Fast ganz unten ...


  • Als Matze mich anrief, wusste ich noch nicht, was auf mich zukommen würde. Wäre ich ansonsten vielleicht gar nicht ans Telefon gegangen? Ich weiß es nicht ...

    Wie dem auch sei: Mein Handy klingelte, Matzes Nummer wurde angezeigt und ich ging ran.

    Matze war ein ... Kumpel? Bekannter? Das trifft es halbwegs. Definitiv konnte man ihn nicht als „Freund“ bezeichnen, ich ohnehin nicht, denn ich würde in meinem Leben nur ganz wenige Personen als „Freund“ titulieren. Zu der damaligen Zeit ohnehin nicht.

    Ich kannte Matze seit ein paar Jahren als „Fußballvater“. Sein Sohn, benannt nach einer US-amerikanischen Metropole (ich vermutete, es handelte sich um den Zeugungsort des Jungen, vielleicht lag ich damit aber auch komplett falsch), spielte mit meinem Erstgeborenen ein paar Jahre in derselben Mannschaft. Ich glaube, mit zehn wechselte Matzes Filius zu uns, ein damals schon großer Junge mit langen, dünnen Beinen, als aktiver Leichtathlet auch sehr flink. Fußballerisch war er ordentlich und eine gute Ergänzung des Teams, in dem mein Sohn der Torwart war und das seinerzeit im Landkreis und darüber hinaus von Erfolg zu Erfolg eilte.

    Matze war stylisch, gut gekleidet, jugendlich-forsch - und echt nett. Er war Prokurist beim örtlichen Stromversorger und Chef des Hallenbades und er kannte Gott und die Welt und noch mehr Leute. Im Laufe der nächsten Jahre engagierte er sich immer mehr im Verein und wurde zu einem unverzichtbaren Bestandteil in der Elternschaft und auch im Verein.

    Dass er mich anrief, war trotzdem überraschend. Unser Kontakt war dadurch, dass mein Großer in ein Nachwuchsleistungszentrum gewechselt war, etwas eingeschlafen und hatte sich wieder mehr intensiviert, als der Große nach 18 Monaten wieder zurückkehrte, um Spielpraxis zu sammeln, die er im NLZ nicht mehr bekam.


    Nach dem üblichen Vorgeplänkel kam Matze dann zur Sache:

    „Du kennst Dich doch im Fußball aus und hast ja im Moment vielleicht auch etwas Ablenkung nötig.“

    Das waren nun zwei Halbwahrheiten in einem Satz ... Kennt man sich im Fußball aus, wenn man am PC Fußballsimulationen spielt, selber in einer Betriebssportmannschaft, aber nie im Verein, gekickt hat, seit ein paar Jahren als Fußballvater unterwegs ist und eine Mannschaft von 6jährigen übernommen hat, weil es kein anderer wollte, und mit dieser Mannschaft seit drei Jahren immerhin so gut umging, dass jedes einzelne Kind immer wieder gerne zum Training kam? Ok, wir hatten sogar die Hallenkreismeisterschaft gewonnen ... Aber auskennen?

    Und das mit der Ablenkung ... Ich hatte mich verliebt, in eine andere Frau als meine Ehefrau, was dazu führte, dass ich aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und in einer 2-Zimmer-Wohnung untergekommen war. Meine Freundin hatte selber Familie und wohnte 100 km entfernt, was die Beziehung zu einer fast ausschließlichen Wochenendbeziehung machte. Alles in allem war es grade alles nicht so einfach, aber brauchte ich deswegen Ablenkung?


    Während ich darüber noch sinnierte, erzählte Matze davon, dass den 1. Herren der Trainer abhanden gekommen war. „Beruflich bedingt. Paule hat einen neuen Job bekommen, in Aschaffenburg. Er wird zum 01.10. umziehen und hat dem Vorstand gesagt, dass er ab sofort keine Zeit mehr hat. Wohnung suchen, Umzug planen undsoweiterundsofort. Der Vorstand ist natürlich nervös und an einer schnellen Wiederbesetzung interessiert. Und als ich gestern Abend mit Martin und Sven essen war und wir mögliche Kandidaten durchgegangen sind, kamen wir auf Dich ...“


    Martin und Sven. Das waren der erste Vorsitzende und der Jugendabteilungsleiter, der aber mehr war als nur ein Jugendabteilungsleiter. Ohne sie lief zumindest im Jugendfußball nichts, aber dass sie auch über die 1. Herren bestimmten, das war mir neu.


    „Auf mich? Aber ich habe nie selber gespielt und bisher nur Kinder trainiert. Kinder, noch nicht mal Jugendliche! Da kann man mich doch nicht auf die 1. Herren loslassen. Die spielen ja auch nicht irgendwo, nicht in der 2. Kreisklasse oder so, sondern in der Landesliga. Kann ich die überhaupt mit meiner C-Lizenz trainieren?“


    Matze lachte sein Matze-Lachen, mit dem er noch jede/n rumbekommen hatte. „Das ist kein Problem, Sven hat da schon seine Fühler ausgestreckt ...“ und es folgten ein paar Minuten mit salbungsvollen Worten, Bauchpinselei, Argumenten, Versprechungen und Verlockungen.

    Am Ende war ich so weit, dass ich ihm auch einen Gebrauchtwagen und eine Waschmaschine abgekauft hätte, dabei hatte ich beides schon und eigentlich auch nicht genügend Geld übrig für solche Anschaffungen. Ich willigte ein.



    Als ich am Abend mit meiner Freundin per Skype telefonierte, brauchte sie nicht mal eine halbe Minute, um herauszubekommen, dass etwas nicht stimmte. Weitere zwei Minuten dauerte es, dann sah sie mich mit ihrem unnachahmlichen Blick an. „Reichen Dir Deine Jungs nicht? Wir haben so schon kaum Zeit für uns - wie soll das dann erst werden, wenn Du eine Herrenmannschaft trainierst?“


    Natürlich hatte sie Recht. Das wusste ich und trotzdem argumentierte ich dagegen.

    Versprach, genügend Freiraum für uns zu schaffen.

    Verwies darauf, dass ich ein Sonntagskind sei, das bisher alles geschafft habe.

    Dass ich schon alles unter einen Hut bringen würde.

    Dass wir uns ja trotzdem sehen würden, weil die Spiele doch nur an einem Tag des Wochenendes stattfänden.

    Dass das Training an den Werktagen sei.

    Dass sie ja auch mit auf den Platz kommen könne.

    Dass sie doch immer gesagt habe, sie wolle alle Seiten meines Lebens mit mir teilen und Fußball gehöre nun mal dazu.

    Ich redete und redete - doch letztlich versuchte ich wohl nur, mich selbst zu überzeugen.

    Das Telefonat endete irgendwann, ohne dass wir zu einer wirklichen Annäherung kamen. „Letztlich machst Du ohnehin, was Du willst. Gute Nacht ...“

  • Drei Tage später, am Montag den 18. Juni 2018, war das erste Training angesetzt.

    Ich kam auf den Platz ... und wunderte mich erst einmal. Dann zählte ich die Spieler durch, die sich im „Gammeleck“ bereits aufwärmten: „Zwei, vier, sieben, neun, elf ... 15, 16 ... 16?“

    Ich rief Dieter „Didi“ Döll zu mir. Didi kannte ich von allen Spielern am besten, denn er gehörte auch zu den Jugendtrainern des Vereins. Er war ein netter Kerl, 24 Jahre alt, und spielte im Mittelfeld. Didi kam angetrabt und wir klatschten zur Begrüßung ab.

    „Na, Trainer ... bist ein bisschen spät dran, was?“

    Da hatte er gleich meinen wunden Punkt erwischt: Ich musste im Büro noch eine eilige Sache erledigen, daher kam ich dort später los als gedacht. Dazu noch der Stau des Feierabendverkehrs und zack - hatte ich am ersten Trainingstag gleich eine Verspätung. Peinlich.

    Didi merkte wohl, dass ich etwas schuldbewusst dreinblickte, denn er beeilte sich zu sagen: „Ist ja nicht schlimm. Wir haben dann einfach schon mal angefangen, sind ja auch schon groß.“ Er zwinkerte mir zu.

    Ich lächelte kurz und kam dann auf den Punkt: „Danke, Didi. Aber sag’ ‘mal: Wo sind denn die anderen Spieler? Wir waren doch mehr als 16?“.

    Didi verzog das Gesicht. „Die Verräter haben sich abgesetzt, als sie mitbekommen haben, dass Paule nicht mehr da ist. Ein paar hatten eh nicht mehr richtig Bock und andere ...“

    Er zögerte, aber nur kurz. „Andere konnten sich das mit Dir nicht richtig vorstellen. Die haben sich verkackeiert gefühlt und gesagt, sowas tun sie sich nicht an. Die wollten zu einem ...“ er hob die Finger und simulierte Anführungszeichen „professionellen“ Verein.“

    Dann zuckte Didi mit den Schultern und zwinkerte erneut: „Aber die, die hier sind, die bleiben auch. Das sind echte „Vorwärts’er“! Wollen wir loslegen? Die warten schon.“

    Ich nickte und gemeinsam gingen wir zu den anderen.

    Ich scharte die Jungs um mich und bat zuerst um eine kurze Vorstellungsrunde, da ich nicht alle kannte und nicht alle mich kannten. Danach ging es dann mit dem richtigen Training los.


    Nach dem Training, als ich alleine in meiner Wohnung saß, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen und vor allen Dingen mir einen genaueren Überblick über die Mannschaft zu verschaffen.


    Wobei Mannschaft ... 16 Spieler waren schon arg wenig ... und dann diese Unwucht:

    Ein Torwart. Den würden wir in Watte packen müssen, damit ihm ja nix passiert.

    Viereinhalb Verteidiger, dafür siebeneinhalb Mittelfeldspieler.

    Drei Stürmer.

    Was sollte man denn daraus für eine Formation basteln? Am ehesten ein 3-5-2, was anderes machte ja keinen Sinn ... oder vielleicht doch 4-4-2 ...


    Die Zeit verging. Ich verlor mich in den Weiten des Netzes, las hochspannende Artikel bei trainerblog und spielverlagerung, suchte, fand und verwarf wieder, dachte, grübelte und zweifelte ... und am Ende kritzelte ich etwas aufs Papier:


    Das war sicher noch nicht das Gelbe vom Ei, aber immerhin ein Anfang.

    Klar war aber, dass sich noch etwas tun musste. Wir hatten nur einen Keeper, kaum Variationsmöglichkeiten in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld sah es auch mau aus ...


