi Döll war natürlich trotzdem dabei und heizte den Jungs in der Kabine noch ordentlich ein, nachdem Bojan und ich die Einstimmung vorgenommen hatten. Dann ging es raus auf den Platz. Wie eigentlich ständig in diesem Winter nieselte es, der Boden war tief und matschig. Der Platz war aber gesäumt von Zuschauern, am Ende hieß es, dass mehr als 900 Leute da gewesen seien - eine Wahnsinnskulisse!


    Die Mannschaften tasteten sich zunächst ab, keiner wollte zu viel riskieren und in Rückstand geraten. Nach einer knappen Viertelstunde setzte dann Philipp Bähre in der eigenen Hälfte zu einem Solo an. Keiner griff ihn so richtig an, also marschierte er weiter in Richtung gegnerisches Tor. Die beiden Schüttorfer, die sich ihm näherten, schüttelte er mit einer Tempoverschärfung ab, dann hielt Bähre aus 25 Metern drauf - Latte! Das war mal eine Ansage, schade, dass das letzte bisschen Glück fehlte.

    Ein paar Minuten später das exakt gleiche Bild, nur dieses Mal ging der Ball doch eineinhalb Meter drüber.

    Von Schüttorf war eigentlich nichts zu sehen. Halbe Stunde rum, Schultz sah nach einem unnötigen Foul die gelbe Karte. Ein paar Minuten später: Kuleszka brachte einen Ball von Bähre artistisch im Tor unter und drehte jubelnd ab - nur um die Arme enttäuscht wieder fallen zu lassen. Abseits sollte das gewesen sein. Wie gesagt: Von Schüttorf war nichts zu sehen.

    Dann doch die erste Annäherung der Gastgeber an unser Tor. Nach einer Passstafette über zehn, zwölf, 15 Stationen kam der Schuss aufs Tor, aber Knystock war auf der Hut und wehrte ab.

    Schüttorf wurde jetzt aktiver und hatte kurz vor der Pause Pech, als ein Kopfball an den Innenpfosten prallte und von dort vor die Füße von Piesche, der ihn kurzerhand aus dem Strafraum bolzte.


    In der Pause versuchten wir der Mannschaft Mut zu zu sprechen und strichen das Positive heraus. Wir hatten gut angefangen und den Gegner über weite Strecken im Griff gehabt, da mussten wir weitermachen.

    Kuleszka, der bislang bis auf sein Abseitstor ungewohnt blass geblieben war, bekam von mir noch eine extra Aufmunterung mit auf den Weg. Ich hoffte, er würde es mir zurückzahlen.


    Zunächst hatte aber Schultz einen Blackout, als ihm ein Ball bei der Annahme versprang und der Schüttorfer plötzlich freie Bahn hatte. Allerdings zog er überhastet ab, sodass Knystock den Schuss sogar festhalten konnte.

    Tatsächlich hatte Schüttorf jetzt mehr vom Spiel, ein Führungstreffer wäre gar nicht mal unverdient gewesen.

    Doch nach einer knappen Stunde konnten wir im Anschluss an eine gegnerische Ecke kontern. Schäfer trieb den Ball auf der rechten Seite nach vorne, gab weiter zu Nikolaev und der zog aus fast 30 Metern einfach mal ab. Der Ball wurde lang und länger, schnell und schneller und schlug tatsächlich flach in der langen Ecke, knapp neben dem Pfosten ein. Führung in Schüttorf - zu diesem Zeitpunkt fast wie aus dem Nichts! Für Anton Nikolaev freute es mich besonders, denn ich hatte ihm erst kurz vor dem Spiel den Vorzug vor Neziri gegeben.


    Lange freuen konnten wir uns über die Führung aber nicht. Bittmann schlug einen wunderbaren langen Ball auf Schrader. Der ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen und vollendete sehr gekonnt in die kurze Ecke. Knystock war da ohne Chance.

    In der Folgezeit neutralisierten sich beide Mannschaften. Torchancen gab es nicht mehr, einzig die Wechselspiele waren noch interessant, denn immerhin nahm ich Kuleszka aus dem Spiel, der wirklich einen ganz schwachen Tag erwischt hatte (Note 6,5).

    Wir waren schon in der Nachspielzeit, als Schüttorf noch einmal einen Freistoß zugesprochen bekam. Die Flanke segelte in den Strafraum, da waren plötzlich zwei Spieler ungedeckt ... aber mein Puls konnte sich wieder beruhigen, denn zum einen hielt Knystock den Ball fest und zum anderen ertönte ein Pfiff. Dann war auch Schluss, wir hatten einen Punkt geholt und blieben zum zwölften Mal hintereinander ungeschlagen.



