Beiträge von siika04

    Sportlich lief es zuletzt nicht ganz so rund, aber alles in allem immer noch zufriedenstellend. Wir hielten uns in der Oberliga bisher sehr tapfer und der Niedersachsenpokal ... nun ja, bisher stand ich mit ihm auf Kriegsfuß.


    Privat waren die letzten Wochen ziemlich fordernd gewesen. Meiner Mutter machte ihre Lungenkrankheit mehr und mehr zu schaffen. Wie lange sie noch alleine in ihrer Wohnung würde bleiben können, war nicht absehbar. Meine Freundin und ich erkundigten uns bei einem Pflegeheim in der Nähe nach den Möglichkeiten und hatten ein gutes Gespräch mit der Leiterin der Einrichtung. Ob und wann meine Mutter einen Platz in Anspruch nehmen würde, war aber offen.


    Ich selber hatte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Näheres will ich hier nicht breittreten, aber verschiedene Trainingseinheiten musste ich komplett an Bojan übergeben, weil ich entweder einen Arzttermin hatte oder aber kränkelte. Irgendwann würde ich mich einer kleineren OP unterziehen müssen, aber das wollte ich auf einen Zeitpunkt legen, an dem es besser passte. Wann der sein würde? Keine Ahnung ...


    Mit meiner Freundin war es weiterhin wunderschön, wenn wir zusammen waren und nicht so schön, wenn wir räumlich getrennt waren. Wobei ich mit dieser räumlichen Distanz besser klar kam als sie. Für sie war das wirklich schwierig.


    Bei unserem nächsten Heimspiel war sie aber wieder mit dabei. Wir empfingen den Lüneburger SK Hansa, der mit drei Punkten mehr (acht) auf Rang acht der Tabelle platziert war.

    Die ersten zehn Minuten spielten wir sehr ordentlich. Allerdings brachten wir den letzten Pass nicht an den Mann. So war es auch in der elften Minute: Nach einer Passstafette wollte Döll den Ball in die Tiefe zu Kuleszka bringen, aber sein Chipball war zu ungenau, ein Lüneburger ging dazwischen. Pägelow konnte den Ball aber nicht mit dem Kopf kontrollieren, er rutschte über seinen Scheitel in den Lauf von Kuleszka, der sich nicht zwei Mal bitten ließ und aus spitzem Winkel zur Führung traf.


    Wir hatten das Spiel gut im Griff. Castillo hatte die nächste Gelegenheit, doch sein Kopfball nach Kuleskas Freistoßflanke ging knapp rechts am Tor vorbei. Kuleszka versuchte sich kurz danach an einem direkten Freistoß, aber was das anging, hatte er seine Treffsicherheit der Landesliga noch nicht wieder gefunden.

    Zweitweise hatten wir mehr als 60 % Ballbesitz - ein sicheres Zeichen dafür, wie sehr wir die Kontrolle in dieser ersten Hälfte hatten. Lüneburg kam nur ein einziges Mal, fünf Minuten vor der Pause, vor unser Tor. Da konnten wir uns aber bei Erdil bedanken, dass er im Eins-gegen-Eins gegen den Lüneburger Stürmer die Ruhe und die Oberhand behielt.


    Dann war Pause, viele Chancen hatte es nicht gegeben, aber wir hatten eine genutzt.


    Kurz nach Wiederanpfiff gab es einen Schreckmoment, als Piesche eine Flanke im Strafraum direkt vor die Füße eines Lüneburger klärte. Zum Glück schoss Nikroo aber zu überhastet und verzog deutlich.

    Eine Stunde war rum, als wir nach einer Ecke die große Doppelchance durch Kuleszka und Nikolaev hatten. Aus dem abgewehrten Ball entwickelte sich dann plötzlich eine Kontergelegenheit für Hansa, aber Bremser grätschte herrlich dazwischen.

    Kurz danach gab es einen Freistoß aus 17 Metern für die Gäste. Der Ball blieb in der Mauer hängen, sprang von dort Krottke vor die Füße, der volley mit links abzog und ins Tor traf. Erdil sah dabei etwas unglücklich aus, er war nach dem Freistoß noch nicht wieder vernünftig im Tor platziert.


    Mit dem Gegentor kippte das Spiel. Lüneburg wurde mutiger, spielte sich immer wieder sehr passsicher in Richtung unseres Tores und kam vermehrt zu Abschlüssen. Die meisten davon waren harmlos, nur einmal musste Erdil konsequent eingreifen. In den letzten fünf bis zehn Minuten belagerten dann die Gäste unser Tor regelrecht. Außer mehreren Eckbällen kam allerdings nichts dabei heraus.

    Die Chance zum lucky punch für uns hatte in der 90. Minute Neziri, der sich aber alleine vor dem Tor stehend im Abseits befand. In der Nachspielzeit hielt Erdil nochmals gegen Nikroo und sicherte uns damit ein Unentschieden, das über das ganze Spiel gesehen gerecht war.


    Mit diesem Punkt blieben wir weiterhin nur einen Platz über dem Strich, hatten aber immerhin schon drei Zähler Vorsprung auf einen Abstiegsplatz.


    Kritische Stimmen zum letzten Spiel gab es von Seiten der Fans zu hören bzw. Zu lesen. Der Social Media-Account des Vereins wurde nicht besonders rege frequentiert, aber dass die Kritik so einhellig negativ war, war eher ungewöhnlich:


    Ich war mit dem bisher Erreichten zufrieden, da konnte ich mich nur wiederholen. Dass ich im nächsten Spiel dennoch auf unser 4-4-1-1-zurückgreifen würde, hatte auch nichts mit den Wortmeldungen von ein paar Fans zu tun. Es lag schlicht an der Stärke des nächsten Gegners. USI Lupo Martini Wolfsburg war seit ein paar Jahren eine Art „Wanderer zwischen den Welten“: Zu stark für die Oberliga, aber zu schwach für die Regionalliga. Aufstieg - Abstieg - Aufstieg - Abstieg - so ging das in den letzten Spielzeiten. Und auch in dieser Saison war Lupo Martini wieder ganz vorne mit dabei, derzeit auf Platz 3, punktgleich mit Cloppenburg und Northeim an der Tabellenspitze. Es würde definitiv schwierig werden, dort etwas zu holen.


    Neben der taktischen Änderung nahmen Bojan und ich auch ein paar Änderungen in der Startelf vor. Alles geschah mit dem Ziel, einigermaßen unbeschadet aus dem Spiel herauszukommen. Da mutete es fast schon bizarr an, dass wir (!) nach 16 Sekunden (!) die erste Gelegenheit hatten -Döll traf aber leider nur das Außennetz. Doch schon unmittelbar darauf übernahm Lupo das Kommando und hatte in der zweiten und dritten Minute gute Schussgelegenheiten.

    In der 14. Minute war es dann passiert. Erdem Dereli verwandelte einen Freistoß von der Strafraumgrenze direkt ins Tor. Mich ärgerte das gewaltig, weil Tore aus solchen Situationen immer irgendwie selbst verschuldet und damit vermeidbar sind.


    Nicht vermeidbar, sondern einfach wunderschön und direkt herausgespielt, war das 0:2, der bis dahin überragende Dereli war dieses Mal der Vorlagengeber. Das war schlicht und ergreifend zu schnell für uns ... mit solchen Gegentoren hatte ich weniger Probleme als mit dem 0:1.

    Nur zwei Minuten später gab erneut Dereli die Freistoßvorlage zum 3:0 für die Wolfsburger. Knystock im kurzen Eck sah da ziemlich unglücklich aus. Fünf Minuten danach führte eine Dereli-Ecke zum 0:4 ... es wurde ganz bitter. Einzig Döll stemmte sich mit sporadischen Offensivaktionen gegen das Debakel. Seine Schüsse verfehlten aber das Ziel.

    Noch vor der Pause reagierten wir: Schultz kam raus, Piesche ging auf die linke Verteidigerposition und als RV kam Wallenborn rein. Ihm gaben wir mit auf den Weg, Dereli auf den Füßen zu stehen und ihn so zumindest ansatzweise aus dem Spiel zu nehmen.


    Kurz nach der Pause spielten wir dann wirklich schön über mehrere Stationen den Ehrentreffer heraus. Nikolaev war es, der den letzten Pass von Döll verwerten konnte.

    Ein paar Minuten später hatten wir sogar die Chance zum 2:4. Altendorf traf aber nur den Pfosten und den Abpraller konnte Bähre nicht am Lupo-Keeper vorbei bringen. Aber wir zeigten jetzt immerhin, dass wir auch mit dem Ball umzugehen wussten. Nach einer Stunde stibitzte Bähre den Ball vom Wolfsburger Verteidiger, war aber wieder nicht treffsicher. Und auch Döll scheiterte am Wolfsburger Sauß, der in dieser Phase mehr gefordert war, als ihm lieb sein konnte.

    Am Ende dieser zweiten 45 Minuten hatten wir sieben Torschüsse vorzuweisen und Lupo nur drei. Am verdienten 4:1-Sieg des Favoriten änderte das natürlich nichts, aber es war etwas, worauf wir aufbauen konnten.

    Für das nächste Pflichtspiel mischten wir das Team ordentlich durch. Gegen den Bezirksligisten SC Hemmingen-Westerfeld erhielten Amaefule, Baackmann, Eisfeld und Addai eine Bewährungschance, Buddenberg und Heinrich saßen auf der Bank.


    Natürlich waren wir dennoch Favorit und so traten wir auch auf. Schon in der vierten Minute hatte der mit aufgerückte Schultz die Chance, sein Schuss aus sechs, sieben Metern wurde aber abgewehrt.

    In den nächsten zehn Minuten schienen wir uns den Gegner zurechtzulegen und auf den richtigen Moment, die richtige Lücke zu warten. Bei dem drittletzten, dem vorletzten oder dem letzten Pass waren wir dabei aber oft zu ungenau. Und so musste es Nikolaev mit einer tollen Aktion richten. 25 Meter vor dem Tor bekam er, mit dem Rücken zu selbigem stehend, den Ball, drehte sich und schoss mit links in Richtung langes Eck. Der Ball schlug knapp neben dem Pfosten ein und bescherte uns die 1:0-Führung. Ein sagenhaftes Tor!


    Viel mehr geschah bis zur Pause nicht mehr. Wir hatten die Sache im Griff, versäumten aber ein zweites Tor zu machen. Zur Pause nahm ich Amaefule raus und brachte Heinrich. An diesem Wechsel lag es aber nicht, dass es nach 52 Minuten plötzlich 1:1 stand. Eher lag es an einer etwas schlampigen Abwehrarbeit und am meisten an einem Sonntagsschuss von Ahmet Sen, der den Ball von der Strafraumkante volley unter die Latte setzte.

    Der Bezirksligist war natürlich schier außer sich vor Freude. Bis zum Ende der regulären Spielzeit neutralisierten sich dann beide Teams. Kuleszka, den wir in der 60. Minute ins Spiel brachten, erzielte noch einen Treffer, aber aus Abseitsposition. So kam es, wie es kommen musste - wir gingen in die Verlängerung. Dachte ich zumindest.

    Tatsächlich gingen wir unmittelbar nach Ende der 90 Minuten ins Elfmeterschießen ... man lernt einfach nicht aus ...


    Bähre war der Erste für uns - und er scheiterte an Biakolo in Hemmingens Tor. Dabei war der Elfmeter nicht schlecht geschossen. Aber die Parade war besser.

    Dyck traf für den Bezirksligisten - 1:0 im Elfmeterschießen.

    Dann Bremser - er verwandelte sicher zum 1:1.

    Hemmingens Serra traf, obwohl Erdil beinahe dran war. Aber eben nur beinahe. 2:1

    Nikolaev souverän. 2:2.

    Schreiber für Hemmingen, Erdil blieb ohne Chance - 3:2.

    Altendorf verlud den gegnerischen Keeper - 3:3.

    Langsam musste Erdil aber mal einen raushauen, sonst würde das hier ein bitteres Ende für uns nehmen ...

    Aber gegen den Schuss von Varthalitis war er machtlos. 4:3.

    Nun musste unser nächster Schütze unbedingt treffen. Der junge Heinrich machte sich auf den langen Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt - und netzte sicher ein. 4:4.

    Nun galt es für Erdil!

    Hartmann gegen Erdil lautete das Duell. Und Hartmann blieb cool und knallte den Ball in die Tormitte, während sich Erdil für eine Ecke entschieden hatte.


    Damit waren wir raus und ich war der Depp, weil ich die Mannschaft so durcheinander gewürfelt hatte ...




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    Überraschenderweise blieb der große „Shitstorm“ nach der Pokalpleite aus. Weder aus dem Vorstand noch in den Medien gab es viele kritische Worte. Ein „Das Geld hätten wir schon gebrauchen können.“ von Sven war schon das kritischste.

    Vielleicht wussten aber auch alle, dass die Niederlage an mir am meisten nagen würde. Immerhin war es meine Entscheidung und mein Experiment mit den Youngstern gewesen.


    Im folgenden Ligaspiel gegen BV Cloppenburg vertrauten wir dann im Wesentlichen wieder den gestandenen Spielern bzw. denen, die sich in den ersten vier Saisonspielen hervorgetan hatten und zu überzeugen wussten.

    Cloppenburg wurde von den Medien als Aufstiegsaspirant angesehen und nach einer Pleite zum Auftakt (1:2 gegen den MTV Gifhorn) hatten sie diesem Anspruch auch genügen können: Drei Siege mit 12:1 Toren lasen sich eindrucksvoll.


    „Eindrucksvoll“ war das richtige Stichwort, denn ebenso begann Cloppenburg. Pressing, schnelle Balleroberung, starkes Zusammenspiel - all das konnten die Zuschauer in den ersten Minuten bestaunen. Nach sieben Minuten war es fast schon soweit, nachdem Bremser den Ball verloren hatte. Schnell ging es in Richtung unseres Tores, aber Erdil war auf der Höhe und wehrte den Schuss zur Seite ab.

    Auch in der Folgezeit blieb Cloppenburg überlegen und kam zu Gelegenheiten, während bei „eigenen Torchancen“ für uns die Null stand.

    Nach einer halben Stunde setzte Cloppenburgs Olthoff einen Freistoß an die Querlatte - Erdil wäre da chancenlos gewesen. Fünf Minuten vor der Pause kombinierten sich die Gäste an unseren Strafraum, der Torschussversuch verfehlte nur knapp den Pfosten.

    So langsam sehnten wir die Pause herbei. Doch eher wir sie erreichten, kam Cloppenburg doch noch zur Führung: Wieder ging es mit kurzen Pässen zentral vor unserem Strafraum hin und her, bis Borgardt relativ unbedrängt aus 17 Metern zum Abschluss kommen konnte und traf.

    Schaute man auf die Statistiken, war die Führung hochverdient: 10:1 Torschüsse und 56:44 % Ballbesitz zugunsten der Gäste sprachen eine deutliche Sprache.


    Nach der Pause änderte sich nicht viel. Eine Freistoßvariante, bei der der Ball nicht in den Strafraum geflankt, sondern abgelegt wurde, brachte die nächste Chance für die Gäste.

    Nach 55 Minuten tauschten Bojan und ich dann unsere äußeren Mittelfeldspieler aus. Amaefule und Schäfer gingen, Starke und Bähre kamen. Ehe die Maßnahme aber fruchten konnte, erzielte der BV Cloppenburg das 2:0. Wieder stand ein Distanzschuss am Ende einer schönen Passstafette, dieses Mal aus 25 Metern Entfernung.

    Nur kurze Zeit später lag der Ball erneut im Netz unseres Tores, aber zum Glück beendete der Abseitspfiff des Schiedsrichters den Gästejubel.