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    „Also zusammengefasst: Wir haben nur einen Keeper, kaum Variationsmöglichkeiten in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld sieht es auch mau aus ...“.

    Ich schaute Martin erwartungsfroh an.

    Martin erwiderte meinen Blick. „René, ich verstehe Dich zwar. Aber Du musst mit dem auskommen, was wir im Moment an Bord haben.“

    „Martin, Du verstehst nicht. Wie soll ich mit einem 16-Mann-Kader die Landesliga halten? Wir haben ...“

    „Nein, DU verstehst nicht, René“, unterbrach er mich.

    „Wir haben schlicht kein Geld. Wir können uns keine neuen Spieler leisten. Nur, wenn sie Geld mitbringen, dann könnten wir darüber reden. Aber im Moment haben wir keinen Spielraum.“

    „Aber ...“

    „Kein ‘Aber’. Ich will Dir mal was zeigen.“

    Martin stand von der Couch auf. Wir waren bei ihm zuhause und hatten es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Nur leider schien es gerade ein wenig ungemütlich zu werden ... Er wühlte in den Unterlagen, die auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. „Das Genie beherrscht das Chaos“, ging es mir durch den Kopf, als ich ihn beobachtete. Offenbar wurde er fündig, denn er kehrte zu mir zurück, mit einem Ordner in der Hand. „Finanzen“ stand darauf zu lesen.

    „Weißt Du, wie viel wir derzeit auf dem Konto haben? Mit „wir“ meine ich den SV Vorwärts Nordhorn. Was meinst Du, wie viel?“

    „Ich habe keine Ahnung. Und im Schätzen bin ich immer schlecht gewesen.“

    „Ich will es Dir sagen.“ Martin holte Luft. „Wir haben derzeit unglaubliche ... 7.845 EUR auf dem Konto. Immerhin ein Plus.“ Er verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln. „Weißt Du, was wir in diesem Monat für Ausgaben haben?“ Martin wartete meine Antwort nicht ab, sie wäre auch nicht wirklich sinnvoll gewesen.

    „3.255 EUR. Und zwar 2.288 EUR an Spielergehältern, 850 EUR an Mitarbeitergehältern, dann 81 EUR Steuern, 31 EUR außerbetriebliche Kosten und 4 EUR Loyalitätsbonus.“ Er hielt inne. „Die Loyalität desjenigen scheint ja nicht so groß zu sein bei der Summe ... Egal. Die Einnahmen in diesem Monat betragen 656 EUR. 431 EUR Dauerkarten, 218 EUR Zuschüsse von der Stadt, der kümmerliche Rest sind Fanartikel. Im letzten Monat hatten wir immerhin 7.310 EUR an Sponsorengeldern. Aber mehr hatten wir an Einnahmen nicht.“

    „Aber Martin, wir hatten noch kein einziges Spiel. Da kommt doch durch Kartenverkäufe mehr rein als diese 600 EUR. Und wenn wir spielen, dann gibt es auch mehr Fanartikelverkäufe. Sven hatte doch den Onlineshop komplett neu gemacht, das sieht richtig gut aus. Da werden doch mehr Leute von angesprochen als bisher.“

    Martin nickte. „Das stimmt, René, das stimmt. Aber ... wie Du sagst: Wir hatten noch kein einziges Spiel. Wir hatten also noch keine Reisekosten für die Fahrten zu den Auswärtsspielen. Wir hatten noch keine Spieltagsausgaben für die Heimspiele. Wir hatten noch keine Instandhaltungskosten und Du kannst wetten, das irgendwas kaputt geht. Die Jugendeinrichtungen kosten Geld, die Turniere kosten Geld undundund.“

    Er kramte eine bunte Übersicht hervor. „Hier, das ist die Prognose auf Grundlage der von uns bisher ermittelten Zahlen.“



    „Glaubst Du mir jetzt, dass wir kein Geld haben?“

    Ich schaute betreten auf die Zahlen, die nun wirklich kein gutes Bild ergaben.

    „Das Ganze haben wir Henry zu verdanken. Wir haben dem alten Saufkopp viel zu lange nicht auf die Finger gescheut.“ Martin holte tief Luft.

    „Sven und ich sind dabei, uns einen Überblick zu verschaffen und vor allen Dingen Einsparmöglichkeiten zu finden und neue Sponsoren zu gewinnen. Der ersten Mannschaft kommt als Aushängeschild dabei natürlich besondere Bedeutung zu. Wenn die Erste Erfolg hat, strahlt das aus. Dann kommen die Zuschauer, dann die Sponsoren und dann die Einnahmen. Das bedeutet für Dich, dass Du in die obere Tabellenhälfte kommen solltest.“

    „Mit 16 Spielern? Mit nur einem Torwart? Wie stellst Du Dir das vor?"

    „René, Du bekommst von uns alle Unterstützung - sie darf nur nichts kosten. Schau Dich in der U 19 um ...“

    Ich unterbrach ihn: “Da spielen 15, 16-jährige.“

    „Da spielen gute Jungs, die Förderung verdienen. Sei kreativ. Sprich Spieler an, die Du kennst. Vielleicht sind sie bereit, für einen Appel und ein Ei zu spielen. Wir vertrauen Dir da voll und ganz. Nur ...“

    Er sah mich an.

    „Es darf nichts kosten.“

  • Klar war aber, dass sich noch etwas tun musste. Wir hatten nur einen Keeper, kaum Variationsmöglichkeiten in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld sah es auch mau aus ...


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    „Also zusammengefasst: Wir haben nur einen Keeper, kaum Variationsmöglichkeiten in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld sieht es auch mau aus ...“.

    Allein hierfür hast du dir meine Stimme bei der nächsten Wahl gesichert! Ich freue mich auf die Story, da ich ja selbst Jugendtrainer bin und die Probleme von kleineren Vereinen gut kenne :manual:

  • Mittlerweile waren zwei Wochen vergangen, seitdem ich die Verantwortung für die Erste Mannschaft übernommen hatte.

    Die Stimmung in der Kabine wurde etwas besser, obwohl ich im Training schon mal strengere Töne angeschlagen hatte. Mir hatte die Einstellung von zwei, drei Spielern nicht gefallen und das hatte ich klar zum Ausdruck gebracht. Die Jungs hatten sich einsichtig gezeigt.

    Vielleicht hatte das ja sogar zur Stimmungsverbesserung beigetragen? Bei Kindern war das ja so: Wenn jemand die Störenfriede mal ordentlich auf den Pott setzte, erfreute das immer die anderen, die das Training ernst nahmen und von den Störenfrieden angenervt waren.


    Ein erstes Testspiel hatten wir auch absolviert. Gegen den Landesligisten SV Rödinghausen II hieß es am Ende 1:1.

    Wir kamen richtig gut in die Partie und nach einer Viertelstunde konnte „Didi“ Döll die Führung erzielen, als er fast vom Elfmeterpunkt einen Hereingabe verwerten konnte. Der Treffer war wirklich schön herausgespielt!

    Rödinghausen, immerhin die Reserve eines Regionalligisten, wurde mit der Zeit stärker und kam nach einer halben Stunde zum Ausgleich. Ein Freistoß wurde flach an den ersten Pfosten gebracht, Castillo war nicht dicht genug an seinem Gegenspieler, der den Ball über die Linie drückte. In den Minuten nach dem Ausgleich hatte Knystock alle Hände voll zu tun, um uns im Spiel zu halten. Dann gab es plötzlich eine rote Karte für Rödinghausen II wegen eines harten Foulspiels von hinten und die Drangphase der Gäste war vorüber.

    Zur Pause nahm ich fünf Wechsel vor, damit alle Spieler auch tatsächlich auf ihre Spielzeit kamen. In der zweiten Hälfte ging es gut hin und her, beide Mannschaften hatten ihre Chancen und wir konnten von der Überzahl nicht profitieren. Am Ende hieß es leistungsgerecht 1:1 und ich konnte mit dem ersten Auftritt meiner Mannschaft durchaus zufrieden sein.


    Am Donnerstag darauf empfingen wir zuhause den Bezirksligisten Preußen Lengerich.

    Immerhin rund 70 Fans hatten sich versammelt und vor denen wollten wir natürlich gut aussehen. Die Partie ließ sich auch gut an: Schon in der 18. Minute spielte „Didi“ Döll den tödlichen Pass in den Lauf von Kuleszka. Der ging mit Tempo in Richtung Tor, wurde zwar von einem Verteidiger bedrängt, konnte aber trotzdem aus acht Metern die Führung für uns erzielen!

    Auch in den nächsten Minuten blieben wir weiter offensiv und waren deutlich überlegen. Nach 28 Minuten kamen wir völlig verdient im Anschluss an eine Ecke zum 2:0. Dachte zumindest jeder auf und neben dem Platz, nur der Schiedsrichter nicht. Das Tor wurde wegen Abseits aberkannt.

    Zum Teil zeigten wird in dem Spiel richtig schöne Spielzüge. Ok, es war „nur“ ein Bezirksligist, aber trotzdem. Altendorf mit einer Riesengelegenheit - er MUSSTE das Tor machen, schoss freistehend aber nur den Torwart an.

    Wie die Kinder: Mitten drauf hämmern, statt überlegt in die Ecke zu spielen. Unglaublich ...

    Kurz vor der Pause war es wieder Altendorf, dieses Mal machte er alles richtig, visierte die Ecke an, aber der Ball ging knapp vorbei. Schade!

    Kurz nach der Pause gab es einen Freistoß für die bisher komplett harmlosen Gäste. Der Ball wurde mehr oder weniger blind in Richtung Tor geschlagen, niemand berührte ihn, er ging an Freund und Feind vorbei, tischte auf und ... am verblüfften Knystock vorbei ins Netz. Ausgleich, und das auf selten dämliche Art und Weise ...

    Danach zeigten wir wütende Angriffe, wie man so schön sagt, aber es bedurfte eines Elfmeterpfiffes, damit wir wieder in Führung gehen konnten. Nach Foul an Nikolaev verwandelte Neziri sicher. Das war in der 65. Minute.

    Viel geschah dann nicht mehr. Die Gäste blieben limitiert und wir taten auch nicht mehr viel. Außer Halstenberg, der in der Nachspielzeit von links in den Strafraum drang und ins kurze Eck schoss. Ein Landesligatorwart hätte den vielleicht gehabt, aber ich wollte nicht meckern.


    Als „Höhepunkt der Vorbereitung“ hatten wir zwei Testspiele gegen Mannschaften aus Belgien bzw. den Niederlanden geplant.