    In der Tabelle war alles dicht zusammen, nun war der TV Dinklage mal wieder vorne.


    [-----]


    Bis zum nächsten Pflichtspiel hatten wir eine Pause von zwei Wochen. Die verbrachten wir natürlich hauptsächlich mit Training, wobei dieses Mal wieder ein paar Ansprachen einzelner Spieler nötig waren - die Trainingswoche war allenfalls annehmbar, mehr aber nicht.

    Beim Freitagstraining stießen dann die U 19er Marcus Gies und Dickson Addai zu uns. Wie von mir versprochen, würden diese 17-jährigen im Testspiel am kommenden Sonntag eingesetzt werden. Bülent Karakus wäre eigentlich auch dabei gewesen, er hatte sich aber im letzten Spiel der U 19 das Knie verdreht.


    Testspielgegner war Eintracht Nordhorn, der Nordhorner Verein, der die glorreichere Vergangenheit hatte, vor ein paar Jahren aber insolvent gegangen war und nun in der Bezirksliga kickte.

    Heute bekamen einige Spieler ihren Startelfeinsatz, die sonst nicht so in der ersten Reihe standen. Neben Gies und Addai aus der U 19 waren das Wallenborn, Hobbins, Halstenberg und Amaefule. Vorne im Sturm begannen Neziri und Nikolaev.


    Letzterer war es auch, der uns in Führung brachte - da waren aber schon 37 Minuten gespielt und die Jungs hatten sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert ...

    Kurz vor der Pause hatte Hobbins noch eine gute Schusschance, das war es dann aber auch schon.


    Zu Beginn der zweiten Hälfte wurde Eintracht auch noch etwas mutiger und hatte tatsächlich nach 48 Minuten die erste Schussgelegenheit.

    Nach einer Stunde hatte ich genug und wechselte nahezu die gesamte Mannschaft aus. Lediglich Didi Döll behielt ich noch bei mir, er sollte nach seiner Gelbsperre im letzten Spiel noch ein wenig länger schmoren. Besser wurde das Spiel immer noch nicht.

    Fünf Minuten vor dem Ende, es stand immer noch 1:0, ließ ich dann auch Döll von der Leine. Und der dankte es mir auf seine Weise, als er nämlich kurzerhand den Ball aus 18 Metern ins Tor schoss. In der Nachspielzeit funktionierte dann wieder einmal die Flügelzange nach dem Muster „Flanke Bähre an den zweiten Pfosten, Schäfer läuft ein und schießt ins Tor“, sodass am Ende ein standesgemäßer 3:0-Erfolg heraussprang. Aber begeisternd war das nicht gewesen.


    Bester Spieler war Tim Wallenborn (8,2), am wenigsten konnten Hobbins und Neziri überzeugen (beide 6,3). Gies und Addai machten ihre Sache über 45 bzw. 60 Minuten ordentlich (6,7 bzw. 6,8).

    Hatte ich nicht vor gut zwei Wochen gesagt, dass Marcus Gies, der am 07.01. Geburtstag hatte, in der Landesliga einsetzbar war? Ich hatte hinzugesetzt „wenn ich die Statuten richtig verstanden habe“.

    Nun ja - ich musste mich eines Besseren belehren lassen: Weder Marcus Gies (VR) noch Bülent Karakus (* 30.01., OM (RLZ)) oder Dickson Addai (* 31.01., V (RZ)) waren in der Landesliga Weser-Ems einsatzfähig, denn wie hieß es so schön: „Spieler, die am 1.1.2019 noch nicht 17 sind, sind nicht spielberechtigt.“

    Verdammte Sch....! Dass mir das passieren konnte. Aber ich dachte nun einmal, wenn sie 17 sind, können sie auch Landesliga spielen. Meine Güte ...


    Angesichts dieser Erkenntnis machte es kaum Sinn, die 17jährigen mit der ersten Mannschaft trainieren zu lassen - sie würden ja erst in einem Jahr Pflichtspiele absolvieren können. Die Enttäuschung bei den Jungs war natürlich riesengroß. Und mein Versprechen, dass wir sie in Testspielen der Ersten einsetzen würden, führte zu keiner Stimmungsverbesserung. Das hatte ich aber auch nicht wirklich angenommen.


    Die Trainingswoche nach dem Kantersieg gegen Rhede und vor dem Landesligaauftakt gegen BV Essen verlief unspektakulär. Dann war der Sonntag da ...


    In der Hinrunde hatten wir gegen den BV Essen eine 1:4-Schlappe hinnehmen müssen, da sollte heute natürlich die Revanche her. Der BV stand auf Platz 12, vier Punkte vor dem ersten Abstiegsplatz. Ich war eigentlich zuversichtlich, aber auch ziemlich nervös.