    Fünf Minuten später hatten wir wie aus heiterem Himmel eine Großchance! Starke mit dem langen Ball auf den Fuß von Kuleszka. Der zog erst in Richtung Tor, dann ab, aber leider ver- ... mit anderen Worten: Der Ball ging vorbei. Da hätte er mehr draus machen müssen!

    Zehn Minuten vor dem Ende konnte sich Erdil noch einmal bei einer Doppelchance der Cloppenburger auszeichnen - dann war es vorbei.


    Philip Eisfeld hatte das Foul begangen, das zum Freistoß für Uphusen und damit zum Gegentor führte. Eisfeld, der fünf Minuten zuvor eingewechselt worden war, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Konnte ich ihm böse sein? Nein, denn der 17-jährige saß nach dem Spiel in der Kabine und war nahezu untröstlich.

    Mein Groll hielt sich daher in Grenzen und war war denn schon passiert? Wir hatten zwei Punkte abgegeben, standen aber noch immer sehr gut da in der Oberliga und es war ja auch erst der zweite Spieltag gewesen.


    Am dritten Spieltag sollten die Trauben aber etwas höher hängen, nächster Gegner war kein Geringerer als der derzeitige Tabellenführer: SV Arminia Hannover. 4:0 gegen den FC Verden 04 und 7:2 gegen Atlas Delmenhorst lauteten die bisherigen Ergebnisse der Hauptstädter - wir mussten uns also auf geballte Offensivpower des Gegners einstellen.


    Bis dahin ging aber ein Feuerwerk etwas anderer Art auf uns hernieder: Gefühlt von allen Seiten waren Vereine an Spielern von uns dran ...

    Für Anton Nikolaev erhielten wir ein Angebot vom Hamburger Landesligisten VfL Lohbrügge. Da wir keinen Spieler abgeben wollten, lehnten wir das Angebot rundheraus ab. Was wiederum Nikolaev nicht ganz so witzig fand. Ich sprach daraufhin mit Dieter Döll und bat unseren Kapitän, doch mal das Gespräch mit Nikolaev zu suchen und ihn davon zu überzeugen, dass ein Wechsel doch absoluter Blödsinn wäre. Schon am nächsten Tag rief mich Didi an und teilte mit, die Sache sei erledigt und wir könnten weiter voll auf Nikolaev zählen.


    Schwieriger war unsere Handhabe da schon bei den Angeboten, die wir für unsere 17-jährigen erhielten. Buddenberg, Erdil und Heinrich wurden von anderen Klubs Avancen gemacht und ich konnte nichts dagegen tun, weil der Vorstand auf einem Gehalt von 110 EUR pro Monat und Spieler bestand, diese aber allesamt mindestens 130 EUR haben wollten. Wegen 20 EUR dieses Riesentheater und womöglich Spielerabgänge ... meine Laune war nicht besonders, was das anging. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie sich die Spieler entschieden.


    Für die Partie gegen Arminia Hannover stellten wir taktisch um auf ein 4-4-1-1, um der erwarteten Offensivpower wirksamer standhalten zu können.

    Und die Hausherren machten von Anfang an Druck. Nach 100 Sekunden musste Knystock bereits eingreifen und den Ball über die Latte lenken. Und nach nicht einmal drei Minuten war es schon passiert, Andresen mit links aus 19 Metern Torentfernung ...

    Wir bekamen im Mittelfeld überhaupt keinen Zugriff, liefen meistens hinterher und wenn wir den Ball mal hatten, gaben wir ihn viel zu schnell wieder her. Kurth spielte einen wirklich genialen Ball hinter unsere Abwehrreihe, Bortel hielt am Fünfmetereck quasi nur den Fuß hin und es stand 2:0 für Arminia. Und das nach nicht mal sieben Minuten ...


    Danach nahm der Gastgeber etwas den Fuß vom Gaspedal. 20 Minuten waren rum, als wir nach einem langen Schlag von Piesche, der auf rechts begonnen hatte, auf Nikolaev einen Torabschluss hatten, aber Arminias Torwart konnte per Fußabwehr klären.

    Dann ging es hin und her: Andresen scheiterte per Freistoß an Knystock, auf der anderen Seite ging ein Kopfball von Castillo nach Döll-Freistoßflanke knapp vorbei.

    In Minute 30 schien das Spiel dann bereits endgültig entschieden: Andresen platzierte einen Freistoß aus zentraler Position so in der Torwartecke, dass Knystock vergeblich flog.

    Kurz danach spielte dann aber Döll einen Ball in den Lauf von Nikolaev, der schneller als sein Gegenspieler war und auch Altenvoerde im Arminia-Tor keine Chance ließ. Nur noch 1:3.


    Zur Pause stellten wir taktisch auf 4-4-2 um, und brachten mit Kuleszka einen weiteren schnellen und gefährlichen Stürmer. Außerdem wechselte Piesche auf LV und rechts hinten brachten wir Gies.

    Einen großen Effekt hatten die Maßnahmen aber nicht. Es sei denn, man rechnete es den Veränderungen zu, dass in der zweiten Hälfte nicht mehr viel passierte. Zwei kleinere Gelegenheiten für Arminia und eine für uns - mehr gab es nicht zu notieren.

    Am Ende stand eine verdiente 1:3-Niederlage gegen ein Team, das in dieser Saison sicher oben mitspielen würde. Wir würden unsere Punkte gegen andere Mannschaften holen müssen. Ob unbedingt am kommenden Wochenende, das war dann aber auch zweifelhaft. Dann mussten wir nämlich gegen Eintracht Northeim ran, das mit drei Siegen aus drei Spielen ebenfalls perfekt in die Saison gestartet war.



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    Lange Zeit waren wir vom Verletzungspech verschont geblieben, doch das hatte beim heutigen Training ein Ende: Ylli Neziri knickte unglücklich um und zog sich eine Knöchelverstauchung zu. Zwei Wochen würde er nach Auskunft von Christopher Lange ausfallen.


    Joel Baackmann hatte ein Angebot aus der Landesliga Bremen erhalten. Ich war mittlerweile aber gelassener, was das anging, weil die Youngster, die in der letzten Wochen heiß begeht waren, allesamt bei Vorwärts Nordhorn bleiben würden. Hoffentlich würde sich Baackmann auch für uns entscheiden.

    Und hoffentlich auch Mathias Heinrich, der beim SC Velbert auf dem Zettel stand.

    Das Angebot für Anton Nikolaev, das heute einging, haben wir gleich abgelehnt, ohne groß Federlesen zu machen.


    Bedeutsamer war die Vorbereitung auf das nächste schwere Auswärtsspiel. Wie bereits geschrieben, ging es zu Eintracht Northeim, dem verlustpunktfreien Tabellen-2. Das würde, wie gegen Arminia Hannover, eine ganz schwierige Aufgabe werden. Bojan und ich kamen überein, dass wir dieses Mal im angestammten 4-4-2 beginnen würden. Wenn man so wollte, hatten wir ja mit der Taktik ein 0:0 in der zweiten Spielhälfte gegen Arminia geholt ...

    Personell würden wir etwas verändern: Erdil rückte ins Tor, Wallenborn würde für Castillo in der Innenverteidigung starten. Piesche wieder auf rechts, Schultz auf links. Schäfer rechts und Starke links waren die äußeren Mittelfeldspieler.


    Und alle Maßnahmen griffen zunächst. Wir hielten in der Anfangsphase Northeim von unserem Tor fern. Erdil machte sich gut als mitspielender Torwart und war eine sichere Anspielstation. Wir waren engagiert, bissig, zweikampfstark. Nach vorne ging nicht wirklich etwas, aber wir versuchten, Nadelstiche zu setzen, wie man so schön sagte.

    Nach 20 Minuten gewann der Gastgeber mehr und mehr die Oberhand. Das Spiel verlagerte sich nahezu komplett in unsere Hälfte, wir liefen mehr und mehr hinterher und es schien nur eine Frage der Zeit bis zum Northeimer Führungstreffer. Nach 35 Minuten war es dann tatsächlich so weit: Eine Flanke segelte Richtung zweiter Pfosten, Findeisens Kopfball wischte Erdil noch weg, aber Kmetsch staubte in der Mitte ab zur Führung der Gastgeber. Aufgrund des Übergewichts in den letzten Minuten ging das in Ordnung, war aber dennoch schade für meine Jungs.


    Wie würden wir reagieren? Nun, zunächst geschockt. Northeim hatte nur zwei Minuten später die Riesengelegenheit, zu erhöhen, aber Erdil konnte den Schuss des völlig blank stehenden Findeisen abwehren. Piesche hatte da gepatzt und eine Flanke in die Mitte geköpft.

    Eine Minute später konnten wir dann aber jubeln: Schäfer zog von rechts mit dem Ball nach innen und chippte ihn dann butterweich auf den Kopf von Nikolaev. Der platzierte den Ball gegen die Laufrichtung des Keepers und es stand 1:1!

    Jetzt war wirklich Feuer in der Partie! In der 40. Minute rettete Erdil uns mit einem Wahnsinnsreflex vor dem erneuten Rückstand. Barisic hatte von der Strafraumgrenze abgezogen. Und kurz vor der Pause war es erneut der junge Keeper, der das kurze Eck abdeckte und so den Ball abwehren konnte.


    Aus der Kabine kamen wir mit einem Wechsel (Bähre für Starke) und Schwung. Leider konnte Nikolaev eine Flanke von Kuleszka nicht kontrollieren, sonst hätte es in der 50. Minute richtig gefährlich werden können.

    Dennoch gewann ich den Eindruck, dass nur wir diejenigen waren, die sich langsam dem nächsten Treffer annäherten. Als würden wir langsam aber sicher ein dickes Brett bohren, um irgendwann durchzubrechen ... In der 58. Minute wurde Kuleszka von Nikolaev eingesetzt, seine Direktabnahme ging aber knapp links vorbei.


    Dann war aber wieder Eintracht Northeim da: Schnelles Spiel nach vorne auf die Außenposition, Flanke nach innen und ... Erdil war mit einem weiteren Reflex zur Stelle und verhinderte das Gegentor.

    Kuleszka bewies kurze Zeit danach leider, dass er noch nicht in der Form der Vorsaison war: Einen Freistoß aus fast zentraler Position mit links hätte er zu Landesligazeiten vermutlich verwandelt. Hier ging der Schuss dann doch deutlich drüber.

    In den letzten 20 Minuten war es dann ein Spiel mit offenem Visier.

    Erdil rettete per Hechtsprung, Nikolaev prüfte den Northeimer Keeper.

    Kuleszkas Schuss wurde geblockt, Erdil lenkte einen Schuss über die Querlatte.

    Bähre flankte auf Kuleszka, der den Ball mit dem Kopf nicht kontrollieren konnte, sodass er am Pfosten vorbeitischte.


    Dann waren noch zwei Minuten zu spielen. Northeim war in Ballbesitz, spielte sich in der Abwehrreihe den Ball zu, auf der Suche nach einer Lücke. Unsere Stürmer liefen an, immer noch, auch zwei Minuten vor Schluss. Nikolaev konnte tatsächlich einen Passversuch blocken. Der Ball prallte nach vorne, Kuleszka reagierte am schnellsten, erlief den Ball und fackelte nicht lange. Aus 16 Metern mit links zog er ab -TOR! 2:1 für Nordhorn in Northeim!


    Die nächsten Minuten, zwei in der regulären Spielzeit und vier als Nachschlag, brachten wir souverän hinter uns und am Ende hatten wir erstmals in der Oberliga einen Rückstand gedreht und erstmals gewonnen.


    „Schon ok“ würde im ersten Oberligaspiel natürlich nicht reichen. Zumal wir gegen eine „gestandene“ OL-Mannschaft antreten mussten, die in den letzten drei Jahren die Ränge 5, 4 und wieder 5 erreicht hatte. Der 1. FC Wunstorf würde unser Premierengegner sein und da würden wir mit ziemlicher Sicherheit schon erfahren, was „Oberliga“ bedeutet.


    Das erste Ausrufezeichen der Partie konnten aber wir setzen: Über Starke, Döll und Berkenbaum wanderte der Ball nach rechts raus zu Schäfer. Der beschleunigte und zog nach innen. Pass auf Kuleszka, der auf Nikolaev ablegte. Direktschuss von der Strafraumgrenze - aber der Wunstorfer Keeper konnte parieren. Das ließ sich doch gut an hier!

    Nach zwölf Minuten versuchte Kuleszka den etwas weit vor seinem Tor stehenden Torwart zu überraschen und zog den Ball fast von der Seitenauslinie auf das Tor, wo er wie ein Stein von oben auf die Latte fiel. Da fehlte nicht viel!

    Kurz danach war es wieder Kuleszka, der mit einem nicht voll getroffenen Linksschuss an den Pfosten für Aufsehen sorgte. Zu diesem Zeitpunkt, nach einer Viertelstunde, wäre die Führung für uns mehr als verdient gewesen.


    Mitten in die blau-weiße Herrlichkeit hinein leistete sich Berkenbaum im Spielaufbau einen Fehlpass. Wunstorf machte das Spiel schnell, kam über die rechte Seite unbedrängt zum Pass in den Fünfmeterraum, wo Bitterich in die Lücke lief und trocken verwandelte. 1:0 für den 1. FC Wunstorf, ein Tor aus dem Nichts.


    Von dieser kalten Dusche mussten wir uns erst einmal erholen, bis zu Pause gelang das allerdings erstmal nicht. In der Kabine ermunterten Bojan und ich die Jungs, deren Spiel bis zum Gegentor wirklich gut und viel versprechend gewesen war. Belohnen sollten sie sich!


    Wir kamen druckvoll aus der Kabine. Wieder war es Kuleszka, der die Chance hatte, doch sein Kopfball nach Flanke von Gies wurde vom Keeper zur Seite abgewehrt. Kuleszka blieb aber wach und setzte nach. Den Ball spielte er zurück auf Schäfer, der aus ziemlich spitzem Winkel in die lange Ecke schoss und in der 52. Minute zum ersten Nordhorner Oberligator traf!

    Damit war der Auftakt für die wilde 13 gemacht, 13 Minuten, die es in sich hatten:

    Vier Minuten später brachte Döll einen Eckball an den Fünfmeterraum und endlich konnte Kuleszka sich und sein Team belohnen. Der Kopfball in die lange Ecke bedeutete die 2:1-Führung.

    Weitere vier Minuten später zeigte Wunstorf Fußball vom Einfachsten und gleichzeitig vom Feinsten: Ein lange Ball auf den linken Flügel, Flanke an den Fünfer und wieder war Bitterich zur Stelle und traf zum zweiten Mal.

    Nochmal fünf Minuten danach: Starke flankte in den Strafraum, Kuleszka ging hinterher, fädelte beim Verteidiger ein oder wurde von dem umgetreten - wie auch immer: Elfmeter in der 65. Minute und damit die Chance zu unserer erneuten Führung. Döll fasste sich erst ein Herz und nahm dann den Ball, lief an, schoss in die von ihm aus gesehen rechte Ecke - und sackte zusammen, denn Wunstorfs Torwart parierte mit einer tollen Hechtparade.

    Im Anschluss an die darauffolgende Ecke für uns wurden wir ausgekontert und hatten unsererseits Glück, dass wir nicht plötzlich hinten lagen.


    Danach beruhigte sich die Partie wieder und blieb bis zur letzten Minute der Nachspielzeit ereignislos. Der erste Punkt in der Oberliga gehörte uns!