    Zum einen ging es gegen ein Team aus der „Tweede klasse amateurs“, immerhin die vierthöchste Liga Belgiens, deren Stärke irgendwo zwischen der Regionalliga und der Oberliga angesiedelt war. Der KSC Olympia Wijgmaal hatte sich auf Tour durch den Westen Deutschlands begeben, um Spiele gegen die Landesligisten FC Kray (Niederrhein) und Rehlingen-Fremersdorf (Saarland) sowie gegen den Oberligisten FC Brünninghausen (Westfalen) zu absolvieren. Und eben gegen uns.

    Die Gäste waren schon deutlich favorisiert. Umso überraschender und positiver war es, dass wir bis weit in die 2. Hälfte hinein gut mitspielten und sogar 2:0 führten. Nikolaev nach zehn Minuten zentral aus 17 Metern und Neziri mit einem sehenswerten Volleyschuss (nach ebenso sehenswerter Vorlage von Berkenbaum) kurz nach der Pause waren für uns erfolgreich.

    Aber dann schlugen die Belgier gnadenlos zu. In der letzten Viertelstunde schenkten sie uns noch vier Treffer ein.

    Und alle, ALLE fielen nach einer Standardsituation. Ein Tor nach einer Ecke, die restlichen drei nach Freistößen. Hier gab es also noch allerhand zu tun, aber nichtsdestotrotz war ich mit dem Spiel zufrieden.


    Meine Zufriedenheit sollte sich nach dem nächsten Spiel noch steigern: Wir hatten die zweite Mannschaft des FC Utrecht aus den Niederlanden zu Gast. Die aus U 21-Spielern bestehende Truppe, Jong FC Utrecht genannt, spielte in der zweithöchsten Spielklasse im niederländischen Fußball und war natürlich hoher Favorit gegen uns.

    Das Spiel ging auch entsprechend los: Der erste Angriff der Gäste führte gleich zum Torerfolg durch Jonas Arweiler, einen 21 Jahre alten Deutschen. Als nur zehn Minuten später das 0:2 fiel (wieder einmal nach einem Freistoß ...), richtete ich mich gedanklich schon auf eine Klatsche ein.

    Aber dann begannen wir, den Respekt abzulegen. Nikolaev konnte eine Freistoßflanke zum Anschlusstreffer ins Tor köpfen. Die gesamte Abwehrreihe hatte da gepennt und auf Abseits gespielt, und auch der Keeper sah beim Herauslaufen deutlich älter aus als er eigentlich war.

    In der 53. Minute gelang uns sogar der Ausgleich: „Didi“ Döll spielte einen tollen Ball hinter die Abwehrkette des Jong FC Utrecht und erneut war es Nikolaev, der davon profitierte und einschoss!

    15 Minuten vor dem Ende schien dann aber doch alles den erwarteten Gang zu gehen, denn erneut Arweiler brachte die Niederländer wieder in Führung.

    Doch in der Nachspielzeit schlug Schäfer einen langen Ball nach vorne, wieder hinter die Abwehrreihe, dieses Mal in den Lauf von Neziri, der cool blieb und aus 14 Metern den Ball am Torwart vorbei in die lange Ecke schob.

    3:3 gegen einen Zweitligisten - das war ein toller Erfolg der Truppe!


    Zwei Wermutstropfen gab es allerdings: Unser tolles Spiel hatten nur 50 Zuschauer gesehen. Und Lukas Berkenbaum zog sich eine Oberschenkelprellung zu. Ob er bis zum Ligaauftakt in einer Woche wieder fit würde, stand in den Sternen.


  • Die letzte Woche vor dem Ligastart war gespickt mit Gesprächen.

    Zunächst einmal galt es, sich mit Bojan abzustimmen.

    Bojan?

    Bojan!

    Bojan war mein neuer Co-Trainer.

    Wo ihn Martin, Sven und Matze her hatten, weiß ich nicht. Vermutlich war es ein Bekannter.

    Wie sie ihn dazu überredet hatten, den Posten anzunehmen, weiß ich nicht. Vermutlich hatten sie ihn zu dritt in die Mangel genommen und bequatscht.

    Mir war es im Grunde egal - Hauptsache, ich hatte jemanden, der mich beim Training unterstützte. Wir einigten uns darauf, dass Bojan sich im Wesentlichen um die technischen Fortschritte im Team kümmern sollte, denn da war er mir um einiges voraus.


    Dann musste [Ergänzt auf Lancelots Hinweis. Danke! ;-)] ich entscheiden, wer meine Mannschaft als Kapitän auf das Feld führen sollte.

    Anfangs hatte ich durchaus Bammel davor. Das hing vermutlich damit zusammen, dass ich es allen Leuten Recht machen will. „Konfliktscheu“ könnte man mich nennen. Wobei ich durchaus weiß, was ich will und das auch durchsetzen kann. Aber es soll halt möglichst allen in meiner Umgebung gut gehen. Leider führt diese Eigenschaft manchmal zu Verhaltensweisen, die von anderen als „Rumeiern“ bezeichnet werden. Nun gut ...

    Letztlich wurde mir die Entscheidung aber nicht schwer gemacht. Ich hatte von Anfang an einen besonders guten Draht zu Dieter Döll, weil wir uns eben schon länger kannten und gut miteinander auskamen. Und seine bisherigen Leistungen im Training und bei den Testspielen sprachen für sich: „Didi“ ging im Training voran. Er war einer der ersten auf dem Platz und einer der letzten, die vom Platz gingen. Er war immer da, man konnte sich zu 100 % auf ihn verlassen. Und in den bisherigen Testspielen war „Didi“ jeweils einer der besten Spieler gewesen und hatte in eigentlich jedem Spiel überzeugt.

    Als ich ihn nach dem Dienstagstraining ansprach und von meinem Plan erzählte, war er zunächst überrascht, aber schon kurz danach hocherfreut:

    „Ja klar, gerne! Das wäre schon cool!“

    Dann zögerte er und kniff die Augen etwas zusammen. So musterte er mich kurz und fragte dann: „Kein Scherz?“

    „Didi, mit so etwas scherze ich nicht.“

    „Cool! Ich mach’s!“

    Die Mannschaft nahm die Entscheidung positiv auf, zumindest beschwerte sich niemand lauthals. Es schien auch keiner überrascht, ärgerlich oder enttäuscht. Das hatte also gut geklappt.


    Von den Gesprächen mit meiner Freundin konnte man das leider nicht behaupten, zumindest wenn es um Fußball ging. Dann wurde ihr Gesicht ganz schmal und sie schien sich regelrecht zu verkrampfen. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt, als ich ihr den Spielplan eröffnete - die Landesliga Weser-Ems absolvierte ihre Spiele immer sonntags.

    „Wie stellst Du Dir das denn vor“, fragte sie. „Du musst mindestens anderthalb Stunden vor dem Spiel da sein, wenn nicht noch früher.“

    Ich holte Luft, um zu protestieren, ließ das aber sein, denn sie hatte Recht: Ich wollte immer so früh wie möglich auf dem Platz sein, um alles bestmöglich vorbereiten zu können. Wer sollte es denn sonst machen, wenn nicht ich. So war ich es auch von meinen Jugendspielen gewohnt. Kabinen aufschließen, Trikots auslegen, Schiedsrichter und Gäste in Empfang nehmen, Aufstellung im Internet freigeben ... Nur gut, dass die Tore auf dem Hauptplatz fest verankert waren, sonst hätte ich die auch jedes Mal noch hingestellt. Alleine. Wenn ich es mir Recht überlegte, war ich nicht ganz dicht.

    „Nach dem Spiel dauert es auch, bis Du nach Hause kommst. Nachbesprechung, vielleicht das ein oder andere Bierchen in der Kabine.“

    „Ich trinke keinen Alkohol“, wandte ich zaghaft ein, was aber nur mit einem scharfen Blick quittiert wurde.

    „Dann eben Wasser ... Jedenfalls geht für so ein Spiel der halbe Tag drauf. Bei Auswärtsspielen noch mehr. Und wir wollen nicht von Deiner Stimmung reden, wenn Du dann wieder zuhause bist. Du grübelst doch schon über jedes Spiel Deiner Kindermannschaft nach - wie soll das erst mit den Erwachsenen werden?“

    Es fehlte nicht viel und wir hätten das Telefonat im Streit beendet. Zum Glück bekamen wir bei solchen Diskussionen immer wieder die Kurve und konnten weiter vernünftig miteinander reden.


    Im Verlauf mehrerer solcher Gespräche einigten wir uns schließlich darauf, dass wir bis zur Winterpause testen würden, wie es klappte, die drei großen „F“s, die mein Leben beherrschten, unter einen Hut zubringen - „Fußball“, „Freundin“ und „Familie“.


    Die Reihenfolge ist übrigens Zufall.

    Wirklich!


    [-----]


    Dann war es endlich soweit - das Abenteuer Landesliga Weser-Ems begann.

    Das erste Spiel führt uns nach Wallenhorst zum dortigen TSV. Wallenhorst liegt zwischen Osnabrück und Bramsche, etwa 80, 85 Kilometer von Nordhorn entfernt. Da bekam ich gleich mal einen kleinen Vorgeschmack auf das, was mich an Entfernungen und Zeitaufwand so erwartete:

    Anpfiff war um 15:00 Uhr. Eine Stunde vorher da sein. Eine Stunde Fahrtzeit. Mit etwas Puffer erfolgte die Abfahrt also um 12:45 Uhr.

    Spielende um 16:45 Uhr. 17:30 Uhr Abfahrt, 18:30 Uhr wieder in Nordhorn.

    Alles in allem sechs Stunden verballert - ich würde noch oft an meine Freundin denken, dachte ich mir.


    Das Spiel selbst begann äußerst ungünstig. Keine zwei Minuten waren rum, als das erste Foulspiel von uns gleich zu einer gefährlichen Situation führte: Freistoß aus 17 Metern Entfernung, links vom Tor versetzt. Vier Mann standen in der Mauer, sie sprangen auch hoch, aber gegen den Schuss von Simplice N’Goma war einfach kein Kraut gewachsen. Der Ball schlug in der Mauerecke ein und wir lagen gleich mal hinten.


    Simplice N’Goma ... ein Name wie ein Gedicht und genau so spielte der OML von Wallenhorst auch. Ein Klassekicker, der uns ein ums andere Mal mächtig in Verlegenheit brachte. Und das bei gefühlten 1,60 Körpergröße ...


    Auch in der Folgezeit bekamen wir keinen wirklichen Zugriff auf dieses Spiel. Die meiste Zeit liefen wir hinterher, hielten aber immerhin das Tor sauber. Unser Keeper, der gute Wolfgang Knystock machte wirklich ein sehr gutes Spiel.