    Die Aufstellung hatte ich wieder Bojan überlassen und er ließ (mit Ausnahme von Gies ...) dieselben Spieler aufs Feld, die auch im letzten Testspiel angefangen hatten:

    Knystock im Tor.

    Die Viererkette bildeten Wallenborn, Castillo, Schultz und Piesche.

    Im Mittelfeld waren Schäfer, Berkenbaum, Döll und Bähre diejenigen, die von Anfang an Gas geben sollten.

    Im Sturm spielte Neziri neben dem gesetzten Kuleszka.


    Dann ging es los.


    Nach gerade einmal drei Minuten sprangen alle auf und wollten jubeln - aber der Kopfball von Kuleszka nach Castillo-Flanke klatschte gegen die Latte des Tores. Das wäre ein Auftakt nach Maß gewesen ...

    Zehn Minuten später konnten wir dann aber doch erstmals jubeln: Bähre brachte einen Eckball vors Tor, Essens Keeper ließ den Ball fallen, Piesche war zur Stelle und drosch ihn mit links ins Tor. Das erste Pflichtspieltor des Marcel Piesche für Vorwärts Nordhorn resultierte aus einem klaren Torwartfehler, aber uns war es egal!


    Wir machten weiter Dampf, nach 20 Minuten standen 8:0 Torschüsse auf dem Notizzettel.

    In der 23. Minute erhielten wir einen Freistoß zugesprochen, 19, 20 Meter Torentfernung. Der Ball lag nicht mittig-zentral, sondern vom Schützen aus gesehen zwischen der linken Torraum- und der linken Strafraumlinie - also gar nicht mal so gut zum Tor. Aber das war dem Schützen mal so was von egal. Kuleszka lief an und schoss den Ball an der Mauer vorbei in die kurze Ecke.

    2:0, sein 19. Saisontreffer.


    Kurz vor der Pause erhöhten wir auf 3:0 und nutzen dabei den Platz, den wir auf den Flügeln hatten, sehr gut aus. Schultz spielte den Ball zu Bähre auf den linken Flügel, Bähre gab den Ball rein und zog ihn auf den zweiten Pfosten, wo Schäfer aufgetaucht war und ihn per Volleyschuss aus spitzem Winkel verwandelte. Richtig schön gespielt!

    Damit war es in der ersten Hälfte aber noch nicht vorbei: Schultz war nach einer Ecke mit aufgerückt und schoss den Abpraller aus elf Metern ins Netz. Auch für ihn sein erster Saisontreffer.


    Dann war Pause und danach passierte nicht mehr viel. Wir wechselten drei Mal, unter anderem kam Amaefule für Bähre, damit dieser sich seinen verdienten Applaus für drei Torvorlagen abholen und sich für kommende Aufgaben schonen konnte. Und auch Didi Döll kam herunter, nachdem er seine fünfte gelbe Karte gesehen hatte und wir schon mal das Spiel ohne ihn simulieren wollten.


    Tore fielen keine mehr, am Ende stand ein völlig ungefährdeter 4:0-Sieg , mit dem wir uns für die Hinrundenpleite revanchiert und auf Platz 3 in der Tabelle vorgeschoben hatten.



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    Im Februar und im März wies unser Spielplan ein paar Lücken auf. Damit die Jungs im Spielfluss blieben und um ein paar Einnahmen zu bekommen, die der Verein bitter nötig hatte, vereinbarten Bojan und ich ein paar Testspiele. Am 24.02. ging es im Stadtderby gegen Eintracht Nordhorn, am 10.03. empfingen wir die Reserve des Niendorfer TSV und für den 24.03. zogen wir mit der Dritten von Werder Bremen zumindest einen großen Namen an Land. Welche Spieler für die Werderaner auflaufen würden, würde man dann sehen.

    Ich war zufrieden, weil ich nun auch unseren 17jährigen doch ein paar vernünftige Tests anbieten konnte, bei denen sie sich zeigen konnte.


    Die Begeisterung meiner Freundin hielt sich dagegen in sehr engen Grenzen. Als ich ihr von den Ansetzungen erzählte, verdunkelte sich ihr Gesicht regelrecht. Meine Überlegung war - neben Spielpraxis und Einnahmen für den Verein - auch gewesen, dass es sich um Wochenenden handelte, an denen wir beide jeweils unsere Kinder hatten. Testspiele, zudem auf dem eigenen Platz, hatte ich da für nicht so schlimm gehalten, weil uns im Grunde keine Zeit verloren ging. Oder zumindest nicht viel ...

