Der bemerkenswerte Weg des Emmo W.

  • Es war gar nicht so einfach, von einer Woche auf die andere von einem Lübecker zu einem Dortmunder zu werden.

    Wem sagst du das? Uns doch nicht etwa?

    „Du hättest die Fans mal hören sollen: Alle glauben jetzt, dass der BVB noch einen Platz in der Europa League erreicht, wenn nicht sogar in der Champions League!“

    Stimmt, hättest uns mal hören sollen. :heul::lesen::cheers2:


    Deshalb hob ich kurzentschlossen einfach so die Hand und winkte aufs Geratewohl zu ihr hinüber. Und war dann über die Reaktion überrascht: zigtausend Kehlen verfielen in frenetischen Jubel, alle Fans erhoben sich von ihren Plätzen und schwenkten ihre Fahnen, Schals und Wimpel und skandierten: „Womerde, Trainergott! Womerde, Trainergott!“

    Also ähm, ja :sgenau:

    "Lohnt es sich denn?" fragt der Kopf.
    "Nein, aber es tut so gut!" antwortet das Herz.


    Autor: unbekannt

  • 295. Teil: Es weihnachtet
    (20.12.2021)


    Am Sonntag hätte ich meinen Spielern ja wegen des Achtungserfolgs gegen den VfB Lübeck gern trainingsfrei gegeben, aber ich wollte jetzt jeden Tag nutzen, um sie näher kennenzulernen und ihnen verständlich zu machen, was mir in taktischer Hinsicht vorschwebte. Da war es gut, dass das Erlebte noch so frisch war. Freibekommen konnten sie später.


    Am Montag war auf meiner Seite Fleißarbeit angesagt. Ich inspizierte sämtliche Jugendmannschaften, sprach mit deren Trainer Jörg Noll und schickte eine ganze Reihe Jungs nach Hause, weil sie das Niveau zu sehr herunterzogen. Immerhin konnte ich feststellen, dass alle vier Teams erstklassig spielten, was beim VfB Lübeck ja nur für die A- und B-Junioren galt. Außerdem entschied ich mich dafür, den 15-jährigen Richard Brush (RA, 36, anderthalb Sterne) aus dem Camp in Manchester in die B-Jugend zu übernehmen, da es dort komplett an Spielern für die rechte Seite fehlte. Allerdings war nicht zu erwarten, dass hier bald viel aus dem Nachwuchs kommen würde. Selbst unter den Ältesten fanden sich bestenfalls dreieinhalb Talente, die einmal den Sprung zu den Profis schaffen konnten – bei wohlwollender Betrachtung.



    „Ich freue mich, dass du anrufst“, sagte Martin Wiss, und ich glaubte ihm.


    „Wie sieht’s aus bei euch?“, wollte ich wissen und meinte vor allem die Stimmung nach meinem Weggang und dem Spiel von vorgestern.


    So klönte ich eine ganze Weile mit dem Lübecker Amateurtrainer, und anscheinend waren zwar einige recht überrascht gewesen, andererseits war man es in unserer Branche ja gewöhnt, dass Veränderungen ziemlich Knall auf Fall stattfanden. Dann wagte ich einen vorsichtigen Versuch.


    „Du, Martin, ich habe eine Frage, die du mir bitte ganz ehrlich beantwortest.“


    Was ich an ihm wie auch an den meisten anderen VfB-Mitarbeitern schätzte, war deren Aufrichtigkeit. Natürlich hatte ich im Stillen gehofft, meine Kontakte an die Trave könnten mir bei der Verstärkung des Dortmunder Teams helfen, aber dem erteilte er eine deutliche Absage.