    38 Minuten waren rum, als Piesche in Höhe des eigenen Fünfmeterraums zum Einwurf schritt. Der Einwurf war eine einzige Katastrophe, er ging direkt zum Gegner. Ahmon passte einfach in den Lauf von Mladenovic und der schoss hart, platziert und unhaltbar aus etwa zwölf Metern ins Tor.


    Dann war Pause, ich war bedient und das bekamen die Jungs auch zu spüren. Im ersten Spiel schon an die Ehre appellieren zu müssen - so hatte ich mir das nicht vorgestellt.


    Aber es brachte etwas. Wir wurden mutiger, griffiger und besser. Eine knappe Stunde war gespielt, als ein Schussversuch von Altendorf geblockt wurde. Der Ball kam ihm wieder vor die Füße, er legte rechts raus auf „Didi“. Flanke in Richtung des zweiten Pfosten und Anton „Toni“ Nikolaev vollendete mit rechts zum Anschlusstreffer. Toni hielt sich nicht lange mit Jubeln auf, sondern holte den Ball aus dem Netz. Hier war noch was drin.

    Ein paar Minuten später gab es einen Eckball für uns. „Didi“ war der Mann für diese Fälle, der den Ball vor das Tor ziehen sollte. Das machte er auch, Ylli Neziri lief ein und köpfte den Ball unhaltbar in die Maschen - Ausgleich, 2:2.


    Bis zum Schlusspfiff änderte sich nichts mehr daran. Das lag im Wesentlichen daran, dass Knystock noch zwei, drei Mal glänzend reagiert. Ohne ihn hätten wir hier ganz alt ausgesehen.



    Auf der Rückfahrt versuchte ich meine Gedanken zu ordnen.

    Einerseits hatten wir einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt. Das war positiv.

    Andererseits hatten wir den Zwei-Tore-Rückstand zugelassen. Und am Ende Glück bzw. eben Knystock. Das war nicht so positiv.

    Hatten wir uns von dem Unentschieden gegen Jong FC Utrecht blenden lassen?

  • Die nächste Trainingswoche verlief eher durchwachsen.

    Ylli Neziri, im Spiel gegen Wallenhorst noch Schütze des Ausgleichstreffers, verletzte sich im Training. „Muskelfaserriss im Bauchmuskelbereich“ hieß es, nachdem er sich im Krankenhaus hatte untersuchen lassen. Das bedeutete zwei bis drei Wochen Pause. Zum Glück hatten wir ja insgesamt drei Stürmer. Aber bei der kurzen Personaldecke durfte nicht mehr viel passieren, sonst würden sich bald einige 16jährige Jungs über die ersten Einsätze bei den 1. Herren freuen dürfen ...


    „Didi“ Döll ging im Training wieder vorneweg und mit gutem Beispiel voran, was Einsatz, Motivation und Freude anging. Ein echter Kapitän, das konnte man nicht anders sagen.

    Marcel Piesche war dagegen nicht gut drauf, womöglich lag es noch an seinem „Fehlwurf“, der zum Gegentor in Wallenhorst geführt hatte.


    Wer aber auch negativ auffiel, war Maximilian Bremser. Ob er sich seines Stammplatzes zu sicher war? Immerhin spielten wir bisher immer mit einer aus drei VZ bestehenden Dreierkette und die stellte sich ja quasi von selber auf. Jedenfalls wirkte er äußerst lustlos und so sprach ich ihn nach dem Training mal an.

    „Was willst Du denn? Ich bringe doch meine Leistung beim Spiel, oder? Und ich habe bisher noch keinen Fehler gemacht, der zu einem Gegentor geführt hat.“, entgegnete Bremser.

    „Das stimmt schon, Maxi. Aber was Du da heute und auch vorgestern beim Training gezeigt hast, das war nicht besonders doll. Du bist unaufmerksam und machst nur halbherzig mit. Was ist los?“

    „Nichts ist los. Lass mich nur machen, am Sonntag bringe ich schon meine Leistung.“

    Mehr als ein müdes „Na dann ...“ fiel mir in dem Moment nicht ein und so zog Bremser von dannen.


    Am Sonntag war der SV Grün-Weiß Firrel zu Gast.

    Firrel liegt im Landkreis Leer, sodass die Mannschaft mit 90 Minuten schon die Dauer eines Spiels im Auto verbracht haben würde, ehe sie bei uns eintraf. Der Verein existierte erst seit 1973, war also verhältnismäßig jung. Dafür hatte es die Mannschaft mit der Zugehörigkeit zur Landesliga schon recht weit gebracht.

    In den Lokalzeitungen galten wir als Favorit. Mal sehen, wie weit es mit der Fachkompetenz der Blätter her war ...


    Für den verletzten Neziri lief Maciej Kuleszka auf, der bisher den schwächsten Eindruck unserer drei Stürmer gemacht hatte. Tatsächlich war er es aber, der uns nach etwas zähen ersten 30 Minuten in Führung brachte. Altendorf hatte - noch in der eigenen Hälfte - auf der rechten Seite den Ball erhalten und setzte zu einem Sprint über 30, 40 Meter an. Dann legte er den Ball auf Nikolaev, der in Höhe der rechten Strafraumgrenze den Ball rüber auf die linke Seite spielte. Da kam Döll (wer sonst?) angerauscht, nahm den Ball an und mit, spielte ihn in den Strafraum und dort fackelte Kuleszka nicht lange und schoss ein.

    Ein schöner Spielzug, gekrönt von dem dritten Stürmertor der Saison. Und wieder hatte Käpt’n Döll die Vorlage gegeben!


    Mit diesem Tor zogen wir das Spiel auf unsere Seite. Wir hatten den Gegner jetzt gut im Griff, kamen aber zu keinem weiteren Treffer. Jedenfalls nicht vor der Halbzeitpause.


    In der zweiten Hälfte machte sich Firrel die Aufgabe noch schwerer, indem Zjawinski seine zweite gelbe Karte in diesem Spiel sah. Es war ein Foul, keine Frage. Aber ob man da einem gelbverwarnten Spieler zwingend die zweite Gelbe zeigen musste ... aber der Schiedsrichter hatte nunmal so entschieden.


    Ein paar Minuten später trat Döll eine Freistoßflanke, die abgewehrt wurde. Bähre ging dem Ball entgegen und schlug wieder ihn auf Döll, der sich etwas nach links abgesetzt hatte und dort mutterseelenallein war. Er nahm den Ball an, hatte genug Zeit zum Flanken und in der Mitte war es wieder Kuleszka, der per Kopf das 2:0 erzielte.


    Das vierte Saisontor für Vorwärts Nordhorn.

    Das vierte Stürmertor.

    Die vierte Torvorlage für „Didi“.


    Keine zehn Minuten später, in der 74. Minute, fiel das 3:0, dieses Mal war Nikolaev der Torschütze - wieder ein Stürmer. Die Vorlage kam dieses Mal aber nicht von Döll, sondern von Tim Starke.


    So hätte das Spiel zu Ende gehen können und es wäre ein rundum perfekter Sonntagnachmittag gewesen.


    Zehn Minuten vor Schluss griff sich aber Döll nach einem Sprint an den linken Oberschenkel und ließ sich ins Gras plumpsen. Er musste ausgewechselt werden, alles deutete auf eine Zerrung oder eine ähnliche Muskelverletzung hin.


    Und in der Nachspielzeit konnte Karakas unserem Keeper ein Schnippchen schlagen und ihn mit einem Schuss in die kurze Ecke überlisten. Wolfgang Knystock, der wieder eine gute Partie machte, hatte da mit einer Flanke gerechnet und sich schon etwas in die Mitte und nach vorne orientiert, um diese abzufangen. Da reichte es dann nicht mehr, als stattdessen der Schuss kam.

    Letztlich war das aber nicht weiter schlimm, außer für Knystock, der sich natürlich mächtig ärgerte.


    Wichtiger war, wie schlimm Dölls Verletzung war und wie lange er ausfallen würde.



    Bremser hatte übrigens seine Leistung gebracht - wie er es versprochen hatte.

  • „Drei bis sechs Wochen?“ Ich seufzte. „Geht es nicht etwas genauer?“

    Mein Gesprächspartner am anderen Ende der Telefonleitung war der behandelnde Arzt von Dieter Döll in der EUREGIO-Klinik in Nordhorn. Er zeigte sich wegen meiner Nachfrage leicht gereizt. Eine genauere Angabe sei ihm nicht möglich, das hinge von den Umständen ab. Welche Umstände das waren und was das genau bedeutete, ließ er offen. Er endete mit den Worten, er habe nun Wichtigeres zu tun, als sich um die Wehwehchen eines Bezirksligakickers zu kümmern.

    Ich zog es vor, auf den Hinweis, dass es sich um einen Landesligakicker handelte, zu verzichten.


    Stattdessen machte ich mir so meine Gedanken. Ein Sechsligaverein ohne wirkliche ärztliche Abteilung - das ging einfach nicht. Dann fielen mir Martins Worte ein: „Es darf nichts kosten.“


    Es darf nichts kosten.

    Es DARF nichts kosten.

    Es DARF NICHTS kosten.


    Kannte ich einen Physiotherapeuten, der für lau arbeiten und seine vermutlich ohnehin karge Freizeit für den Fußball opfern würde? Nein. Ich kannte überhaupt nur zwei Physiotherapeuten persönlich. Davon hatte der eine eine gut laufende Praxis und die andere war eine gute Freundin meiner Frau.

    Seit ich aus der Ehewohnung ausgezogen war, hatte ich Bärbel ein oder zwei Mal kurz am Küchentisch meiner Frau gesehen. Das Verhältnis war sachlich und nett. Und Bärbel hatte vor einigen Jahren tatsächlich mal als Physiotherapeutin bei einem Fußballverein gearbeitet. Aber ob sie Zeit und Lust hatte, einzusteigen? Und dann noch auf MEINE Bitte hin?

    Nach einiger Bedenkzeit kam ich zu dem Ergebnis, dass ein Anruf nicht schaden konnte. Mehr als „Nein“ sagen konnte sie nicht.


    „Nein“, sagte Bärbel sofort, als ich ihr mein Anliegen vorgetragen hatte.

    „Ich habe so schon genug zu tun und muss ja auch noch Mike zum Fußball und Anna zum Hockey fahren. Da bin ich froh, wenn ich abends meine Ruhe habe und mich auf’s Sofa fallen lassen kann. Außerdem glaube ich nicht, dass Jo das so gut finden würde.“ Sie lachte, wurde aber schnell wieder ernst.