    Sie sah das anders. „Wenn ich mit den Kindern zu Dir kommen, dann will ich nicht die Zeit auf dem Fußballplatz verbringen, wo Du Dich um die Mannschaft kümmern musst und nicht bei uns stehen kannst. Wir hätten mit den Kindern auch mal über ein langes Wochenende weg fahren können.“

    Der Rest des Gesprächs verlief dann erstmal in eher gedämpfter Stimmung. Die Stimmung wurde erst dann wieder etwas besser, als ich versprach, mindestens eines der Spiele sausen zu lassen, um mit ihr und den Kindern für ein Wochenende an die Ostsee zu fahren. Wir einigten uns darauf, dass ich das Spiel gegen Niendorfs Reserve komplett in Bojans Hände geben würde. Ich war erleichtert, dass wir nochmal die Kurve bekommen hatten, bevor der Tag zu Ende ging.

    Mein Tipp: Sechs bis sieben Punkte aus den letzten Spielen und damit sicherer Klassenerhalt. Und am Ende der Nichtabstiegsfeier macht sich der Trainer auf Richtung Freiburg.

    Sechs Punkte waren es am Ende, da lag ich immerhin richtig. "Sicherer" Klassenerhalt ... knapp war es, aber nicht in der Relegation. Und aufgrund der letzten Spiele (Sieg in Leverkusen, Punkt gegen den Vizemeister) m.E. auch hochverdient. Du hast das Maximum aus dem Kader herausbekommen - ich bin gespannt, was Dein Nachfolger schafft und fände es daher toll, wenn Du ab und an mal nach Kaiserslautern blicken würdest.


    Und nun: Viel Erfolg und Spaß in Freiburg!

    Eine bockstarke Story ist das!

    Mir gefällt natürlich der Lancelotsche Stil, die Konsequenz des Handelns (dieser Trainer lässt sich nichts vormachen und zur Not wechselt er den Verein!) und die Spannung, die herrscht. Aktuell Abstiegskampf pur - das will ich lesen!


    Mein Tipp: Sechs bis sieben Punkte aus den letzten Spielen und damit sicherer Klassenerhalt. Und am Ende der Nichtabstiegsfeier macht sich der Trainer auf Richtung Freiburg.

    Mein allererstes Spiel als Trainer des SV Vorwärts Nordhorn war ein Testspiel gegen die Reservemannschaft des SV Rödinghausen. Das war am 30. Juni 2018, das Spiel endete 1:1-Unentschieden. Gut 6 1/2 Monate später fuhren wir wieder nach Rödinghausen, um uns erneut mit dem Landesligisten zu messen. Die Ausgangsbedingungen waren natürlich andere als damals, denn mittlerweile kannte ich mein Team (und umgekehrt) und hatte eine funktionierende Taktik, die perfekt umgesetzt wurde.


    Mit nach Rödinghausen nahmen wir Marcus Gies. Marcus spielt in unserer U 19, ist Rechtsverteidiger und vor gerade einmal zwölf Tagen 17 Jahre alt geworden. Wegen unserer notorischen Budgetknappheit würden wir künftig ja verstärkt auf unsere U 19-Spieler setzen (müssen) und noch im Januar würden zwei weitere interessante Spieler 17 Jahre alt und sollten damit - wenn ich die Statuten richtig verstanden hatte - in der Landesliga einsetzbar sein.


    Schon nach 57 Sekunden konnten wir zum ersten Mal jubeln - aber nur kurz. Kuleszka war bei der direkt gespielten Vorlage von Bähre wohl um ein paar Zentimeter im Abseits. Danach geschah lange Zeit nichts, außer dass der Regen fiel. Fast eine halbe Stunde war rum, als sich Philipp Bähre auf der rechten Mittelfeldseite ein Herz fasste und zum Solo ansetzte. Er zog nach innen, ließ sich von zwei Verteidigern nicht irritieren, zog von der Strafraumgrenze ab und traf in den linken Winkel! Ein schönes Tor zur Führung.

    Leider hielt die Führung nicht lange, denn Castillo hielt seinen Gegenspieler im Strafraum zu lange. Der fiel, der fällige Elfmeter wurde sicher verwandelt.

    Für beide Teams gab es bis zur Pause noch jeweils einen Torschuss: Rödinghausens Freistoß ging knapp rechts vorbei, unser Freistoß, geschossen von Bähre, ging knapp drüber.


    Zur Pause tauschten wir auf sechs Positionen. Dass das dem Spielfluss abträglich sein würde, war logisch. Die Auswechselungen machten trotzdem Sinn, denn alle mussten wieder in Fahrt und zu Spielpraxis kommen.