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    Ein paar Tage nach dem Wunstorf-Spiel wurde ich von der Nachricht überrascht, dass Bülent Karakus nicht mehr länger Spieler des SV Vorwärts Nordhorn war. Er hatte einen Wechsel ins Ruhrgebiet zu Schwarz Weiß Essen abgeschlossen. Ich war - wie gesagt - überrascht, hatte ich doch gedacht, Karakus wäre vertraglich an uns gebunden. Das war aber offenbar nicht der Fall, wie mir Sven erläuterte. „Sein Jugendspielervertrag war ausgelaufen und einen neuen für die Herren konnten wir ihm nicht anbieten - wir haben kein Geld.“ Und damit zog er von dannen. Und ließ mich mit der bangen Frage zurück, ob uns der „Karakus-Effekt“ noch bei anderen Spielern drohte ...


    Das „Castillo-Phänomen“ war ein anderes: Es besagte, dass wir weiterhin jedes eingehende Angebot für ihn ablehnten, weil er bei Vorwärts bleiben wollte. Recht so!


    Zum ersten Oberliga-Heimspiel empfingen wir den Turnerbund Uphusen. Eine Mannschaft, die in den Medien als Aufstiegsaspirant gehandelt wurde und sich in den vergangenen Jahren in der Oberligatabelle kontinuierlich nach oben entwickelt hatte. Im ersten Spiel waren die Uphusener nicht über ein 1:1 gegen Altlas Delmenhorst hinausgekommen. Die verlorenen Punkte wollten sie bei uns im Waldstadion holen.


    Im Vergleich zum Wunstorf-Auftakt nahmen wir eine Änderung vor: Der seinerzeit offenbar aus der Landesliga gelb-gesperrte Schultz kehrte als Linksverteidiger ins Team zurück, Piesche musste weichen.

    Die erste Viertelstunde tasteten sich die Mannschaften ab, dann kam der Turnerbund erstmals richtig vor unser Tor und gleich wurde es gefährlich: Eine Flanke an unseren Fünfer kam durch auf Özkan Özdemir, der den Ball an den Pfosten köpfte. Glück gehabt! Und zum wiederholten Mal zeigte sich, dass wir bei Flanken von der Grundlinie anfällig waren.

    Das sollte für lange Zeit der einzige Höhepunkt im Spiel bleiben. Von uns war nicht viel zu sehen, mit Ausnahme einer gelben Karte für Berkenbaum.

    Kurz vor der Pause kam es jedoch zur ersten Offensivaktion: Wir spielten uns im Mittelfeld durch, Döll setzte Kuleszka in Szene, der den Ball auf Nikolaev weitergab. Und Nikolaev zog aus rund 18 Metern in zentraler Position einfach mal ab. Ob der Keeper den Ball zu spät sah oder einfach nur überrascht war - der Schuss war jedenfalls drin und wir führten mit 1:0.


    Kurz nach Wiederanpfiff gab es eine Ecke für Uphusen. Flanke, Kopfball, Pfosten - das schien sich zu einem Muster zu entwickeln. Solange der Ball immer ans Aluminium prallte, war es ja gut. Ich befürchtete nur, dass wir uns nicht mehr lange würden auf unser Glück verlassen können.

    Naturgemäß nahm der Gästedruck jetzt zu. Wir versuchten dagegen zu halten, Starke fehlten nach einem Solo über den halben Platz aber Kraft und Präzision im Abschluss.

    Uphusen bemühte sich, war aber im Spiel nach vorn zu ungenau. Die Drangperiode konnten wir unbeschadet überstehen und das Spiel wieder ausgeglichen gestalten. Die Minuten vergingen, wir wechselten nach und nach drei Mal, die Minuten vergingen weiterhin, ohne dass wir nochmal richtig in Bedrängnis kamen. Den Deckel drauf machen konnten wir allerdings auch nicht.


    Die letzten Minuten liefen, die Nachspielzeit brach an, Uphusen kam noch mal nach vorne.

    Einen Freistoß für die Gäste gab es noch, wer das Foul begangen hatte, konnte ich gar nicht mehr sagen.

    Das würde die letzte brenzlige Situation sein, dann hätten wir es geschafft.

    Knystock stellte die Mauer, Özkan Özdemir legte sich den Ball zurecht und zirkelte den Ball an der Mauer vorbei aufs Tor.

    Und nicht nur aufs Tor, sondern auch INS TOR.

    In der dritten Minute der Nachspielzeit wurden wir aus den Träumen gerissen und um zwei der drei Punkte gebracht.

    Wie bitter, wie unnötig.


    Wer hatte gefoult????


    Ob es mit dem Testspiel gegen den SV Bad Rothenfeld und dem ganzen Drumherum zusammenhing? Vermutlich würde ich es nie erfahren. Was ich heute erfuhr, weil Martin mich anrief und informierte, war, dass Bojan einen Trainerlehrgang aufgenommen hatte, um den nationalen A-Trainerschein zu erhalten. Sollte er erfolgreich sein (und davon war auszugehen), würde er in etwa vier Monaten den Trainerschein erwerben. Wie Martin lobend erwähnte, bezahlte Bojan die Teilnahmegebühr, immerhin fast 700 EUR, aus eigener Tasche. Ich freute mich für Bojan und den Verein und hielt das Ganze für eine gute Sache.


    Das Gespräch mir Martin war noch aus anderen Gründen interessant: So wusste er davon zu berichten, dass für Maximilian Bremser ein Angebot eingegangen war. Ich brauchte ein wenig, um zu begreifen, was Martin meinte: Ein anderer Verein, konkret der FC Iserlohn 46/49, von dem ich noch nie gehört hatte, wollte Bremser verpflichten. Der Westfalenligist hatte sogar eine Ablöse angeboten, 200 EUR wollten sie zahlen. Martin hatte das Angebot aber rundheraus abgelehnt, finanzielle Sorgen hin oder her. „Geld ist ja schön und gut, aber wir können nicht einfach einen Spieler abgeben, mit dem wir fest planen“, sagte er. Und ergänzte: „Außerdem helfen uns zwei Hunderter auch nicht weiter.“


    Außerdem hatten Sven und er mit Halstenberg und Hobbins gesprochen und ihnen mitgeteilt, dass Vorwärts Nordhorn nicht mehr mit ihnen plane. Das gab mir aus zweierlei Gründen einen leichten Stich: Zum einen wäre ich gerne bei den Gesprächen dabei gewesen. Zum anderen verließen wir bei Vorwärts so langsam den familiären Weg. Unsere Maxime, jeden mitzunehmen und im Verein zu halten, der das wollte, galt nicht mehr uneingeschränkt und das bereitete mir Kummer. Ich wusste, dass der Verein wachsen wollte, erfolgsorientierter werden wollte und vermutlich auch musste. Und dennoch ...


    Zwei Tage später stand die Auslosung für den Niedersachsenpokal auf dem Programm. Wir hatten absolutes Glück und erhielten mit dem SC Hemmingen-Westerfeld einen Klub aus der Bezirksliga Hannover zugelost. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf der Oberliga und dem Kampf um den Klassenerhalt lag, war die zweite Runde damit eigentlich Pflicht. Und wer weiß, vielleicht würden wir da ein großes Los ziehen, das uns Zuschauer- und Werbeeinnahmen brachte? Aber natürlich lag vor der zweiten Runde erst einmal die erste ...


    Und vor der ersten Pokalrunde lagen noch drei weitere Testspiele. Das nächste brachte uns eine Mannschaft aus der Landesliga Westfalen als Gegner - SUS Stadtlohn war in der vergangenen Saison als 17. (und damit Vorletzter) aus der Oberliga Westfalen abgestiegen und hatte den sofortigen Wiederaufstieg als Ziel ausgegeben.

    Ich erwartete also einen Gegner mindestens auf Augenhöhe und ein forderndes Spiel. Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass ich Recht behalten sollte. Mit ihrer ersten Chance gingen die Gäste aus Stadtlohn in Führung: Im Anschluss an eine Ecke waren zwei von ihnen in unserem Fünfmeterraum völlig frei, einer davon, Jerry Okoro, köpfte unbedrängt zur Führung ein. Wenn ich sagte „unbedrängt“, dann meinte ich das auch so: In einem Radius drei Metern war niemand in einem Vorwärts-Trikot, alle hielten sich vornehm zurück ...


    Okoro war auch in der Folgezeit der auffälligste Spieler auf dem Platz. Er hatte zwei gute Gelegenheiten und setzte einmal seinen Mitspieler gekonnt ein - zu unserem Glück wurden alle diese Chance aber vergeben, sodass wir nur mit einem 0:1-Rückstand in die Kabine gingen.

    Dort war erst einmal „Wunden lecken“ angesagt: Eisfeld hatte eine Wadenverhärtung, Neziri hatte einen Schlag auf das Handgelenk bekommen - beide kamen runter, ebenso wie Piesche, Wallenborn, Altendorf und Amaefule. Es war also die große Wechselei angesagt, aber wir befanden uns ja auch in der Vorbereitung. Ebenso sah es auch der Gästetrainer, der ebenfalls munter durchwechselte und unter anderem seinen Besten, Okoro, unten ließ. Nachher bekam ich mit, dass der Bursche erst 16 Jahre alt war ...


    Ein paar Minuten nach der Pause konnten wir mal über einen etwas längeren Zeitraum Druck aufbauen und die Stadtlohner in Bedrängnis bringen. Der eingewechselte Baackmann prüfte mit seinem Abschluss den Gästetorwart. Danach plätscherte das Spiel vor sich hin. Die Gäste waren nicht weiter gefährlich, wir wühlten uns in das Spiel, kamen aber auch nicht zu echten Chancen.

    Bojan und ich drehten daher an ein paar Stellschrauben. So sollten unsere beiden Mittelfeldspieler „angreifen“ statt nur „unterstützen“ und Kuleszka wurde zur „hängenden Spitze“ verdonnert. So wollten wir das Loch zwischen der Mittelfeldreihe und den Stürmern etwas verkleinern.

    Wenn wir ehrlich waren, lag es aber nicht daran, dass wir zum Ausgleich kamen. Grund dafür war vielmehr das gute Auge von Bremser, der einen langen Ball auf Nikolaev spielte und dessen Kaltschnäuzigkeit im Abschluss.

    Im Anschluss daran versuchten wir dafür zu sorgen, dass unser Offensivspiel breiter wurde und etwas mehr über die Flügel ging. Das sah von außen ganz gut aus ... letztlich hatten wir die zweite Hälfte gut im Griff, ohne wirklich zwingend zu sein.

    Am Ende des Spiels stand es 1:1 und wir hatten ein paar Ansatzpunkte, um in den kommenden Spielen noch weiter an der Ausrichtung zu feilen.


    [-----]


    Ich wusste nicht so richtig, was das sollte - aber es gingen Angebote für ein paar von unseren Spielern ein. Drei Klubs hatten Interesse an Joel Baackmann, sogar vier waren an Matthias Heinrich dran. Die konkreten Angebote, die es für die beiden 17-jährigen gab, lehnten wir natürlich ab.


    Und es wurde noch unangenehmer: Der Heider SV aus der Oberliga Schleswig-Holstein machte ein Angebot für Dieter Döll. Das abzulehnen, war schon schwieriger, weil Didi aus irgendwelchen für mich nicht nachvollziehbaren Gründen Interesse zeigte. Als ihm von Vereinsseite aus der Wechsel verwehrt wurde, war er frustriert. Ich suchte daraufhin das Gespräch mit ihm.

    Meine Freundin gab mir den Rat mit auf den Weg, ihn ein bisschen „zu pampern“ und ihm ein wenig Honig um den Bart zu schmieren. Da meine Freundin eine ausgezeichnete Menschenkenntnis hatte, beschloss ich, ihrem Ratschlag zu folgen.

    Als ich mich mit Döll traf, ließ ich erst einmal ihn sprechen, damit er Dampf ablassen konnte. Er zeigte sich enttäuscht, dass wir seinen Wechsel verhindert hatten. Er meinte, es wäre eine großartige Chance dorthin zu wechseln und ein wichtiger Teil des Kaders zu sein. Abschließend forderte er, dass wir ihm die Verhandlungen erlauben, wenn der Heider SV noch einmal anfragen sollte.

    Oh, da hätte ich unserem Kapitän ja gerne was erzählt ... zum Beispiel hätte ich ihn gerne gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hätte? Oberliga konnte er auch hier bei uns spielen. Für mich war überhaupt kein Vorteil in einem Wechsel erkennbar. Aber ehe ich mich aufregte, dachte ich an meine Freundin.

    Und holte den Honig raus.

    Ich versicherte ihm meine Wertschätzung, betonte seine Wichtigkeit für den Kader, seine Wichtigkeit als Führungsperson, betonte, wie wichtig er auch und gerade für die jungen Spieler sei - der Honig tropfte nur so auf den Boden ... Als ich dann auch noch sagte, dass ich nicht auf jemanden verzichten könnte, der so viel Einfluss habe wie er, war es um ihn geschehen. Döll strahlte mich an und sagte: „Ich habe mich selbst nicht so gesehen, aber es fühlt sich gut an, als Führungsspieler betrachtet zu werden. Ich würde gerne hierbleiben, danke.“

    Bitte.


    Der nächste war Wolfgang Knystock ... dieselbe Leier:

    Drei Angebote (zwei von Oberligisten, eins von einem Landesligisten).

    Alle abgelehnt.

    Spieler beleidigt.

    Gespräch gehabt.

    Honigtopf rausgeholt.

    Alles in Ordnung.


    Bei Eder Castillo war die Sache dann etwas einfacher - er hatte gar kein Interesse daran, den Verein zu verlassen, sodass er kein Problem damit hatte, dass wir die Angebote für ihn ablehnten.


    Bei all dem Transferhickhack durfte man nicht vergessen, dass wir auch noch Fußball spielten. Das dritte Vorbereitungsspiel bescherte uns einen Gegner aus der Derde Divisie Sonntag - das war die zweite Amateurliga in den Niederlanden, also die fünfte Liga. Der Gegner hieß KVV Quick'20 Oldenzaal.

    Wir wiesen die Jungs an, über die Flügel zu spielen, und bei eigenem Ballbesitz sehr breit zu stehen. Bereits nach fünf Minuten hatte sich diese Taktik erstmals ausgezahlt - über die linke Seite schlug Bähre eine richtig gute Flanke in den Sechszehner, die von Kuleszka per Kopf veredelt wurde.


    Auch danach behielten wir unsere Linie bei und das sah wirklich gut aus. Wir verlagerten immer wieder das Spiel von einer auf die andere Seite und spielten wirklich sehr gefällig. Gefährlich waren wir dabei auch und so konnte Nikolaev nach schöner Vorlage des honigbeschmierten Döll zum 2:0 treffen. Dieses Mal lief der Spielzug durch die Mitte.

    Nach 35 Minuten erhöhte Kuleszka auf 3:0 - Bähre hatte den Eckball geschlagen, den unser Goalgetter der letzten Saison per Kopf verwerten konnte.

    Das war die Vorentscheidung und endgültig war das Spiel dann kurz vor der Pause durch, als ein Gästespieler nach einer beidseitigen eingesprungenen Grätsche die rote Karte sah.


    Die zweite Hälfte verlief weitgehend unspektakulär. 20 Minuten vor dem Ende folgte nach einer erneuten Seitenverlagerung durch Wallenborn die Flanke von rechts. In der Mitte war Nikolaev zur Stelle, konnte den Ball annehmen und dann zu seinem zweiten Treffer an diesem Tag verwandeln.

    Den endgültigen Schlusspunkt setzte erneut Nikolaev, vorausgegangen war dieses Mal die Flanke von Starke nach einem Seitenwechsel durch Piesche.


    5:0 hieß es also am Ende und wir hatten ein richtig gutes Spiel abgeliefert, auch spielerisch.

    Bei meinem Saisonvorbereitungstreffen mit Bojan wurde mir wieder bewusst, was er doch für ein taktisches Mastermind war. Das hatte ich in der vergangenen Erfolgsphase beinahe schon wieder vergessen, aber es wurde mir schnell wieder klar, als wir uns unterhielten. Ausgangspunkt war die Taktik für die kommende Saison. Ich wollte - kurz gesagt - uns flexibler aufstellen und eine Taktik spielen lassen, in denen die Stärken der Spieler stärker zur Geltung kamen. Das war jedenfalls meine Hoffnung. Wir hatten viele Flügelspieler - warum also kein 4-2-3-1?