    „Ich wüsste aber jemanden, der Dir helfen könnte. Ein junger Bursche, der neu in unserer Praxis ist. Soweit ich mitbekommen habe, ist er auch ziemlich fußballverrückt und das wäre ja nicht hinderlich.“ Sie lachte erneut. „Christopher heißt er, ich gebe Dir mal seine Nummer ...“


    Christopher Langer war 28 Jahre alt, sportlich und gutaussehend. Außerdem gut gelaunt und enthusiastisch. Er erklärte sich nach einem kurzen Gespräch bereit, bei Vorwärts Nordhorn anzufangen. Martin bestand natürlich auf einer schriftlichen Vereinbarung, in der nähere Einzelheiten festgelegt wurden. Über ein Gehalt stand da aber nichts, es war lediglich von einer „monatlichen Aufwandsentschädigung (Benzinkosten)“ die Rede.

    Wer die zahlte? Darüber möchte ich jetzt nicht reden. Nur so viel: Ich habe ein großes Herz für meinen Verein ...


    [-----]


    Nächster Gegner in der Landesliga war der TV Dinklage. Beim Tabellen-9. standen jeweils eine 0:1-Niederlage und ein 1:0-Sieg zubuche. Das 1:0 gelang gegen Wallenhorst, da hatten wir ja 2:2 gespielt. Dinklage war also ein durchaus schwieriger Gegner, zumal wir auswärts antraten.


    Wegen der Verletztenmisere hatten wir nur drei Spieler auf der Bank. Sven hatte nochmal genau in den Statuten nachgeforscht und siehe da: Die Jugendspieler konnten wir noch nicht einsetzen, weil sie am 01.01.2019 noch keine 17 Jahre alt sein würden ... na, schönen Dank auch!


    In der ersten Spielhälfte war nur Dinklage am Drücker. Aber wir hielten aufopferungsvoll dagegen und verteidigten mit Mann und Maus. Man musste aber auch zugeben, dass Dinklage viel zu ungenau im Abschluss war. Wolfgang Knystock musste eigentlich nicht einmal wirklich eingreifen.

    Dafür war er aber unmittelbar nach der Pause gefordert, als er goldrichtig stand, um einen Schuss des völlig frei stehenden Dinklagers abzuwehren.

    Fünf Minuten später war Knystock wieder zur Stelle und reagierte glänzend. Es war der Auftakt zu einer Phase, in der Dinklage alle zwei, drei Minuten eine Tormöglichkeit hatte. Bei uns ging nach vorne nichts. Viel zu schnell gaben wir den Ball wieder her, wenn wir ihn denn mal hatten. Ich gab die Anweisung, bei Ballgewinn die Formation zu halten, damit wir geordnet von hinten aufbauen könnten. Das brachte wenigstens ein bisschen mehr Struktur.


    Die Minuten verrannen, aber gefühlt viel zu langsam. Nach einer Stunde wies die Statistik 15:1 Torschüsse für Dinklage aus. Aber nach und nach wühlten wir uns in die Partie und kamen sogar mal ab und zu in die gegnerische Hälfte.

    Fast 70 Minuten waren gespielt, da hatte Dinklage die bisher größte Chance: Ein Schuss aus 15 Metern knallte an die Querlatte. Der Abpraller fiel Tran auf den Kopf - erneut Latte! Aber ehe es zur nächsten Schusschance kam, erlöste uns der Abseitspfiff und wir hatten auch diese Situation überstanden.


    Wenig später kamen wir zu unserer zweiten Gelegenheit. Doch Schäfers Kopfball nach schöner Flanke von Piesche kam zu unplatziert auf das Tor. Aber immerhin!

    In den letzten zehn, zwölf Minuten hatten wir die Sache dann immer besser im Griff. Dinklage wirkte zunehmend plan- und kraftlos und wir konnten den Ball in unseren Reihen laufen lassen und die Dinklager von unserem Tor fern halten. Echte Gelegenheiten hatten wir aber weiterhin nicht.


    Zwei Minuten vor Spielende probierte es der Dinklager Evers nochmal aus der Distanz - der Ball titschte auf die Latte.

    In der 90. Minute noch eine Chance für Dinklage - Knystock tauchte ab und klärte zur Ecke. Aber auch die brachte nichts ein.


    Es lief die 92. Minute.

    Wir warteten nur noch auf den Schlusspfiff. Stattdessen gab es nochmal einen Freistoßpfiff.

    25 Meter Entfernung. Uli Ahne lief an und schoß den Ball über die Mauer in die kurze Ecke. Knystock kam zu spät, es stand 0:1.

    Wenig später war die Partie vorbei und wir hatten verloren.


    Bei 2:24 Torschüssen würde jeder sagen, dass die Niederlage verdient war. Trotzdem war ich stolz auf den Kampfgeist der Jungs und das sagte ich ihnen in der Kabine auch. Das hellte die Stimmung wenigstens etwas auf.



    Abends auf dem Sofa in der Zwei-Zimmer-Wohnung stieß mich meine Freundin an. Ich hatte meinen Arm um sie gelegt und wir schauten zusammen in die Ferne. Sie den Tatort und ich ins Leere, das Spiel vor meinem geistigen Auge.

    „Du ärgerst Dich immer noch, stimmt’s?“

    „Was?“

    „Nicht ‘was’, ‘wie bitte’ ...“ Das war ein running gag zwischen uns.

    „Wie bitte?“

    „Über das Spiel heute. Du ärgerst Dich immer noch.“ Sie sagte es komplett ohne Vorwurf, einfach nur als Feststellung.

    „Ja. Ja, ich ärgere mich immer noch. Und ich bin enttäuscht. Wir waren so dicht dran und dann ...“ Ich brach ab.

    „Aber jetzt sitzt Du hier neben mir. Wir haben ohnehin wenig Zeit miteinander, morgen früh bin ich wieder weg und komme erst am Wochenende wieder. Bitte vergiss den Fußball jetzt. Wenigstens bis morgen früh.“


    Sie hatte Recht.

  • Nach der Dinklage-Pleite hätte ich mir einen leichteren Gegner gewünscht, um mit einem Erfolgserlebnis den Kopf wieder hochzubekommen.

    Leider sah der Spielplan etwas anderes vor und präsentierte uns mit dem SV Hansa Friesoythe den zumindest nach den „Expertentipps“ hohen Meisterschaftsfavoriten. Und die Experten konnten sich durch den bisherigen Saisonverlauf durchaus bestätigt sehen, denn Hansa lag mit neun Punkten aus drei Partien an der Tabellenspitze. 5:0, 1:0 und 1:0 lauteten die Ergebnisse, die Friesoyther waren also gegentorlos geblieben - als einziges Team der Landesliga Weser-Ems.


    Gut, wir konnten es nicht ändern. Immerhin hatten wir den Heimvorteil und die Gäste mussten erstmal von Friesoythe rund 1:20 Std. nach Nordhorn kutschieren.

    Leider waren nicht viel mehr Zuschauer gegen den Tabellenführer neben dem Platz als bei dem Spiel gegen Firrel. Es würde noch dauern, ehe wir die Nordhorner begeistern und damit mal mehr Geld in unsere klamme Kasse bringen würden.


    Das Spiel begann wie erwartet. Friesoythe, im 4-2-3-1 gestaffelt, begann so, wie man es von einem Tabellenführer erwarten konnte: Selbstbewusst, zielstrebig, entschlossen. Passsicher waren sie auch, davon konnten sich alle schon nach nicht mal sechs Minuten überzeugen, als Canizalez schön freigespielt wurde. Er ging dann ziemlich unbedrängt an Bähre und Berkenbaum vorbei und zog aus 18 Metern einfach mal ab - 0:1.


    Das war natürlich ein bescheidener Start. Aber die Jungs reagierten keineswegs eingeschüchtert, sondern hielten dagegen. Piesche, der in der bisherigen Saison eher enttäuschte, setzte nach einer Viertelstunde ein Zeichen, als er mit einer Grätsche den Ball erkämpfte, aus der eigenen Hälfte in Richtung des gegnerischen Strafraums startete und dann rechts rüber auf Schäfer legte. Dessen Schuss war gar nicht mal so ungefährlich, ging aber leider vorbei.


    Von da an war auch Hansa Friesoythe klar, dass es hier nicht so einfach werden würde.


    Eine knappe halbe Stunde war vorüber, als Berkenbaum Mitte der eigenen Hälfte den Ball eroberte und einen langen Ball auf Kuleszka spielte. Der nahm den Ball an, ging in den Strafraum und flankte nach innen. Leider kam der Pass nicht zu Nikolaev durch, sondern wurde geklärt.

    Leider?

    Was für ein Quatsch!

    Denn der Ball wurde in die Mitte geklärt, wo Berkenbaum auftauchte und ihn an der Strafraumgrenze volley mit rechts schoss - unhaltbar für Hansas Keeper ins Tor. Das war eine fantastische Aktion von Berkenbaum gewesen, der die Chance eingeleitet hatte und nun selber abschloss.


    Da war es also, das erste Gegentor für den Meisterschaftsfavoriten in dieser Saison.

    Und wir blieben bissig und zweikampfstark. Balleroberung durch Schäfer, der dann aber den Fehlpass spielte. Doch Hansas Verteidiger spielte seinem Abwehrkollegen den Ball quasi in den Rücken, sodass Nikolaev dazwischen gehen konnte und plötzlich freie Bahn zum Tor hatte. Leider bekam er es dann mit der Angst zu tun und schloss überhastet ab. Der Schuss war zwar gut, ging aber nun mal doch am Tor vorbei.

    Mensch, Anton ... mit etwas mehr Ruhe hättest Du den reingemacht ...


    Das war die letzte nennenswerte Aktion vor der Pause. In der zweiten Hälfte rechneten die meisten mit dem Friesoyther Feuerwerk und dem Nordhorner Niedergang. Sooo viel kam aber dann doch nicht von den Gästen.


    Nach 55 Minuten ein Freistoß aus einer Position, die schon zwei Mal zu Gegentoren geführt hatte, aber der Ball fand sein Ziel nicht.

    Zehn Minuten später spielte Schultz einen Katastrophenpass, der aber ungestraft blieb, weil Friesoythe nicht schnell genug spielte bzw. wir diszipliniert in der Abwehr standen. Den Schuss, der letztlich noch kam, konnte Knystock mit der Mütze wegfangen.

    Nochmal fünf Minuten später stand ein Hansa-Stümer recht blank beim Kopfball. Der ging aber zum Glück am Winkel vorbei.

    Und dann lief auch schon die Nachspielzeit. Friesoythe spielte sich noch ein letztes Mal gefällig nach vorne, das war schon schön anzuschauen! Dann der lange, hohe Ball in den Strafraum zu Canizalez, Volleyschuss - doch erstens Außennetz und zweitens Abseits.