    Rödinghausen II ging nach 50 Minuten in Führung, nachdem wir in der Mitte schlecht verteidigten.

    Doch dieses Mal waren wir es, die schnell zurückschlugen: Der eingewechselte Altendorf setzte mit einem stark gespielten langen Ball den eingewechselten Nikolaev ein, drei Verteidiger kamen zu spät und es stand 2:2.

    In der 66. Minute beendete Kuleszka dann seine ein Spiel andauernde Torflaute und schloss erfolgreich ab, nachdem Halstenberg einen schönen Steckball gespielt hatte.

    War es das? Nein! Fünf Minuten vor dem Ende gelang Rödinghausen im Anschluss an einen Eckball per Kopf noch der Ausgleich. Wallenborn sah da nicht so gut aus.


    Auch mein zweites Spiel gegen Rödinghausens Zweite endete also mit einem Unentschieden. Mal schauen, wann wir uns wiedersehen würden ...


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    Schon vier Tage später spielten wir das nächste Testspiel, wieder gegen einen Landesligisten. Dieses Mal war ein Team aus der Landesliga Niederrhein der Gegner, der PSV Wesel-Lackhausen.

    Wir hatten von Anfang an mehr vom Spiel: Mehr Ballbesitz, mehr Pässe, mehr Torschüsse.

    Die beste Gelegenheit hatte Kuleszka, der mit einem Drehschuss aus 20 Metern die Latte traf. Vor der Pause kam dann aber auch nicht wirklich mehr und nach Wiederanpfiff dauerte es eine Viertelstunde bis zur nächsten Beinahe-Gelegenheit: Leider wurde Amaefules Schuss von einem Verteidiger geblockt, ansonsten wäre das sehr gefährlich geworden.

    Ein paar Minuten später hatte Didi Döll Pech, als sein Schussversuch vom Weseler Keeper abgewehrt werden konnte. Bis zum Schlusspfiff passierte dann nichts mehr.


    Alles in allem war das Ergebnis enttäuschend, aber man durfte nicht vergessen, dass die Jungs erst seit eineinhalb Wochen wieder im Training waren und dies das zweite Spiel binnen vier Tagen gewesen war.


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    Einmal mussten die Jungs aber noch auf die Zähne beißen: Wieder nur drei Tage später kam es zum nächsten Test, der gleichzeitig der letzte vor dem Ligaauftakt war. Gegner war der VfL Rhede aus der Landesliga Niederrhein.

    Dieses Mal ließ ich Bojan die Aufstellung vornehmen. Er ließ Amaefule draußen und setzte Philipp Bähre auf links. Schäfer kam als RM rein. Und was soll ich sagen? Es lief die dritte Minute, Schäfer wurde von Döll rechts geschickt, erwischte den Ball noch vor der Grundlinie, flankte quer durch den Strafraum, wo Bähre stand, den Ball annahm und in der langen Ecke versenkte.

    Ich schaute Bojan an, der nur verschmitzt lächelte und nichts sagte. Wozu auch?


    Wir blieben in den folgenden Minuten weiter druckvoll. Neziri scheiterte einmal am gegnerischen Torwart, die nachfolgende Ecke köpfte er am Tor vorbei. Dann wurde Bähre auf links in Szene gesetzt, flankte auf den Kopf von Neziri und dieses Mal passte alles. 2:0 nach nicht einmal acht Minuten.

    70 Sekunden (!) später traf Kuleszka aus zehn Metern, die Vorlage kam von Castillo. Keine zehn Minuten rum und wir führten mit 3:0 - unglaublich.

    Danach gönnte das Team sich und den bedauernswerten Gegnern eine Verschnaufpause. Die dauerte bis zur 40. Minute. Dann erhielt Döll den Ball per Fehlpass auf dem Silbertablett serviert, spielte gedankenschnell auf Kuleszka und der Rest lief so wie immer. 4:0 ging es in die Pause.


    Kurz nach der Pause machte Kuleszka den Dreierpack komplett, als er nach Döll-Pass kurzerhand trocken und humorlos den Ball aus 18 Metern in die Maschen drosch.

    Nach einer Stunde wechselten wir munter durch, sodass alle Spieler zu ihrem Recht kamen. Jorge Hobbins, unser junger OMR, konnte oder musste sich dabei als Stürmer beweisen, schien aber froh, dass er überhaupt mit auf den Platz konnte. Tatsächlich konnte er sich sogar in die Scorerliste eintragen: Seinen harten Schuss, den Rhedes Keeper nur abklatschen konnte, verwandelte Amaefule zum 6:0.