    Nun, Bojan konnte es mir erklären: „Ich fürchte, wir kommen von unserem 4-4-2 nicht weg. Für eine Dreier- oder Fünferkette fehlen uns (gute) Alternativen in der Defensive und im Mittelfeld haben wir keinen defensiven Mittelfeldspieler, den wir aufbieten könntest. Außerdem ist doch der Sturm unser stärkster Mannschaftsteil - warum also darauf verzichten?“

    Nun, da war etwas dran ...

    „Ich würde allenfalls verletzungsbedingt mal auf ein 4-4-1-1 umstellen“, fuhr mein Co-Trainer, der so viel mehr war als ein bloßer Co, fort.

    Wir sprachen noch ein bisschen weiter, aber im Grunde hatte Bojan schon mit seinen ersten Worten die Marschrichtung vorgegeben - 4-4-2 auch in der Oberliga.


    Im Anschluss gingen wir den vorhandenen Kader durch, der zurzeit 26 Spieler umfasste, darunter acht 17jährige.

    Bei den Keepern war es einfach: Knystock und Erdil würden beide immer im Kader sein. In der Vorbereitung würden wir sie gleichermaßen testen und dann mal sehen ... Knystock hatte zwar Vorteile, aber Erdil war ein guter Herausforderer und würde zumindest auf ein paar Einsätze kommen.

    Als ich das Thema „mitspielender Torwart“ aufbrachte, hielt Bojan wieder voll dagegen: „Ganz ehrlich - es wäre besser, wenn sie nicht den Spielaufbau mit übernehmen müssten. Auch Erdil - schau Dir mal seine Nervenstärke und Antizipation an“, argumentierte er nicht zu Unrecht.


    „Gies, Addai und Wallenborn könnten Rechtsverteidiger spielen“, leitete ich zur nächsten Position über.

    Bojan wiegte den Kopf hin und her. „Addai sehe ich aufgrund seiner fehlenden Schnelligkeit eher in der Innenverteidigung. Wallenborn eigentlich auch, der Junge ist 1,93 groß und hat eine Riesensprungkraft. Aber in der Innenverteidigung haben wir noch andere Gute. Da wir zwei Leute hinten rechts brauchen, würde ich Gies und Wallenborn nehmen, aber in etwas unterschiedlichen Rollen.“

    Das klang - natürlich - vernünftig.

    „Aber vielleicht probieren wir Wallenborn ruhig mal in der Innenverteidigung aus.“

    „Auf jeden Fall, wenn einer von den beiden anderen da schwächelt“, stimmte mir Bojan zu.

    „Schultz, Piesche und wieder Wallenborn könnten Linksverteidiger spielen. Der ist ja aber auf rechts bzw. innen gesetzt.“

    „Sehe ich auch so, Schultz und Piesche reichen ja aber auch aus“, entgegnete mein Co.

    Bei den Innenverteidigern waren wir uns ebenso schnell einig: „Castillo darf sich wohl als gesetzt bezeichnen. Daneben überzeugt am ehesten Bremser, gerade weil Wallenborn woanders gebraucht wird“, fasste Bojan es zusammen. Das hieß aber auch, dass Buddenberg und Addai erst einmal wieder in der U-Mannschaft spielen würden.


    Dann kamen wir zum Mittelfeld. Spieler im Überfluss - insgesamt 13, aber nur vier Positionen. Bojan brachte es auf den Punkt: „13 Spieler sind natürlich viel zu viel. Rausfallen würde da bei mir Halstenberg sowie Hobbins, die ja auch in der letzten Saison keine (besonders) große Rolle spielten und deren Lieblingspositionen es in unseren Systemen nicht gibt.“

    Puh ... da war es raus. Aber auch wenn ich immer gesagt habe, dass wir keinen der Jungs gehen bzw. fallen lassen - sowohl Halstenberg als auch Hobbins hatten in der letzten Saison wirklich nicht viel gespielt. Und wenn, dann hatten sie nicht wirklich überzeugt. Im Grunde war es also nur konsequent, ihnen reinen Wein einzuschenken und in die U-Mannschaft zu verfrachten bzw. ihnen freizustellen, den Verein zu verlassen. Diese nicht ganz so angenehme Aufgabe würde in erster Linie mir zufallen, aber da wollte ich Martin und Sven auf meiner Seite bzw. sogar an meiner Seite haben.

    Nachdem das geklärt war, ging es weiter: „In der Mitte führt Döll Regie, neben ihm streiten sich Berkenbaum und Altendorf um den zweiten Platz. Karaqus und Heinrich wären bei Umschulungen ebenfalls Optionen. Bis sie das sind, plädiere ich für Altendorf als Partner für Döll.“ Bojan schaute mich an und wartete auf eine Reaktion.

    Ich war etwas überrascht vom Gedanken an das, was er als „Umschulung“ bezeichnete. Aber warum nicht? Die beiden waren 17 Jahre alt, hatten grundsätzlich die Voraussetzungen, gute zentrale Mittelfeldspieler zu werden - also warum nicht? Das sagte ich Bojan auch so.

    Blieben noch die Außen. „Bähre ist für mich gesetzt“, verkündete Bojan. „Je nachdem wer in der Vorbereitung welche Leistungen bringt, würde ich entscheiden, wo er aufläuft und wer auf der anderen Seite spielt.“

    Amaefule, Eisfeld, Baackmann, Starke und Schäfer waren da die Kandidaten. Einer würde es werden, zwei weitere als Ersatz - blieben zwei, die überwiegend nicht in der Ersten eingesetzt würden ... ein Überangebot an Spielern brachte ebenso Probleme mit sich, wie das ein Mangel tat ...


    Geradezu wohltuend und entspannend war es dann wieder, sich mit dem Sturm zu beschäftigen. Wir hatten drei Spieler relativ auf Augenhöhe. Kuleszka hatte sich aufgrund der phantastischen Vorsaison vermutlich einen Bonus verdient, aber ansonsten würden wir bei der Frage, wer spielt, die Form entscheiden lassen.


    [-----]


    Wie ich schon sagte: Bojan hatte mich wieder mit seinen enormen taktischen Kenntnissen beeindruckt. Die Frage, warum nicht er der Cheftrainer war, beantwortete sich aber ein paar Tage später von selbst.

    Ich hatte die Gelegenheit genutzt und noch einmal mit meiner Freundin und „unseren“ Kindern ein Wochenende an der Ostsee verbracht, quasi als Entschädigung für die kommenden anstrengenden Fußballwochen mit längeren Fahrzeiten und Abwesenheiten. Bojan sollte im Testspiel gegen den SV Bad Rothenfeld die Mannschaft von vorne bis hinten betreuen, also einschließlich Taktikvorgabe, Festlegung der Mannschaft, Vornahme von Wechseln und nun mal allem, was so rund um ein Spiel herum dazu gehörte.

    Als ich nach einem schönen Strandtag, an dem ich den Fußball vergessen und mich stattdessen mit Sonnencreme und Planschereien vergnügt hatte, auf fussball.de schaute, wie denn das Testspiel verlaufen war, traute ich meinen Augen nicht. Bojan hatte kaum etwas von dem, was wir besprochen hatte, umgesetzt!

    Statt eines 4-4-2 ließ er plötzlich in einem 4-2-3-1 spielen ...

    Schultz spielte in der Innenverteidigung statt Bremser, Gies statt Wallenborn als VR ...

    Als Flügelspieler liefen Karaqus und - ich traute meinen Augen nicht - Masanet auf. Masanet, ein 16jähriger Jungspund, dessen Einsatz in der Ersten nie auch nur im Ansatz zur Debatte gestanden hatte.

    Und als es zum geballten Wechsel kam, setzte Bojan Spieler ein wie Diallo, Yilmaz, Wulf und Kasongo sowie Addai - und dafür saßen Neziri und Eisfeld die ganze Zeit auf der Bank.


    Ich musste an mich halten, dass ich Bojan nicht direkt aus dem Hotel anrief und durch den Hörer zog. Aber das wäre für den weiteren Verlauf des Kurzurlaubs und für meine Beziehung zu Bojan nicht förderlich gewesen, daher hielt ich mich zurück.

    Als ich ihn am Tag unserer Rückkehr von der Ostsee anrufen wollte, kam er mir schon zuvor: Beinahe unter Tränen schilderte er mir, wie es ihm unmöglich gewesen war, den Anforderungen der Jungs Herr zu werden, die auf ihn einstürmten, als er aus seinem Wagen stieg. Alle hätten wild durcheinander geredet, ihn um Einsatzzeit gebeten und Taktikvorschläge gemacht ... letztlich habe er sich nicht anders zu helfen gewusst, als dem allem nachzugeben und die Mannschaft sich quasi selbst aufstellen und coachen zu lassen.


    Woraus wir gelernt hatten, dass ein Taktikfuchs eben doch nicht automatisch ein guter Cheftrainer war.


    Wie das Spiel ausging? Nun ...

    WOW! :thumbup:

    Einfach nur "WOW!" und "DANKE!", TMU, für dieses ausführliche Statement. Ich werde es sicher zu einem Großteil in das nächste Update einbauen und Dich mit der Stimme von Bojan sprechen lassen.

    Meine freie Zeit nutzte ich, um den vorhandenen Kader zu durchforsten und so die bestmögliche Taktik für die vorhandenen Spieler zu finden.


    Nach dem Triumph gab es eine Aufstiegsfeier im Vereinsheim, an dem die Spieler nebst Anhang teilnahmen. Natürlich waren auch die Fans eingeladen und der Vorstand ließ sich auch blicken. Die Stimmung war ausgelassen, alle freuten sich über den tollen Erfolg des Teams.


    Zwei Tage später verabschiedeten sich alles in den Urlaub, um Kraft für die neue Saison zu sammeln. Mit Bojan hatte ich zuvor noch eine kurze Übersicht als Saisonfazit erstellt:


    Kuleszka und Döll waren als bester Torschütze bzw. bester Vorlagegeber nicht nur des SV Vorwärts Nordhorn, sondern der gesamten Landesliga Weser-Ems die Topspieler der ganzen Saison. Aber auch Piesche, Nikolaev, Castillo, Bähre und Wallenborn waren herausragende Spieler der Saison gewesen.

    Die Spieler mit recht wenig Einsatzzeit hingen etwas hintendran, wie man bei Neziri, Halstenberg, Hobbins und Amaefule sah. Schwache Leistungen führten zu weniger Einsatzzeiten führten zu schwachen Leistungen ... diesen Kreislauf galt es in der neuen Saison zu durchbrechen. Der Kader würde dann noch durch den einen oder anderen Jugendspieler aufgefüllt werden, was hoffentlich nicht nur zu mehr Quantität, sondern durch mehr Konkurrenz auch zu mehr Qualität führen würde - so jedenfalls die Theorie.


    Bis zum Praxistest würde es aber erst einmal in den Urlaub gehen. Es standen auch die Ferien an, die ich mir kindertechnisch mit meiner Frau aufteilte: Drei Wochen waren die Jungs bei mir und drei bei ihr. Die Zeit mit den Kindern war schön, aber durchaus auch anstrengend, weil die Jungs im Grunde immer irgendwie beschäftigt werden wollten/mussten. Ohne Impulse wurde die Zeit im wahrsten Sinne verdaddelt bzw. mit Zocken oder am Smartphone verbracht. Mich regte so etwas tierisch auf, aber ich hatte oftmals auch nicht die Kraft oder Lust, mich energisch dagegen aufzulehnen. Die Dinge, die wir gemeinsam machten, waren aber immer schön!

    Eine Woche waren wir auch mit meiner Freundin und zwei von ihren drei Kindern unterwegs. Urlaub an der Ostsee war vielleicht nicht das Originellste - aber es war eine richtig schöne und auch lustige Zeit zu siebt.


    Noch vor dem Urlaub hatte ich mich mit Martin und Sven zusammengesetzt und wir hatten meinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Dabei hatte ich auf einen Teil meines Gehalts verzichtet - finanziell stand der Verein immer noch auf wackeligen Füßen.


    Nach dem Urlaub, also nach meinem - die Spieler durften sich noch etwas länger ausruhen - kamen wir erneut in dieser Dreierkonstellation zusammen. Es ging um die Planung der Saison, um Vereinsphilosophie, Saisonziele und -budgets.

    Um mit Letzterem anzufangen: Das Gehaltsbudget bewegte sich im Rahmen der Vorsaison. Was nichts anderes bedeutete, als dass wir es weiterhin gnadenlos überzogen hatten und kein Geld für irgendetwas hatten. Kein Geld für Trainerlehrgänge, kein Geld für neue Spieler. Das lag auch daran, dass Martin und Sven während meines Urlaubs noch am Mitarbeiterstab gefeilt und einen Torwarttrainer für die Erste sowie noch einen Trainer für die U 19 rekrutiert hatten. Die kamen auch nicht für einen warmen Händedruck, sondern wollten von einem Oberligisten (!) schon ein wenig Bargeld sehen. Nun gut ...

    Der Torwarttrainer hieß Matthias, war Mitte 30, bärtig, mit Brille und Tattoos - und von einem Selbstbewusstsein, dass mir angst und bange wurde. Sein Ego war so groß, dass es(r) kaum durch die Tür passte. Aber am Ende würde es mir egal sein, solange er unsere Torhüter nach vorne brachte. Immerhin musste ich mich damit nicht mehr beschäftigen, sondern jemand Qualifizierteres.


    Da wir kein Geld für neue Spieler hatten, war der künftige Weg vorgezeichnet: Wir mussten (und wollten) auf Spielern aus der eigenen Jugend setzen. Und warum dann nicht aus der Not eine Tugend machen und das Ganze als „Vereinsphilosophie“ propagieren und aktiv vermarkten? Damit werben, dass man - wenn man die Jugendmannschaften des SV Vorwärts Nordhorn durchlief - eines schönen Tages vielleicht in der Oberliga spielen kann? Mir persönlich war das alles zu „luftschlösser“artig, aber wenn es Martin und Sven glücklich machte (und das tat es), dann vereinbarten wir das halt und hielten es schriftlich fest.


    Ich hatte auch deshalb keinen Schmerz mit der Vereinbarung, weil der (vorläufige) Kader für die Saisonvorbereitung einige ehemalige U 19-Spieler enthielt:


    Nicht weniger als acht 17-jährige waren also mit an Bord, darunter ein paar, denen wir durchaus schon in der kommenden Saison einige Einsätze in der Oberliga zutrauten. Vorausgesetzt natürlich, dass wir dieses Mal das Regelwerk richtig studiert und verstanden hatten und auch wirklich alle 17-jährigen registrierbar und einsetzbar waren ...

    Insgesamt hatten wir 26 (!) Mann und damit quantitativ deutlich mehr Auswahl als in der vergangenen Spielzeit. Bojan und ich würden auch überlegen müssen, ob wir von unserem alt(backenen)bewährten 4-4-2 weg und vielleicht andere Taktiken einstudieren wollten. Das wäre ja vielleicht nicht das Schlechteste, um in der Oberliga nicht unterzugehen.


    Damit waren wir auch bei den Zielen für die neue Saison und dem Ausblick auf die kommenden Gegner angelangt.