    Und dann war Feierabend!



    Mit dem Spiel meiner Mannschaft war ich ebenso zufrieden wie mit dem Ergebnis. Dass wir am Ende des Spieltages erneut abgerutscht waren und jetzt auf Platz 11 lagen, nur zwei Plätze und Punkte vor einem Abstiegsplatz - egal.



    Dass wir - nach dem Pokalspiel gegen Krähenwinkel-Kaltenweide - in der Liga als nächstes gegen Melle und Essen (Platz 3 und 2 der Tabelle) ran mussten - geschenkt.


    Ich sah eine Mannschaft, die kämpfen konnte, spielen wollte und Spaß machte. Was wollte ich mehr?

  • Trotz meiner positiven Grundstimmung sah ich dem Auswärtsspiel beim TSV Krähenwinkel/Kaltenweide mit gemischten Gefühlen entgegen. Aus den überregionalen Turnieren und Vergleichen der Jugendmannschaften wusste ich, dass im Bereich der Region Hannover zumindest auf Jugendebene ein gutes Niveau herrschte, das jenes im Nordhorner Umkreis deutlich übertraf. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sich das im Herrenbereich fortsetzte, auch wenn KK sich ja auch „nur“ in der Landesliga tummelte und dort eine durchschnittliche Rolle spielte.


    Dennoch hoffte ich das Beste, sprich auf ein Weiterkommen. Der Pokal bot die Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu bekommen - und die hatten wir weiß Gott bitter nötig.

    Zumindest Yeziri könnte wenigstens mit nach Hannover fahren. „Für 90 Minuten reicht es noch nicht, aber vielleicht für’s Elfmeterschießen“, scherzte Christopher Langer, unser Physio. Na, mal sehen ...


    Die erste echte Torgelegenheit des Spiels hatten wir: Castillo spielte einen langen Ball über 40, 50 Meter, den Nikolaev gekonnt annahm. Dann schlug er noch einen kurzen Haken um den Gegenspieler und zog ab - leider zu zentral, der Torwart von Krähenwinkel/Kaltenweide konnte abwehren. Da waren schon 38 Minuten gespielt und mehr gab es in der ersten Hälfte auch nicht zu sehen.


    Kurz nach der Pause gab es einen Freistoß für KK, der das Tor erzittern ließ, da er an die Latte klatschte.

    Auf der anderen Seite zwang Kuleszka ebenfalls per Freistoß den gegnerischen Torwart zu einer Glanzparade. Erneut Kuleszka war es, der den anschließenden Eckball per Kopf in die Arme des Keepers bugsierte.

    Eine Viertelstunde vor Schluss wurde KK etwas stärker, ein Fernschuss, der aber doch recht weit vorbei ging, eröffnete die Schlussoffensive der Hannoveraner.

    Echte Torchancen blieben aber trotzdem weiter Mangelware. Knystock konnte einen Kopfballversuch von KK’s Bekoe lässig herunterpflücken. Sein langer Abstoß wurde von der gegnerischen Abwehr unter Kontrolle gebracht und Krähenwinkel/Kaltenweide kam erneut vor unser Tor. Dann entdeckte Bernazzani eine Lücke zwischen unseren Verteidigern, spielte den Ball genau richtig dort hinein, Bekoe rauschte heran und traf aus elf Metern in die lange Ecke.


    In der 89. Minute.

    Die Spieler von KK liefen zusammen und schrien ihre Freude laut heraus, ebenso die heimischen Fans.

    Ich stand versteinert an der Seitenlinie und brachte kein Wort heraus.

    Meine Spieler standen, Hände in die Hüften gebeugt, da und schauten zu Boden.

    Wenig später war das Spiel vorbei und wir waren in der ersten Runde des Niedersachsenpokals ausgeschieden.



    Kurz vor der Rückfahrt kam Dieter Döll zu mir, der trotz seiner Verletzung bei jedem Spiel dabei war und uns anfeuerte. Er bedient und trotzig zugleich aus.

    „Nächste Woche bin ich wieder dabei, René!“

    „Na, das warten wir mal schön ab und schauen erstmal, was Christopher dazu sagt“, antwortete ich.

    „Aber René, seit meiner Verletzung haben wir nicht mehr gewonnen. Wir haben nur ein mickriges Törchen geschossen.“ Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, als wollte er sie am liebsten ausreißen. „Ich muss wieder dabei sein!“

    „Didi, nun mal halblang. Erstens sind wir eine Mannschaft, die aus 16 Spielern besteht. Wenn einer ausfällt, springt ein anderer in die Bresche - so ist das nun mal im Mannschaftssport. Natürlich bist Du ein wichtiger Spieler, keine Frage. Und genau deshalb ist es wichtig, dass Du wieder vollständig fit zurückkommst. Wenn Du Dich gleich wieder verletzt und länger ausfällst, haben wir auch nix davon.“

    Er holte Luft und setzte zu einer Entgegnung an.

    „Basta, Didi! Christopher entscheidet. Was er am Tag vor dem Spiel sagt, wird gemacht.“


    Am Tag vor dem Spiel zeigte mir Bojan eine Überschrift aus der Deutschen Sportrundschau. „Das Topspiel des Wochenendes in der Landesliga Weser-Ems ist das Duell auf dem Carl-Starcke-Platz zwischen dem trainerlosen SC Melle 03 und dem schuldengeplagten SV Vorwärts Nordhorn."

    „Da hatte wohl jemand zu viele Adjektive zum Frühstück!“, meinte ich und machte mich auf dem Weg zu Christopher Langer, während Bojan los zog, um ein lockeres Trainingsspielchen zu organisieren.


    „Christopher, wie sieht es mit Didi aus?“, fiel ich mit der Tür ins Haus, nachdem wir uns abgeklatscht hatten.

    Christopher wiegte bedächtig den Kopf hin und her. „Er ist noch nicht vollständig genesen, das braucht noch drei, vier Tage. Für 15, 20 Minuten kann er aber spielen, denke ich. Mehr ist aber auch konditionell noch nicht wieder drin“

    „Weiß er schon Bescheid?“

    „Nein, er wollte gleich vorbeikommen und fragen.“

    „Dann sag’ ihm bitte, dass es noch nicht geht. Wenn wir ihm auch nur einen kleinen Finger reichen, reißt er uns den ganzen Arm ab und macht alle kirre, weil er spielen will.“

    Christopher grinste und zwinkerte mir zu. „Geht klar!“


    Er schien seine Aufgabe gut erledigt zu haben, denn aus den Augenwinkeln sah ich, wie Didi eine halbe Stunde später in sein Auto stieg und so heftig Gas gab, dass der Schotter nur so spritzte ...


    Im Spiel beim SC Melle 03 waren wir nur Außenseiter. Melle hatte sich durch einen Erfolg gegen Essen an die Tabellenspitze gesetzt, aber auch ein Spiel mehr absolviert als Hansa Friesoythe. Wir waren mal wieder rund eine Stunde unterwegs zum Spielort und als wir ankamen, war Didi immer noch ein wenig bedient, machte aber gute Miene zum bösen Spiel - wie es sich für einen Kapitän gehörte.


    Das Spiel brauchte keine lange Vorlaufzeit. Nach einer Minute kam Melle zu einem ersten Schussversuch, der geblockt wurde. Eine Zeigerumdrehung später hatten wir unseren ersten Freistoß der Partie, den Kuleszka ans Außennetz zwirbelte. Vor dem Spiel hatte ich die Anweisung gegeben, Zweikämpfe zu suchen, um Freistöße in Nähe des gegnerischen Tores zu bekommen.


    In den nächsten Minuten kam Melle zu drei Distanzschüssen die zwar nicht schlecht waren, aber eben auch nicht gut. Knystock musste nicht ein einziges Mal eingreifen.

    Zehn Minuten waren rum, als wir einen Freistoß erhielten. Da er aus der eigenen Hälfte getreten wurde, drohte keine unmittelbare Gefahr. Aber mittelbar reicht manchmal auch: Bähre schlug den Ball in den Strafraum, Melles Abseitsfalle ging komplett in die Hose und Hobbins bedankte sich aus sieben Metern! Wir führten.


    Während wir uns noch freuten, standen die Meller schon wieder bereit. Sie hatten es eilig. Sehr eilig. Nur 100 Sekunden nach dem 0:1 stand es 1:1, als Melle sich unsere Abwehr zurechtlegte, der Pass in den Strafraum kam und Magani trocken und humorlos abschloss. Na, das konnte ja was werden ...


    Melle machte weiter einen mordmäßigen Druck. Nach einer Viertelstunde standen schon elf Torschüsse zubuche. So war es dann kein Wunder, dass in der 20. Minute das 2:1 für den Gastgeber fiel, Kölle traf mit einem abgefälschten Schuss.


    Und es kam noch schlimmer - etwas mehr als eine halbe Stunde war rum, als Kölle zum Elfmeter antrat. Was genau der Grund für den Pfiff gewesen war? Ich kann es nicht sagen. Kölle trat an, schoss lässig in die von ihm aus gesehen rechte Ecke - aber dort stand Wolfgang Knystock und packte zu! Wenn man so will, ausgleichende Gerechtigkeit.


    Kölle schien das Ganze etwas persönlich zu nehmen. Jedenfalls schlenzte er nur eine Minute später den Ball mit links wunderbar in die lange Ecke. Sein zweites Tor heute, sein sechstes in dieser Saison.


    Und weiter ging das muntere Scheiben schießen:

    Daffé im zweiten Versuch zum 4:1 (37. Minute).

    Magani staubt nach Lattenkopfball ab zum 5:1 (47. Minute).


    Danach schaltete Melle einen Ganz zurück und wir kamen durch Kuleszka auch mal wieder zu einem Abschluss. Der Kopfball kam aber zu unplatziert.

    Wenig später schickte Piesche Kuleszka mit einem langen Ball. Der Stürmer zog zum Tor - und übersah den in der Mitte völlig freistehenden Nikolaev ... stattdessen schoss er aus spitzem Winkel den Torwart an. Meine Güte, einfach querlegen und wir hätten wenigstens noch ein Erfolgserlebnis gehabt. Mannmannmann.

    Es kam zu so etwas wie einer Druckphase meines Teams. Mehrere halbgute Torchancen konnten wir herausspielen - lag es nun am Donnerwetter, das es in der Kabine gegeben hatte oder an Melles angezogener Handbremse? Vermutlich an letzterem.