    „Wir haben hier sogar schon darüber gesprochen“, erklärte er. „Also, nicht mit Emmo. Aber Alex, Lennard, Simon und auch Markus.“ Damit waren Jugendtrainer, Geschäftsführer, Sportdirektor und Scout gemeint. „Und wir sind fest entschlossen, keinen Lübecker Spieler – auch keinen Jugendspieler – nach Dortmund abzugeben. Das solltest du bitte berücksichtigen!“


    Für mich kam das nicht unerwartet. Und ich respektierte diese Entscheidung. Natürlich wäre es schön einfach gewesen, die ganzen Talente der VfB-Reserve oder der A-Jugend wie Hakanpää, Jahn, Moretti oder Torres in den Pott zu lotsen. Aber nun würde ich mich wohl woanders nach Spielern umsehen müssen, die uns entweder sofort weiterhalfen oder perspektivisch zu einer Verstärkung aufgebaut werden konnten.


    Am Montagnachmittag nahm ich mir dann für ein besonderes Vorhaben frei. Da ich kein Auto hatte, entschied ich mich für die S-Bahn, die in Richtung Unna fuhr. Dann musste ich noch ein paar Stationen mit dem Bus fahren, um zu der Werkstatt „Bernd von Burgsmüller“ zu gelangen.


    „Tach, Ömmes“, begrüßte mich der Inhaber und kam gleich direkt auf mich zu, um mich zu umarmen. „Dat habt ihr sauber hinjekricht.“


    Klar, dass wir erst mal ausgiebig über das Spiel reden mussten. Praktisch jede Szene, in denen einem Dortmunder Spieler etwas gelungen war, wurde durchgekaut. Naja, hier brauchte man für so etwas halt ein bisschen länger als im Norden. Aber irgendwann konnte ich dann doch den Grund meines Besuches anbringen.


    „Bernd, ich brauche ein Auto.“


    „Was soll’s denn sein?“


    „Tja, schwierig.“ Ich dachte an das wenig ergiebige Gespräch mit meiner Tochter Hertha. „Ich hatte an einen Oldtimer gedacht. Oder an einen SUV.“


    Da zog ein breites Grinsen über Bernds Gesicht. „Na, da wirst du dich schon entscheiden müssen.“


    „Hm, gibt es nicht beides – sozusagen? Einen SUV-Oldtimer?“


    „Nee, was soll denn das sein? SUV – das ist ein Sport Utility Vehicle. Da kannst du von Acura bis Zotye alles bekommen. Aber älter als zehn Jahre findest du nichts.“


    „Was war denn der erste SUV?“


    „Puh, du kannst Fragen stellen. Keine Ahnung.“


    „Hat man dazu nicht früher Geländewagen gesagt.“


    „Mag wohl sein.“


    „Was war denn der erste Geländewagen?“


    Da glühten plötzlich seine Augen auf und sein Gesicht färbte sich ein wenig röter.


    „Das kann ich dir zufällig genau sagen. Und wenn du Interesse hast und nicht zu wenig Kohle, dann bist du mein Mann!“


    Leider konnte ich das gute Stück, das mich stolze 485.000 Euro kostete, nicht gleich mitnehmen, so dass ich wieder mit der S-Bahn nach Hause fuhr. Aber wenige Tage später wurde es dann an meine Noch-Wohnadresse in Lübeck geliefert, und vor meinem Country Cottage entstand dann auch diese Aufnahme:



    „Radstand 80 inch, 1,6-Liter-Ottomotor, 50 bhp Leistung“, informierte Bernd mich, „wurde 1948 in einer Stückzahl von rund 8.000 hergestellt, davon gibt es heute noch zwei, vermutet man.“


    „Und wie schnell ist der?“, wollte ich wissen, weil ich an die Fahrzeiten zu Auswärtsspielen dachte.


    „Naja, ursprünglich 55 Meilen. Aber wenn du willst, kann ich ihn dir natürlich jederzeit schneller machen.“ Egal, ich war glücklich. Vermutlich würde ich mir bald einen Zweitwagen zulegen müssen, aber die Vorstellung, mit diesem Teil querfeldein zu fahren – oder wie vor 70 Jahren für dieses Geniestück geworben wurde: go anywhere –, war einfach einzigartig.