    „Tapfer gegen den Abstieg kämpfen“ - das war die einzige Vorgabe des Vorstands. Der SV Vorwärts Nordhorn war ein Underdog in der Oberliga Niedersachsen und würde es schwer haben, sich zu behaupten, zumal nicht weniger als vier der insgesamt 17 Mannschaften absteigen würden. Wir sollten uns also nicht lächerlich machen - angesichts der folgenden Mitbewerber war das schon eine kleine Herausforderung:


    Die Woche vor dem Saisonfinale verlief unspektakulär. Im Training zogen alle mit, auf dem Vereinsgelände herrschte eine gelöste Atmosphäre, die Stimmung in der Mannschaft war gut. Alle waren davon überzeugt, dass wir den einen Punkt, der uns zum Aufstieg noch fehlte, im Spiel beim BSV Kickers Emden holen würden.

    Dieses Mal würde auch meine Freundin mitkommen, die Kinder waren ohnehin dabei, weil es mein Kinderwochenende war.


    Wir kamen besser in das Spiel, Döll hatte nach sechs Minuten die erste Möglichkeit, als er den Ball quasi aus dem Stand in Richtung Winkel schlenzte - aber er verfehlte das Ziel doch recht deutlich.

    Nach sechs Minuten holten sich die Kickers die erste Gelbe ab, nach zehn Minuten wechselten sie bereits zum ersten Mal, offenbar hatte sich einer ihrer Spieler verletzt .

    Eine Viertelstunde war vorüber, als ein langer Ball der Kickers im Nirgendwo unserer Spielhälfte landete. Knystock erlief ihn und spielte ihn zu Castillo. Der war jedoch schon Richtung Außenlinie weiter gelaufen, sodass Knystocks Pass in seinen Rücken kam. Eren lief dazwischen und schob locker in das leere Tor ein, Knystock und Castillo schauten sich verdutzt an und wir lagen hinten.

    Der Gegentreffer gab der Mannschaft schon zu denken. Die Beine schienen schwer, der Kopf zu voll, vernünftige Angriffe bekamen wir kaum zustande. In der 28. Minute kam uns dann der Unparteiische zu Hilfe, als er Yannik Bley wegen wiederholten Foulspiels mit gelb-rot zum Duschen schickte. Mehr als eine Stunde Überzahl - da sollten wir doch etwas draus machen können ...

    Mit dem nachfolgenden Freistoß gelang das aber nicht, den setzte Kuleszka über das Tor.


    Immerhin übernahmen wir jetzt so langsam das Kommando in Emden. Das war aber auch bitter nötig ...

    Dinklage führte in Bad Rothenfelde mittlerweile klar und war damit Tabellenführer. Wir brauchten ein Tor.


    In der Kabine ermunterten wir die Jungs und sagten ihnen, dass nicht alles schlecht gewesen war und dass sie weiter Zutrauen haben sollten. Wir wollten in den zweiten 45 Minuten das Spiel breiter machen, um die Überzahl besser zu nutzen.

    Tatsächlich kamen wir auch gut aus der Kabine, aber Döll brachte bei seinem Schussversuch mit dem schwachen rechten Fuß keinen Druck auf den Ball (46.).

    Die nächste Chance hatte Schäfer, der im Strafraum an zwei Gegnern vorbeiging und dann auf die kurze Ecke zog, wo Kickers-Keeper John aber zur Stelle war (47.).

    Zwei Minuten später die nächste Chance: Kuleszka-Kopfball nach Schäfer-Flanke - vorbei (49.).

    Drei Minuten danach: John fischte einen guten Kuleszka-Freistoß aus dem Eck (52.).

    Wir hatten Emden jetzt komplett im Griff und schnürten die Kickers hinten ein. Aber ein Tor fehlte uns noch immer.

    Berkenbaum mit einem Schuss aus 18 Metern - der Ball rasierte die Latte (54.).

    Berkenbaum mit dem Seitenwechsel nach links zu Bähre. Der brachte die Flanke direkt in den Strafraum, aber Döll war nun mal nicht unser Kopfballungeheuer, das er hier hätte sein müssen (56.).

    Mittlerweile hatten wir 20:2 Schüsse und waren drückend überlegen.

    Im Anschluss an eine Emden-Ecke kamen wir zum Konter, aber auch dieser Versuch ging daneben, Kuleszka scheiterte knapp aus spitzem Winkel.


    Nach und nach schienen die Jungs selber nicht mehr dran zu glauben. Der Frust und die Angst übernahmen so langsam die Kontrolle, wir waren nicht mehr so druckvoll und zwingend.

    Emden hatte nach 70 Minuten sogar die Chance hier alles klar zu machen, der Stürmer verzog den Ball alleine vor Knystock aber völlig.

    Mit einem Doppelwechsel versuchten wir noch einmal neuen Schwung reinzubringen. Berkenbaum verzog erneut nur knapp (74.).

    Wir zogen die letzte Wechseloption, die Zeit verrann, wir liefen dem Rückstand hinterher.


    Fünf Minuten plus Nachspielzeit waren noch auf der Uhr, als Schäfer sich ein Herz fasste und von rechts in den Strafraum zog. Er ging wie ein Berserker da rein und wollte das Foul, er wollte es - und er bekam es. Menzel stellte ihm ein Bein, Schäfer fiel, der Schiedsrichter pfiff, es gab in der 85. Minute einen Foulelfmeter für uns und gelb für Menzel obendrauf.


    Ich konnte und wollte nicht mehr hinschauen. Ich stand mit dem Rücken zum Spielfeld, schaute nicht hin, hörte den Pfiff, hörte den Schuss - und hörte den Jubel meiner Spieler und sah, wie alle die vor der Ersatzbank standen, die Arme hochrissen und jubelten. Vor Erleichterung schossen mir die Tränen in die Augen und ich bekam eine Gänsehaut wie bei Schüttelfrost. Endlich der Ausgleich! Ylli Neziri war es gewesen, der die Verantwortung übernommen hatte und cool geblieben war. Dass er dabei die Hilfe des Innenpfostens brauchte? Geschenkt!

    Dann lief die Nachspielzeit, Emden versuchte noch einmal etwas nach vorne zu bewegen, aber mit einem Mann weniger war das doch zu viel verlangt. Nach 94 Minuten pfiff der Schiedsrichter ab und es gab für die Jungs und das Team kein Halten mehr. Wir hatten es geschafft, wir hatten den einen notwendigen Punkt geholt - wir waren Meister der Landesliga Weser-Ems geworden!




    Was für eine gelungene Zusammenfassung:



    Bis zum hochspannenden und interessanten Aufeinandertreffen vergingen aber noch zwei Wochen ... Zwei Wochen, vierzehn lange Tage. Tage, die gefühlt unendlich langsam vergingen. Tage, von denen nicht ein einziger verging, an dem ich nicht an dieses Spiel dachte. Kein Tag, an dem ich nicht darüber nachgrübelte, warum wir gegen Grün-Weiß Mühlen verloren hatten und darüber, wie wir das Spiel gegen Blau-Weiß Lohne erfolgreich absolvieren könnten. Je näher der Tag kam, desto schweigsamer und auch gereizter wurde ich. Mit jedem Tag wurde die Nervosität auch im Vereinsumfeld größer, die Gesichter angespannter, die Sprüche platter.


    Im Verlaufe der zweiten Woche versuchte ich dann, die Sache ganz anders zu betrachten: Wir hatten mit dem kommenden Spiel, einem Heimspiel (!) die Möglichkeit, nicht nur den Ausrutscher gegen Mühlen vergessen zu machen. Nein, wir konnten uns im Idealfall sogar den Aufstieg sichern und das vor heimischer Kulisse!

    Dazu mussten wir unser Spiel gegen Lohne gewinnen und die Verfolger Schüttorf und Dinklage, die als Dritter und Vierter im unmittelbaren Duell gegeneinander antraten, unentschieden spielen.


    Entsprechend schwor ich am Tag vor dem Spiel auch unsere Mannschaft ein: Wir hatten es in der eigenen Hand, wir spielten im eigenen Stadion - wir würden es schaffen!


    Am Sonntag war es dann endlich soweit: Wir empfingen den TuS Blau-Weiß Lohne im heimischen Waldstadion.

    Das Spiel begann und in den ersten Minuten wurde deutlich, dass es a) um viel ging und b) beide Teams Respekt voreinander hatten. Die erste Offensivaktion konnten wir setzen, aber der Freistoß von Kuleszka verfehlte das Ziel. Schade ... er war nicht mehr so treffsicher wie in weiten Teilen der Saison, die Leichtigkeit war ihm irgendwie verloren gegangen ...

    Der Abstoß unmittelbar nach Kuleszkas Fehlversuch ging bis weit in unsere Spielhälfte. Piesche war mit dem Kopf zur Stelle und sicherte den Ball. Schultz schob ihn quer zu Castillo - und der ließ ihn weit abprallen und rutschte dann auch noch weg. Tim Wernke, der Kuleszka von Blau-Weiß Lohne, ging dazwischen, lief ein paar Schritte und zog kurz vor der Strafraumkante ab - Tor, Knystock war machtlos.

    Wie würden wir uns von diesem Rückschlag erholen? Wichtig war zunächst einmal, nicht den Kopf zu verlieren. Es war genügend Zeit, das Blatt noch zu wenden. Bojan und ich munterten deshalb die Jungs auf, feuerten sie von der Seitenlinie an, kein Wort der Kritik war zu hören.

    Die Jungs sollten weiter mutig sein und nach vorne spielen. Rund 20 Minuten waren vorüber, wir erhielten einen Freistoß tief in der eigenen Hälfte zugesprochen. Döll bekam den Ball zugespielt und mit einem langen Schlag (und einem Gebet hinterher) versuchte er Nikolaev in Szene zu setzen. Sangaré war deutlich vor ihm am Ball und wollte zu seinem Keeper zurück spielen. Doch auch hier unterlief dem Verteidiger ein Aussetzer. Der Pass war viel zu kurz, Nikolaev erlief ihn und vollendete locker zum 1:1.

    Nach dem Ausgleich begann alles wieder von vorne. Wieder ein gegenseitiges Belauern und Warten auf den Fehler des Gegners. Die Teams neutralisierten sich. Zehn Minuten vor der Pause spielte dann Schultz einen langen Ball in Richtung Kuleszka. Der zog nicht nach innen, sondern blieb auf der linken Außenbahn und zog so den verbliebenen Innenverteidiger aus dem Zentrum raus. Dann kam der kluge Querpass auf den nun freistehenden Nikolaev und der traf erneut! Wir hatten das Spiel gedreht! Und war für eine tolle Vorlage von Kuleszka!

    Wie würde nun Lohne reagieren? Die Gäste verstärkten ihre Bemühungen und hatten kurz vor der Pause eine dicke Gelegenheit. Der Schuss aus 18 Metern klatschte zu unserem Glück aber auf die Latte, sodass wir mit der knappen Führung in die Kabine gehen konnten.


    Wir munterten die Jungs noch mal auf und motivierten sie für die nächsten 45 Minuten, an deren Ende wir einen großen Schritt in Richtung Oberliga gehen konnten.

    Unmittelbar nach dem Wiederanpfiff schlug Schäfer eine schöne Flanke von rechts, aber Kuleszka konnte den Kopfball nicht mehr drücken, sodass diese gute Gelegenheit ungenutzt blieb.

    Die Zeit verging, wieder einmal viel zu langsam. Mehr als eine Stunde war vorüber, als Kuleszka nach einem Foul zum ersten Mal in dieser Saison die gelbe Karte sah. Der anschließende Freistoß wurde aufs kurze Eck gezogen, ging aber am Tor vorbei, ohne dass Knystock eingreifen musste.

    Auf der anderen Seite verfehlte Schultz bei einem seiner seltenen Vorstöße in die gegnerische Hälfte und einem noch selteneren Schussversuch mit links das Tor doch deutlich.

    Lohne versuchte jetzt mehr, ließ die Ordnung immer mehr fallen, riskierte mehr - was blieb ihnen auch anderes übrig. Das bot uns natürlich etwas mehr Platz, den Kuleszka eine Viertelstunde vor Schluss zu nutzen versuchte. Sangaré, der schon den Ausgleich verbockt hatte, setzte hinter seinen rabenschwarzen Tag noch ein Ausrufezeichen, als er Kuleszka mehr als unsanft in seinem Vorwärtsdrang stoppte - rote Karte für den Lohner Verteidiger.

    Damit war bei Blau-Weiß Lohne erkennbar die Luft raus. Nach vorne ging bei den Gästen nichts mehr und wir konnten routiniert und ziemlich unbehelligt die Zeit runterspielen und den Gegner von unserem Tor weghalten. Drei Wechsel taten ihr übriges, um das Spiel zu beruhigen.

    Die Nachspielzeit lief schon, als wir dann sogar zum dritten Treffer kamen, den der eingewechselte Neziri erzielen konnte. Drei Stürmertore und keines davon hatte Kuleszka erzielt - das war so auch noch nicht vorgekommen.

    Mit diesem Sieg hatten wir unsere Tabellenführung behaupten und ausbauen können. Am letzten Spieltag würde uns damit sogar ein Unentschieden zur Meisterschaft und zum Aufstieg in die Oberliga reichen.



    Der Vorstand von Vorwärts Nordhorn war aktuell so begeistert, dass er sich kaum wieder einkriegen konnte. Tatsächlich luden mich Martin und Sven zu einem Gespräch ein, in dem mal vorgefühlt werden sollte, wie denn eine gemeinsame Zukunft aussehen könnte.

    Eine wirkliche Verbesserung der Rahmenbedingungen konnten die beiden aber nicht anbieten. Wir würden weiter extrem sparsam haushalten müssen, mehr als in der jüngsten Vergangenheit. Das Geld war einfach knapp und würde das voraussichtlich auch im Falle eines Oberligaaufstiegs bleiben.

    Die eigene Jugendarbeit war unser höchstes Gut und wir würden in naher Zukunft vermutlich nur aus diesem Kreis neue Spieler für die erste Mannschaft rekrutieren können. Neue Spieler, die von außen kamen, würde die absolute Ausnahme bleiben.

    Aber letztlich war ich mir dessen ja bewusst, dazu war ich auch schon zu lange hier und im Amt, um mich Illusionen hinzugeben.


    Wir vertagten uns, das nächste Mal wollten wir uns wieder treffen, wenn klar war, in welcher Liga wir in der kommenden Saison spielen würden.


    Die nächste Partie führte uns mit einem Abstiegskandidaten zusammen: Wir mussten auswärts bei Grün-Weiß Mühlen antreten. Die Gastgeber standen mit dem Rücken zur Wand, sie brauchten jeden Punkt für den Klassenerhalt und am besten drei davon schon gegen uns.


    Das Spiel war von der ersten Minute an eine zähe Angelegenheit - aber eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet.

    Wir waren feldüberlegen, wir hatten mehr Spielanteile, wir hatten mehr Schussversuche. Aber alle aus der Distanz, spielerisch kamen wir nicht durch. Die beste Chance der ersten halben Stunde hatte Nikolaev, aber sein Schuss - auch wieder aus 23, 24 Metern abgegeben - ging einen Meter links vorbei.

    Grün-Weiß machte das im Rahmen seiner Möglichkeiten gut. „Hinten eng stehen, vorne hilft der liebe Gott.“, das schien das Motto zu sein. Und nach 31 Minuten hatten sie auf diese Art und Weise tatsächlich die bis dahin beste Gelegenheit im Spiel. Nach einer guten Ballstafette kam Verykokkos aus elf Metern zum Schuss und Knystock musste schon sein ganzes Können zeigen, um den Flachschuss noch um den Pfosten lenken zu können.

    Die Gastgeber wurden nun doch tatsächlich forscher. Nur wenige Sekunden später zappelte der Ball am Außennetz, nachdem ein Freistoß aus 19 Metern direkt auf unser Tor gezogen wurde.

    Fünf Minuten vor der Pause hatten wir dann richtig Glück, als ein Kopfball von Kahric an das Lattenkreuz klatschte. Grün-Weiß Mühlen brachte uns nun fortgesetzt in Bedrängnis und uns in Schwierigkeiten.