    20 Minuten waren noch zu spielen, als ich Didi Döll sein Trikot, das ich die ganze Zeit in meiner Tasche getragen hatte, zuwarf und sagte: „Komm Didi, wenigstens einer soll hier heute noch Spaß haben ...“ Didi fing das Trikot auf, zog es rasch über und begann mit einem schnellen Aufwärmprogramm.

    Fünf Minuten später wechselte ich hin ein.

    Und in den 15 Minuten, die Didi auf dem Platz war, zeigte sich, wie wichtig er für diese Mannschaft war. Jede halbwegs vielversprechende Offensivaktion lief über ihn. Er rief, dirigierte, forderte den Ball, bekam ihn, spielte ihn weiter, setzte seine Mitspieler ein, führt die Standards aus und war eigentlich fast überall zu finden.


    Beinahe folgerichtig war, was dann in der 90. Minute passierte: Hobbins führte den Ball und spielte ihn zu Nikolaev, der ihn mit dem Rücken zum Tor stehend an der Strafraumgrenze festmachte und auf Piesche ablegte. Piesche steckte dann durch in den Strafraum auf den einlaufenden Döll. Und Didi? Didi zog aus recht spitzem Winkel aus sechs Metern mit links ab und schaffte den Ehrentreffer zum 2:5.

    Für einen ZDF-Schinken wäre das zu kitschig gewesen ...



    Die Stimmung in der Kabine war natürlich trotzdem schlecht - alles andere wäre aber ein noch schlechteres Zeichen gewesen, fand ich.

  • „Die Stimmung in der Kabine war natürlich schlecht - alles andere wäre aber ein noch schlechteres Zeichen gewesen, finde ich“, beendete ich meine Spielzusammenfassung für Martin.

    Dass der Vereinsvorsitzende anrief, um sich nach dem letzten Spiel und den näheren Umständen der deftigen Niederlage zu erkundigen, hielt ich für kein besonderes Alarmzeichen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Martin mich nicht rauswerfen wollte - wer hätte den Job denn auch sonst machen sollen?

    Und tatsächlich: „Insgesamt ist der Vorstand mit Deiner Arbeit zufrieden“, meinte Martin.

    „Aber ...“, er holte Luft. „Es wäre schön, wenn Du die Kabine im Blick behältst. Nicht dass uns noch ein paar Jungs abhanden kommen, weil sie keine Lust mehr auf Vorwärts haben. Ein schnelles Erfolgserlebnis wäre da natürlich nicht schlecht“, ergänzte er.


    Die Aussichten auf ein rasches Erfolgserlebnis waren realistisch betrachtet allerdings nicht sehr groß. Unser nächstes Spiel führte uns nach Essen. Aber nicht das große Essen in NRW, sondern das kleine Essen im Landkreis Cloppenburg.

    Der BV Essen war derzeit Tabellen-3. Und wir traten auswärts an. Beides zusammen machte uns zu klaren Außenseitern.


    Die Essener schienen das ähnlich zu sehen, denn sie schnürten uns von Anfang an mächtig in unserer Hälfte ein. Schon in der 6. Minute gab es einen Elfmeter für Essen, nachdem Castillo Schatzschneider weggeschubst haben sollte. Auf die Entfernung fand ich die Entscheidung ziemlich hart, aber ich lamentierte nicht herum.

    Das hatte ich als Kindertrainer gelernt. Schiedsrichterentscheidungen werden nicht angezweifelt und wenn wir verlieren, dann verlieren wir fair und mit Anstand - das hatte ich immer versucht zu vermitteln. Bei manchen hatte es geklappt, bei anderen eher nicht ...

    Blaschke verwandelte den Elfmeter locker in die Mitte, während Knystock in die rechte Ecke unterwegs war.

    Nach 15 Minuten setzten wir ein erstes offensives Zeichen, aber Kuleszkas Kopfball war zu schwach.

    Ein paar Minuten später fiel das 2:0 durch einen strammen Schuss von Bayram Ceyhan, der vor der Strafraumgrenze schön freigespielt wurde. Das Ganze sah in der Entstehung ein bisschen aus wie beim Handball, wenn die angreifende Mannschaft den Ball am Kreis hin- und herspielte und auf die Lücke in der Abwehr und den günstigsten Zeitpunkt zum Abschluss wartete.

    Dann gab es wieder zwei kleinere Chancen für uns, die aber nicht zwingend genug waren. Es fehlte schlicht die Durchschlagskraft im Angriff.


    Kurz nach der Pause dann das 3:0, das symptomatisch für unsere derzeitige Verfassung war: Schlampige Pässe führen zu Ballverlusten, beim Gegner geht es schnell und wir sind zu weit weg von den Gegenspielern. Ntourountos schießt ziemlich unbedrängt aus der zweiten Reihe - Tor.

    Nach 55 Minuten spielten wir endlich mal einen vernünftigen Angriff aus. Ein langer Ball auf Kuleszka, kein Abseits, er spielte endlich auch mal quer - das wird er aber vermutlich nicht so schnell nochmal wieder machen, denn Yeziri vergab ziemlich kläglich per Kopf.

    Kurze Zeit später stand es 0:4, aber der Treffer zählt nicht, weil aus passivem Abseits ein aktives wurde.

    In der 61. Minute schoss Döll einen Freistoß aus sehr guter Position, doch Essens Torwart war auf dem Posten und parierte.

    Drei Minuten später erzielte Altendorf das 1:3. Der Treffer war richtig schön herausgespielt: Döll auf Nikolaev, der mit einem schönen Trick am Gegenspieler vorbei ging und mit Übersicht zu Neziri spielte. Weiter auf Schäfer, dessen Schuss wurde geblockt, den Abpraller nahm Altendorf volley und verkürzte.

    Nicht mal fünf Minuten später war die aufkeimende Hoffnung aber bereits wieder erloschen, als Ntourountos zum zweiten Mal in diesem Spiel traf.

    Danach passierte nicht mehr viel.



    Mit der Niederlage waren wir auf einen Abstiegsplatz zurückgefallen. 14 Gegentore bedeuteten die schlechteste Abwehr der Liga. Es musste langsam etwas geschehen ...

  • „Die Stimmung in der Kabine war natürlich schlecht - alles andere wäre aber ein noch schlechteres Zeichen gewesen, finde ich“, beendete ich meine Spielzusammenfassung für Martin.

    Ich feier dich einfach :D

    Das hatte ich als Kindertrainer gelernt. Schiedsrichterentscheidungen werden nicht angezweifelt und wenn wir verlieren, dann verlieren wir fair und mit Anstand - das hatte ich immer versucht zu vermitteln

    Sowas ist einfach super wichtig. Nicht nur gute Sportler sollen sie werden, sondern auch gute Menschen (im besten Fall). Und viele Erwachsene können sich davon noch eine Scheibe abschneiden.

  • Erst mal : hurra, endlich wieder eine Siika-Story! :freu:

    Deinen Erzählstil habe ich wirklich vermisst. Und dazu Idee und Vereinswahl - ich freu mich einfach! Leider komme ich zurzeit nur wenig zum Lesen und noch weniger zum Schreiben, aber das hier musste ich mir jetzt wirklich unbedingt mal reinziehen - meine Wahl für Dezember! :)


    Wie die Kinder: Mitten drauf hämmern, statt überlegt in die Ecke zu spielen. Unglaublich ...

    Der Stürmer zog zum Tor - und übersah den in der Mitte völlig freistehenden Nikolaev ... stattdessen schoss er aus spitzem Winkel den Torwart an. Meine Güte, einfach querlegen und wir hätten wenigstens noch ein Erfolgserlebnis gehabt. Mannmannmann.

    Das sind genau die zwei Dinge, die mich am Footman immer wieder aufregen. Und das passiert so ja nicht nur in der Landesliga, sondern überall und immer wieder. Ist mir ein Rätsel, wieso daran nicht schon längst was verbessert wurde.


    Ansonsten kann ich nur sagen: einfach so weitermachen, ich bin gespannt, wann sich die ersten zählbaren Erfolge zeigen!

  • Tja Siika, du scheinst ein taktisches Problem zu haben. Park mal den Bus im nächsten Auswärtsspiel und im nächsten Heimspiel geh auf ausgewogen. Ich hab ja keine Ahnung was du für eine Taktik spielst, aber die scheint es nicht zu sein. Wenn es immer noch das Gemälde von oben ist, dann bist du trotz Dreierkette viel zu offensiv.

    Hast du mir nicht beigebracht das man zuerst die Defensive stehen haben muss? Dreierkette bedeutet doch nicht das man Defensiv gut steht. Bei dir klafft im Mittelfeld das dicke Loch. So, soviel zur Taktik.


    Ansonsten haben die anderen beiden schon viel gesagt und was ich ganz dick unterstreichen möchte ist der Satz von Single Malt - Deinen Erzählstil hab ich echt vermisst!!

    "Lohnt es sich denn?" fragt der Kopf.
    "Nein, aber es tut so gut!" antwortet das Herz.


    Autor: unbekannt

  • Reden hilft.

    Das hat meine Frau immer wieder gesagt, beinahe könnte man meinen, dass das ihr Leitspruch sei.

    Und auch wenn sie vermutlich nicht das im Sinn hatte, redete ich in den Tagen vor dem Spiel gegen Papenburg sehr sehr viel.


    Am Anfang stand eine Mannschaftsbesprechung. Da versuchte ich den Jungs im Wesentlichen klar zu machen, dass wir zwar einen schlechten Start erwischt hatten, dass sie sich davon aber nicht aus dem Tritt bringen lassen sollten. Es bliebe noch genügend Zeit, um die Form zu stabilisieren und die Punkte zu holen, die wir für unser Saisonziel “obere Tabellenhälfte“ bräuchten. Sie seien gut genug, die Qualität im Kader sei hoch genug, um das Blatt zu wenden. Jetzt kämen Spiele gegen Gegner auf Augenhöhe und wenn wir da voll dabei wären, würde in vier Wochen die Welt schon wieder viel rosiger aussehen.


    Und tatsächlich schien die Botschaft bei den Jungs anzukommen, die Atmosphäre innerhalb des Teams wurde in den nächsten Tagen besser. Es wurde mehr miteinander als übereinander geredet, mehr gelacht und mit mehr Freude trainiert.


    Jedenfalls von den meisten. Diejenigen, die nicht so gut mitzogen, sprach ich nach den Einheiten gezielt darauf an. Das galt für die Erste Mannschaft ebenso wie für die U 19. Letztlich musste ich mit fünf Spielern solche Gespräche führen - und zu meiner Freude zeigte sich jeder einzelne einsichtig und versprach, wieder mehr Gas zu geben.

    Lobende Worte gab ich Maximilian Bremser mit auf den Weg, der am trainingsfleißigsten war.