    Als ich am selben Abend bei der Vereinsweihnachtsfeier von meinem Coup erzählte, erntete ich so einige zweifelnde, mitleidige oder auch herablassende Blicke. Zu den wenigen, die mich gut verstanden, zählte Julian Frenger, der erste Co-Trainer, mit dem ich mich überhaupt insgesamt sehr gut verstand. Generell hatte ich nach diesem Tag das Gefühl, dass ich hier in Dortmund durchaus heimisch werden konnte; auch der Stimmung in der Mannschaft tat der gemeinsame Abend sehr gut.


    Der Rest des Jahres 2021 war dann noch ziemlich turbulent. Mein Sohn Malte nahm den Namen Womerde an und spielte nun in der Dortmunder B-Jugend, schwerpunktmäßig als Linksverteidiger. Deshalb war er auch der Erste aus meiner Familie, der nach Dortmund zog, womit es in Draggys Bude schon recht eng wurde. Wir nahmen uns vor, so schnell wie möglich eine geeignete neue Bleibe zu finden, um auch Patrick, Lukas und Hertha nachkommen lassen zu können. Die brannten im Übrigen schon darauf, ebenfalls in der BVB-Jugend zu spielen.



    Als schwierig erwiesen sich meine Bemühungen, fähige und passende Spieler zur Borussia zu holen. Viele wollten nur zu einem Spitzenverein wechseln, der wir ja nun mal nicht mehr waren, unser internationales Prestige lag bei Null und dann haperte es auch mit den Finanzen. Zwar sandte ich alle fünf Scouts aus, um nach Verstärkungen Ausschau zu halten, aber das würde seine Zeit dauern.


    Am 23. Dezember schickte ich die Dortmunder Profis erst einmal ins Trainingslager. Und zwar nicht etwa in den wohligen Süden, sondern nur „um die Ecke“.



    Zwar gab es hier und da wohl ein leises Murren, aber ich wollte das als Signal verstanden wissen, dass unter meiner Führung nun eine andere Zeit anbrach und eine andere Einstellung gefordert war. Das verstanden die Spieler, glaube ich. Ich selbst allerdings – das gestehe ich hier ohne jede Reue – fuhr an Heiligabend mit Draggy und Malte nach Lübeck, um mit der ganzen Familie im Hause meiner Tochter Silvia Weihnachten zu feiern.


    „Puh, sind das viele Menschen!“, flüsterte Draggy mir verstohlen zu, als wir das Wohnzimmer betraten, das sehr üppig geschmückt war und in dem ein riesiger Weihnachtsbaum stand.


    „Das hab‘ ich dir doch erklärt.“ Aber richtig, sie war ja neulich über meinen Ausführungen eingeschlafen!


    Vielen meiner lieben Angehörigen war Draggy bereits ein Begriff aus der Zeit, als sie beim VfB Lübeck so etwas wie meine Sekretärin war. Sie fühlte sich sehr freundlich aufgenommen und fand selbst auch gar nicht viel an meiner Mischpoke auszusetzen. Geschenke gab es hauptsächlich für die Kinder, aber auch ich bekam von ihr etwas.


    „Mein lieber Malte, damit du nicht immer nur an Fußball denkst, dem Älterwerden vorbeugst und manchmal auch etwas gemeinsam mit mir unternimmst, schenke ich dir dieses…“



    Damit kam sie nicht nur bei mir (einigermaßen) gut an, sondern punktete auch sehr bei den anderen Anwesenden.


    „Richtig so, Draggy“, sagte mein Ältester, Simon, „der soll auf seine alten Tage bloß nicht so faul werden!“


    Natürlich wurde viel gelacht und gefrotzelt, zwischendurch wurde es aber auch besinnlich und ich glaube, alle freuten sich, dass ich nun wieder sowohl eine Frau, die zu mir passte, als auch einen Job, der mich forderte, hatte.