    Und nur drei Minuten danach war Hobbins wieder Vorbereiter. Dieses Mal für Piesche, der nach der Freistoßvorlage mit rechts erfolgreich war. Völlig frei stand er da am Fünfmeterraum und konnte in aller Ruhe einschießen.


    Dabei ließen wir es dann bewenden. Nach einem begeisternden Spiel fuhr der VfL Rhede mit einer 0:7-Klatsche wieder nach Hause und wir begossen den Sieg mit einem Bierchen (oder Wässerchen) mehr als üblich.


    Den Jahreswechsel verbrachte ich bei meiner Freundin. Wir hatten zusammen mit ihren Kindern einen schönen Tag und Abend, den wir mit Raclette, Spielen („Stadt, Land, Vollpfosten“ und „Risiko“), Dinner for one und Knallerei auf der Straße verbrachten. Erst um halb drei Uhr morgens fanden wir den Weg ins Bett, was für mich, der ich sonst immer um halb elf anfange zu gähnen, eine herausragende Leistung war.


    Als ich am Neujahrsmorgen (ok, genau genommen war es Mittag) meine WhatsApp-Nachrichten checkte, fand ich Neujahrsgrüße von Bojan vor. Er wünschte mir privat alles Gute und uns als Trainerteam ein erfolgreiches 2019. Außerdem informierte er mich darüber, dass seit heute Joseph Amaefule und Tim Wallenborn fest zum Kader der Ersten Herren des SV Vorwärts Nordhorn gehörten.


    Amaefule war klar, aber Wallenborn?

    Natürlich wusste ich, wer er war: Innenverteidiger, aber auch als Flügelverteidiger einsetzbar. 21 Jahre alt, über einsneunzig groß. Ein junger Mann mit guten Anlagen, bereits jetzt mit Einsatzfreude, Aggressivität und Führungsqualitäten gesegnet. Ein guter Mann, der unserer Hintermannschaft über kurz oder lang sehr gut tun würde.

    Aber wann hatten wir Wallenborn einen Vertrag angeboten? Und vor allen Dingen wer?

    Ich beschloss noch ein, zwei Tage abzuwarten und dann der Sache auf den Grund zu gehen.


    Als ich zwei Tage später wieder zurück in Nordhorn war, rief ich bei Martin an. Nachdem wir zunächst die üblichen Floskeln einschließlich Neujahrswünschen ausgetauscht hatten, kam ich zur Sache und befragte ihn nach Tim Wallenborn.

    „Ja, klar! Das haben Sven und ich eingetütet. Du wolltest doch neue Spieler haben und einen Verteidiger haben wir doch auch nötig, oder?“

    Ich schluckte einmal.

    Und dann noch einmal und zwar schluckte ich die Bemerkung, die ich im Sinne hatte, runter.

    „Na ja ... wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich mich für einen echten Linksverteidiger entschieden.“

    „Nun haben wir Wallenborn und das wird auch klappen. Immerhin kann er auch Außenverteidiger spielen. Übrigens ...“

    Ich konnte förmlich sehen, wie sich ein Grinsen in Martins Gesicht ausbreitete.

    „ ... in Zukunft werden wir leichter an bessere Spieler kommen.“

    Ich konnte förmlich spüren, wie Martin darauf wartete, dass ich nachfragte.

    Ich tat ihm den Gefallen.

    „Wieso das denn? Schaltet ihr wieder eine Anzeige in der Zeitung?“

    „Nein. Sven und ich haben etwas viel Besseres gemacht. Wir haben einen Chefscout eingestellt!“

    Ich konnte förmlich riechen, wie Martin auf das Lob wartete.

    DEN Gefallen tat ich ihm nicht.

    „Nur mal für mich: Ihr lehnt die Verpflichtung eines weiteren Spielers mit Verweis auf die finanzielle Lage ab, um einen Chefscout einzustellen, der Spieler sucht und vorschlägt, die ich mit Verweis auf die finanzielle Lage nicht verpflichten kann? Habe ich das so richtig verstanden?“

    Martin war spürbar enttäuscht, geradezu beleidigt und brummelte etwas von „So kann man das nicht sagen ... das musst Du anders sehen ... Dir fehlt da das Hintergrundwissen ...“

    Sehr kurze Zeit später war das Gespräch beendet.


    Am 15. Januar kamen die Spieler aus Urlaub zurück. Alle machten einen guten und zufriedenen Eindruck und schienen auch über die Feiertage ganz gut auf ihre Fitness geachtet zu haben.


    Wie gut, dass stellte sich am nächsten Tag heraus, als wir das erste Testspiel absolvierten. Gegner war der niederländische Fünftligist Excelsior’31 Rijssen.