    In der Pause versuchte ich die Mannschaft aufzurütteln. Die Leistung war bislang bescheiden gewesen, das musste sich ändern.

    Nur nach der Pause ging es zunächst unverändert weiter. Knystock musste wieder einen Flachschuss parieren, was ihm auf Kosten einer Ecke gelang. Und nach dieser Ecke stand Mustafa Mutlu an unserem Fünfmeterraum komplett unbedrängt und frei und hatte keine Mühe, den Ball ins Tor zu schießen. Grün-Weiß Mühlen führte (und das verdient) und wir waren die Deppen der Liga.


    Bojan und ich reagierten mit einem Doppelwechsel - und es brachte nichts.

    Wir stellten das Team offensiver auf - und es brachte nichts.

    Wir wechselten ein drittes Mal - und es brachte nichts.

    Wir befahlen die totale Offensive - und es brachte nichts.

    Im Gegenteil, Grün-Weiß Mühlen hatte die besseren Gelegenheiten und hätte zwei Mal die Entscheidung erzielen können, wenn sie den Konter besser ausgespielt hätten.


    Aber auch ohne das reichte es für den Abstiegskandidaten. Am 28. April 2019, nach sechs Monaten und 21 Tagen, nach 16 ungeschlagenen Spielen, verloren wir als Tabellenführer zum ersten Mal wieder.


    Die Reaktionen der Fans waren natürlich dem entsprechend, und das völlig zurecht:


    Aber wir hatten noch Glück, weil auf den anderen Plätzen für uns gespielt wurde:



    „Mannschaft der Stunde“ war aktuell der TuS Blau-Weiß Lohne, der sich mit vier Siegen hintereinander auf Platz 2 vorgeschoben hatte - das würde am nächsten Spieltag ein hochspannendes und interessantes Aufeinandertreffen geben ...

    Auch wenn derzeit noch ungewiss war, in welcher Liga wir in der kommenden Saison spielen würden, blieb der Vorstand von Vorwärts Nordhorn nicht untätig, was die Zukunftsplanung anging. Trotz aller finanziellen Sorgen wurden für die U 19-Mannschaft mit Sadat Diallo ein Trainer und mit Sebastian Fuchsbauer ein Co-Trainer eingestellt und mit einem Vertrag zunächst bis zum Saisonende ausgestattet. Das war natürlich etwas putzig, aber wohl dem Umstand geschuldet, dass die finanzielle Ausstattung für die kommende Spielzeit noch komplett offen war.

    Diallo und Fuchsbauer waren mit 33 bzw. 32 Jahren junge Leute, die mit ihrer offenen und unkomplizierten Art gut bei den Jungs ankamen. Gleichzeitig wiesen sie genug Disziplin auf, um aus dem manchmal doch etwas wilden Haufen eine Einheit zu bauen. Es war nur zu hoffen, dass in zehn Wochen nicht schon wieder Schluss sein würde ...


    Auch darüber hinaus stellte der Verein Weichen für die Zukunft: Die auslaufenden Verträge unseres Jugendleiters Sven und von Christopher Langer, unserem Physio, wurden um ein Jahr verlängert. Auch Bojan und Tim Arntz würden uns (mindestens) noch eine Saison erhalten bleiben - gut so!

    Es herrschte also an der Mitarbeiterfront erstmal Ruhe.


    Unruhe kam beim Dienstagstraining auf: Maciej Kuleszka zog sich bei einem ungeschickten Richtungswechsel eine Knieverdrehung zu ... Sechs bis neun Tage Ausfall bedeuteten das „Aus“ für das nächste Ligaspiel. Unser bester Torschütze würde uns also im ersten Showdown des Saisonfinales fehlen.


    Wir hatten beim SV Bad Rothenfelde anzutreten. Auswärts hatten wir die letzten drei Spiele in der Landesliga Weser-Ems jeweils Remis gespielt - das würde heute nicht reichen, wenn wir wirklich mit dem Aufstieg etwas zu tun haben wollten.

    Mit Ausnahme von Kuleszka hatten wir alle Spieler mit an Bord. Wobei ... Kuleszka war auch mit dabei, aber nur als Joker, den wir für den Notfall in der Hinterhand haben wollten.


    Wir kamen durchaus gut in diese Partie. Zwei Abschlüsse in den ersten zehn Minuten standen auf unseren Zetteln, beide waren aber nur so mittelprächtig und stellten Kingsley Adebayo im Tor von Bad Rothenfelde vor keine größeren Probleme.

    Bis kurz vor der Pause war von den Gastgebern nach vorne nicht viel zu sehen. Dann gab es einen Freistoß, den wir im Strafraum nicht richtig klären konnten. Genau genommen köpfte Castillo einen Mitspieler an, dann bekam Schultz den Ball nur ans Schienbein und von dort prallte er Hadzic vor die Füße, der nicht lang überlegte, sondern ihn ins Netz schoss. Knystock blieb ohne jede Abwehrchance, 0:1 aus unserer Sicht ... Na, das konnte ja was werden ...


    Wie würden wir damit umgehen? Nach dem Wiederanstoß verloren wir zunächst den Ball. Dann gewann Wallenborn ein Kopfballduell und brachte das Leder an der Mittellinie zu Altendorf. Der spielte einen Doppelpass mit Döll und brachte den Ball dann hoch in den Strafraum. Nikolaev war einen Schritt schneller als der herausstürzende Adebayo und bugsierte den Ball ins Tor - Ausgleich! 1:1! Nur 90 Sekunden nach dem Rückstand!


    In der Pause wurden wir mit den Halbzeitständen auf den anderen Plätzen versorgt:

    TSV Wallenhorst - FC Schüttorf 09 0:0

    SC Melle 03 - SV Hansa Firesoythe 3:0

    TV Dinklage - SC Blau-Weiß Papenburg 1:0

    SV Holthausen-Biene - TuS Blau-Weiß Lohne 0:2


    Alles rückte weiter zusammen ...

    Letztlich war das aber egal. Wir mussten unser Spiel machen und hier in Rothenfelde punkten.


    Die zweite Hälfte gestaltete sich ebenso ausgeglichen wie die erste. Beide Mannschaften waren noch nicht bereit, hier volles Risiko zu gehen, Chancen blieben Mangelware. Nach 65 Minuten zogen wir dann den Joker: Kuleszka kam rein für den ziemlich schwachen Neziri. Vielleicht reichte ja alleine schon seine reine Präsenz auf dem Platz, um Platz für die Mitspieler zu schaffen.

    75 Minuten waren rum, als Nikolaev den Ball zugespielt bekam und alleine aufs Tor zustrebte. Leider war der Winkel etwas spitz und am Ende fehlte Nikolaev fehlte die letzte Entschlossenheit. Ich vermutete, er wartete die ganze Zeit auf den Abseitspfiff, der aber nicht kam. Letztlich egal, sein Abschluss konnte von Adebayo pariert werden.

    Zwei Minuten später spielten wir uns mit Piesche, Döll, Altendorf und Bähre am gegnerischen Strafraum fest. Altendorf bekam wieder den Ball, 20 Meter Torentfernung. Er versuchte es einfach mal - und der Jubel war grenzenlos, als der Ball neben dem rechten Pfosten zur 2:1-Führung einschlug!


    Die restlichen 13 Minuten plus vier Minuten Nachspielzeit ... verwalteten wir den Vorsprung souverän. Wir ließen uns nicht hinten rein drängen, waren aber auch nicht zu offensiv. Wir brachten das im Stile einer richtig guten Mannschaft zuende und konnten nach dem Schlusspfiff doppelt jubeln: Zum einen hatten wir in Bad Rothenfelde mit 2:1 gewonnen. Zum anderen hatten der TSV Wallenhorst mit einem Tor in der 90. Minute den FC Schüttorf bezwungen und uns auf Platz 1 gebracht!



    So spannend das Rennen an der Tabellenspitze vier Spieltage vor dem Ende der Saison war, so eindeutig war das Bild am anderen Ende des Tableaus: Neben Grün-Weiß Firrel war auch Blau-Weiß Papenburg bereits aus der Landesliga Weser-Ems abgestiegen. 14 bzw. 16 Punkte aus 26 Spielen waren deutlich zu wenig, um die Klasse halten zu können - Bevern auf Rang 12 hatte schon 30 Punkte.


    Vier Spieltage waren es also noch und die Spannung stieg so langsam immer weiter an. Die Zeitungen begannen damit, sich Gedanken zu machen, wie die Saison wohl ausgehen könnte. Dass zwischen den Spieltagen zum Teil zwei Wochen Pause lagen, feuerte die Spannung noch mal an und befeuerte zum Teil abwegige, zum Teil spannende Prognosen.


    Echte Chancen auf Platz 1 und den damit verbundenen Oberligaaufstieg hatten noch sechs Teams, die lediglich fünf Zähler auseinander lagen: Schüttorf, Nordhorn, Hansa Friesoythe, Dinklage, Lohne und Bad Rothenfelde. Dass einige davon auch noch gegeneinander spielen mussten, sorgte für das Salz in der Suppe. Das Restprogramm der führenden Teams sah folgendermaßen aus:


    FC Schüttorf 09 (1.Platz | 47 Punkte | Tordiff. + 9):

    - TSV Wallenhorst (10.) - Hinrunde: 1:1

    - SC Melle 03 (7.) 1:0

    - TV Dinklage (4.) 0:3

    - BV Essen (13.) 2:3


    SV Vorwärts Nordhorn (2. | 46 | + 19)

    - SV Bad Rothenfelde (6.) - Hinrunde: 1:0

    - SV Grün-Weiß Mühlen (14.) 3:1

    - TuS Blau-Weiß Lohne (5.) 1:1

    - BSV Kickers Emden (9.) 3:2


    SV Hansa Friesoythe (3. | 44 | + 18)

    - SC Melle 03 (7.) - Hinrunde: 0:0

    - SV Bevern (12.) 3:0

    - BV Essen (13.) 3:4

    - SV Holthausen/Biene (11.) 2:2


    TV Dinklage (4. | 44 | + 6)

    - SC Blau-Weiß Papenburg (15.) - Hinrunde: 1:1

    - SV Brake (8.) 3:1

    - FC Schüttorf 09 (1.) 3:0

    - SV Bad Rothenfelde (6.) 2:1


    TuS Blau-Weiß Lohne (5. | 43 | + 5)

    - SV Holthausen/Biene (11.) - Hinrunde: 1:0

    - BSV Kickers Emden (9.) 1:2

    - SV Vorwärts Nordhorn (2.) 1:1

    - SV Grün-Weiß Firrel (16.) 2:0


    SV Bad Rothenfelde (6. | 42 | +7)

    - SV Vorwärts Nordhorn (2.) - Hinrunde: 0:1

    - TSV Wallenhorst (10.) 1:2

    - SV Grün-Weiß Mühlen (14.) 3:0

    - TV Dinklage (4.) 1:2


    Von der Gegnerplatzierung her hatte also Dinklage das schwierigste und Hansa Friesoythe das einfachste Programm.

    Nahm man die Hinrundenergebnisse zum Maßstab, war unser Aufstieg reine Formsache.


    „Formsache“ war ein gutes Stichwort:

    Die Rückrundentabelle sah uns mit gutem Abstand vorne, aber Emden, Lohne und Bad Rothenfeld waren da auch ziemlich gut platziert ...


    Und die aktuelle Formtabelle, die die letzten fünf Spiele berücksichtigte, war noch enger, aber auch da waren Emden und Lohne weit vorne:


    Unser größter Nachteil war aber vermutlich, dass wir drei von vier Partien auswärts bestreiten mussten. Und während wir die Heimtabelle überragend anführten ...


    ... las sich unsere bisherige Auswärtsbilanz eher trostlos.


    Aber alles Spekulieren brachte nichts: Die Wahrheit lag auf dem Platz!

    Die Trainingswoche nach meinem Kurzurlaub hielt keinerlei Besonderheiten bereit.

    Die Spieler machten annehmbar mit, was mir aber keine Sorgen bereitete - vor dem Bevern-Spiel hatte mich das noch belastet, aber die Unruhe war ja unbegründet gewesen. Und für das Spiel am Sonntag sollten die Jungs besonders motiviert sein: Gegner war der SV Holthausen-Biene, genau die Mannschaft, gegen die wir am 07.10 des letzten Jahres (also vor etwas mehr als fünf Monaten) die letzte Niederlage hinnehmen mussten. 2:5 hieß es damals und ich war sicher, dass die Jungs das vergessen machen wollten.

    Einfach würde dieses Unterfangen aber nicht werden, denn auch die Gäste waren in starker Form und hatten die letzten vier Ligaspiele ungeschlagen (bei drei Siegen) überstanden.


    Das Spiel begann mit Anstoß für uns. Döll schlug den Ball nach rechts auf die Außenbahn zu Schäfer, der ihn an- und mitnahm und in den Strafraum flankte. Dort stand an der langen Ecke des Fünfmeterraums Kuleszka komplett frei und köpfte den Ball ins Netz. 1:0 für uns nach handgestoppten 18 Sekunden, ein unglaublicher Start ins Match!


    Dann passierte fast 25 Minuten nichts weiter. Holthausen-Biene schien noch geschockt und wir taten nichts, um diesen Schock noch zu vertiefen. In der 24. Minuten taten wir das dann aber doch, denn unser zweiter Torschuss war gleichbedeutend mit unserem zweiten Tor: Bähre bekam den Ball von Döll vorgelegt, lief von der linken Bahn ein und schoss aus 17 Metern mit rechts in die lange Ecke. Danach erwachten die Gäste ein wenig aus ihrer Lethargie und kamen nach einer knappen halben Stunde zu ihrer ersten Torchance, der Schuss ging aber doch einen guten Meter am Tor vorbei.

    Wie man es besser machte, zeigte nur wenige Sekunden nach diesem Angriff Nikolaev. Einen schönen Pass in die Spitze von Schäfer konnte er mit einem Schuss ins kurze Eck zum 3:0 veredeln, es war Antons zehnter Saisontreffer. Holthausen-Bienes Torwart, Jovanovic, sah dabei nicht wirklich gut aus.

    Und für den Keeper sollte es noch schlimmer kommen: Kuleszka konnte unbedrängt Richtung Tor laufen und aus 30 Metern abziehen. Jovanovic war zwar mit der Hand noch dran, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.


    Zur Pause stand es also 4:0 für uns und niemand im Stadion zweifelte daran, dass wir erfolgreich Revanche für die Hinrundenpleite nehmen würden.

    Unmittelbar nach der Pause ging es zunächst mit offenem Visier weiter. Die Gäste steckten nicht auf und hatten Pech mit einem Lattenkopfball. Jovanovic konnte zeigen, dass er von dem Torwarthandwerk doch eine Menge versteht und parierte einen Kuleszka-Freistoß sehr sicher. Danach verflachte das Spiel dann aber und bis zum Schlusspfiff passierte nicht mehr viel. Zwei Mal scheiterten wir noch in aussichtsreicher Position an Jovanovic, kurze Zeit später war Feierabend und wir hatten den nächsten Sieg eingefahren.



    Durch unseren Erfolg, die gleichzeitige überraschende Niederlage von Schüttorf gegen den Abstiegskandidaten Grün-Weiß Mühlen und das torlose Remis im Spitzenspiel zwischen Hansa Friesoythe und Dinklage ... waren wir plötzlich Tabellenführer der Landesliga Weser-Ems!



    Eigentlich schade, dass unser nächstes Ligaspiel erst in zwei Wochen sein würde ...


    [-----]


    Die Jungs schienen das ähnlich zu sehen, zumindest war die Trainingswoche richtig gut. Es gab niemanden, der leistungsmäßig abfiel und am anderen Ende der Leistungsskala war Volker Schultz besonders hervorzuheben, für ihn gab es auch ein Extralob (Trainingsnote 8,75).