    „So, ihr Lieben“, erklärte ich dann, als bereits alle Geschenke ausgepackt waren. „Eine Überraschung habe ich noch im Köcher. Allerdings gibt es davon zunächst mal nur in ein Foto.“



    „Wie jetzt – das Haus hast du gekauft?“


    „Ganz genau. Es liegt am Dortmunder Stadtrand, und jetzt kommt’s: Jeder von euch, der Lust hat, kann da einziehen!“


    Tramp bellte einmal laut und vernehmlich, und alles lachte.


    „Natürlich, mein Guter – du bist dabei!“


    Dann bestätigten auch Malte, Patrick, Lukas und Hertha, dass sie gern mit uns in diesem Haus wohnen würden.


    Am ersten Weihnachtsfeiertag musste ich mich dann leider schon wieder verabschieden. Silvia, die das Fest in ihrem Haus großartig ausgerichtet hatte, sagte zu, sich um alles Notwendige zu kümmern, damit die vier Kinder in den nächsten Tagen nach Dortmund umziehen konnten. Meine größte Herausforderung im alten Jahr bestand darin, intensiv nach Verstärkungen für die Borussia zu suchen, aber zunächst einmal stand ein Testspiel im Dortmunder Trainingslager auf dem Programm. Dorthin machten Draggy und ich uns auf den Weg, was mit meinem neuen alten Auto nicht wie mit jedem anderen in vier Stunden zu machen war, sondern sechseinhalb brauchte.


    „Ey, Papa“, erklärte Malte, der mit uns mitkam, „ich hoffe ja doch echt sehr darauf, dass du dir neben diesem Schleichgeschoss auch noch eine anständige Karosse leistest!“


    Draggy lachte und stimmte ihm zu. Und ich nahm mir vor, Bernd von Burgsmüller gelegentlich danach zu fragen, was für ein „Geschoss“ denn zurzeit bei Jungs wie Malte am meisten angesagt war.


    Wir kamen aber nicht zu spät. Als wir den Ort des Trainingslagers erreichten, pfiff der Schiri das Spiel gerade an.



    „Na, was für Schlüsse würdet ihr aus dem Spiel ziehen?“, fragte ich Malte und Draggy hinterher.


    „Also, ganz klar: den Kießling musst du unbedingt jedes Mal spielen lassen!“, meinte Malte. „Und die eingewechselten Spieler kannst du alle vergessen.“


    Draggy hatte dagegen ein durchaus sachkundigeres Urteil.


    „Dass nach der Pause die Torflut versiegt ist, lag natürlich an den Wechseln. Daran merkt man, dass am Verständnis untereinander noch gearbeitet werden muss.“ Aber dann fügte sie diplomatisch hinzu: „In einem muss ich Malte rechtgeben: Der zweite Anzug scheint tatsächlich deutlich hinter dem ersten zurückzubleiben. Da sollten wir auf jeden Fall umgehend für Verstärkung sorgen.“


    Ich nickte und freute mich, dass sie „wir“ gesagt hatte.


    Derselbe Tag brachte übrigens auch für Emmo und seine Mannschaft ein Freundschaftsspiel, und es wird wohl niemanden überraschen, dass ich mich dafür nach wie vor interessierte.


    Friendly

    25. Dezember 2021

    VfB Lübeck – FC Hansa Rostock

    Vorbemerkung:

    Bisherige Bilanz: 4 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen, 21:10 Tore


    Aufstellung:

    Elez
    Matthews - Negrão - Meywald - Torosidis
    Maiello - Winter
    Rildo - Ruckendorfer - Ganz - Deulofeu

    eingewechselt: Albornos (TW), Rolff (IV), Rasmussen (LV), Reus (RA), Marquet (LA), Werner (ST)

    Tribüne: Rüdiger, Trindade Meireles, Esswein; verletzt: Bonaventura


    Tore:

    1:0 Ruckendorfer (Maiello) (19.)

    2:0 Reus (Ganz) (77.)

    Endstand: 2:0



    Einer der genannten Spieler saß übrigens, genau genommen, nicht einmal auf der Tribüne, denn er hatte gerade für eine Ablösesumme von 550.000 Euro seinen Wechsel zu Hertha BSC fix gemacht. Schade eigentlich, der BVB hätte ihn auch gut gebrauchen können.