    Das Spiel verlief insgesamt sehr ausgeglichen, wie sich auch aus den Statistiken nach Spielschluss ergab:


    Von den zwölf Torschüssen in der ersten Spielhälfte konnte Ylli Neziri zwei verwerten und uns mit einer komfortablen und verdienten 2:0-Führung in die Pause bringen. Kurz nach Wiederanpfiff verkürzten die Gäste und wir gerieten 10, 15 Minuten unter Druck. Danach bekamen wir die Sache wieder besser in den Griff und konnten den knappen Vorsprung bis zum Ende halten.


    Bestnoten verdienten sich bei uns neben Neziri (8,8) auch Berkenbaum (7,8) und Castillo (7,2).

    Die beiden Neuen, Amaefule (6,5) und Wallenborn (6,9), spielten eher (unter)durchschnittlich. Aber sie würden sich schon noch reinfinden, da war ich sicher.

    Vier Tage vor Weihnachten setzten wir uns in der kleinen Wohnung zusammen. Wir, das waren meine Freundin und ich. Wir hatten das so vor Beginn der Saison vereinbart - in der Winterpause wollten wir besprechen, wie es mit den drei großen „F“ in meinem Leben so klappen würde. Ich für meinen Teil war eigentlich ganz zufrieden mit der Situation:

    Mit der Familie (das heißt mit meinen drei Jungs) hatte sich alles so weit eingespielt. Die Wohnung war ein Problem, aber das würde sich schon lösen (lassen).

    Der Fußball stellte sich unproblematisch dar. Von den Trainingszeiten waren wir gar nicht betroffen und die Spiele einmal in der Woche ließen sich gut bewerkstelligen.

    Und mit der Freundin lief es gut. Wenn wir zusammen waren, war es immer sehr schön und innig. Wenn wir nicht zusammen waren, war das natürlich nicht so schön und doof. Aber ich hatte genug um die Ohren (arbeiten tat ich ja schließlich auch noch) und war gut abgelenkt. Die Skype- bzw. WhatsApp-Videotelefonate tagsüber und abends linderten das Herzeleid und - wenn ich ehrlich war, gefielen mir die ein bis zwei freien Abende, die ich alleine zuhause verbrachte, eigentlich ganz gut.


    Ich war also guter Stimmung und guter Dinge, als ich mich mit meiner Freundin zusammensetzte. Allerdings war ich mit meiner Einschätzung und der damit verbundenen guten Stimmung ziemlich alleine.

    Meine Freundin sah die Dinge etwas anders:

    Dass sich mit den Jungs alles so gut entwickelt hatte, freute sie von ganzem Herzen. Das mit der Wohnung würde sich finden, vielleicht wäre es aber besser, nicht auf ein Geschenk des Himmels zu warten, sondern sich in nicht allzu ferner Zukunft aktiv umzuhören, zum Beispiel im Bekannten- oder Kollegenkreis, und zu fragen, ob jemand vielleicht eine größere Wohnung zur Verfügung hätte. Wie wir das Ganze finanziell händeln würden, müssten wir dann sehen. Zur Not würde ich mit meiner Frau sprechen und die Finanzen neu regeln müssen. Ich hatte keine Lust mehr auf Gesprächsrunden mit meiner Frau und war froh, dass wir alles soweit am Laufen hatten. Der Gedanke daran, sie um finanzielle Entlastung bitten zu müssen, behagte mir nicht. Mir war wohl mein Unwohlsein deutlich anzumerken, denn meine Freundin sagte: „Lass Dich nicht ausnehmen oder über den Tisch ziehen! Sie wohnt mietfrei in einem Haus, während Du hier in einer Zwei-Zimmer-Wohnung hockst. Wenn Du die Kinder jetzt die Hälfte der Zeit hast, müsstest Du eigentlich auch die Hälfte vom Kindergeld bekommen.“ Ein heikler Punkt also ...

    Was den Fußball und unser Zusammensein anging, hatte sie ebenfalls eine etwas andere Sichtweise als ich.

    Sie erinnerte mich daran, unter welchem Druck ich noch vor sechs, acht Wochen gestanden hatte. „Das hat sich auch auf uns ausgewirkt. Wir haben so wenig Zeit miteinander, da will ich nicht, dass Du in Gedanken nicht bei mir, sondern beim Fußball bist.“ Auch dass jeder Sonntag durch die Ligaspiele zerrissen wurde, sprach sie an. „Wir haben nur jedes zweite Wochenende kinderfrei. Und dann will ich die Zeit mit Dir verbringen und Dich nicht mit dem Fußball teilen.“


    Und dann kam die Frage aller Fragen: „Wie stellst Du Dir vor, dass es weitergeht?“


    Ja, wie stellte ich es mir vor ...