    Das Testspiel gegen die dritte Mannschaft des SV Werder Bremen ließ ich wieder Bojan coachen. Ich hatte mir quasi frei genommen und stand mit meiner Freundin am Rande des Platzes und schaute zu. Wir hatten noch nie gemeinsam ein Fußballspiel besucht und die Premiere verlief ziemlich interessant ...


    Es begann damit, dass nur knapp 50, 60 Zuschauern anwesend waren. Mehr kamen leider nicht, was ich persönlich sehr enttäuschend fand. Immerhin gab es mit dem großen Claudio Pizarro und dem nicht ganz so großen Sebastian Langkamp zwei Spieler zu sehen, die Bundesligaluft und mehr geatmet hatten. Und was Pizarro mit seinen 40 Lenzen hier ablieferte, war eine Schau, die mehr Zuschauer verdient gehabt hätte. Zwei Torvorlagen und ein weiterer entscheidender Pass standen auf seinem Konto, als er nach 84 Minuten den Platz verließ und sich von jedem einzelnen Zuschauer persönlich mit Handschlag verabschiedete. Meine Freundin war ganz begeistert vom peruanischen Charmeur - wenn mehr solcher Leute hier spielen würden, wäre sie auch öfter mit auf dem Platz vermutete ich.


    Meine Mannschaft hielt gegen die Bremer 85 Minuten lang gut dagegen - nur in den fünf Minuten vor der Pause war sie überhaupt nicht auf der Höhe. Bis dahin stand es nur 0:1 durch einen Treffer von Aaron Jóhannsson (nach schönem Pass von Pizarro). Doch zwischen der 43. Minute und der zweiten Minute der Nachspielzeit ging überhaupt nichts mehr und den Bremern gelangen drei weitere Tore, zwei Mal traf Jóhannsson und dazwischen noch Mikail Cevik.

    Nach der Pause passierte nicht mehr furchtbar viel. Am Ende standen 59 % Ballbesitz für Nordhorn und die Torschussbilanz las sich mit 9:11 beinahe ausgeglichen. Was uns aber fehlte, war die Treffsicherheit, denn von unseren Schüssen kamen nur zwei aufs Tor - bei den Bremern waren es 10. Und von diesen zehn waren auf noch vier drin, das war Effektivität in Reinkultur.


    Die Klatsche hinterließ bei meinen Spielern Spuren, zumindest die nachfolgende Trainingswoche war deutlich schwächer als die vorherige. Schultz war wieder der Beste, Knystock, Piesche (wieder einmal) und Altendorf zeigten sich von ihrer schwachen Seite. Lange würde ich mir das bei Marcel Piesche nicht mehr ansehen. Im Moment brachte er gute Leistungen auf dem Platz, aber seine Trainingsleistungen ließen zum wiederholten Male zu wünschen übrig. In den knapp sechs Monaten, die ich hier am Ruder war, hatte ich ihn schon sieben Mal zu mehr Ernsthaftigkeit ermahnen müssen ... ich spielte mit dem Gedanken, ihn beim nächsten Spiel auf der Bank sitzen zu lassen.


    Das nächste Spiel führte uns zum SV Brake. Gegen den Tabellen-8. hatten wir in der Hinrunde zuhause mit 1:2 verloren - es war bis heute die letzte Heimniederlage gewesen, danach folgten neun Siege zuhause. Nun mussten wir auswärts ran, aber Angst verspürte ich keine, dafür war Brakes Form in den letzten Wochen zu inkonstant gewesen.


    Als Linksverteidiger ließ ich dann tatsächlich nicht Piesche beginnen, sondern verschob Schultz aus der Innenverteidigung nach links und brachte Bremser fürs Zentrum.

    Brake kam besser ins Spiel. Nach nicht einmal vier Minuten bekam Schäfer die gelbe Karte, als er ein paar Meter vor der eigenen Außenlinie übermotiviert zu Werke ging. Der nachfolgende Freistoß wurde per Kopf auf unser Tor gebracht, aber Knystock war auf dem Posten und konnte abwehren. Wir bekamen den Ball aber nicht unter Kontrolle und hatten Glück, dass der Nachschuss am Pfosten landete ...

    In den nächsten zehn, 15 Minuten ging nicht viel in Richtung Tor, weder bei Brake noch bei uns. Dafür zeigte der Unparteiische, dass bei ihm die Karten ziemlich locker saßen - bis zu Minute 20 sahen von jeder Mannschaft zwei Spieler die gelbe Karte. Und das für Kleinigkeiten. Es war klar, wenn der Schiri diesen Schnitt halten würde, würden am Ende keine 22 Mann mehr auf dem Platz stehen. Nur fünf Minuten später war es soweit: Henrik Degner vom SV Brake erwischte es, er durfte nach einem echt harmlosen Trikotzupfer die Dusche aufsuchen. Nach 45 Minuten standen bei uns drei Verwarnungen zubuche und bei Brake fünf, von denen zwei in dem Platzverweis kumulierten.

    Bei der ganzen Kartenorgie kam das Spielerische komplett zu kurz und wurde zur Nebensache. Wir hatten erst kurz vor der Pause eine richtig gute Gelegenheit, doch der Kopfball von Schäfer im Anschluss an einen Eckball ging an die Latte.


    0:0 stand es also zur Pause, das war für einen Tabellenführer zu wenig.

    In den zweiten 45 Minuten kamen nur noch zwei weitere gelbe Karten hinzu, besser wurde das Spiel aber nicht. Mit drei Wechseln und taktischen Umstellungen versuchte ich hier noch irgendetwas zu reißen, aber es brachte kaum etwas ein.

    Bähre mit einem Schuss aus 18 Metern nach einem energischen Solo, das war in der 85. Minute. Und zwei Minuten später traf Kuleszka ins Netz, aber aus einer derart offensichtlichen Abseitsposition, dass noch nicht mal jemand jubelte.


    Am Ende stand ein wirklich wirklich enttäuschendes torloses Unentschieden, das die Braker feierten (O-Ton des Trainers: „Wir sind die einzige Mannschaft der Liga, gegen die ihr nicht gewonnen habt!“) und mich ratlos und enttäuscht zurück ließ.

    Natürlich hatten wir den Platz an der Sonne eingebüßt - Schüttorf lag einen Zähler vor uns und war der große Gewinner des Spieltags, da die übrigen Teams an der Spitze allesamt unentschieden gespielt hatten.


    Nach seiner guten Leistung war Tim Wallenborn natürlich ein Kandidat für die Startelf im nächsten Ligaspiel. Leider verletzte er sich beim Mittwochstraining: Ein Muskelfaserriss an der Rückseite des linken Oberschenkels bedeuteten zwei bis drei Woche Aufall. Das war natürlich bitter für Tim und ärgerlich für’s Team.

    Auch unser zweiter Tim, Tim Starke, verletzte sich. Allerdings wog seine Oberschenkelverhärtung nicht so schwer, mit etwas Glück würde er am Sonntag sogar spielen können.

    Die Trainingsleistung waren in dieser Woche eher so lala. Insbesondere Piesche, den ich mir danach auch noch kurz zur Brust nahm, und Castillo fielen mit recht schwachen Leistungen auf.


    Das nächste Ligaspiel brachte und den SV Bevern als Gast. Bevern war derzeit Tabellen-13., drei Zähler vom letzten Nichtabstiegsplatz entfernt. Für die Gäste ging es also schon um eine ganze Menge. Mein Team schien dagegen so ein wenig die letzte Spannung vermissen zu lassen. In den letzten sechs Partien hatte es drei Unentschieden gegeben. Zwar waren wir seit einem Dutzend Spiele ungeschlagen, aber der Trend zeigte so ein wenig nach unten. Aus diesem Grund hatte ich schon ein wenig Respekt vor der Partie. In der Kabine erinnerte ich die Jungs daran, dass WIR es waren, die in der Formtabelle (trotz allem) ganz oben standen und das WIR dieser Partie unseren Stempel aufdrücken würden.

    Maciej Kuleszka bekam noch extra aufmunternde Worte mit auf den Weg, denn er war gegen Schüttorf und Eintracht Nordhorn jeweils erfolglos geblieben.


    Das Spiel, verregnet wie die letzten Spiele eigentlich immer, begann mit einem Paukenschlag: Piesche, der im letzten Training Gescholtene, erhielt den Ball und spielte einen famosen langen Pass tief in die Hälfte des SV Bevern. Nikolaev war schneller als sein Gegenspieler, und ließ mit einem platzierten Schuss ins lange Eck dem Gästekeeper keine Chance. 1:0 nach vier Minuten - das war natürlich genau nach meinem Geschmack.


    Drei Minuten später war es Dieter Döll, der einen Schuss aus 18 Metern auf die Oberkante der Latte setzte.

    Nur zwei Minuten später hatte Castillo einen Blackout und ließ den Ball meterweit vom Fuß springen. Eilers ging dazwischen und mit dem Ball auf und davon Richtung unseres Tores. Im Ein-gegen-Eins mit Knystock zog er aber den Kürzeren, denn Wolfgang blieb lange stehen und verkürzte den Winkel geschickt und konnte so den Ball am Ende abwehren und den Ausgleich verhindern.


    Eine Viertelstunde lang passierte danach gar nichts. Dann eröffnete Castillo den Spielzug, Schäfer auf rechts lief ein paar Schritte, passte zu Nikolaev, der seinerseits gleich weitergab auf Kuleszka. Und der schoss trocken von der Strafraumgrenze auf das Tor und konnte gleich darauf jubelnd abdrehen. 2:0 in der 24. Minute.

    Wir blieben weiter am Drücker. Schäfer verzog einen Schussversuch und setzte den Ball links am Tor vorbei.

    Und kurz danach konterten wir die Beverner in unserem Stadion nach allen regeln der Kunst aus. Ein Schussversuch wurde geblockt, der Ball sprang zu Altendorf. Eine Drehung, ein Blick, ein Pass in den Lauf des startenden Kuleszka und am Ende stand das erwartbare Ergebnis, nämlich der 21. Saisontreffer unsere Maciej - 3:0!

    In der Nachspielzeit der ersten Hälfte dann das zweite offensive Lebenszeichen des SV Bevern, aber der Kopfball im Anschluss an eine Ecke flog knapp über das Tor.


    Nach der Pause geschah eine Viertelstunde lang nichts, dann verzog ein Beverner Spieler den Ball nur knapp und setzte ihn an unserem linken Pfosten vorbei. Aus dem Abstoß resultierte dann die nächste Chance für uns, aber Nikolaev verzog ebenso knapp wie der Beverner kurz zuvor.

    Ein paar Minuten später hatten wir eine Doppelchance: Kuleszkas scharfer Schuss wurde vom Torwart gut pariert und zur Seite abgewehrt, Schäfer knallte den Abpraller an den Pfosten. Danach passierte dann aber nichts mehr. Bevern konnte nicht mehr, wir mussten nicht mehr und am Ende stand ein verdienter 3:0-Erfolg für uns.


    Damit waren wir auf Platz 3 der Tabelle angelangt, vorne lag Schüttorf mit 44 Punkten, danach tummelten sich drei Teams (Hansa Friesoythe, wir und Dinklage) mit je 42 Punkten. Bad Rothenfelde lag mit 39 Punkten noch in Schlagweite.


    [-----]


    Am Dienstag der nächsten Woche stand ein Spiel unserer U 19 gegen potentielle Jugendspieler an. Sven hatte für dieses Spiel und die Jungs, die sich dort präsentieren sollten und wollten, richtig Werbung gemacht. Ich persönlich war ja eher skeptisch, weil die „Anwärter“ 14 bzw. 15 Jahre alt und damit zwei Jahre jünger waren, als diejenigen, die derzeit in der U 19 spielten. Zwei Jahre waren in dem Alter eine Menge, körperliche Nachteile vorprogrammiert.

    Das, was den potentiellen Neuzugängen an Körperlichkeit fehlte, machten sie aber spielerisch mehr als wett. Es war tatsächlich ein interessantes und gut anschaubares Spiel, das und da geboten wurde. Am Ende behielten die potentiellen Nachwuchsspieler tatsächlich mit 2:1 die Oberhand und auch wenn die U 19 nach Spielende behauptete, sie habe sich ja zurückgenommen, um die anderen glänzen zu lassen, wussten alle, die das Spiel gesehen hatten, dass diese Jungs eine Menge drauf hatten.

    So kam es im Verlauf der Woche dann auch dazu, dass 16 neue Spieler in der Jugendabteilung des SV Vorwärts Nordhorn willkommen geheißen wurden.


    Das Freitagstraining ließ ich ebenso sausen, wie das Testspiel am Sonntag. Wie verabredet verbrachte ich mit meiner Freundin ein schönes langes Wochenende. Wir hatten eine schöne Zeit, lachten viel zusammen und waren uns nahe. Die Stimmung war so gut, dass wir uns gemeinsam die Nachrichten von Bojan zum Testspiel gegen die Reserve des Niendorfer TSV durchlasen und auch den Spielbericht bei fussball.de studierten.



    Bojan hatte den Testcharakter des Spiels durchaus ernst genommen und einige Spieler der U 19 eingesetzt und noch mehr mitgenommen. Vielleicht hätte er sogar noch mehr Jugendspieler eingesetzt, doch zum einen hatte die U 19 erst einen Tag zuvor ein Spiel gehabt und zum anderen wollte Bojan das Spiel sicher nicht verlieren und ließ deswegen doch die Jungs aus der Ersten länger auf den Feld, als vielleicht geplant. Am Ende stand ein spät herausgeschossener 3:2-Erfolg.

    Zugute kam mir dabei auch, dass wir das kommende Wochenende frei hatten, und zwar so richtig frei. Spielfrei zum einen, kinderfrei zum anderen. Die Arbeits- und Trainingswoche bis dahin verlief absolut ereignislos. Dafür ging es gleich am Montag nach dem freien Wochenende, das wir in einem Hotel nahe Lübeck verbrachten, los:


    Zunächst einmal musste sich Jorge Hobbins abmelden, da er sich einen Virus eingefangen hatte. Ich schickte ihn komplett nach Hause, denn aus der Mannschaft sollte sich niemand anstecken vor dem nächsten Spiel. Das war nämlich das Spitzenspiel: Schüttorf, der aktuelle Tabellenführer empfing uns zum Gipfeltreffen. Ein Sieg von uns und wir würden Schüttorf hinter uns lassen und mit etwas Glück an die Tabellenspitze springen. Eine Aussicht, die einige im Verein ziemlich nervös machte. Zwar im gut gemeinten Sinne, aber ein wenig gingen mir die Bernds und Phillips und wie die wohlmeinenden Fans alle hießen, schon auf den Senkel. Ich hoffte, dass sie keine Unruhe in die Mannschaft tragen würden, der ich vermittelte, dass es sich um eine ganz normale Partie handelte. Aber auch unser Vorstand war etwas nervös. Martin und Sven begutachteten sogar beide Trainingseinheiten der Woche, was sie sonst nie taten.


    In der letzten Einheit passierte es dann: Castillo versuchte übermotiviert, noch einen Ball mit dem langen Bein wegzugrätschen - danach humpelte er vom Platz. Christopher Langer wurde herbeigerufen und diagnostizierte einen Muskelfaserriss an der Leiste.

    „Ein paar Tage wird er schon fehlen“, meinte Christopher.

    „Ein Paar Tage? Also zwei? Oder mehr?“ fragte ich nach.

    Christopher zuckte mit den Schultern und entgegnete: „Ich werde sehen, was ich tun kann, aber gegen Schüttorf wird es knapp.“


    Sonntag, am frühen Nachmittag, kam dann doch die Entwarnung: Castillo würde spielen können, wenn auch ein gewisses Restrisiko blieb.