    Aber es half ja nichts, allen Widrigkeiten zum Trotz würde ich mich auf andere Weise darum bemühen müssen, die Profimannschaft von Borussia Dortmund in der Bundesliga wieder so richtig konkurrenzfähig zu machen.

  • Tramp bellte einmal laut und vernehmlich, und alles lachte.

    Puh, da ist er ja wieder! :)

    Silvia, die das Fest in ihrem Haus großartig ausgerichtet hatte, sagte zu, sich um alles Notwendige zu kümmern, damit die vier Kinder in den nächsten Tagen nach Dortmund umziehen konnten.

    Also so lustig ich die Familienkonstellation von Familie Womerde auch finde, ergibt dieses Kinder-hin-und-hergeschiebe für mich absolut keinen Sinn. Alle scheinen relativ schnell das Interesse am Nachwuchs aus den verteilten Familienzweigen zu verlieren und am Ende landen sie beim gutverdienenden Opa:/

    Viele wollten nur zu einem Spitzenverein wechseln, der wir ja nun mal nicht mehr waren, unser internationales Prestige lag bei Null und dann haperte es auch mit den Finanzen.

    Also wirklich Null oder im übertragenen Sinne? Ich hab noch nie erlebt, dass ein gestandener Verein so sehr absackt beim Prestige. Selbst als bei meinem Lübeck-Spielstand in 2023 Bremen mehrmals die Fahrstuhlmannschaft gemimt hat, hatten die noch ein internationales Prestige von 5 oder so...


  • 296. Teil: Lauter alte Bekannte und ein Silvesterknaller
    (26.12.2021)


    Tja, wie verstärkte man eine Bundesligamannschaft, zu der niemand wechseln wollte? Die erste Antwort darauf musste lauten: Verteile das Geld richtig! Und wie ich schon zu den alten Lübecker Zeiten eines Gaston Deneuve gelernt hatte, war das über eine Kreditaufnahme machbar.



    Damit sollte sich dann eigentlich schon was anfangen lassen. Allerdings wurde der BVB dadurch für starke Spieler natürlich noch nicht attraktiver.


    „Du hast doch einen großen Freundeskreis“, bemerkte Draggy an dem Abend, nachdem ich bei der Bank gewesen war. „Und du kennst infolge deiner Managertätigkeit einen Haufen Leute – hör dich doch einfach mal um!“


    Sie hatte recht. Meine offizielle Freundesliste war zwar nicht sonderlich lang, aber immerhin konnte das ja schon mal ein Anfang sein.



    Klar, Spieler wie Sinclair (IV), Foggia (ZM) und Hoffmann (TW), die inzwischen groß Karriere gemacht hatten, waren auch nach meiner bescheidenen Budgetanpassung noch unerschwinglich. Aber dennoch telefonierte ich sie alle mal durch, und tatsächlich waren sie mir offensichtlich nach wie vor sehr zugetan. Entweder versprachen sie, sich mal in meinem Sinne umzuhören, oder sie zeigten – wie Kraetschmer (LV) und Fontanesi (LM) – sogar selbst Interesse an einem Wechsel nach Dortmund.


    „Na siehst du“, bestätigte meine bessere Hälfte, „in der Richtung sollten wir es weiter versuchen.“


    Und da sie wieder einmal „wir“ sagte, bat ich sie gleich darum, mir eine Liste von Spielern zu fertigen, die für eine Kontaktaufnahme in diesem Sinne infrage kamen. Nun, da sie ja vor Jahren mal meine gesamten Daten verwaltet hatte, fiel ihr das nicht schwer.


    Spieler

    Position

    heutiger Verein

    Anmerkung

    Robin Parmander

    TW

    AS Rom

    zu teuer (31,3 Mio.)