    Ich besprach mich auch mit Dieter Döll und fragte ihn nach seiner Meinung, wie wir die Stimmung im Kader noch verbessern könnten. „Die Teambesprechung war schon gut“, sagte er. „Am schnellsten steigt die Stimmung aber natürlich, wenn wir gewinnen!“


    Um das zu erreichen, setzte ich mich mit Bojan, meinem Co-Trainer, zusammen. Wir tüftelten längere Zeit herum und am Ende standen verschiedene taktische Änderungen:


    1. Wir gingen weg vom bisherigen 4-2-4 mit drei VZ und Piesche als linkem FV. Stattdessen spielten wir hinten mit einer reinen Dreierkette, dann im Mittelfeld mit drei Mann auf einer Linie (ML - MZ - MR) und auf den Außen zwei Flügelspielern und ganz vorne wie gehabt dem Zwei-Mann-Sturm. Das Ganze sah im Ergebnis so aus:



    2. Die ungedeckten Zonen auf der rechten und linken Abwehrseite wollten wir dadurch zumindest etwas minimieren, dass wir bei gegnerischem Ballbesitz breiter standen als bisher.


    3. Wenn der Gegner den Ball hatte, wollten wir auch mit einer tiefen Defensivlinie und einer sehr tiefen Pressinglinie agieren. „Räume eng machen bei gegnerischem Ballbesitz“ lautete das Motto.


    4. Gleichzeitig wollten wir bei eigenem Ballbesitz mutiger und offensiver spielen.


    In der Theorie sah das schon ganz gut aus. In der Praxis mussten sich die Umstellungen aber erst noch bewähren.


    Gelegenheit dazu gab es am Sonntag im Heimspiel gegen den SC Blau-Weiß Papenburg. Papenburg liegt rund 90 Kilometer von Nordhorn entfernt in nördlicher Richtung.

    Die Papenburger waren Tabellenletzter, hatten aber just am letzten Wochenende ihren ersten Saisonsieg einfahren können. 1:0 hieß es gegen den FC Schüttorf. Im Gegensatz zu uns waren die Papenburger auch in die 2. Runde des Niedersachsenpokals eingezogen, nachdem sie beim Hannoverschen SC im Elfmeterschießen obsiegt hatten. Ansonsten hatte Blau-Weiß aber nahezu jedes Spiel verloren, fünf in der Liga und drei in der Vorbereitung. Die Hoffnung war, dass sich die Papenburger Trendwende gegen Schüttorf bei uns nicht fortsetzen würde.


    Allerdings kamen die Papenburger besser ins Spiel und hatten nach zehn Minuten die erste Chance, und zwar eine richtig dicke: Halilovic wurde rund elf Meter vor dem Tor freigespielt, sein Schuss prallte an den Pfosten, von dort an den Oberkörper von Knystock, erneut an den Pfosten und endlich konnte Knystock den Ball sichern. Puh ... das war knapp!

    Rund zehn Minuten später war es erneut Halilovic, der Knystock zu einer Parade zwang. Wieder behielt unser Keeper aber die Oberhand.


    Langsam musste mal etwas von uns kommen. Und tatsächlich hatte Kuleszka nach 25 Minuten die erste Gelegenheit. Sein Kopfball nach Bähre-Flanke strich aber knapp über die Latte.

    Bis zur nächsten Chance verging wieder einige Zeit. Die Pause war nicht mehr fern, als wieder Kuleszka mit dem Kopf da war, aber der Ball war harmlos. Döll hatte dieses Mal geflankt.

    Aus dem Abstoß von Papenburgs Torwart resultierte die nächste Chance und die war richtig gut: Altendorf setzte mit einem schönen langen Ball Nikolaev in Szene, Schuss aus zwölf Metern - Pfosten! Mittlerweile hatten wir uns Feldvorteile erspielt und eine Führung wäre langsam aber sicher verdient gewesen.


    Vor der Pause kam es nicht mehr dazu, aber unmittelbar danach: Döll verlagerte das Geschehen mit einem schönen Diagonalball auf die rechte Seite. Bähre flankte, Kuleszka köpfte, der Keeper wehrte ab - so weit, so bekannt. Dieses Mal kam der Abpraller aber wieder zu Kuleszka, der sich endlich belohnte und locker abstauben konnte. Die verdiente Führung nach 47 Minuten! Das gab uns Sicherheit.


    Etwas mehr als eine Stunde war rum, als Nikolaev nach einem Döll-Freistoß den Ball per Kopf in den Fünfmeterraum legte. Schultz per Kopf - Unterkante Latte! Papenburg klärte den Ball und wir bauten erneut auf. Rechts hatte sich Bähre wieder frei gelaufen, seine Flanke kam maßgenau an den Elfmeterpunkt und Kuleszka traf den Ball perfekt aus der Luft. 2:0 für uns, ein wunderschöner Treffer.


    Kurz danach schoss Papenburgs Schulz einen Freistoß nur knapp am Tor vorbei. Aufgegeben hatte sich der Gast also noch nicht, aber die Zeichen standen gut für uns.

    Zehn Minuten vor Schluss kam noch mal etwas Unruhe auf. Der Papenburger Bauer (kein lokaler Landwirt, sondern ein Mittelfeldspieler des Gegners) hielt aus 22 Metern einfach mal drauf und erwischte uns kalt. Der Anschlusstreffer.

    Wir waren aber souverän genug, um das Spiel über die Zeit zu schaukeln. Mehr noch: In der dritten Minute der Nachspielzeit konnte der eingewechselte Neziri mit dem 3:1 den Deckel drauf machen.

    Da machte es dann auch nichts mehr aus, dass er in der allerletzten Minute der Nachspielzeit noch eine Riesengelegenheit verballerte. Wir gewannen völlig verdient mit 3:1 und verließen die Abstiegsplätze.



    [-----]


    Im nächsten Spiel gegen den FC Schüttorf 09 wollten wir nachlegen.

    Schüttorf lag nur einen Tabellenplatz hinter uns.

    Schüttorf lag außerdem nur 20 Kilometer von Nordhorn entfernt (und tut das immer noch), sodass es sich um ein Derby handelte. Das führte dazu, dass wir beinahe 600 Zuschauer rund um den Platz hatten, von denen etwa die Hälfte aus Schüttorf kam.

    Die Experten hatten Schüttorf vor der Saison unter den ersten Dreien in der Landesliga Weser-Ems gesehen - bis dorthin fehlten mittlerweile bereits sechs Punkte. Zuletzt hatte es gegen Papenburg ein 0:1 gegeben und danach gegen Hansa Friesoythe ein hart erkämpftes 0:0.Der Gast stand also schon ein wenig unter Druck, was die Saisonziele anging.


    Dass sich der FC Schüttorf bisher unter Wert verkauft hatte, machten die Gäste gleich von Beginn an deutlich. Ein Pfostenschuss nach drei Minuten und nach acht Minuten schon das 0:1 nach einem schönen Freistoß von Niclas Mertesacker. Es begann für uns also eher suboptimal ...


    Wir kamen auch in der Folgezeit nicht wirklich ins Spiel und so kam es, wie es kommen musste: In der 37. Minute köpfte Castillo einen langen Abstoß des gegnerischen Torwarts einfach blind nach vorne, statt den Ball in alles Seelenruhe runter zu nehmen und kontrolliert aufzubauen. Der Ball landete natürlich direkt beim Gegner, dessen erster Schussversuch wurde noch geblockt, dann grätschte Bähre den Ball unfreiwillig zu Rösler, der ihn kurzentschlossen reinmachte. Ein maximal dämliches Gegentor!


    Bis zur Pause gab es nur einen einzigen Torschuss von uns. In der Halbzeit folgte Bojans und mein Versuch, umzustellen und die Wende zu erzwingen: Wir wollten mehr über die Flügel spielen, dabei nach Möglichkeit auch hinterlaufen, und insgesamt offensiver an die Sache rangehen. Auch personell versuchten wir alles. Piesche, Altendorf und auch Döll enttäuschten in den ersten 45 Minuten, für sie kamen Starke, Schäfer und Halstenberg.


    Im Ergebnis brachten die Umstellungen aber nur wenig, Schüttorf blieb gefährlicher in seinen Aktionen. Einen weiteren Freistoß von Mertesacker brachte Knystock grade so unter Kontrolle.

    Nach 78 Minuten war das Spiel de facto vorbei, denn Berkenbaum sah nach einem wiederholten Foulspiel die gelb-rote Karte. In Unterzahl würde natürlich überhaupt nichts mehr nach vorne gehen.

    Dennoch erhielten wir in der 83. Minute einen Eckball zugesprochen. Halstenberg brachte den Ball mit links schön an den Fünfmeterraum, wo Schäfer einlief und per Kopf vollendete! Der Anschlusstreffer zum 1:2 und ein paar Minuten waren noch zu spielen. Ging hier doch noch etwas?


    „Nein“ lautete die ernüchternde Antwort. Schüttorf spielte die Führung routiniert herunter und nahm letztlich verdient die drei Punkte mit.



    Wir kamen da unten also immer noch nicht raus, andererseits war es alles noch eng beisammen:


  • Ich schliesse mich Lance an: nur ein Mann in der Zentrale, da öffnest du dem Gegner riesige Räume. Wäre das der FM17, würde dir Bojan die Ohren voll heulen, dass das Mittelfeld überrannt wird - und hätte Recht. Zumal Knipser nicht gerade für ihren Abwehreffort bekannt sind. Die Anweisung, breiter zu stehen, wird das auch nicht besser machen. Ist jetzt natürlich eine Ferndiagnose, aber würde mich nicht überraschen, wenn die gelb-rote Karte eine direkte Folge davon ist. Berkenbaum rennt gegen mehrere Gegenspieler wahrscheinlich nur hinterher. Zugegeben, du stellst das auf, was der Kader hergibt. Aber vielleicht müsstest du mal prüfen, ob einer der Flügel nicht auch was im Zentrum kann. Manchmal sind solche Aussenspieler ja sogar ganz passable Spielmacher, selbst wenn sie sich in der Rolle nicht so wohl fühlen.


    Übrigens, sind das eigentlich die Kickers Emden und wenn ja, was machen die in der Landesliga?

  • Nein, ich sag nichts, was schlicht daran liegt das es mir die Sprache verschlagen hat :) Außerdem hat Fana das meiste schon gesagt.

    Hier stand tatsächlich schon ein ganzer Roman wie man was machen könnte, ich schenke es mir. Falls du Fragen hast kannst du gern fragen.

    "Lohnt es sich denn?" fragt der Kopf.
    "Nein, aber es tut so gut!" antwortet das Herz.


    Autor: unbekannt

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