    Der FC Schüttorf 09 hatte am letzten Spieltag erstmals in dieser Saison den „Platz an der Sonne“ übernommen. Nach Spieltag 2 noch auf dem letzten Platz gelegen, starteten die Schüttorfer eine muntere Aufholjagd, deren Opfer wir auch wurden - 1:2 hieß es im Hinspiel. Die Schüttorfer würden uns alles abverlangen, das war klar.

    Neben dem erkrankten Hobbins fehlte uns der Kapitän wegen der fünften gelben Karte. Didi Döll war natürlich trotzdem dabei und heizte den Jungs in der Kabine noch ordentlich ein, nachdem Bojan und ich die Einstimmung vorgenommen hatten. Dann ging es raus auf den Platz. Wie eigentlich ständig in diesem Winter nieselte es, der Boden war tief und matschig. Der Platz war aber gesäumt von Zuschauern, am Ende hieß es, dass mehr als 900 Leute da gewesen seien - eine Wahnsinnskulisse!


    Die Mannschaften tasteten sich zunächst ab, keiner wollte zu viel riskieren und in Rückstand geraten. Nach einer knappen Viertelstunde setzte dann Philipp Bähre in der eigenen Hälfte zu einem Solo an. Keiner griff ihn so richtig an, also marschierte er weiter in Richtung gegnerisches Tor. Die beiden Schüttorfer, die sich ihm näherten, schüttelte er mit einer Tempoverschärfung ab, dann hielt Bähre aus 25 Metern drauf - Latte! Das war mal eine Ansage, schade, dass das letzte bisschen Glück fehlte.

    Ein paar Minuten später das exakt gleiche Bild, nur dieses Mal ging der Ball doch eineinhalb Meter drüber.

    Von Schüttorf war eigentlich nichts zu sehen. Halbe Stunde rum, Schultz sah nach einem unnötigen Foul die gelbe Karte. Ein paar Minuten später: Kuleszka brachte einen Ball von Bähre artistisch im Tor unter und drehte jubelnd ab - nur um die Arme enttäuscht wieder fallen zu lassen. Abseits sollte das gewesen sein. Wie gesagt: Von Schüttorf war nichts zu sehen.

    Dann doch die erste Annäherung der Gastgeber an unser Tor. Nach einer Passstafette über zehn, zwölf, 15 Stationen kam der Schuss aufs Tor, aber Knystock war auf der Hut und wehrte ab.

    Schüttorf wurde jetzt aktiver und hatte kurz vor der Pause Pech, als ein Kopfball an den Innenpfosten prallte und von dort vor die Füße von Piesche, der ihn kurzerhand aus dem Strafraum bolzte.


    In der Pause versuchten wir der Mannschaft Mut zu zu sprechen und strichen das Positive heraus. Wir hatten gut angefangen und den Gegner über weite Strecken im Griff gehabt, da mussten wir weitermachen.

    Kuleszka, der bislang bis auf sein Abseitstor ungewohnt blass geblieben war, bekam von mir noch eine extra Aufmunterung mit auf den Weg. Ich hoffte, er würde es mir zurückzahlen.


    Zunächst hatte aber Schultz einen Blackout, als ihm ein Ball bei der Annahme versprang und der Schüttorfer plötzlich freie Bahn hatte. Allerdings zog er überhastet ab, sodass Knystock den Schuss sogar festhalten konnte.

    Tatsächlich hatte Schüttorf jetzt mehr vom Spiel, ein Führungstreffer wäre gar nicht mal unverdient gewesen.

    Doch nach einer knappen Stunde konnten wir im Anschluss an eine gegnerische Ecke kontern. Schäfer trieb den Ball auf der rechten Seite nach vorne, gab weiter zu Nikolaev und der zog aus fast 30 Metern einfach mal ab. Der Ball wurde lang und länger, schnell und schneller und schlug tatsächlich flach in der langen Ecke, knapp neben dem Pfosten ein. Führung in Schüttorf - zu diesem Zeitpunkt fast wie aus dem Nichts! Für Anton Nikolaev freute es mich besonders, denn ich hatte ihm erst kurz vor dem Spiel den Vorzug vor Neziri gegeben.


    Lange freuen konnten wir uns über die Führung aber nicht. Bittmann schlug einen wunderbaren langen Ball auf Schrader. Der ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen und vollendete sehr gekonnt in die kurze Ecke. Knystock war da ohne Chance.

    In der Folgezeit neutralisierten sich beide Mannschaften. Torchancen gab es nicht mehr, einzig die Wechselspiele waren noch interessant, denn immerhin nahm ich Kuleszka aus dem Spiel, der wirklich einen ganz schwachen Tag erwischt hatte (Note 6,5).

    Wir waren schon in der Nachspielzeit, als Schüttorf noch einmal einen Freistoß zugesprochen bekam. Die Flanke segelte in den Strafraum, da waren plötzlich zwei Spieler ungedeckt ... aber mein Puls konnte sich wieder beruhigen, denn zum einen hielt Knystock den Ball fest und zum anderen ertönte ein Pfiff. Dann war auch Schluss, wir hatten einen Punkt geholt und blieben zum zwölften Mal hintereinander ungeschlagen.



    In der Tabelle war alles dicht zusammen, nun war der TV Dinklage mal wieder vorne.


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    Bis zum nächsten Pflichtspiel hatten wir eine Pause von zwei Wochen. Die verbrachten wir natürlich hauptsächlich mit Training, wobei dieses Mal wieder ein paar Ansprachen einzelner Spieler nötig waren - die Trainingswoche war allenfalls annehmbar, mehr aber nicht.

    Beim Freitagstraining stießen dann die U 19er Marcus Gies und Dickson Addai zu uns. Wie von mir versprochen, würden diese 17-jährigen im Testspiel am kommenden Sonntag eingesetzt werden. Bülent Karakus wäre eigentlich auch dabei gewesen, er hatte sich aber im letzten Spiel der U 19 das Knie verdreht.


    Testspielgegner war Eintracht Nordhorn, der Nordhorner Verein, der die glorreichere Vergangenheit hatte, vor ein paar Jahren aber insolvent gegangen war und nun in der Bezirksliga kickte.

    Heute bekamen einige Spieler ihren Startelfeinsatz, die sonst nicht so in der ersten Reihe standen. Neben Gies und Addai aus der U 19 waren das Wallenborn, Hobbins, Halstenberg und Amaefule. Vorne im Sturm begannen Neziri und Nikolaev.


    Letzterer war es auch, der uns in Führung brachte - da waren aber schon 37 Minuten gespielt und die Jungs hatten sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert ...

    Kurz vor der Pause hatte Hobbins noch eine gute Schusschance, das war es dann aber auch schon.


    Zu Beginn der zweiten Hälfte wurde Eintracht auch noch etwas mutiger und hatte tatsächlich nach 48 Minuten die erste Schussgelegenheit.

    Nach einer Stunde hatte ich genug und wechselte nahezu die gesamte Mannschaft aus. Lediglich Didi Döll behielt ich noch bei mir, er sollte nach seiner Gelbsperre im letzten Spiel noch ein wenig länger schmoren. Besser wurde das Spiel immer noch nicht.

    Fünf Minuten vor dem Ende, es stand immer noch 1:0, ließ ich dann auch Döll von der Leine. Und der dankte es mir auf seine Weise, als er nämlich kurzerhand den Ball aus 18 Metern ins Tor schoss. In der Nachspielzeit funktionierte dann wieder einmal die Flügelzange nach dem Muster „Flanke Bähre an den zweiten Pfosten, Schäfer läuft ein und schießt ins Tor“, sodass am Ende ein standesgemäßer 3:0-Erfolg heraussprang. Aber begeisternd war das nicht gewesen.


    Bester Spieler war Tim Wallenborn (8,2), am wenigsten konnten Hobbins und Neziri überzeugen (beide 6,3). Gies und Addai machten ihre Sache über 45 bzw. 60 Minuten ordentlich (6,7 bzw. 6,8).

    Hatte ich nicht vor gut zwei Wochen gesagt, dass Marcus Gies, der am 07.01. Geburtstag hatte, in der Landesliga einsetzbar war? Ich hatte hinzugesetzt „wenn ich die Statuten richtig verstanden habe“.

    Nun ja - ich musste mich eines Besseren belehren lassen: Weder Marcus Gies (VR) noch Bülent Karakus (* 30.01., OM (RLZ)) oder Dickson Addai (* 31.01., V (RZ)) waren in der Landesliga Weser-Ems einsatzfähig, denn wie hieß es so schön: „Spieler, die am 1.1.2019 noch nicht 17 sind, sind nicht spielberechtigt.“

    Verdammte Sch....! Dass mir das passieren konnte. Aber ich dachte nun einmal, wenn sie 17 sind, können sie auch Landesliga spielen. Meine Güte ...


    Angesichts dieser Erkenntnis machte es kaum Sinn, die 17jährigen mit der ersten Mannschaft trainieren zu lassen - sie würden ja erst in einem Jahr Pflichtspiele absolvieren können. Die Enttäuschung bei den Jungs war natürlich riesengroß. Und mein Versprechen, dass wir sie in Testspielen der Ersten einsetzen würden, führte zu keiner Stimmungsverbesserung. Das hatte ich aber auch nicht wirklich angenommen.


    Die Trainingswoche nach dem Kantersieg gegen Rhede und vor dem Landesligaauftakt gegen BV Essen verlief unspektakulär. Dann war der Sonntag da ...


    In der Hinrunde hatten wir gegen den BV Essen eine 1:4-Schlappe hinnehmen müssen, da sollte heute natürlich die Revanche her. Der BV stand auf Platz 12, vier Punkte vor dem ersten Abstiegsplatz. Ich war eigentlich zuversichtlich, aber auch ziemlich nervös.

    Die Aufstellung hatte ich wieder Bojan überlassen und er ließ (mit Ausnahme von Gies ...) dieselben Spieler aufs Feld, die auch im letzten Testspiel angefangen hatten:

    Knystock im Tor.

    Die Viererkette bildeten Wallenborn, Castillo, Schultz und Piesche.

    Im Mittelfeld waren Schäfer, Berkenbaum, Döll und Bähre diejenigen, die von Anfang an Gas geben sollten.

    Im Sturm spielte Neziri neben dem gesetzten Kuleszka.


    Dann ging es los.


    Nach gerade einmal drei Minuten sprangen alle auf und wollten jubeln - aber der Kopfball von Kuleszka nach Castillo-Flanke klatschte gegen die Latte des Tores. Das wäre ein Auftakt nach Maß gewesen ...

    Zehn Minuten später konnten wir dann aber doch erstmals jubeln: Bähre brachte einen Eckball vors Tor, Essens Keeper ließ den Ball fallen, Piesche war zur Stelle und drosch ihn mit links ins Tor. Das erste Pflichtspieltor des Marcel Piesche für Vorwärts Nordhorn resultierte aus einem klaren Torwartfehler, aber uns war es egal!


    Wir machten weiter Dampf, nach 20 Minuten standen 8:0 Torschüsse auf dem Notizzettel.

    In der 23. Minute erhielten wir einen Freistoß zugesprochen, 19, 20 Meter Torentfernung. Der Ball lag nicht mittig-zentral, sondern vom Schützen aus gesehen zwischen der linken Torraum- und der linken Strafraumlinie - also gar nicht mal so gut zum Tor. Aber das war dem Schützen mal so was von egal. Kuleszka lief an und schoss den Ball an der Mauer vorbei in die kurze Ecke.

    2:0, sein 19. Saisontreffer.


    Kurz vor der Pause erhöhten wir auf 3:0 und nutzen dabei den Platz, den wir auf den Flügeln hatten, sehr gut aus. Schultz spielte den Ball zu Bähre auf den linken Flügel, Bähre gab den Ball rein und zog ihn auf den zweiten Pfosten, wo Schäfer aufgetaucht war und ihn per Volleyschuss aus spitzem Winkel verwandelte. Richtig schön gespielt!

    Damit war es in der ersten Hälfte aber noch nicht vorbei: Schultz war nach einer Ecke mit aufgerückt und schoss den Abpraller aus elf Metern ins Netz. Auch für ihn sein erster Saisontreffer.


    Dann war Pause und danach passierte nicht mehr viel. Wir wechselten drei Mal, unter anderem kam Amaefule für Bähre, damit dieser sich seinen verdienten Applaus für drei Torvorlagen abholen und sich für kommende Aufgaben schonen konnte. Und auch Didi Döll kam herunter, nachdem er seine fünfte gelbe Karte gesehen hatte und wir schon mal das Spiel ohne ihn simulieren wollten.


    Tore fielen keine mehr, am Ende stand ein völlig ungefährdeter 4:0-Sieg , mit dem wir uns für die Hinrundenpleite revanchiert und auf Platz 3 in der Tabelle vorgeschoben hatten.



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    Im Februar und im März wies unser Spielplan ein paar Lücken auf. Damit die Jungs im Spielfluss blieben und um ein paar Einnahmen zu bekommen, die der Verein bitter nötig hatte, vereinbarten Bojan und ich ein paar Testspiele. Am 24.02. ging es im Stadtderby gegen Eintracht Nordhorn, am 10.03. empfingen wir die Reserve des Niendorfer TSV und für den 24.03. zogen wir mit der Dritten von Werder Bremen zumindest einen großen Namen an Land. Welche Spieler für die Werderaner auflaufen würden, würde man dann sehen.

    Ich war zufrieden, weil ich nun auch unseren 17jährigen doch ein paar vernünftige Tests anbieten konnte, bei denen sie sich zeigen konnte.


    Die Begeisterung meiner Freundin hielt sich dagegen in sehr engen Grenzen. Als ich ihr von den Ansetzungen erzählte, verdunkelte sich ihr Gesicht regelrecht. Meine Überlegung war - neben Spielpraxis und Einnahmen für den Verein - auch gewesen, dass es sich um Wochenenden handelte, an denen wir beide jeweils unsere Kinder hatten. Testspiele, zudem auf dem eigenen Platz, hatte ich da für nicht so schlimm gehalten, weil uns im Grunde keine Zeit verloren ging. Oder zumindest nicht viel ...

    Sie sah das anders. „Wenn ich mit den Kindern zu Dir kommen, dann will ich nicht die Zeit auf dem Fußballplatz verbringen, wo Du Dich um die Mannschaft kümmern musst und nicht bei uns stehen kannst. Wir hätten mit den Kindern auch mal über ein langes Wochenende weg fahren können.“

    Der Rest des Gesprächs verlief dann erstmal in eher gedämpfter Stimmung. Die Stimmung wurde erst dann wieder etwas besser, als ich versprach, mindestens eines der Spiele sausen zu lassen, um mit ihr und den Kindern für ein Wochenende an die Ostsee zu fahren. Wir einigten uns darauf, dass ich das Spiel gegen Niendorfs Reserve komplett in Bojans Hände geben würde. Ich war erleichtert, dass wir nochmal die Kurve bekommen hatten, bevor der Tag zu Ende ging.

    Mein Tipp: Sechs bis sieben Punkte aus den letzten Spielen und damit sicherer Klassenerhalt. Und am Ende der Nichtabstiegsfeier macht sich der Trainer auf Richtung Freiburg.

    Sechs Punkte waren es am Ende, da lag ich immerhin richtig. "Sicherer" Klassenerhalt ... knapp war es, aber nicht in der Relegation. Und aufgrund der letzten Spiele (Sieg in Leverkusen, Punkt gegen den Vizemeister) m.E. auch hochverdient. Du hast das Maximum aus dem Kader herausbekommen - ich bin gespannt, was Dein Nachfolger schafft und fände es daher toll, wenn Du ab und an mal nach Kaiserslautern blicken würdest.


    Und nun: Viel Erfolg und Spaß in Freiburg!