    Tobias Ribbeck

    LV

    Wacker Burghausen

    MW: 282.000

    Adam Straith

    IV

    F. Pune (Indien)

    kein Interesse

    Aleksandar Ignjovski

    RV

    1. FC Nürnberg

    MW: 525.000

    Boris Vukcevic

    RM

    FC Sion

    kein Interesse

    Pierre-Emerick Aubameyang

    ST

    RB Leipzig

    nicht mehr geeignet

    Jonathan Schmid

    RM

    Colorado Rapids

    kein Interesse

    Lukas Rupp

    HS

    SC Paderborn

    MW: 245.000

    Stefan Rieß

    ZM

    MSV Duisburg

    ablösefrei zu haben

    Joselu

    ST

    1. FC Saarbrücken

    MW: 10.400

    Anastasios Papazoglou

    IV

    Eintracht Braunschweig

    MW: 32.800

    Simone Deana

    IV

    FC Augsburg

    kein Interesse

    David Loheider

    ST

    Union Berlin

    MW: 125.000

    Reinhold Wiegel

    LV

    Panathinaikos Athen

    kein Interesse

    Willibald Grasser

    ST

    Union Berlin

    kein Interesse

    Marius Holtorf

    ST

    Werder Bremen

    MW: 4.000.000



    Ich musste mich erst einmal kräftig schütteln, als sie mir diese Liste vorlegte. Das war ja der reinste Blick in die Vergangenheit, viele Erinnerungen mit sehr unterschiedlichen Beigeschmäckern traten bei mir zutage. Wollte ich mich überhaupt in diese Gefilde zurückbegeben?


    „Ich denke mal, du hast nicht wirklich eine Wahl“, stellte Draggy klar. „Und allzu schwer fallen sollte es dir auch nicht, denn ich habe bei allen schon mal einen Kontakt angebahnt.“


    Sie war wirklich eine unschätzbare Perle!


    „Und wenn du da vermerkt hast: kein Interesse?“


    „Dann kannst du dir einen Anruf sparen.“


    Es blieben zehn Mann. Jeden von ihnen rief ich an, und es wurden zum Teil sehr emotionale und ausschweifende Gespräche. Tatsächlich zeigten sie alle zumindest eine gewisse Bereitschaft, über einen Wechsel im Januar zu verhandeln. Was mich mit der etwas bangen Frage zurückließ: Wollte ich die überhaupt alle nicht nur wiedersehen, sondern auch in meinem BVB-Team haben?



    Nur bei Ignjovski schien mir sicher, dass er uns sofort weiterhelfen konnte. Holtorf war vor allem deshalb interessant, weil er deutlich jünger war als die bisher noch etwas stärkeren Hooper und Kießling. Für Papazoglou und Joselu sprach nur, dass sie fast nichts kosteten, und da mir auch daran gelegen war, die zweite Mannschaft zu stärken, machte ich ihnen Angebote für die Oberliga. Für Rieß, der bereits 33 war, galt im Grunde genommen das Gleiche, nur kam hinzu, dass wir im zentralen Mittelfeld aktuell praktisch nur DMs und OMs hatten, aber keinen ZM. Kraetschmer und Ribbeck konnten sich in das Team einpassen, aber auf der LV-Position war an sich der 22-jährige Michael Langer gesetzt. Fontanesi hätte vielleicht die Chance verdient, sich auf der linken Angriffsseite unentbehrlich zu machen, wo bislang nur Iturbe und Götze aushelfen konnten. Und schließlich Rupp und Loheider: Beide waren 30 und nicht wirklich für die Profimannschaft interessant, aber der Reserve, die nicht einen einzigen echten Stürmer hatte, konnten sie mit Sicherheit helfen.


    „Weißt du was, Draggy“, sagte ich, „mach‘ ihnen allen ein ordentliches Angebot – ich will sie alle in Dortmund haben!“ Damit schloss ich das Thema erst einmal ab.


    Am Dienstag war Emmos Geburtstag. Draggy riet mir, ihm eine Mail zu schicken, was ich dann auch tat. Seit vorgestern war er mit seiner Mannschaft im Trainingslager auf Mallorca, da würde er sie sicher zwischendurch lesen. Nahm ich an. Eine Antwort – Dank oder auch nur Eingangsbestätigung – erhielt ich nicht. Dafür konnte ich der Kicker-App entnehmen, dass er zwei Tage später ein Testspiel austrug, und zwar gegen den Tabellenvierten der belgischen Pro League.