    Bis auf Weiteres würde es so weiterlaufen wie bisher.

    Wie denn auch sonst?


    Zusammenziehen konnten wir nicht. Wo denn? Ich konnte nicht zu ihr ziehen, sie nicht zu mir - wir hatten beide je drei Kinder im schulpflichtigen Alter. Nach dem Auszug ihres Mannes war meine Freundin quasi allein erziehend. Mehr als alle zwei Wochen ein kinderfreies Wochenende war derzeit nicht drin für sie. Die Kinder sollten nicht zu einem Umzug gezwungen werden, sondern in ihrem Umfeld verbleiben. Abgesehen davon, dass unsere Ehepartner das wohl auch nicht so toll finden würden.

    Den Fußball aufgeben? Das kam mir derzeit unvorstellbar vor. Fußball war mir wichtig, sehr wichtig sogar. Und noch war der Leidensdruck nicht so groß, zumindest meiner nicht.


    Wir saßen lange zusammen, besprachen alles hin und her und überlegten, wie wir uns mehr gemeinsame Freiräume und Zeit verschaffen konnten.

    Ich würde künftig freitags im Homeoffice arbeiten, und dafür Donnerstags nach der Arbeit zu meiner Freundin fahren. Das Freitagstraining würde ich Bojan anvertrauen, zumindest taktisch war er mir ja ohnehin überlegen.

    Wir würden die Urlaube in den Ferien aufeinander abstimmen und dafür sorgen, dass wir zusammen Urlaub hätten, um auch mal gemeinsam - entweder alleine oder mit drei bis fünf Kindern - in Urlaub fahren zu können. In den Ferienzeiten, in denen die Kinder bei meiner Frau bzw. ihrem Mann waren, würde meine Freundin zu mir kommen und im Homeoffice arbeiten.

    So würden wir erst einmal bis zum Ende der Saison weitermachen. Was dann sein würde, stand ohnehin in den Sternen.


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    Weihnachten verlief ruhig und ohne besondere Zwischenfälle. Heilig Vormittag war ich alleine - ehrlich gesagt fuhr ich ins Büro, um zu arbeiten. Nachmittags war ich bei meiner Frau und den Kindern. Wir hatten vereinbart, die Bescherung gemeinsam zu machen. Das war harmonisch und nett. Abends um halb zehn fuhrt ich wieder in meine Wohnung. Den ersten Feiertag verbrachte ich bei meiner Freundin zuhause. Am zweiten Feiertag brach ich morgens um 08:00 Uhr auf, um meine Kinder pünktlich um 10 Uhr abzuholen und mit ihnen die erste Ferienwoche zu verbringen.


    An einem Abend in den Ferien kam Bojan zu mir und wir analysierten die „Halb“serie. Alles in allem konnten wir mehr als zufrieden sein. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten hatten wir mehr als gut die Kurve bekommen, was natürlich mit den taktischen Umstellungen zusammenhing. Ich dankte Bojan hierfür noch einmal nachdrücklich, was er mit den Worten „Wir sind ein Team.“ beiseite schob. Für die ausstehenden Rückrundenspiele nahmen wir uns vor, alles dafür zu tun, noch einmal oben anzugreifen. Nach außen kommunizieren wollten wir das aber nicht groß´.


    Unsere Teamanalyse fiel recht schmal aus:


    Das lag auch daran, dass wir im Großen und Ganzen mit dem vorhandenen Kader weiter arbeiten würden.

    Zum 01.01. würde Joseph Amaefule hinzu kommen.

    Aber sonst?

    Nix sonst!


    Wir hätten zwar gerne einem oder zwei Spielern vom „Tag des Probetrainings“ einen Vertrag angeboten, besonders hatte es uns der Linksverteidiger Fuseini Baidoo angetan. Aber - und dieses A B E R wurde sehr groß und in Sperrschrift geschrieben - die Finanzen gaben es nicht her.

    Martin hatte mir die aktuellen Daten per Mail geschickt, vermutlich, um jede Budgetdiskussion bereits im Keim zu ersticken. Die Zahlen sahen nicht besser aus als die vor der Saison. Weiterhin mussten wir von einem Saisonminus von rund 200.000 EUR ausgehen. Die Finanzen von Vorwärts Nordhorn standen also weiterhin auf mehr als wackeligen Füßen ...


    Uns von einem der vorhandenen Spieler zu trennen, kam für Bojan und mich nicht in Betracht. Diejenigen, die an Bord waren, hatten sich trotz der kritischen Lage dazu entschlossen - da würden wir nicht einfach jemanden rauswerfen.