    Friendly

    30. Dezember 2021

    VfB Lübeck – KV Mechelen

    Bisherige Bilanz: keine Spiele


    Aufstellung:

    Elez
    Matthews - Rolff - Meywald - Torosidis
    Maiello - Winter
    Rildo - Ruckendorfer - Ganz - Deulofeu

    eingewechselt: Albornos (TW), Rüdiger (LV), Esswein (ST), Werner (ST), Labyad (ZM), Marquet (LA), Reus (RA)

    Tribüne: Negrão, Rasmussen, Trindade Meireles; verletzt: Bonaventura


    Tore:

    1:0 Winter (Rildo) (4.)

    2:0 Ruckendorfer (Rildo) (10.)

    3:0 Ruckendorfer (Winter) (16.)

    4:0 Ruckendorfer (Ganz) (38.)

    5:0 Esswein (Winter) (65.)

    Endstand: 5:0



    Emmo wurde übrigens mal wieder zum Fußballer des Monats erkoren, aber ich verzichtete darauf, ihm dazu nun auch noch zu gratulieren. Wo er diesmal – sicher nicht nur zu meiner Überraschung – nicht vorkam, das war die halbjährliche Kicker-Rangliste des deutschen Fußballs. Dabei wurden immerhin zehn Lübecker Spieler aufgeführt, von denen es allerdings allein Torosidis (LV) in die „Internationale Klasse“ schaffte.


    „Da wird er wohl ein bisschen toben, der Gute“, sagte ich zu Draggy.


    Sie sah mich forschend von der Seite an.


    „Du bist doch nicht etwa gehässig?“


    „Nö, i wo, überhaupt nicht!“


    Nur zwei Dortmunder fanden sich ebenfalls in der Liste, und zwar Michael Langer (LV) und Gojko Kacar (DM), die immerhin im „Blickfeld“ standen.


    Kurz vor dem Jahreswechsel hagelte es dann Zusagen: Alle, aber auch wirklich alle, die wir angefragt hatten, sagten zu, nach Dortmund zu wechseln. Zudem verzeichnete ich meinen ersten Erfolg auf der Suche nach guten Dortmunder Nachwuchsspielern. Denn anknüpfend an meine Erfahrungen und die erfolgreiche Arbeit in Lübeck wollte ich das auch im Ruhrgebiet fortsetzen.



    Der Junge war 18, kam vom FC Villareal und wies schon jetzt eine bessere Spielstärke auf als die beiden Keeper der Dortmunder Oberligamannschaft, Venetidis (51) und Arslan (47).


    Und dann war da noch dieser Anruf. Das war so gegen sechs am Silvesterabend. Zuerst wusste ich gar nicht, wer da dran war.


    „Hi Malte, interessiert an einem heißen Tipp?“


    Als Trainer und Manager eines Bundesligavereins bekommt man ja so manche merkwürdigen Anrufe. Keine Ahnung, wie die Leute immer wieder an meine Handynummer kommen. Ich wollte schon fast wieder auflegen.


    „Wusstest du, dass Frank Winter einen Bruder hat?“


    Ich stutzte. Frank hieß, wenn ich mich recht entsann, Emmos Vater. Dass der einen Bruder hatte, war mir neu, aber ich konnte es auch einfach vergessen haben.


    „Was sollte es mich interessieren“, fragte ich, „ob der Vater von Emmo einen Bruder hat?“


    Am anderen Ende hörte ich ein verhaltenes Kichern.


    „Dann kennst du die Geschichte nicht? Ich sage dir – du wirst sie lieben!“


    „Äh, bevor ich irgendetwas mache, wüsste ich erst mal gern, mit wem ich da spreche!“


    Da wurde aus dem Kichern ein lautes, fröhliches Lachen.


    „Hast mich tatsächlich nicht wiedererkannt? Naja, wir haben ja auch länger nicht mehr miteinander gesprochen.“


    Und endlich erkannte ich ihn: Kristian Gentner. Vor reichlich zehn Jahren hatte ich ihn als Jugendtrainer nach Lübeck geholt, und er hatte großen Anteil an Emmos Entwicklung zu einem der besten deutschen Mittelfeldspieler. Vor genau dreieinhalb Jahren endete sein Anstellungsverhältnis beim VfB, weil ein Max Stehle es so wollte. Danach blieben wir Freunde, aber wie es so geht, die Kontakte wurden seltener, jeder hatte sein Tun und die räumliche Distanz – Kristian lebte nach wie vor in Lübeck – tat ein Übriges.


    Klar, dass wir uns nun erst mal ausgiebig über die Ereignisse der letzten Wochen austauschten. Aber als Draggy dann schon ungeduldig mit den Sektgläsern klapperte und die Kinder in ihren Silvesterkostümen um mich herumtanzten, brach ich das ab und sagte:


    „Du wolltest mir etwas über Frank Winter oder dessen Bruder erzählen.“


    Tja, und diese Erzählungen nahmen nun noch einmal eine gute Dreiviertelstunde in Anspruch. Wie sich zeigte, hatte Kristian durchaus das Zeug zum Klatschweib. Um es kurz zu machen: Frank und Rüdiger Winter waren seit zwanzig Jahren erbitterte Feinde. Wie meistens ging es ums Geld, eine Erbschaftsgeschichte spielte eine Rolle und eine Frau wohl auch – so detailliert interessierte es mich nicht, und ich hatte Kristian ja auch darum gebeten, es nicht länger als nötig zu machen. Jedenfalls hatte Emmos Onkel Rüdiger aus Remscheid ebenfalls einen Sohn, die beiden kannten sich vom Sommerurlaub als Kinder auf dem Bauernhof der Großeltern und konnten sich wie die Väter nicht ausstehen. Oder einfacher: man redete allseits nicht miteinander. Dabei war Vetter Christian gut vier Jahre jünger als Emmo.



    „Aha, Fußball spielen kann er also auch.“


    „Und das nicht schlecht. Ich konnte ihn zwar nicht ausscouten lassen, aber ich kenne da jemandem beim FC Remscheid, der sagt, aus dem Jungen kann durchaus mal ein Großer werden.“


    „Und ZM ist er auch noch!“


    „Richtig, dazu mit vorwiegend defensiven Fähigkeiten, also nicht unbedingt ein Spielmacher, eher ein Sechser- oder Liberotyp.“


    „Nicht übel. Und Remscheid … spielen die nicht in der Regionalliga?“


    „Ja, Vierter sind sie da zurzeit. Sollte mich wundern, wenn ein Angebot aus Dortmund da nicht auf Gehör stößt. Noch dazu, wenn er hört, dass der große Konkurrent seines Cousins anfragt.“


    Ich bedankte mich sehr herzlich bei Kristian Gentner und schickte, kaum hatte ich aufgelegt, gleich eine E-Mail-Anfrage ab. Dann endlich konnte ich mich meiner feierwilligen Familie zuwenden.


    „Auf ein großartiges Jahr 2022!“, rief ich aus.


    Draggy und ich stießen mit Champagner an, Malte bekam auch ein Glas, für die anderen gab es Kindersekt.


    „Auf uns!“, sagte Draggy.


    Wenig später gingen wir dann alle vor die Tür und verballerten alles, was wir an Feuerwerk im Haus finden konnten.

  • Also nach sehr langer Abstinenz habe ich mit Freuden die Story wieder gelesen...

    Ich kann nur sagen

    Hut ab

    Kapp uff


    ne also echt...super Story und geniale Nebenschauplätze.hoffe es geht genauso weiter.

    Mich würde ja echt interessieren wie Enno den Besuch in Dortmund rausbekommen hat,bzw wie er jetzt drüber denkt